
© Datu Wellness
11. August 2026
Christine Bürg & Marianne Waldenfels
Eine persönliche Krise führte Constantin Bjerke nach Indien – und schließlich zur Gründung von Datu Wellness. Im Interview spricht er über Ayurveda, die Kunst des Loslassens und darüber, warum wir selbst aus Erholung oft ein neues Optimierungsprojekt machen
Funktionieren, leisten, optimieren – und selbst in den Ferien fällt es vielen Menschen schwer, abzuschalten. Constantin Bjerke kennt dieses Gefühl aus eigener Erfahrung. Nach 20 Jahren in der Medienbranche und mehreren persönlichen Schicksalsschlägen reiste er 2021 nach Indien und beschäftigte sich dort intensiv mit Ayurveda und Yoga. Die Erfahrung veränderte nicht nur seinen eigenen Blick auf Gesundheit und Wohlbefinden, sondern führte schließlich zur Gründung von Datu Wellness.
Heute bringt Bjerke erfahrene Ayurveda-Ärzte, Yogis und Therapeuten aus Asien für Retreats nach Europa. Im Interview spricht er darüber, warum der Weg aus einer Krise manchmal nach innen führt, weshalb bei Datu „Alles kann, nichts muss“ gilt und warum wir aufhören sollten, selbst unsere Erholung zum nächsten Optimierungsprojekt zu machen.
Datu Wellness ist auch aus einer persönlichen Lebenskrise heraus entstanden. Wie hat Sie diese Zeit zum Ayurveda geführt?
Nach 20 Jahren Film, Fernsehen, Werbung und Medienleben habe ich mich, als wir in die Pandemie hineinschlitterten, in einer ähnlichen Situation befunden wie viele andere auch: Ganz vieles ist schiefgelaufen. Meine Ehe ist auseinandergegangen, mein Hund ist gestorben, mein Vater war ein paar Jahre vorher plötzlich gestorben. Dann habe ich mir noch einen Meniskus gerissen und das ganze Produktionsgeschäft ist erst einmal ins Stocken geraten.
Und dann saß ich sehr einsam und alleine in einem düsteren Loch in meiner Wohnung und wusste nicht mehr ein noch aus. Bis mir eine Freundin sagte, Ayurveda wäre eigentlich des Rätsels Lösung und der Ausweg aus allem Leid. In meiner Verzweiflung habe ich mir dann im Sommer 2021 ein One-Way-Ticket nach Indien gebucht. Ich war vorher noch nie dort. Das Land war geschlossen, aber ich hatte ein medizinisches Visum, um einreisen zu dürfen.
Dort habe ich ganz wundersame Heilmethoden, sanfte Psychologie und ausgesprochen effektive Behandlungen erlebt, die mich sehr bewegt und mir sehr geholfen haben. Als ich nach Europa zurückkam, stellte ich fest: Um mich herum geht es eigentlich allen ähnlich. Je älter man wird, je länger man lebt, umso mehr Leben passiert. Und es passiert eben auch sehr viel, was wir als unangenehm bezeichnen oder bewerten würden. Menschen werden krank und Menschen sterben. Beziehungen gehen auseinander, man wird gefeuert oder streitet sich mit jemandem.
Dann fangen wir an zu kompensieren, uns ein bisschen zu betäuben und abzulenken. Das tun wir meistens durch übermäßigen Konsum, zum Beispiel mit Alkohol, Essen oder Beziehungen, Einkaufen, ständiges Fernsehen oder das Scrollen auf dem Handy. Jedenfalls tun wir alles, um uns nicht mit den Ursachen des Ganzen zu beschäftigen.
Ich habe gelernt, dass der Weg heraus aus dieser Misere der Weg hinein in sich selbst ist. Das wollte ich mit anderen Menschen teilen - Datu bedeutet auf Sanskrit „teilen“.
Retreats für Yoga, mentale Gesundheit oder Detox gibt es inzwischen viele. Was unterscheidet Datu Wellness von anderen Konzepten?
Unsere Gäste behaupten, es sei etwas sehr Besonderes. Wir selbst glauben, dass wir einfach nur das Wissen und die Erfahrung teilen, die es seit 5000 Jahren gibt und die uns selbst zugutegekommen sind.
Der wichtigste Unterschied ist zunächst einmal das Team. Denn Menschen helfen Menschen, Menschen heilen Menschen. Es kommen 20 bis 25 wunderbare, erfahrene Experten zu uns nach Europa, teilweise aus Familien, in denen bereits seit vielen Generationen Heiler und ayurvedische Ärzte tätig sind. Dazu gehören Experten aus Indien aus den Bereichen Ayurveda, Yoga und Traditionelle Chinesische Medizin.
Der zweite wichtige Punkt ist der holistische Ansatz. Bei uns sind wir nicht auf eine Sache fokussiert, sondern wir glauben – ganz im Einklang mit diesem alten Wissen –, dass es um Körper, Geist und Seele, also um den ganzen Menschen geht. Deshalb reichen unsere Angebote von Anwendungen, Massagen und Akupunktur über Gespräche und kreativen Ausdruck bis hin zu den verschiedenen Aspekten des Yoga. Yoga ist schließlich sehr viel mehr als Gymnastik oder Sport, es ist eine jahrtausendealte Lebensphilosophie.
Und der dritte Punkt ist die Sanftheit. Bei uns gilt: Alles kann, nichts muss. Wir glauben, jeder ist sein eigener bester Heiler. Wir können Tipps und Anregungen geben und Behandlungen machen, aber der Körper weiß selbst, was er braucht.
Mit welchen Erwartungen und Bedürfnissen kommen die Menschen zu Ihren Retreats?
Was sie alle eint, ist: Sie möchten sich etwas Gutes tun. Eine Auszeit nehmen, sich um sich kümmern und sich das Geschenk machen, einmal von allem anderen Abstand zu nehmen und sich wirklich nur auf sich zu konzentrieren.
Wir leben in Beziehungen und mit Verantwortungen. Zu sagen: „Ich kümmere mich jetzt einfach mal eine Woche nur um mich“, fällt vielen Menschen gar nicht so leicht.
Dann kommen die Menschen natürlich mit bestimmten Beschwerden, seien es gesundheitliche Beschwerden oder lebensphilosophische Fragen: Möchte ich diesen Job noch weitermachen? Tut mir diese Beziehung noch gut? Ich denke, was sie eint, ist, dass sie alle einen Schritt nach vorne machen wollen.
Viele Menschen schaffen es selbst im Urlaub kaum, wirklich abzuschalten. Wie gelingt es, innerhalb einer Woche zur Ruhe zu kommen?
Dafür gibt es natürlich Techniken und Methoden. Wenn ich in den Urlaub fahre, aber meine drei Kinder dabeihabe und noch überlegen muss, was morgen zu essen gemacht wird, dann bin ich nach wie vor im Stress.
Genauso wie jeder Sportler das vom Warm-up oder von der Regeneration kennt, gibt es Methoden, um den Körper herunterzufahren. Wenn du bei uns ankommst, ist das Erste, was wir tun, dafür zu sorgen, dass wir dich sprichwörtlich in den Arm nehmen. Du sollst ausatmen, durchatmen, loslassen und ankommen können. Jeder Gast fühlt sich eigentlich nach der ersten Nacht angekommen und ruhig.
Und wie lässt sich verhindern, dass die Erholung nach der Rückkehr in den Alltag schnell wieder verpufft?
Ein Umstand der westlichen Kultur ist, dass wir auch in Konkurrenz zu uns selbst stehen. Wir sagen: Ich muss fünfmal die Woche ins Yogastudio. Ich muss diese Woche zwei Kilo abnehmen. Ich muss, ich muss, ich muss. Und weil wir nicht immer alles schaffen können, fangen wir an, uns schlecht zu fühlen.
Wir zeigen den Gästen deshalb während der Woche eine große Bandbreite an Methoden und kleinen Verbesserungsvorschlägen und fragen anschließend: Welche davon haben besonders gutgetan? Welche haben wirklich geholfen? Dann nimm dir für den nächsten Monat erst einmal eine dieser Sachen vor.
Wir verändern den Zeithorizont von Tagen auf Wochen. Nicht: Ich möchte jeden Tag meditieren. Sondern: Ich möchte zweimal die Woche meditieren. So setze ich mir ein Ziel, das erreichbar und realistisch ist. Damit schaffe ich Erfolgserlebnisse und keine Niederlagen. Durch diese Sanftheit entsteht Freude an der Sache, und darauf kann man langsam aufbauen. Ich muss ja nicht bis nächsten Monat alles verändert haben.
Wie läuft eine typische Woche bei Datu Wellness ab?
Alles beginnt mit einer Konsultation mit unseren Vaidyas. Das sind ayurvedische Ärzte, die mit Pulsdiagnose, Augen- und Zungendiagnose und im Gespräch mit dem Gast zunächst ein Gefühl dafür bekommen: Worum geht es eigentlich? Der Beginn des Ganzen ist also diese Anamnese.
Danach gibt es im Grunde zwei verschiedene Programme. Das erste ist das individualisierte, persönliche Programm mit Behandlungen, Akupunktur und ayurvedischen Massagen. Wir haben rund 50 verschiedene Anwendungen aus der Traditionellen Chinesischen Medizin, dem Ayurveda und der tibetischen Tradition, aber auch aus westlichen Ansätzen wie beispielsweise Deep-Tissue-Massagen.
Daneben gibt es ein Gruppenprogramm, das von Sonnenaufgang bis nach dem Abendessen stattfindet. Dazu gehören kreativer Ausdruck, Tanz, Kochkurse, Vorträge und verschiedene Yogaklassen mit Bewegung, Atmung, Meditation und Yoga Nidra.
Wie entscheidet sich, welche Anwendungen für einen Gast sinnvoll sind?
Wir als Team geben am Anfang Empfehlungen. Wenn jemand einen langsamen Stoffwechsel hat und vielleicht etwas mehr Energie braucht, würden wir beispielsweise sagen: Es wäre vielleicht ganz gut, morgens früh aufzustehen und sich zu bewegen.
Wenn jemand mit totalem Burn-out kommt, würden wir vielleicht Yoga Nidra und Klangtherapie empfehlen und versuchen, ihn ein bisschen herunterzubringen. Es wird also ein wenig gesteuert, aber es gilt immer: Alles kann, nichts muss. Jeder darf so viel oder so wenig machen, wie er oder sie möchte.
Eine Besonderheit fällt sofort auf: Bei Datu tragen die Gäste weiße Kleidung. Welche Idee steckt dahinter?
Wir nehmen den Gästen möglichst viele Entscheidungsnotwendigkeiten ab. Das beginnt schon beim Packen: Wenn ich mir keine Gedanken darüber machen muss, was ich mitnehme, weil ich alles vor Ort bekomme, ist das eine große Erleichterung.
Gleichzeitig beurteilen wir andere Menschen unwillkürlich danach, wie wir sie wahrnehmen. Diese Wertungen werden neutralisiert, wenn alle gleich aussehen. Dann gibt es kein: Wo hat die denn diese Schuhe her? Warum trägt er so etwas zum Abendessen? Und ich selbst muss mir keine Gedanken machen: Passe ich da rein? Bin ich overdressed oder underdressed?
Der dritte Punkt ist, dass dunkle Farben Energie absorbieren und helle Farben sie widerspiegeln. In einem Raum, in dem so viele persönliche Energien und Erfahrungen stattfinden, wollen wir unsere eigene Energie schützen. Dafür ist weiße Kleidung für uns eine gute Methode.
Einer Ihrer Grundsätze lautet: „Dein Guru bist du selbst.“ Was bedeutet dieser Satz für Sie?
Das ist natürlich nicht mein Grundsatz, sondern ein jahrtausendealtes ayurvedisches Prinzip. Was es eigentlich nur sagen möchte, ist, dass alle Heilung, alle Verbesserung und alle Veränderung im Leben und im Körper nur von dir selbst ausgehen kann.
Wir als Team, wir als Retreat sind dazu da, unsere Erfahrungen, unsere Methoden und Praktiken weiterzugeben. Sie sind nicht unsere, sondern wir haben sie selbst vermittelt bekommen und geben sie weiter.
Im Westen haben wir gerne die Hoffnung, dass ich mir eine Pille einwerfen könnte und diese meine Probleme lösen würde. Das ist eben nicht so. Die Arbeit muss ich schon selbst machen. Mich kann jemand unterstützen, mir kann jemand Anleitung geben, mir kann jemand helfen, mir kann jemand seine Weisheit mit auf den Weg geben – aber die Arbeit muss ich selbst machen.
Datu Wellness ist ein nomadisches Retreat-Konzept mit Basis in Italien und wechselnden saisonalen Residenzen, zeitweise auch in anderen Ländern. Aktuelle Orte und Termine gibt es auf www.datuwellness.com

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Datu-Wellness-Gründer Constantin Bjerke

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Das Gruppenprogramm findet von Sonnenaufgang bis nach dem Abendessen statt

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Christine Bürg & Marianne Waldenfels

Ein Interview mit
PD Dr. med. Daniel P. Berthold