
© Екатерина Мясоед
29. Mai 2026
Marianne Waldenfels
Innere Unruhe, emotionale Erschöpfung, Fehldiagnosen: Viele Frauen leben jahrzehntelang unerkannt mit ADHS. Ein Interview mit Expertin Dr. Astrid Neuy-Lobkowicz über Neurodivergenz in der zweiten Lebenshälfte und neue Wege zu mehr Lebensqualität.
Viele Frauen erhalten ihre ADHS-Diagnose erst mit Mitte 40, 50 oder sogar noch später. Jahrzehntelang gelten sie als sensibel, chaotisch, zu emotional oder chronisch erschöpft, ohne zu wissen, dass hinter ihren Schwierigkeiten möglicherweise eine neurobiologische Störung steckt.
Ein Grund dafür ist: Frauen zeigen häufig nicht die klassische hyperaktive Form von ADHS. Statt ständig in Bewegung zu sein oder laut zu wirken, kämpfen viele eher mit innerer Unruhe, Reizüberflutung, Konzentrationsproblemen oder emotionaler Erschöpfung. Symptome, die lange Zeit übersehen oder anderen psychischen Belastungen zugeschrieben werden.
Denn AD(H)S gilt in der öffentlichen Wahrnehmung noch immer vorwiegend als Störung des Kindes- und Jugendalters. Dabei zeigen Studien und klinische Erfahrung eindeutig: Die Mehrzahl der Betroffenen kämpft gegen diese Symptome weit über die Kindheit hinaus, sie verschwinden nicht einfach mit dem Erwachsenenalter.
Im Gegenteil: Besonders in der zweiten Lebenshälfte geraten bislang funktionierende Kompensationsstrategien zunehmend an ihre Grenzen. Hormonschwankungen, chronischer Stress, gesundheitliche Belastungen oder der Wegfall fester Alltagsstrukturen können dazu führen, dass jahrzehntelang kaschierte Symptome plötzlich deutlich sichtbar werden.
Warum AD(H)S im Alter noch immer ein blinder Fleck in Medizin und Gesellschaft ist, weshalb Frauen besonders häufig spät diagnostiziert werden und warum die richtige Diagnose für viele Betroffene eine enorme Erleichterung bedeutet, darüber sprechen wir mit der ADHS-Expertin und Fachärztin für Psychosomatik und Psychotherapie Dr. med. Astrid Neuy-Lobkowicz, die gerade ihr neues Buch "AD(H)S in der zweiten Lebenshälfte“ (Kösel) auf den Markt gebracht hat.
Wie läuft eine ADHS-Diagnose im Erwachsenenalter ab?
Das Wichtigste ist eine gründliche Erhebung der Krankengeschichte. Die Kernsymptome der ADHS sollten am besten schon in der Kindheit nachweisbar sein. Das ist allerdings manchmal bei gut geförderten und intelligenten Mädchen nicht der Fall. Tests und computergestützte Diagnostik haben für die Diagnose keinen alleinigen Aussagewert.
Bei ADHS sollte gefragt werden, ob im bisherigen Leben immer Konzentrationsstörungen und eine hohe Ablenkbarkeit vorhanden ist. Betroffene haben Probleme damit, Arbeiten anzufangen und zu Ende zu bringen. Weiterhin haben sie schnelle Stimmungswechseln. Sie fühlen sich schnell gekränkt, verletzt, angegriffen oder zurück gesetzt.
Bei den hyperaktiven AD(H)S-Betroffene ist meist eine das gesamte Leben bestehende innerer Unruhe vorhanden und sie können abends nur schwer abschalten. Ein Teil der AD(H)S-Betroffenen zeigt auch noch häufig ein impulsives Verhalten, mit heftigen Gefühlsausbrüchen oder ein impulsives Handeln, ohne die Konsequenzen ihrer Entscheidungen zu bedenken. Weiterhin haben AD(H)S-Betroffene Probleme damit zu planen, Ordnung zu halten und zu priorisieren.
Was ist eigentlich der Unterschied zwischen ADHS und ADS?
ADHS heißt Aufmerksamkeitsdefizt-Hyperaktivitätsstörung, aber besonders die Frauen sind oft nicht hyperaktiv. Sie haben eine alleine Aufmerksamkeitsdefizitstörung. Eigentlich müsste der Überbegriff ADS heißen und ADHS ist eben eine Sonderform.
Wie unterscheiden sich männliche und weibliche Symptome?
Frauen haben mehr den unaufmerksamen Typ, der deutlich unauffälliger ist und sich eher dadurch bemerkbar macht, dass sie ablenkbar, verträumt, dünnhäutig und sehr sensibel sind. Sie nehmen sich sehr schnell etwas zu Herzen und sie sind sehr empfindlich und schnell gekränkt und sie haben große Probleme damit sich gut zu organisieren.
Sie fressen buchstäblich ihre Gefühle in sich hinein statt sie wie die hyperaktiven ADHSler in die Welt zu schleudern. Das ist der Grund warum Frauen 4 Jahre später die Diagnose bekommen und damit leider auch 4 Jahre später Hilfe.
Welche Rolle spielen Hormone bei ADHS?
Bei Frauen eine sehr große. Wir sehen bei allen hormonellen Veränderungen eine deutlich höhere Rate von Verschlechterungen, sei es prämenstrull oder in der Menopause. Aber auch nach der Geburt sind bei ADHS Frauen die Rate von Wochenbettdepressionen höher.
Wie oft wird ADHS mit Depressionen, Angststörungen oder Bipolarität verwechselt?
50% der AD(H)S-Betroffene entwickeln im Laufe ihres Lebens Angststörungen und/ oder Depressionen. Das Problem ist, dass das darunterlegende ADHS oft nicht erkannt wird und dann die Depression und die Angststörungen auch nicht ausreichend behandelt werden können, wenn beides vorhanden ist.
Wenn Fachärzte oder Psychotherapeuten ADHS nicht kennen, sehe ich auch häufiger bipolar als Fehldiagnose. Dann sind die Symptome der ADHS falsch einer anderen Störung zugeordnet worden. Jetzt ist das aber kompliziert, denn ADHS-Betroffene haben auch ein höheres Risiko zusätzlich zu ihrem ADHS auch eine Bipolarität zu entwickeln und dann müssen auch beide Erkrankungen behandelt werden.
Welche Folgen hat eine jahrzehntelange Fehldiagnose?
Es hat tatsächlich gravierende Folgen. So oft erlebe ich, dass Patienten, wenn ich ihnen die Diagnose ADHS sage, gleichzeitig lachen und weinen. Sie sind erleichtert, dass ihre lebenslange Probleme jetzt einen Namen haben und dass sie nicht schuld daran sind. Niemand hat Schuld an ADHS.
Aber sie sind auch erschüttert darüber, dass die Diagnose jetzt erst gestellt wurde. Die meisten Patienten sind jahrelang vorbehandelt. Sie haben oft schon drei Psychotherapien gemacht, ihr inneres Kind bearbeitet und Achtsamkeitstrainings gelernt. Das hat aber nicht wirklich geholfen. Viele haben auch schon eine Menge Psychopharmaka ohne durchschlagenden Erfolg ausprobiert oder sie waren in Kliniken, wo ebenfalls das ADHS nicht erkannt wurde.
Und das ist wirklich relevant, eine neue Studie aus England von 2025 zeigt, dass unbehandelte AD(H)S-Betroffene bei Frauen 9 Jahre und bei Männern 7 Jahre weniger Lebenserwartung haben und das ist mehr als bei vielen Tumorerkrankungen. Das ist leider auch nicht auf dem Schirm der Hausärzte und Internisten.
Als erste Maßnahme empfiehlt die Leitlinie die Behandlung mit Stimulanzien ( Ritalin bzw. Methylphendiat oder Elvanse bzw. Lisdexamfetamin). ADHS ist in den meisten Fällen angeboren und es handelt sich um eine neurobiologische Störung. Der Gehirn-Botenstoff Dopamin wird zu schnell abgebaut und man muss diesen Botenstoff via Medikation substituieren.
Im Gegensatz zu allen anderen seelischen Erkrankungen ist nicht Psychotherapie , sondern Medikation als erste Massnahme empfohlen und diese ist unglaublich wirksam. 30-40% der AD(H)S-Betroffene brauchen dann gar keine Psychotherapie. Wenn eine Psychotherapie notwendig ist, dann sollte eine Verhaltenstherapie zum Einsatz kommen, allerdings sollte der Therapeut auch Erfahrung in der Behandlung der ADHS haben.
Wie verändert eine richtige Diagnose das Leben der Betroffenen psychisch?
Oft dramatisch, weil ADHS ist das dankbarste Krankheitsbild in der Psychiatrie ist und die Medikation hochwirksam. Oft können Betroffene zum ersten Mal ein Buch lesen, Aufräumen oder mit notwendigen Arbeiten rechtzeitig anfangen. Es gelingt ihnen mit Medikation auch viel besser die Kontrolle über ihre Gefühle zu erlangen.
Und ganz wichtig sie können sich und ihr bisheriges Leben besser verstehen und sich dann auch besser akzeptieren. Diese Erfahrungen können dann auch das Selbstwertgefühl verbessern.
Wie unterscheidet sich die Behandlung von ADHS in der 2. Lebenshälfte von der in jungen Jahren?
Was wir sehen ist, dass ADHS mit sehr vielen seelischen und körperlichen Erkrankungen vergesellschaftet ist und diese addieren sich im Laufe des Lebens. So haben 80% der AD(H)S-Betroffenen mindestens eine seelische Erkrankung und über 50% zusätzlich zwei und mehr seelische Erkrankungen.
Das sind vor allem Depressionen, Angststörungen, Sucht, aber auch Essstörungen. In der zweiten Lebenshälfte sehen wir auch ein Ansteigen von Übergewicht, Diabetes, Bluthochdruck, von Autoimmunerkrankungen, entzündlichen Darmerkrankungen usw... Da kommen viele Faktoren zusammen.
AD(H)S-Betroffene ernähren sich oft schlecht, weil sie nicht planen können, essen sie zu viel Fastfood, bewegen sich zu wenig, rauchen öfter und vor allem haben sie durch ihre ADHS-Symptome viel mehr Stress. Häufig sehen wir auch frühe Erschöpfungssyndrome.
Wie hängen Darm bzw. Mikrobiom und ADHS zusammen?
Wohl sehr stark. Um gesund zu essen, müssen sie ja wie gesagt gut planen können. Sie müssen das Richtige einkaufen, das Essen gesund zubereiten, den Tisch decken, die Küche wieder reinigen und den Müll getrennt entsorgen. All das fällt AD(H)S-Betroffenen besonders schwer.
Sie werden plötzlich hungrig und können Bedürfnisse schlecht aufschieben. Und dann reißen sie halt schnell die Chipstüte auf oder gießen Wasser auf die Fertigsuppe oder schieben die Tiefkühlpizza in den Ofen.
Wir wissen, dass der Verzehr von hochverarbeiteten Lebensmitteln das Darmmikrobiom massiv verändert. Das kann auch der Grund für die erhöhte Rate von Darmentzündungen sein. Das ist aber bisher noch nicht abschließend geklärt.

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Marianne Waldenfels

© Dominik Rößler/Penguin Random House Verlag
Dr. med. Astrid Neuy-Lobkowicz, Fachärztin für Psychosomatik und Psychotherapie, ist Mitbegründerin des ADHS-Zentrums München
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AD(H)S in der zweiten Lebenshälfte von Dr. med. Astrid Neuy-Lobkowicz und PD Dr. med Daniel Schöttle, Kösel Verlag