
© Taiye Salawu
6. Juli 2026
Christine Bürg & Marianne Waldenfels
Eine neue US-Studie fand bei Marathon- und Ultraläufern auffällig häufig Darmpolypen. Was die Ergebnisse bedeuten, welche Grenzen die Studie hat und was ein Gastroenterologe empfiehlt
Laufen gilt als einer der besten Schutzfaktoren gegen Krebs. Umso überraschender sind neue Daten aus den USA: Bei 41 Prozent untersuchter Marathon- und Ultraläufer fanden Forscher Darmpolypen, viele davon mit erhöhtem Entartungsrisiko. Einen Beweis dafür, dass extremes Ausdauertraining Darmkrebs verursacht, liefert die Studie zwar nicht. Doch die Ergebnisse sorgen unter Gastroenterologen und Sportmedizinern für intensive Diskussionen.
Der Boom extremer Ausdauerleistungen hält derweil unvermindert an. Namen wie Arda Saatçi oder Rachel Entrekin stehen weltweit für spektakuläre körperliche Grenzleistungen. Entrekin schrieb jüngst Sportgeschichte, als sie den legendären Cocodona-250-Ultramarathon in Arizona als erste Frau gegen das gesamte Männerfeld gewann – nach mehr als 400 Kilometern, rund 12.000 Höhenmetern und kaum Schlaf.
Die auf dem Jahreskongress der American Society of Clinical Oncology (ASCO) 2025 vorgestellte US-Studie wirft allerdings die Frage auf, ob extreme Ausdauerbelastungen den Darm stärker beanspruchen könnten als bislang angenommen. Wichtig ist jedoch: Die Daten wurden bislang nur als Kongressbeitrag präsentiert, sind noch nicht peer-reviewed und belegen keine Ursache-Wirkungs-Beziehung.
Laufen gilt seit Jahrzehnten als Synonym für Gesundheit. Regelmäßige Bewegung stärkt das Herz-Kreislauf-System, verbessert den Stoffwechsel und senkt nachweislich das Risiko für zahlreiche chronische Erkrankungen, darunter auch verschiedene Krebsarten. Besonders Ausdauersport wird häufig als Musterbeispiel eines gesundheitsfördernden Lebensstils angesehen.
Im Zusammenhang mit ihrer Arbeit an der US-Studie fanden Forscher allerdings bei ambitionierten Marathon- und Ultraläufern überraschend häufig Darmpolypen, darunter auch fortgeschrittene Adenome, die als Vorstufen von Darmkrebs gelten. Wir haben bei PD Dr. Holger Seidl, Direktor der Klinik für Gastroenterologie am Isarklinikum München, nachgefragt.
Die ASCO-Studie 2025 zeigt bei 41 % der Marathon- und Ultraläufer Adenome – weit über dem Erwarteten für diese Altersgruppe. Wie bewerten Sie diese Daten fachlich?
Dr. Holger Seidl: Es ist bekannt, dass Extrembelastungen körperlich dazu führen, dass der Körper maximale Muskeldurchblutung auf Kosten der Darmdurchblutung einstellt. Letztlich macht sich der Sportler hier einen Steinzeitreflex zunutze, dass der Fluchtreflex „vor dem Säbelzahntiger“ uns erlaubt, kurzfristig das schnelle Fliehen über alle anderen Organfunktionen zu stellen.
Da diese Extremnutzung aber nur für Minuten, nicht für viele Stunden gedacht war, wird dabei die Toleranz des Darmes für Mangeldurchblutung überschritten.
Die Darmentzündung „Runners-Colitis“ in solchen Situationen ist bekannt, auch in dieser Studie kam es bei 30% zu Darmblutungen durch den Schleimhautschaden. Man vermutet, dass diese wiederkehrende Abfolge aus Schaden, Entzündung, Zellregeneration/Narbenbildung wie bei allen chronischen Entzündungen das Risiko von Zellwucherungen fördern kann.
Fazit: Ja, die Studiendaten sind fachlich logisch. Für die Validität der Daten spricht, dass etliche Qualitätsmerkmale erfüllt waren: Prospektive Untersuchung, volle Koloskopien bei allen Teilnehmern, Ausschluss bekannter Hochrisikopatienten (z.B. andere chronische Entzündungen wie Colitis ulcerosa, Gensyndrome).
Etwas einschränkend ist die geringe Teilnehmerzahl von 100. Auch wurde nicht untersucht, ob diese Personen andere denkbare Risiken hatten wie z.B. extreme Diätformen, Substanzen zur Leistungssteigerung oder Schlafmangel.
Gefehlt hat eine eigene Vergleichgruppe. Herangezogen für die Bewertungen wurden also Daten aus der Literatur. Ein Meilenstein hierzu ist zum Beispiel die Münchner Polypenstudie, die 178.000 Screeningcoloskopien untersucht hatte.
Hier wurden je nach Alter und Geschlecht zwar auch bei 25-40% Adenome gefunden. Die Zahl der fortgeschrittenen Adenome lag aber „nur“ bei 7,4%, nicht wie bei der aktuellen Läufer-Studie bei ca. 15%. .
Sollten ambitionierte Marathon- und Ultraläufer ihre Darmkrebsvorsorge anpassen, etwa durch frühere oder häufigere Koloskopien? Ab welchem Alter würden Sie das empfehlen?
Dr. Holger Seidl: Ich finde: ja! Ohne Familienbelastung liegt das Vorsorgealter derzeit für alle Menschen in Deutschland bei 50 Jahren. Die untersuchten Sportler waren zwischen 35 und 50 Jahren alt – Durchschnitt 42,5 Jahre. Ich würde daher zumindest wie bei Patienten mit anderen Risiken (z.B. erstgradige Verwandte mit Polypen oder Darmtumoren) die Vorsorge zwischen 40 und 45 starten.
Als Vorsorge wäre das in Deutschland keine Kassenleistung - hier wird etwas Zeit vergehen, bis die neuen Erkenntnisse weiter studiert und auch in Empfehlungen evtl. umgesetzt werden. Allerdings ist eine diagnostische Coloskopie bei Darmbeschwerden altersunabhängig Kassenleistung
Viele Sportler interpretieren Darmbeschwerden (Blut im Stuhl, Durchfälle, Krämpfe) als normale Trainingsfolge. Auf welche Warnsignale sollten Sportler besonders achten, die sofort ärztlich abgeklärt werden müssen?
Dr. Holger Seidl: Genau das ergänzt Frage 2. Polypen machen in den frühen Stadien keine Symptome. Fortgeschritten Polypen an der Grenze zum Darmkrebs oder früher Darmkrebs können durch Blutbeimengungen im Stuhl auffallen. Ein massvoller Sportler wäre alarmiert, ein Extremsportler würde das möglicherweise als Trainingseffekt abtun. Also sollten wir die Warnung verbreiten: spätestens bei Darmblutungen sollte das eine Abklärung mit Coloskopie erfolgen.
Für die Studie wurden 100 Marathon- und Ultraläufer im Alter zwischen 35 und 50 Jahren untersucht. Voraussetzung war eine intensive Laufhistorie mit mindestens fünf absolvierten Marathons oder zwei Ultramarathons über 50 Kilometer. Menschen mit bekannten erblichen Risikofaktoren für Darmkrebs oder chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen wurden ausgeschlossen.
Die vollständige Auswertung zeigt, welche Befunde die Forscher bei den untersuchten Marathon- und Ultraläufern erhoben haben:
41 % der Teilnehmer hatten Darmpolypen oder Adenome.
15 % wiesen fortgeschrittene Adenome mit erhöhtem Entartungspotenzial auf.
30 % berichteten über rektale Blutungen nach dem Laufen.
Auffällig war zudem: Teilnehmer mit fortgeschrittenen Adenomen berichteten deutlich häufiger über rektale Blutungen als jene ohne entsprechende Befunde (53 % gegenüber 22 %). Die Ergebnisse sprechen dafür, dass Blut im Stuhl nach extremer körperlicher Belastung nicht vorschnell als harmloser Trainingseffekt abgetan werden sollte.
Kurze Antwort: Nein. Die Studie zeigt lediglich einen statistischen Zusammenhang zwischen intensivem Ausdauertraining und Darmpolypen – keinen Beweis dafür, dass Marathon- oder Ultraläufe Darmkrebs verursachen. Die Studie wurde bislang nur als Kongressbeitrag vorgestellt, ist noch nicht peer-reviewed und hatte keine eigene Kontrollgruppe. Größere Untersuchungen müssen nun zeigen, ob sich die Ergebnisse bestätigen
Die Studie liefert keine endgültigen Erklärungen. Der von Dr. Holger Seidl beschriebene Mechanismus – reduzierte Darmdurchblutung unter Extrembelastung, die zu Schleimhautschäden und der bekannten „Runners-Colitis“ führen kann – gilt als plausibelster Erklärungsansatz.
Daneben diskutieren die Studienautoren auch ernährungsbedingte Einflüsse: Einige Untersuchungen bringen hochverarbeitete Lebensmittel und bestimmte Zusatzstoffe generell mit einem erhöhten Darmkrebsrisiko in Verbindung, ballaststoffarme Ernährungsweisen könnten die Darmgesundheit zusätzlich beeinträchtigen – ein Faktor, der bei Ausdauersportlern mit hohem Konsum von Energiegels und Sportnahrung eine Rolle spielen könnte.
Die Ergebnisse stehen im Kontext einer globalen Entwicklung: Darmkrebs tritt zunehmend häufiger bei jüngeren Erwachsenen auf. Besonders in den USA hat sich die Erkrankungsrate bei unter 50-Jährigen seit den 1990er-Jahren deutlich erhöht. Ähnliche Entwicklungen werden inzwischen auch in Europa beobachtet.
Trotz der aktuellen Diskussion betonen Experten ausdrücklich: Regelmäßige Bewegung bleibt einer der wichtigsten Schutzfaktoren gegen Krebs und andere chronische Erkrankungen. Die neue Studie stellt die jahrzehntelange Evidenz zur gesundheitsfördernden Wirkung von Sport nicht in Frage. Vielmehr deutet sie darauf hin, dass extreme Formen des Ausdauertrainings möglicherweise eigene gesundheitliche Risiken mit sich bringen könnten.
• Vorläufige Studie – nur als ASCO-Meeting-Abstract 2025 vorgestellt, noch nicht peer-reviewed
• Keine Kausalität – kein Beweis, dass Laufen Darmkrebs verursacht
• Keine Kontrollgruppe – Vergleich nur mit allgemeinen Bevölkerungsdaten
• Kleine Stichprobe – nur 100 Teilnehmer, größere Studien nötig
• Nur für Extremsportler – gilt nicht für normale Jogger oder Marathon-Amateure
Für Freizeitläufer besteht kein Anlass zur Panik. Die beobachteten Veränderungen betreffen vor allem Personen mit sehr hohem Trainingsumfang über viele Jahre hinweg. Gleichzeitig zeigt die Studie, dass selbst sportlich sehr aktive Menschen nicht automatisch vor Erkrankungen geschützt sind.
Neben Blut im Stuhl gelten anhaltende Durchfälle, Verstopfung, Bauchkrämpfe, ungeklärte Gewichtsabnahme oder Veränderungen der Stuhlgewohnheiten als Warnsignale, die ärztlich abgeklärt werden sollten, unabhängig davon, wie fit sich Betroffene fühlen. Gerade sehr sportliche Menschen neigen dazu, solche Symptome als normale Trainingsfolge abzutun, obwohl sie auch auf Polypen oder frühe Darmtumoren hinweisen können.
Nach Einschätzung von PD Dr. Seidl sollten Menschen mit jahrelang sehr intensivem Ausdauertraining eine Vorsorge-Koloskopie bereits zwischen 40 und 45 Jahren in Betracht ziehen – früher als die reguläre Altersgrenze von 50 Jahren in Deutschland. Bei Darmblutungen gilt unabhängig vom Alter: sofort ärztlich abklären lassen, da eine diagnostische Koloskopie bei Beschwerden immer Kassenleistung ist.
Die neue Studie liefert keinen Beweis dafür, dass Marathonlaufen Darmkrebs verursacht. Sie zeigt jedoch, dass extreme Ausdauerbelastungen möglicherweise komplexere Auswirkungen auf den Körper haben als bislang angenommen – bei vorläufiger Datenlage, kleiner Stichprobe und fehlender Kontrollgruppe.
Gleichzeitig erinnert die Studie daran, dass Gesundheit auch bei sportlich hochaktiven Menschen keine Selbstverständlichkeit ist. Bewegung bleibt ein zentraler Baustein der Gesundheitsvorsorge, doch auch ambitionierte Athleten profitieren von Aufmerksamkeit, Früherkennung und guter medizinischer Begleitung.
Der extreme Belastungsumfang bei Rennen wie dem Cocodona-250 – über 400 Kilometer, rund 12.000 Höhenmeter – zeigt, wie weit an die Grenzen manche Athleten gehen. Genau in dieser Zone, so legen es die vorläufigen Daten nahe, könnten auch die gesundheitlichen Risiken beginnen.

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