
© Ron Lach
28. Juni 2026
Marianne Waldenfels
Oxidativer Stress gilt als einer der wichtigsten Treiber der Hautalterung. Zwei Dermatologinnen erklären, wie freie Radikale die Haut schädigen und was sie wirksam schützt


Mit
Dr. med. Anette Zimpfer-Keese & Dr. med. Christine Zimpfer
Oxidativer Stress gilt als einer der wichtigsten Faktoren der vorzeitigen Hautalterung. Freie Radikale können Kollagen, Elastin und Hautzellen schädigen, ausgelöst unter anderem durch UV-Strahlung, Umweltbelastungen oder chronischen Stress. Doch wie lässt sich oxidativer Stress überhaupt messen und welche Maßnahmen schützen die Haut nachweislich?
Die Dermatologinnen Dr. Anette Zimpfer-Keese und Dr. Christine Zimpfer erklären im Interview, welche Rolle Antioxidantien spielen, für wen eine Bestimmung des antioxidativen Status sinnvoll sein kann und warum Prävention weit über gute Hautpflege hinausgeht.
Viele kennen den Begriff „oxidativer Stress“ – doch was bedeutet er eigentlich?
Dr. Anette Zimpfer-Keese: Oxidativer Stress bedeutet, dass im Körper vermehrt sogenannte freie Radikale entstehen. Das sind aggressive Sauerstoffmoleküle, die unsere Zellen angreifen können. Bis zu einem gewissen Maß ist das ein ganz normaler Vorgang, denn unser Körper kann freie Radikale normalerweise selbst abwehren und abbauen.
Problematisch wird es, wenn zu viele freie Radikale entstehen oder die körpereigenen Schutzmechanismen überlastet sind. Auslöser können äußere Faktoren wie UV-Strahlung der Sonne, Alkohol, Rauchen oder Umweltgifte sein. Aber auch Schlafmangel, dauerhafter Stress, Bewegungsmangel, hormonelle Veränderungen, chronische Entzündungen, bestimmte Medikamente oder Stoffwechselerkrankungen fördern oxidativen Stress.
In der Haut greifen freie Radikale wichtige Strukturen wie Kollagen, Elastin und sogar die Hautzellen selbst an. Dadurch verliert die Haut schneller an Spannkraft und Elastizität, altert früher und wird empfindlicher. Auch Entzündungen und Hautschäden können leichter entstehen. Das heißt: Oxidativer Stress spielt auch bei verschiedenen Hauterkrankungen eine wichtige Rolle – zum Beispiel bei Akne, Rosacea, Neurodermitis oder Psoriasis.
Welcher Faktor belastet unsere Haut im Alltag am stärksten?
Dr. Christine Zimpfer: Die UV-Strahlung der Sonne. Sie gehört zu den stärksten Auslösern für freie Radikale in der Haut und kann die Hautalterung deutlich beschleunigen.
Zusätzlich spielen hormonelle Veränderungen, chronische Entzündungen und bestimmte Erkrankungen eine Rolle. Oft ist es nicht nur ein einzelner Auslöser, sondern die Summe vieler Belastungen im Alltag, die unseren Körper und damit auch die Haut schneller altern lässt.
Sie messen bei Ihren Patienten den Antioxidantienstatus – was genau wird dabei erfasst?
Dr. Anette Zimpfer-Keese: Es gibt verschiedene Möglichkeiten, den antioxidativen Schutz des Körpers zu messen.
Eine moderne Methode ist die Messung über ein nicht-invasives Gerät, oft ähnlich einem „Scan“ mit Fingerauflage. Dabei wird der sogenannte Carotinoid-Spiegel in der Haut bestimmt. Carotinoide sind antioxidative Schutzstoffe, die wir vor allem über eine gesunde Ernährung mit viel Gemüse und Obst aufnehmen.
Diese Stoffe lassen sich direkt in der Haut messen und dienen dort als guter Screeningmarker für den antioxidativen Status des Körpers. Sie geben Hinweise darauf, wie gut die körpereigenen Abwehrmechanismen gegen freie Radikale aktuell funktionieren und wie stabil das Schutzsystem der Haut ist.
Der antioxidative Status kann zusätzlich auch über spezielle Hautmessungen, sogenannte Scans, sowie über Blutanalysen bestimmt werden. So erhält man einen Eindruck davon, wie gut der Körper zum Zeitpunkt der Messung mit antioxidativen Schutzstoffen versorgt ist.
Wie funktioniert die Messung mittels Ramanspektroskopie – und was ist ihr Vorteil gegenüber klassischen Methoden?
Dr. Christine Zimpfer: Die Ramanspektroskopie ist ein modernes, nicht-invasives Messverfahren. Sie nutzt Laserlicht, um antioxidative Schutzstoffe wie Carotinoide direkt in der Haut zu messen, völlig schmerzfrei, ohne Blutabnahme und innerhalb weniger Minuten.
Dabei wird ein Teil des Lichts in seiner Energie leicht verändert. Diese Veränderung ist abhängig von den jeweiligen Molekülen und wirkt wie ein individueller „Fingerabdruck“ der Substanzen.
Der Vorteil gegenüber klassischen Bluttests liegt darin, dass sie schnell, nicht-invasiv und direkt an der Haut misst, also genau dort, wo oxidativer Stress auch seine Wirkung entfaltet.
So lässt sich schnell und zuverlässig der aktuelle antioxidative Schutzstatus der Haut durch den Carotinoid-Spiegel bestimmen. Bei auffälligen Werten kann anschließend gezielt weiterführende Diagnostik, zum Beispiel durch Blutuntersuchungen, erfolgen.
Außerdem eignet sich die Methode sehr gut zur Verlaufskontrolle, um Veränderungen über die Zeit sichtbar zu machen.
Für wen ist diese Untersuchung sinnvoll?
Dr. Anette Zimpfer-Keese: Besonders für Menschen mit hoher UV-Belastung, zum Beispiel durch viel Sonne oder berufliche Tätigkeit im Freien. Auch bei bestehenden Hauterkrankungen, Vorstufen von Hautkrebs oder bereits behandeltem Hautkrebs kann die Untersuchung wertvolle zusätzliche Informationen liefern.
Ebenso profitieren Menschen mit chronischem Stress, vorzeitiger Hautalterung, Rauchen, unausgewogener Ernährung oder hoher beruflicher Belastung häufig von dieser Analyse.
Grundsätzlich ist sie eine sinnvolle Ergänzung für alle, die präventiv etwas für ihre Hautgesundheit, Anti-Aging und Longevity tun möchten. In bestimmten Fällen unterstützen die Werte auch die Entscheidung für ergänzende antioxidative Therapiekonzepte oder dermatologische Behandlungen.
Ziel ist es immer, oxidative Belastungen zu reduzieren, Entzündungen zu senken und die Haut langfristig widerstandsfähiger zu machen.
Wo liegen die Grenzen der Methode – und wird das Thema Antioxidantien manchmal auch überschätzt?
Dr. Christine Zimpfer: Die Messung dient in erster Linie als Screening-Tool zur Bestimmung des Carotinoidspiegels und gibt eine erste Einschätzung über den oxidativen Status des Körpers. Sie zeigt, wie gut der Organismus grundsätzlich mit antioxidativen Schutzsubstanzen versorgt ist, ersetzt jedoch keine differenzierte Labordiagnostik.
Die Grenzen der Methode liegen darin, dass nicht alle Antioxidantien oder einzelne spezifische Parameter direkt erfasst werden können. Deshalb ist es häufig sinnvoll, ergänzend gezielte Laboranalysen durchzuführen, beispielsweise für Vitamin D, Zink, den Omega-3-Fettsäure-Status oder eine umfassende Vitamin- und Mineralstoffanalyse.
Dies sind notwendige Baustoffe der Antioxidantien. Besteht ein Mangel bei diesen Grundsubstanzen, so sind auch die antioxidativen Abwehrmechanismen beeinträchtigt. Auf der Basis einiger Laborbestimmungen kann dann eine individuelle und gezielte Substitution empfohlen werden.
Zellschutz beginnt von innen, und Antioxidantien spielen dabei eine Schlüsselrolle. Sie sind wichtiger Bestandteil einer ausgewogenen Ernährung und können bei Bedarf auch über Nahrungsergänzungsmittel ergänzt werden.
Selbstverständlich sollte die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln nicht einfach ungezielt und unkritisch erfolgen. Viele Präparate werden vom Körper nur unzureichend aufgenommen oder ohne klare Indikation eingesetzt. Entscheidend ist daher immer das Gesamtkonzept – nicht die isolierte Einnahme einzelner Substanzen.
Ganzheitliche Medizin bedeutet deshalb immer eine individuelle Diagnostik und einen darauf abgestimmten persönlichen Therapieplan. Für Nahrungsergänzungsmittel gilt, dass sie nicht unkritisch eingesetzt werden sollten.
Es gibt viele Nahrungsergänzungsmittel, die gar nicht vom Körper aufgenommen werden. Entscheidend ist immer das Gesamtkonzept, nicht die isolierte Einnahme einzelner Präparate. Ganzheitliche Medizin zielt immer auf eine individuelle Diagnostik und einen individuellen Therapieplan ab.
Welche Maßnahmen helfen nachweislich, oxidativen Stress in der Haut zu reduzieren?
Dr. Anette Zimpfer-Keese: Ein gesunder Lebensstil ist die wichtigste Grundlage für eine gesunde, widerstandsfähige Haut. Dazu gehören regelmäßige Bewegung – idealerweise an der frischen Luft – sowie konsequenter täglicher Sonnenschutz.
UV-Schutz und eine passende Hautpflege sind zentrale Maßnahmen in der Hautalterungsprävention. Ebenso wichtig sind eine antioxidantienreiche Ernährung mit viel Gemüse, Beeren, gesunden Fetten und ausreichend Flüssigkeit, guter Schlaf und Stressreduktion.
Bei nachgewiesenem Mangel kann eine gezielte Substitution sinnvoll sein. Dazu zählen beispielsweise Vitamin C, Omega-3-Fettsäuren, Vitamin D, Vitamin B3 sowie bestimmte Kollagenpeptide, die im Körper aufgenommen werden und verwertet werden können. Auch sekundäre Pflanzenstoffe wie Polyphenole, zum Beispeil aus Grüntee-Extrakten, spielen eine wichtige Rolle im antioxidativen Schutzsystem.
In der Hautpflege können Wirkstoffe wie zum Beispiel: Vitamin C, Nicotinamid (Vitamin B3), Retinol und Polyphenole unterstützend wirken. Sie sollten jedoch immer individuell auf Hauttyp und Hautzustand abgestimmt eingesetzt werden.
Wenn Sie nur einen einzigen Tipp für gesunde, widerstandsfähige Haut geben dürften – welcher wäre das?
Dr. Christine Zimpfer: Konsequenter täglicher UV-Schutz beziehungsweise geeignete Schutzmaßnahmen. Dabei sollte auch der Vitamin-D-Spiegel berücksichtigt werden. UV-Schutz ist die wirksamste Maßnahme gegen vorzeitige Hautalterung, Pigmentstörungen, Entzündungen und Hautkrebs.
Hautkrebsvorsorge ist damit immer auch Hautgesundheit – und ein zentraler Baustein moderner dermatologischer Prävention.
Deshalb ist die regelmäßige Untersuchung beim Hautarzt so wichtig: Sie ermöglicht eine frühzeitige Diagnose und damit die bestmögliche Therapie und Prognose. In Kombination mit konsequentem Sonnenschutz ist sie eine der wichtigsten Maßnahmen für langfristig gesunde Haut.
Als Hautärztinnen und Hautärzte haben wir dabei einen besonderen diagnostischen Vorteil: Wir sehen die Haut nicht nur oberflächlich, sondern im Verlauf über viele Jahre. Die Haut ist ein sensibler Spiegel des inneren Gesundheitszustands. Gerade im Anti-Aging-Bereich erkennen wir Veränderungen wie Altersflecken, zunehmende Hautalterung, Gefäßerweiterungen, Blutschwämmchen oder Besenreiser oft früh und im zeitlichen Verlauf.
Aus dieser kontinuierlichen Beobachtung entsteht ein entscheidender medizinischer Blick: Wir erkennen, wenn der natürliche Schutzmantel der Haut – ihre Barrierefunktion und Widerstandskraft – nachlässt. Genau hier zeigen sich häufig auch systemische Faktoren wie oxidativer Stress oder ein Ungleichgewicht im antioxidativen Schutzsystem.
Diese Perspektive macht deutlich: Die Haut spricht früh – und Dermatologie bedeutet, diese Signale richtig zu lesen. Damit leisten wir einen wichtigen Beitrag zur Prävention, Hautgesundheit und modernen Longevity-Medizin.