
© Mart Production
9. Juli 2026
Christine Bürg & Marianne Waldenfels
Eine neue Studie zeigt deutliche Qualitätsmängel bei psychologischen Inhalten auf TikTok. Psychiater Prof. Dr. Andreas Menke erklärt, wann Selbstdiagnosen problematisch werden und wie soziale Medien trotzdem helfen können

Mit
Prof. Dr. med. Andreas Menke
ADHS ist eine Superkraft“, „Narzissten lieben nicht“ oder „Daran erkennst du in 30 Sekunden, dass du ADHS hast“: Solche Aussagen erzielen auf TikTok millionenfache Aufrufe und prägen das Verständnis vieler Menschen von psychischen Erkrankungen.
Eine aktuelle deutsche Studie hat nun erstmals untersucht, wie fachlich korrekt diese Inhalte tatsächlich sind – mit ernüchterndem Ergebnis: Nur 19,2 Prozent der analysierten Videos wurden als fachlich korrekt bewertet.
Als TikTok-Diagnosen bezeichnen Fachleute das Phänomen, dass Nutzerinnen und Nutzer psychische Erkrankungen wie ADHS, Depression, Autismus, Angststörungen, Narzissmus oder eine posttraumatische Belastungsstörung anhand kurzer Social-Media-Videos bei sich selbst zu erkennen glauben.
Für die im Juni 2026 veröffentlichte Studie analysierte ein Forschungsteam der Universität Witten/Herdecke, der LVR-Universitätsklinik Essen, der Universität Duisburg-Essen, der Universität Bielefeld und der Tokyo Medical and Dental University 177 deutschsprachige TikTok-Videos. Zusammen erreichten diese mehr als 94 Millionen Aufrufe.
Die enorme Reichweite zeigt, dass es sich längst nicht mehr um ein Nischenthema handelt. Für viele junge Menschen gehören soziale Netzwerke inzwischen zu den wichtigsten Informationsquellen rund um psychische Gesundheit.
Die Forschungsgruppe bewertete die Videos danach, ob sie psychische Erkrankungen fachlich angemessen darstellten oder ob sie falsche, stark vereinfachte oder rein persönliche Inhalte ohne medizinischen Anspruch vermittelten.
„Dass wir problematische Inhalte finden würden, hatten wir erwartet“, sagt Aaron Mroß, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Klinische Psychologie und Psychotherapie II der UW/H, in einer Pressemitteilung. „Dass aber so viele Videos falsche Informationen verbreiten, hat uns doch überrascht.“
Besonders häufig fielen den Forschenden folgende Probleme auf:
• Konzentrationsprobleme als ADHS-Beweis: Videos setzen alltägliche Konzentrationsschwierigkeiten häufig direkt mit einer ADHS-Diagnose gleich, obwohl solche Symptome viele unterschiedliche Ursachen haben können — von Schlafmangel bis Stress.

Eine neue Studie zeigt deutliche Qualitätsmängel bei psychologischen Inhalten auf TikTok. Psychiater Prof. Dr. Andreas Menke erklärt, wann Selbstdiagnosen problematisch werden und wie soziale Medien trotzdem helfen können
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• Narzissmus am schlechtesten bewertet: Kein einziges der untersuchten Videos zu narzisstischer Persönlichkeitsstörung wurde von den Forschenden als fachlich korrekt eingestuft. Betroffene wurden darin meist pauschal als kalt, manipulativ oder beziehungsunfähig dargestellt, ein Bild, das der klinischen Realität nicht entspricht.
• Deutlicher Qualitätsunterschied nach Quelle: Inhalte von Ärzten und Psychotherapeuten waren laut Studie deutlich zuverlässiger und verständlicher als Beiträge von selbsternannten Coaches oder anderen Laien, die häufig unzureichend recherchiert oder irreführend waren.
Prof. Dr. Andreas Menke, Ärztlicher Direktor und Chefarzt des Medical Park Chiemseeblick, ordnet das Phänomen aus seiner eigenen stationären Praxis heraus differenzierter ein, als es die reine Studienlage vermuten lässt. In seiner Arbeit erlebt er häufig Patientinnen und Patienten, die sich bereits vor dem ersten Gespräch im Internet informiert haben.
„Die Patientinnen und Patienten haben so eine Ahnung, worum es geht, möchten es aber nochmal eingeordnet wissen von einem Experten. Und das ist eigentlich gar nicht mal so schlecht. Da muss man nicht von Null anfangen zu erklären, sondern kann da starten, wo der Patient schon ist.“
Problematisch werde es allerdings dann, wenn falsche Informationen oder unrealistische Erwartungen aus sozialen Medien übernommen werden. Gerade bei Fragen zu Diagnosen oder Therapiemöglichkeiten müsse er im Gespräch häufig zunächst erklären, „wieso das nicht so passt“, bevor die eigentliche Behandlung beginnen könne.
Die Autorinnen und Autoren der Studie warnen ausdrücklich davor, psychische Erkrankungen anhand kurzer Social-Media-Videos selbst zu diagnostizieren. Fehlinformationen könnten dazu führen, dass Betroffene sich fälschlicherweise einer bestimmten Diagnose zuordnen oder eine notwendige Behandlung zu spät beginnen.
Aus psychiatrischer Sicht steckt dahinter ein gut bekanntes Phänomen: Menschen erkennen sich häufig in Beschreibungen wieder, die ihre eigenen Erfahrungen scheinbar treffend erklären. Dieses Gefühl der Wiedererkennung ist nachvollziehbar, sagt aber noch nichts darüber aus, ob tatsächlich die vermutete Erkrankung vorliegt.
Gerade bei psychischen Störungen überschneiden sich viele Symptome. Konzentrationsprobleme können beispielsweise auf ADHS hindeuten, ebenso aber auf eine Depression, eine Angststörung, Schlafmangel oder eine vorübergehende Belastungssituation. Welche Ursache tatsächlich vorliegt, lässt sich nur im Rahmen einer fachlichen Diagnostik beurteilen.
Ein kurzes TikTok-Video kann diese notwendige Differenzialdiagnostik kaum leisten. Gleichzeitig wirken emotional zugespitzte Aussagen besonders überzeugend – und genau das macht sie so problematisch.
Ein wiederkehrendes Muster beobachtet Prof. Dr. Menke gerade bei der Depression: Manche Betroffene wünschen sich, ihre Erkrankung sei „nur“ ein Burnout oder eine vorübergehende Überlastung, behebbar mit ein paar Lifestyle-Anpassungen oder Nahrungsergänzungsmitteln.
Er warnt ausdrücklich: „Man darf Lebensstilmaßnahmen nicht unterschätzen. Die sind tatsächlich sehr wirksam. Also gerade Sport und vernünftige Ernährung und nette Menschen treffen. Das ist aber nicht geeignet, um zum Beispiel eine Depression zu behandeln. Solche Maßnahmen können eine fachgerechte Behandlung vereinfachen oder optimieren, aber nicht ersetzen. Das wird häufig auf die leichte Schulter genommen.“
Gerade beim Thema ADHS erlebt Prof. Dr. Menke regelmäßig, dass Menschen durch Instagram oder TikTok erstmals vermuten, selbst betroffen zu sein.
„Es gibt Menschen, die durch Instagram oder andere soziale Medien darauf gebracht werden, dass sie eine Erkrankung haben könnten. Diese melden sich dann zum Beispiel bei mir in meiner privaten Selbstzahler-Ambulanz. Auch viele Kolleginnen und Kollegen berichten, dass sich Menschen in ihren Praxen melden, weil sie auf Instagram irgendwas gesehen haben.
ADHS besteht aus bestimmten Symptomen, die je nach Ausprägung jeder von uns hat. Jeder lässt sich ablenken und ist zum Beispiel nicht immer gleichermaßen konzentriert. Bei ADHS ist es die Gesamtheit der Symptome und die Ausprägung, deren Schweregrad. Man braucht eine ausführliche Testung, um das diagnostizieren zu können.“
In der Praxis erlebt Prof. Dr. Menke häufig, dass Patientinnen und Patienten diese Einordnung gut annehmen. Bestätigt sich der Verdacht nicht, seien viele sogar erleichtert, wenn sich stattdessen eine andere Erklärung für ihre Beschwerden finde oder sich zeige, dass die Symptome noch im gesunden Bereich liegen.
Kaum ein Begriff wird auf Social Media so pauschal verwendet wie „Narzisst“. Prof. Dr. Menke betont, dass zwischen narzisstischen Persönlichkeitsanteilen und einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung unterschieden werden müsse: „Narzisstisch zu sein ist ja auch eine Eigenschaft, die nicht unbedingt schlecht sein muss. Das bedeutet ja erstmal, wenn wir uns jetzt im gesunden Rahmen bewegen, dass jemand von sich überzeugt ist und sich etwas zutraut.
Gesunde narzisstische Anteile sind sicherlich okay und vorteilhaft. Das Problem ist, dass sich das Wort „narzisstisch“ immer so schlimm anhört, weil der Begriff ja eher aus der Psychopathologie kommt."
Die narzisstische Persönlichkeitsstörung im klinischen Sinne unterscheidet er klar: „Die besagt, dass jemand sich für übermächtig hält, für besonders: besonders klug, besonders schön, dass ihr bzw. ihm besondere Dinge zustehen, dass man bevorzugt werden sollte, weil man großartig ist. Das sind Menschen, die andere manipulieren, sie ausnutzen für ihre eigenen Vorteile und wenig Mitgefühl haben für andere.“
Auch diese Erkrankung sei grundsätzlich behandelbar. Betroffene suchten jedoch meist erst Hilfe, wenn Folgeerkrankungen oder zwischenmenschliche Konflikte einen hohen Leidensdruck verursachten.
Die Studie zeichnet kein einseitig negatives Bild. Die Forschenden betonen, dass der Austausch auf Social Media auch dazu beitragen kann, Erfahrungen sichtbar zu machen und Stigmata rund um psychische Erkrankungen abzubauen, vorausgesetzt, persönliche Erlebnisse werden nicht als allgemeingültige medizinische Fakten dargestellt.
Der entscheidende Unterschied liegt also nicht im Medium selbst, sondern darin, ob ein Video Erfahrung von Diagnose trennt.
Genau hier sehen die Autorinnen und Autoren der Studie auch eine Aufgabe für die Fachwelt: Sie sprechen sich dafür aus, dass sich Ärztinnen, Ärzte und Psychotherapeuten stärker in sozialen Netzwerken einbringen, um der Informationslücke etwas Fachliches entgegenzusetzen, anstatt das Feld den Coaches und Laien-Stimmen zu überlassen.
Diese Einschätzung teilt auch Prof. Dr. Menke, der selbst auf Instagram aktiv ist:
„Es wäre hilfreich, wenn sich immer mehr Fachleute engagieren und auch auf den sozialen Medien präsent sind, weil sie eben nicht dieses gefährliche Halbwissen präsentieren, sondern fundiertes Wissen, mit denen die Leute was anfangen können.“
Gerade bei psychischen Erkrankungen könne dies helfen, Berührungsängste abzubauen. Viele Betroffene scheuten aus Angst vor Stigmatisierung noch immer den Gang in eine Praxis. Seriöse Aufklärung in sozialen Medien könne deshalb dazu beitragen, Hemmschwellen zu senken und Menschen zu einer fachlichen Abklärung zu ermutigen.
• Ein Blick auf das Profil zeigt oft, ob eine Ärztin, ein Arzt oder eine Psychotherapeutin beziehungsweise ein Psychotherapeut spricht – oder ein Account ohne nachvollziehbare fachliche Qualifikation.
• Sätze wie „Daran erkennst du eindeutig ADHS“ oder „Wenn du das machst, hast du garantiert eine Depression“ sind ein Warnsignal. Seriöse Diagnosen erfordern immer eine individuelle Abklärung.
• Romantisierung erkennen: „ADHS ist eine Superkraft“ verharmlost reale Belastungen und kann dazu führen, dass Betroffene notwendige Unterstützung nicht in Anspruch nehmen.
• Persönliche Erfahrung von Diagnose unterscheiden: Ein Erfahrungsbericht kann wertvoll und entlastend sein, er ersetzt aber keine fachliche Einordnung der eigenen Situation.
Die Studie liefert erstmals belastbare Daten zur Qualität deutschsprachiger TikTok-Inhalte über psychische Erkrankungen. Sie zeigt: Soziale Medien können Aufmerksamkeit schaffen und das Bewusstsein für psychische Gesundheit stärken. Gleichzeitig bergen sie das Risiko, komplexe Erkrankungen zu vereinfachen oder Fehlinformationen zu verbreiten.
Für Prof. Dr. Menke liegt die Konsequenz deshalb nicht darin, TikTok zu verteufeln, sondern auf mehr fachlich fundierte Informationen zu setzen. Wer sich in einem Video wiedererkennt, sollte dies als Anlass verstehen, professionelle Hilfe zu suchen – nicht als Bestätigung einer Diagnose.
19,2 Prozent der untersuchten 177 deutschsprachigen TikTok-Videos zu ADHS, Depression, Autismus, Angststörung, Narzissmus und PTBS wurden von den Forschenden als fachlich korrekt eingestuft.
Videos zu narzisstischer Persönlichkeitsstörung wurden durchgehend als fachlich unzureichend bewertet. Keines der untersuchten Videos zu diesem Thema galt als korrekt.
Nein. Fachleute warnen ausdrücklich davor, da Fehlinformationen zu falschen Selbstdiagnosen oder einem verzögerten Therapiebeginn führen können. Bei Verdacht auf eine psychische Erkrankung ist eine Abklärung durch Psychiaterinnen, Psychiater oder Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten der richtige Weg.
Ja. Laut Prof. Dr. Andreas Menke ist auch bei einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung eine Psychotherapie möglich — allerdings kommen Betroffene selten von sich aus in Behandlung, da der Leidensdruck häufig fehlt.