
© Nadezhda Moryak
7. Juli 2026
Christine Bürg & Marianne Waldenfels
Welche Ursachen stecken am häufigsten hinter einer ungewollten Kinderlosigkeit? Und warum wird der Mann noch immer viel zu selten untersucht? Reproduktionsmediziner Dr. Bernd Lesoine beantwortet die wichtigsten Fragen rund um künstliche Befruchtung und Erfolgschancen.
Ein unerfüllter Kinderwunsch gehört für viele Paare zu den belastendsten Erfahrungen überhaupt. Monat für Monat wächst die Hoffnung – und mit jedem negativen Schwangerschaftstest oft auch die Unsicherheit. Trotzdem warten viele Betroffene lange, bevor sie medizinische Hilfe in Anspruch nehmen. Dabei kann eine frühzeitige Abklärung die Chancen auf eine Schwangerschaft deutlich verbessern.
Reproduktionsmediziner Dr. Bernd Lesoine beantwortet die wichtigsten Fragen zu Fruchtbarkeit, unerfülltem Kinderwunsch und modernen Behandlungsmöglichkeiten.
Herr Dr. Lesoine, wann würden Sie Paaren empfehlen, eine Kinderwunschpraxis aufzusuchen?
Immer dann, wenn sie beunruhigt sind und sich fragen, warum es nicht klappt. Der erste Ansprechpartner sollte zunächst die Frauenärztin oder der Frauenarzt sein. Dort kann abgeklärt werden, ob es Hinweise auf mögliche Ursachen gibt. Falls erforderlich, erfolgt anschließend die Überweisung in ein Kinderwunschzentrum.
Grundsätzlich gilt: Wenn eine junge Frau trotz regelmäßigen ungeschützten Geschlechtsverkehrs nach einem Jahr nicht schwanger geworden ist, sollte man der Ursache nachgehen.
Bei älteren Frauen sollte man allerdings nicht so lange warten. Die Definition der Weltgesundheitsorganisation spricht zwar erst nach zwei Jahren von Sterilität. Für eine 38-jährige Frau wäre das jedoch wertvolle verlorene Zeit, weil die Fruchtbarkeit in diesem Alter deutlich abnimmt.
Außerdem möchte ich einen Punkt besonders betonen: Wir erleben immer wieder Paare, die seit drei oder vier Jahren versuchen, schwanger zu werden – und der Mann wurde noch nie untersucht. Dabei liegt die Ursache in rund 40 Prozent der Fälle beim Mann. Ein Spermiogramm ist unkompliziert, schnell durchgeführt und sollte deshalb frühzeitig erfolgen.
Was sind die häufigsten Ursachen dafür, dass ein Paar nicht schwanger wird?
Wie gerade gesagt sind etwa 40 Prozent aller Fälle auf eine eingeschränkte Fruchtbarkeit des Mannes zurückzuführen. Deshalb ist es wichtig, immer beide Partner zu untersuchen.
Bei Frauen gibt es unterschiedliche Ursachen. Der wichtigste Faktor ist jedoch das Alter. Das Durchschnittsalter der Frauen, die zu uns kommen, liegt deutschlandweit bei etwa 35 Jahren, in unserer Praxis sogar bei rund 38 Jahren. Das ist biologisch bereits relativ spät, denn die Fruchtbarkeit nimmt ab Mitte 30 deutlich ab. Deshalb übernehmen gesetzliche Krankenkassen die Kosten auch nur bis zum 40. Lebensjahr.

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Warum spielt das Alter beim Kinderwunsch eine so entscheidende Rolle?
Die höchste Fruchtbarkeit liegt zwischen 25 und 30 Jahren. In diesem Alter brauchen die meisten Paare unsere Unterstützung gar nicht. Auch zwischen 30 und 35 Jahren bestehen in der Regel noch sehr gute Chancen.
Ab etwa 35 Jahren nimmt die Qualität der Eizellen jedoch von Jahr zu Jahr deutlich ab. Deshalb entscheiden sich heute auch immer mehr Frauen in diesem Alter für das sogenannte Social Freezing und lassen ihre Eizellen vorsorglich einfrieren, solange deren Qualität noch gut ist.
Mit welchen Kosten müssen Paare rechnen, wenn sie sich für eine Kinderwunschbehandlung entscheiden?
Das hängt zunächst davon ab, welche Behandlung notwendig ist. Wenn ein Paar verheiratet ist, übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen grundsätzlich 50 Prozent der Kosten. Voraussetzung ist, dass beide Partner mindestens 25 und die Frau noch keine 40 Jahre alt ist.
Nicht jede Behandlung ist gleich aufwendig. Oft reicht zunächst ein Zyklusmonitoring aus, bei dem wir den Zyklus beobachten und den Eisprung gezielt unterstützen. Wenn keine organischen Ursachen vorliegen, entstehen den Paaren dabei häufig nur sehr geringe Kosten.
Ist die Spermienqualität eingeschränkt, kann eine Insemination sinnvoll sein. Dann liegen die Eigenkosten inklusive Medikamente meist bei etwa 70 bis 80 Euro pro Zyklus.
Aufwendiger ist eine In-vitro-Fertilisation (IVF) oder – bei einer deutlich eingeschränkten Spermienqualität – eine ICSI, also die intrazytoplasmatische Spermieninjektion. Hier entstehen Behandlungskosten von rund 700 Euro, hinzu kommen Medikamente, Anästhesie und weitere Leistungen. Insgesamt muss man zunächst mit etwa 1.500 Euro rechnen.
In Bayern beteiligt sich der Freistaat zusätzlich mit etwa 500 bis 700 Euro, sodass viele Paare letztlich weniger als 1.000 Euro selbst bezahlen müssen.
Welche Unterschiede gibt es zwischen gesetzlicher und privater Krankenversicherung?
Die gesetzlichen Krankenkassen knüpfen ihre Kostenübernahme an bestimmte Voraussetzungen. Das Paar muss verheiratet sein und die Frau muss zwischen 25 und 40 Jahre alt sein.
Private Krankenversicherungen bewerten den Fall anders. Dort stehen weder das Alter noch der Familienstand im Mittelpunkt, sondern die medizinische Ursache der Unfruchtbarkeit. Wenn eine realistische Aussicht auf eine Schwangerschaft besteht, kann deshalb auch eine 42-, 43- oder sogar 44-jährige Frau behandelt werden. In vielen Fällen übernehmen private Krankenversicherungen die Kosten vollständig.
Welche Behandlung bietet Ihrer Erfahrung nach die größten Erfolgschancen?
Die höchsten Schwangerschaftsraten erzielen wir mit der In-vitro-Fertilisation, kurz IVF, beziehungsweise – wenn die Spermienqualität stark eingeschränkt ist – mit der ICSI, der intrazytoplasmatischen Spermieninjektion. Die Erfolgschancen unterscheiden sich zwischen beiden Verfahren kaum.
Der Vorteil besteht darin, dass wir mehrere Eizellen gleichzeitig gewinnen können. Gerade ab einem Alter von etwa 35 Jahren ist bereits ein erheblicher Teil der Eizellen chromosomal verändert. Wenn wir mehrere Eizellen zur Verfügung haben, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich darunter gesunde Eizellen befinden.
Außerdem findet die Befruchtung außerhalb des Körpers statt. Wir können beobachten, welche Eizellen sich erfolgreich befruchten lassen und welche Embryonen sich besonders gut entwickeln. Anschließend übertragen wir den Embryo direkt in die Gebärmutter. Dadurch umgehen wir mögliche Probleme im Eileiter und erhöhen die Chancen auf eine Schwangerschaft deutlich.
Wichtig ist allerdings, dass eine so aufwendige Behandlung nur dann durchgeführt wird, wenn sie medizinisch wirklich sinnvoll ist.
Wie viele Versuche haben Paare, wenn es beim ersten Mal nicht klappt?
Grundsätzlich können Paare so viele Behandlungsversuche unternehmen, wie sie möchten. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen allerdings die Kosten für drei vollständige Behandlungen.
Häufig gelingt es, bei einer Behandlung mehrere Eizellen zu gewinnen. Entstehen daraus Embryonen, die zunächst nicht eingesetzt werden, können diese eingefroren und später verwendet werden. Dadurch erhöht sich die kumulative Schwangerschaftsrate noch einmal deutlich.
Wie lange dauert es im Durchschnitt, bis eine Frau mithilfe einer Kinderwunschbehandlung schwanger wird?
Das hängt natürlich vom individuellen Verlauf ab. Entscheidet sich eine Patientin für eine IVF oder ICSI, dauert es im Durchschnitt etwa sechs Monate bis zu einer Schwangerschaft.
Zwischen den einzelnen Behandlungen lassen wir meist etwas Zeit verstreichen. Manche Frauen werden bereits beim ersten Versuch schwanger, andere benötigen vier oder fünf Behandlungen. Deshalb lässt sich keine allgemeingültige Aussage treffen.
Eine Kinderwunschbehandlung ist für viele Paare emotional sehr belastend. Welche Rolle spielt die Psyche?
Die psychische Belastung ist enorm. Niemand kommt freiwillig zu einem Kinderwunschzentrum. Für viele Paare ist bereits der erste Termin ein großer Schritt, weil sie sich eingestehen müssen, dass es auf natürlichem Weg bislang nicht geklappt hat.
Hinzu kommt, dass die Erfolgschancen pro Behandlungsversuch durchschnittlich bei etwa 30 Prozent liegen. Aus medizinischer Sicht ist das ein guter Wert – gleichzeitig bedeutet es aber auch, dass es bei rund 70 Prozent der Behandlungen zunächst nicht zu einer Schwangerschaft kommt.
Viele Frauen geben sich dann selbst die Schuld. Sie denken: Mit mir stimmt etwas nicht. Das empfinden viele als persönliche Kränkung. Deshalb ist es für uns ein ganz wichtiger Teil der Behandlung, die Paare immer wieder aufzufangen und ihnen zu erklären, dass eine Schwangerschaft auch unter optimalen Bedingungen nicht selbstverständlich ist.
Gleichzeitig können wir den meisten Paaren Mut machen. Wenn die Frau noch nicht zu alt ist und die Behandlung konsequent fortgeführt wird, bekommen am Ende rund 95 Prozent der Frauen ein Kind – vorausgesetzt, sie geben nicht auf. Manche werden bereits nach dem ersten Versuch schwanger, andere brauchen vier oder fünf Behandlungen.
Interessant ist außerdem, dass viele Paare ihre Erfolgschancen deutlich überschätzen. Untersuchungen zeigen, dass Frauen ihre Wahrscheinlichkeit vor einer Behandlung häufig auf 70 bis 80 Prozent einschätzen.
Selbst nachdem wir ausführlich erklärt haben, dass die Chance pro Versuch bei etwa 30 Prozent liegt, glauben viele unmittelbar danach immer noch an eine Erfolgswahrscheinlichkeit von rund 70 Prozent. Wahrscheinlich gehört diese Hoffnung auch zum Selbstschutz.
Leidet unter einer Kinderwunschbehandlung auch die Partnerschaft?
Absolut. Besonders belastend ist die Situation, wenn die Ursache beim Mann liegt. Das betrifft immerhin rund 40 Prozent aller Paare.
Für viele Männer ist es schwer zu erleben, dass ihre Partnerin sämtliche Untersuchungen und Behandlungen auf sich nehmen muss, während sie selbst meist nur einmal pro Zyklus eine Samenprobe abgeben. Viele empfinden das als belastend.
Gerade deshalb ist es wichtig, dass beide Partner die Behandlung gemeinsam tragen. Ein Mann sollte seiner Partnerin in dieser Zeit viel Empathie entgegenbringen. Kinderwunschbehandlungen betreffen immer beide – auch wenn die medizinische Behandlung überwiegend bei der Frau stattfindet.
Viele Frauen haben Angst vor einer Hormonbehandlung. Ist diese Sorge berechtigt?
Diese Sorge begegnet uns sehr häufig. Viele Frauen haben das Gefühl, sie würden während einer Kinderwunschbehandlung "mit Hormonen vollgepumpt". Das entspricht jedoch nicht der Realität.
Wir geben keine weiblichen Hormone wie Östrogen oder Progesteron. Stattdessen stimulieren wir die Eierstöcke mit sogenannten Gonadotropinen. Diese Botenstoffe produziert jeder Mensch – Männer wie Frauen – ohnehin täglich selbst. Sie regen lediglich die Eibläschen dazu an, ihre eigenen Hormone zu bilden.
Die meisten Frauen fühlen sich während dieser Phase sogar sehr wohl. Erst wenn die Eierstöcke größer werden, spüren manche ein Druckgefühl. Insgesamt ist die körperliche Belastung meist deutlich geringer, als viele erwarten. Die größte Belastung entsteht häufig im Kopf – durch die Sorge, die Hoffnung und die Unsicherheit.
Gibt es Verfahren, die im Ausland möglich sind, in Deutschland aber nicht?
Dr. Bernd Lesoine: Ja. Die Eizellspende ist in Deutschland verboten, während die Samenspende erlaubt ist. Auch eine Leihmutterschaft ist hierzulande nicht zulässig.
Was ich persönlich besonders bedauere, ist, dass wir Embryonen vor dem Einsetzen nur in sehr wenigen Ausnahmefällen genetisch untersuchen dürfen. Dabei wissen wir, dass mit zunehmendem Alter der Frau das Risiko für chromosomale Veränderungen steigt.
In vielen europäischen Ländern können Embryonen vor dem Transfer untersucht werden. Dadurch lassen sich nicht nur genetische Erkrankungen erkennen, sondern unter Umständen auch belastende Schwangerschaften vermeiden. In Deutschland ist das nur bei wenigen schwerwiegenden genetischen Erkrankungen erlaubt.
Glauben Sie, dass sich die Gesetzeslage künftig ändern wird?
Ich hoffe es sehr. Aus meiner Sicht geht es dabei nicht um Selektion, wie häufig behauptet wird, sondern um Prävention.
Unser Ziel als Ärztinnen und Ärzte ist es, Krankheiten möglichst zu vermeiden. Trotzdem wird uns immer wieder vorgeworfen, wir würden Embryonen selektieren. Ich halte diese Diskussion für überholt und wünsche mir eine sachlichere Debatte über die Möglichkeiten der modernen Reproduktionsmedizin.
Welche Risiken sind mit einer Kinderwunschbehandlung verbunden?
Das wichtigste Risiko ist heute die Mehrlingsschwangerschaft. Gesetzlich dürfen zwar bis zu drei Embryonen übertragen werden, in Bayern praktizieren wir das allerdings seit vielen Jahren nicht mehr. Gelegentlich setzen wir zwei Embryonen ein, insbesondere bei älteren Patientinnen. Dadurch steigt allerdings das Risiko für eine Zwillingsschwangerschaft, die häufiger mit Frühgeburten und anderen Komplikationen verbunden ist.
Ein früher gefürchtetes Risiko war das sogenannte Überstimulationssyndrom. Heute können wir dieses durch moderne Behandlungsprotokolle in den allermeisten Fällen vermeiden.
Immer wieder fragen Patientinnen außerdem, ob die Behandlung langfristig das Krebsrisiko erhöht. Dazu gibt es inzwischen sehr gute wissenschaftliche Daten. Sie zeigen, dass weder die Krebsrate noch die Krebsinzidenz durch eine Kinderwunschbehandlung erhöht sind.
Früher wurde die Reproduktionsmedizin sehr kritisch gesehen. Es gab massive gesellschaftliche Vorbehalte und teilweise sogar Angriffe auf Kinderwunschzentren. Deshalb wurden die Patientinnen über Jahrzehnte besonders eng wissenschaftlich begleitet. Gerade diese Langzeitbeobachtungen geben uns heute die Sicherheit, dass keine mittel- oder langfristigen gesundheitlichen Risiken nachweisbar sind.
Was möchten Sie Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch zum Abschluss mit auf den Weg geben?
Ich glaube, dass ein Kinderwunsch etwas sehr Besonderes ist. Deshalb sollte man diesen Wunsch nicht vorschnell aufgeben.
Es gibt heute viele Möglichkeiten, Paaren zu helfen. Nicht immer können wir selbst die Lösung anbieten, aber wir wissen häufig, welche Wege noch offenstehen. Entscheidend ist, sich frühzeitig beraten zu lassen und die Hoffnung nicht zu verlieren.