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26. Oktober 2026
Christine Bürg & Marianne Waldenfels
Radiofrequenz, Ultraschall, Micro-Coring: Was bringen neue Verfahren zur Hautstraffung ohne Facelift? Der plastische Chirurg Dr. Lukas Kohler erklärt, wo ihre Grenzen liegen und warum manche Behandlungen das Gesicht sogar älter aussehen lassen können

Ein Interview mit
Dr. med. Lukas H. Kohler
Das Gesicht verliert mit den Jahren an Kontur, die Haut wird weniger straff, die Kinnlinie weicher. Lange galten Botox und Hyaluronsäure als Mittel der Wahl. Für eine echte Straffung führte oft kein Weg am Facelift vorbei. Inzwischen kommen ständig neue Geräte und Methoden auf den Markt, von kombinierten Ultraschall-Protokollen über Muskelstimulation bis zu Exosomen. Viele werden mit großen Versprechen beworben, die Studienlage hinkt oft hinterher.
Dr. Lukas Kohler ist Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie und Gründer von LVATE. Im Interview erklärt er, welche neuen Anti-Aging-Verfahren er für vielversprechend hält, warum er vor übertriebenen Erwartungen warnt und wo die moderne ästhetische Medizin an ihre Grenzen stößt.
Herr Dr. Kohler, lange galten Botox und Hyaluronsäure als wichtigste Mittel gegen sichtbare Hautalterung. Jetzt sollen neue Technologien das Gesicht straffen, statt Falten aufzufüllen. Erleben wir gerade einen Wandel in der ästhetischen Medizin?
Ja, ich glaube tatsächlich, dass wir gerade einen Paradigmenwechsel erleben. Über viele Jahre war die ästhetische Medizin stark darauf ausgerichtet, einzelne Falten zu glätten oder verlorenes Volumen durch Filler zu ersetzen. Heute verstehen wir die Alterung des Gesichts wesentlich differenzierter. Es geht nicht mehr nur um Falten, sondern um die Qualität der Haut, die Festigkeit des Bindegewebes und die Veränderungen der gesamten Gesichtsarchitektur.
Besonders spannend finde ich die Entwicklung energiegestützter Technologien, die körpereigene Regenerationsprozesse aktivieren und die Kollagenstruktur verbessern können. Damit behandeln wir zunehmend die Ursachen bestimmter sichtbarer Altersveränderungen und nicht ausschließlich deren Erscheinungsbild.
Botox und Hyaluronsäure bleiben wichtige Instrumente. Aber der Trend geht eindeutig weg von einer isolierten Behandlung einzelner Falten und hin zu einem ganzheitlichen, regenerativen Ansatz. Das Ziel ist nicht, ein Gesicht zu verändern, sondern seine natürliche Struktur und Qualität möglichst lange zu erhalten.
Warum verliert unser Gesicht mit den Jahren seine Konturen? Und welche dieser Veränderungen lassen sich ohne Operation überhaupt korrigieren?
Die Gesichtsalterung ist ein komplexer, mehrschichtiger Prozess. Mit zunehmendem Alter nimmt die Kollagenproduktion ab, elastische Fasern verändern sich und die Haut verliert an Spannkraft. Gleichzeitig verändern sich die oberflächlichen und tiefen Fettkompartimente: Manche verlieren an Volumen, andere verlagern sich oder treten stärker hervor. Hinzu kommen Veränderungen der Haltebänder, der Muskulatur und sogar der knöchernen Gesichtsstruktur.
Dadurch verliert das Gesicht nach und nach seine ursprünglich klaren Konturen. Die Wangenpartie wirkt weniger definiert, die Kinnlinie wird weicher und es entstehen die typischen Hängebäckchen.
Nichtoperative Verfahren können insbesondere die Hautqualität und eine leichte bis moderate Gewebeerschlaffung verbessern. Moderne Radiofrequenz- und Ultraschalltechnologien setzen gezielte thermische Reize, die Umbauprozesse im Bindegewebe anregen. Was wir allerdings nicht können, ist eine ausgeprägte Gewebeverlagerung oder den altersbedingten Knochenumbau vollständig rückgängig zu machen.
Entscheidend ist deshalb, die Ursache einer veränderten Gesichtskontur richtig zu erkennen. Nicht jedes Gesicht braucht mehr Volumen und nicht jede erschlaffte Kinnlinie lässt sich allein durch Hautstraffung korrigieren.
Beim sogenannten Micro-Coring werden winzige Hautzylinder entfernt, um die Haut zu straffen. Ist das ein Fortschritt gegenüber bisherigen Verfahren?
Micro-Coring ist aus medizinischer Sicht ein ausgesprochen interessanter Ansatz, weil er sich grundlegend von klassischen energiebasierten Verfahren unterscheidet. Anstatt ausschließlich über Wärme einen Kollagenumbau anzuregen, werden mikroskopisch kleine Hautzylinder mechanisch entfernt. Dadurch soll sich die behandelte Hautfläche tatsächlich reduzieren und im anschließenden Heilungsprozess straffen.
Die Idee dahinter ist nachvollziehbar: Wenn Hautüberschuss ein wesentlicher Bestandteil der Alterung ist, kann eine gezielte Reduktion der Hautfläche sinnvoller sein, als ausschließlich ihre Kollagenproduktion zu stimulieren.
Allerdings sehe ich das Verfahren derzeit noch differenziert. Die Ergebnisse sind vielversprechend, aber wir benötigen mehr belastbare Langzeitdaten, insbesondere im Hinblick auf die tatsächlich erreichbare Straffung, mögliche Pigmentveränderungen und die Qualität der Wundheilung. Auch die Vielzahl kleiner Verletzungen und die damit verbundene Regenerationsphase müssen berücksichtigt werden.
Ich halte Micro-Coring für eine spannende Ergänzung unseres Behandlungsspektrums, aber noch nicht für einen neuen Goldstandard. Die entscheidende Frage ist, ob der zusätzliche Effekt gegenüber etablierten Technologien den invasiveren Ansatz rechtfertigt.
Eine aktuelle Studie hat untersucht, ob die Kombination aus fokussiertem Ultraschall und Radiofrequenz-Microneedling das Gesicht stärker straffen kann als die einzelnen Verfahren. Was lässt sich aus den Ergebnissen ableiten?
Ich finde multimodale Behandlungskonzepte grundsätzlich sehr sinnvoll, weil Gesichtsalterung auf unterschiedlichen Gewebeebenen stattfindet. Fokussierter Ultraschall und Radiofrequenz-Microneedling wirken nicht identisch: Während Ultraschall gezielt thermische Reize in definierten Tiefen setzen kann, behandelt Radiofrequenz-Microneedling vor allem die dermale und, je nach Einstellung, auch die subkutane Gewebestruktur.
Die aktuelle Untersuchung zeigt, dass die Kombination insbesondere kurzfristig stärkere Veränderungen der unteren Gesichtskontur erzielen kann als die einzelnen Verfahren. Interessant ist allerdings, dass sich die Ergebnisse nach mehreren Monaten teilweise annähern. Das spricht dafür, dass eine Kombination nicht automatisch langfristig überlegen sein muss. Zudem wurden bei ultraschallbasierten Behandlungen auch vorübergehende neurologische Nebenwirkungen beobachtet.
Für mich ist deshalb nicht entscheidend, möglichst viele Technologien miteinander zu kombinieren, sondern die richtigen Verfahren für die jeweilige Anatomie auszuwählen. Mehr Energie bedeutet nicht zwangsläufig mehr Straffung. Gerade bei schlanken Gesichtern müssen wir darauf achten, nicht ungewollt Fettgewebe zu reduzieren und dadurch den Alterungseindruck sogar zu verstärken.
Die Zukunft liegt aus meiner Sicht in intelligenten, individualisierten Behandlungskombinationen und nicht in möglichst umfangreichen Geräteprotokollen.
Viele Frauen wünschen sich eine straffere Kinnlinie und festere Gesichtskonturen. Welche Verfahren erzielen hier die besten Ergebnisse – und wann ist ein Facelift doch die bessere Lösung?
Bei einer beginnenden Erschlaffung der unteren Gesichtspartie sehe ich insbesondere in modernen Radiofrequenztechnologien großes Potenzial. Wir arbeiten bei LVATE unter anderem mit Endolift, einer Lasertherapie oder dem XERF, einer Technologie, die zwei Radiofrequenzen kombiniert, um unterschiedliche Gewebetiefen zu adressieren. Der Vorteil liegt in einer vergleichsweise angenehmen Behandlung ohne Nadeln und in der Regel ohne relevante Ausfallzeit.
Ziel ist es, die Kollagenstruktur zu verbessern und eine sichtbare Festigung des Gewebes zu erreichen. Gerade bei ersten Veränderungen entlang der Jawline kann das sehr sinnvoll sein. Je nach anatomischem Befund kommen auch fokussierter Ultraschall oder Radiofrequenz-Microneedling infrage.
Wichtig ist aber die Unterscheidung zwischen einer erschlafften Haut und tatsächlich abgesunkenem Gewebe. Bei einer leichten bis moderaten Erschlaffung können wir nichtoperativ durchaus schöne, natürliche Verbesserungen erreichen. Wenn jedoch ausgeprägte Hängebäckchen, deutlicher Hautüberschuss oder eine starke Gewebeverlagerung vorliegen, stößt die Technologie an ihre Grenzen.
Ich sage meinen Patientinnen deshalb sehr klar: Wir können die Konturen verbessern, aber wir können mit einem Gerät kein chirurgisches Facelift simulieren. Eine realistische Erwartungshaltung ist für mich ein wesentlicher Bestandteil guter ästhetischer Medizin.
Neuerdings wird Radiofrequenz auch mit gezielter Muskelstimulation kombiniert. Kann man ein Gesicht tatsächlich straffen, indem man seine Muskulatur trainiert?
Der Ansatz ist grundsätzlich interessant, weil die Gesichtsalterung eben nicht ausschließlich ein Hautproblem ist. Auch die Muskulatur und ihre funktionelle Interaktion mit dem darüberliegenden Gewebe beeinflussen unsere Gesichtskonturen.
Während Radiofrequenz vor allem auf die dermale und bindegewebige Struktur abzielt, soll die elektrische Muskelstimulation zusätzlich die Muskulatur aktivieren. Daraus ergibt sich die Idee, verschiedene Komponenten der Gesichtsalterung gleichzeitig zu behandeln.
Medizinisch müssen wir allerdings unterscheiden zwischen einer verbesserten Muskelaktivität und einem tatsächlichen Lifting-Effekt. Die mimische Muskulatur des Gesichts ist anatomisch anders organisiert als beispielsweise die Skelettmuskulatur an Armen oder Bauch. Eine stärkere Muskelkontraktion führt deshalb nicht automatisch zu einer Anhebung abgesunkener Fettkompartimente oder erschlaffter Haltestrukturen.
Ich sehe darin einen vielversprechenden ergänzenden Ansatz, möchte aber zunächst überzeugende Langzeitdaten sehen, die zeigen, wie groß der zusätzliche Effekt der Muskelstimulation tatsächlich ist. Nicht jede technologisch plausible Kombination führt automatisch zu einem klinisch relevanten Mehrwert.
Exosomen werden als nächste Generation der Hautverjüngung beworben. Wie viel Wissenschaft steckt hinter diesen Versprechen?
Exosomen gehören sicherlich zu den spannendsten Forschungsfeldern der regenerativen Medizin. Es handelt sich um kleine, von Zellen freigesetzte Vesikel, die unter anderem Proteine, Lipide und genetische Informationen transportieren und damit an der Kommunikation zwischen Zellen beteiligt sind.
Experimentelle Untersuchungen zeigen, dass bestimmte extrazelluläre Vesikel Prozesse beeinflussen können, die für die Hautalterung relevant sind, beispielsweise Entzündungsreaktionen, Wundheilung und die Aktivität von Fibroblasten. Das ist biologisch hochinteressant.
Allerdings müssen wir sehr vorsichtig sein, diese Erkenntnisse unmittelbar auf kommerzielle Anti-Aging-Behandlungen zu übertragen. Die klinische Datenlage ist bislang begrenzt, die eingesetzten Produkte unterscheiden sich erheblich und Fragen zur Standardisierung, Dosierung und langfristigen Sicherheit sind nicht ausreichend geklärt.
Ich sehe in Exosomen ein erhebliches wissenschaftliches Potenzial, aber derzeit auch eine deutliche Diskrepanz zwischen Forschung und Marketing. Insbesondere invasive Anwendungen sollten nicht als bereits etablierte regenerative Therapie dargestellt werden.
Für mich gilt: Eine neue Technologie muss nicht nur innovativ klingen, sondern ihre Wirksamkeit und Sicherheit auch in qualitativ hochwertigen klinischen Studien nachweisen.
Viele Anti-Aging-Verfahren sollen die körpereigene Kollagenbildung anregen. Wie viel sichtbare Straffung lässt sich damit tatsächlich erreichen?
Die Stimulation der körpereigenen Kollagenbildung ist einer der wichtigsten Ansätze der modernen ästhetischen Medizin. Kollagen bildet einen wesentlichen Teil des strukturellen Gerüsts unserer Haut. Wenn wir durch kontrollierte thermische oder mechanische Reize Umbauprozesse anregen, können wir die Festigkeit und Qualität des Gewebes verbessern.
Allerdings wird der Begriff Kollagenstimulation im Marketing häufig mit einem ausgeprägten Lifting gleichgesetzt. Das ist medizinisch nicht korrekt.
Wir können mit diesen Verfahren die Hautdichte, Elastizität und Festigkeit verbessern und bei geeigneten Patientinnen auch eine sichtbare Straffung erreichen. Der Effekt entwickelt sich typischerweise über mehrere Wochen bis Monate und fällt individuell sehr unterschiedlich aus.
Was wir nicht erwarten dürfen, ist eine vollständige Rückverlagerung abgesunkener Gewebestrukturen. Die Neubildung von Kollagen ist ein biologischer Regenerationsprozess, keine mechanische Repositionierung.
Gerade darin liegt aber auch die Stärke dieser Verfahren: Sie können dazu beitragen, dass die Haut langfristig fester, gleichmäßiger und gesünder erscheint, ohne die natürliche Mimik oder die individuellen Gesichtszüge zu verändern.
Welche neuen Anti-Aging-Technologien überzeugen Sie derzeit am meisten? Und welche Verfahren werden Ihrer Meinung nach überschätzt?
Die größten Fortschritte sehe ich aktuell bei energiegestützten Verfahren, insbesondere bei der Weiterentwicklung der Radiofrequenztechnologie. Moderne Systeme ermöglichen eine differenziertere Energieabgabe und zunehmend individualisierte Behandlungsprotokolle. Besonders interessant finde ich Technologien, die eine wirksame Gewebestimulation mit möglichst geringer Belastung und kurzen Ausfallzeiten verbinden.
Gleichzeitig sehe ich einen wichtigen Fortschritt in unserem Verständnis der Gesichtsalterung. Wir behandeln heute nicht mehr ausschließlich einzelne Falten, sondern betrachten Hautqualität, Volumenverteilung, Gewebefestigkeit und anatomische Veränderungen im Zusammenhang.
Kritisch sehe ich den teilweise inflationären Einsatz von Fillern, insbesondere wenn versucht wird, erschlafftes Gewebe durch immer größere Volumina optisch anzuheben. Das kann kurzfristig bestimmte Konturen verbessern, langfristig aber zu unnatürlichen Proportionen führen. Auch manche regenerativen Verfahren werden derzeit deutlich aggressiver vermarktet, als es ihre wissenschaftliche Evidenz rechtfertigt.
Besonders aufmerksam werde ich in den kommenden Jahren die Entwicklung der regenerativen Medizin verfolgen, also Technologien, die gezielt zelluläre Reparaturmechanismen beeinflussen. Ebenso spannend finde ich die zunehmende Präzision energiegestützter Verfahren und die Möglichkeit, unterschiedliche Gewebeschichten anatomisch selektiver zu behandeln.
Ich glaube, die Zukunft der ästhetischen Medizin liegt nicht in immer stärkeren Eingriffen, sondern in präziseren, individuelleren und biologisch intelligenteren Behandlungen.
Eine Frau um die 50 möchte ihre Gesichtskonturen straffen lassen, aber kein Facelift. Was würden Sie ihr empfehlen?
Zunächst würde ich mir sehr genau ansehen, wodurch die Veränderung ihrer Gesichtskonturen entstanden ist. Hat sie vor allem an Hautelastizität verloren? Liegt eine Verlagerung der Fettkompartimente vor? Fehlt Volumen im Mittelgesicht oder besteht bereits ein deutlicher Hautüberschuss? Diese Unterschiede sind entscheidend für die richtige Behandlung.
Bei einer Patientin mit leichter bis moderater Erschlaffung würde ich häufig mit einer modernen Radiofrequenzbehandlung beginnen beispielsweise mit XERF. Ziel wäre eine Verbesserung der Gewebefestigkeit und eine sanfte Definition der unteren Gesichtspartie. Abhängig von Hautqualität und Ausgangsbefund könnte ich ergänzend ein Radiofrequenz-Microneedling oder andere kollagenstimulierende Verfahren empfehlen.
Wenn zusätzlich ein relevanter Volumenverlust vorliegt, kann eine sehr zurückhaltende, anatomisch gezielte Volumenkorrektur sinnvoll sein. Ich würde allerdings niemals versuchen, eine ausgeprägte Gewebeerschlaffung durch große Mengen Hyaluronsäure zu kompensieren.
Ebenso wichtig sind für mich eine konsequente Hautpflege, täglicher UV-Schutz und eine langfristige Strategie zur Erhaltung der Hautqualität.
Vor allem würde ich mit der Patientin offen darüber sprechen, welches Ergebnis realistisch ist. Mein Ziel wäre nicht, sie zehn oder fünfzehn Jahr jünger aussehen zu lassen, sondern ihre individuellen Gesichtszüge zu bewahren und die Konturen so natürlich wie möglich zu verbessern.
Gute ästhetische Medizin erkennt man für mich nicht daran, dass man eine Behandlung sieht, sondern daran, dass ein Gesicht frisch, harmonisch und unverändert nach sich selbst aussieht.

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