
© Vera Emilie A Bomstad
3. Oktober 2026
Marianne Waldenfels
Die Wechseljahre können Stimmung, Schlaf und Konzentration verändern – bei manchen Frauen treten sogar erstmals Ängste oder depressive Beschwerden auf. Psychotherapeutin Sandra Tschöpe erklärt, was dahintersteckt und welche Warnzeichen man ernst nehmen sollte
Über Hitzewallungen, Schlafprobleme und Hormone wird inzwischen viel gesprochen. Doch die Wechseljahre können auch die Psyche aus dem Gleichgewicht bringen – und darauf sind viele Frauen kaum vorbereitet. Gerade weil sich psychische Beschwerden nicht so eindeutig zuordnen lassen wie manche körperlichen Symptome, ist oft schwer zu erkennen, was eigentlich dahintersteckt. Das verunsichert viele Frauen.
Die Psychologin und Psychotherapeutin Sandra Tschöpe beschäftigt sich seit Jahren mit der psychischen Seite der Wechseljahre. In ihrem neuen Buch „My Meno Mind“ (Kösel) zeigt sie, welchen Einfluss Hormone auf unsere mentale Gesundheit haben können. Im Interview erklärt Tschöpe, wann Stimmungsschwankungen zum Warnsignal werden, welche Rolle eine Hormonersatztherapie spielen kann und warum gerade in dieser Lebensphase manchmal sogar eine bislang unerkannte ADHS auffällt.
Viele Frauen sagen in den Wechseljahren: „Ich erkenne mich selbst nicht mehr.“ Was passiert in dieser Lebensphase mit unserer Psyche?
Die Wechseljahre sind nicht nur eine körperliche, sondern auch eine psychische und neurobiologische Umbruchphase. Viele Frauen erleben in dieser Zeit Veränderungen, die sie vorher von sich selbst nicht kannten: Sie sind plötzlich reizbarer, emotionaler, ängstlicher oder erschöpfter, können sich schlechter konzentrieren oder schlafen nicht mehr gut.
Dabei kommen verschiedene Faktoren zusammen. Die hormonellen Veränderungen treffen auf eine Lebensphase, in der häufig ohnehin sehr viel geleistet wird: Beruf, Familie, Partnerschaft, möglicherweise die Versorgung der eigenen Eltern und gleichzeitig die Frage, wie das eigene Leben in der zweiten Lebenshälfte aussehen soll.

© Meike Kuether
Sandra Tschöpe ist Psychologin, Psychotherapeutin, Coach und Wechseljahresberaterin
Das kann dazu führen, dass Frauen das Gefühl bekommen, „nicht mehr zu funktionieren“ oder sich selbst nicht mehr wiederzuerkennen. Wichtig ist mir dabei: Das ist weder Einbildung noch ein Zeichen mangelnder Belastbarkeit. Die Wechseljahre können tatsächlich einen erheblichen Einfluss auf die psychische Gesundheit haben. Gleichzeitig ist nicht jede psychische Veränderung automatisch auf die Hormone zurückzuführen.
Welche Rolle spielen dabei die hormonellen Veränderungen?
Über viele Jahre arbeiten Hormone wie Östrogen und Progesteron sowie Botenstoffe im Gehirn – etwa Serotonin, Dopamin und Noradrenalin – in einem fein abgestimmten Zusammenspiel.
In der Perimenopause gerät dieses System zunehmend aus dem Gleichgewicht: Zunächst verändern sich vor allem Progesteronproduktion und -schwankungen, später schwankt und fällt auch der Östrogenspiegel. Beide Hormone beeinflussen unter anderem die Regulation von Stimmung, Schlaf, Stressverarbeitung, Konzentration und emotionaler Stabilität.
Wann sind Stimmungsschwankungen noch Teil der Wechseljahre – und wann sollte man sich Hilfe holen?
Gelegentliche Stimmungsschwankungen können in der Perimenopause vorkommen. Kritisch wird es, wenn die Beschwerden über mehrere Wochen anhalten und den Alltag oder die Lebensqualität deutlich beeinträchtigen.
Warnsignale sind beispielsweise anhaltende Niedergeschlagenheit, der Verlust von Freude und Interesse, deutlich weniger Antrieb, starke Erschöpfung, Gefühle von Hoffnungslosigkeit, ausgeprägte Ängste oder Panikattacken sowie sozialer Rückzug.
Auch wenn der Alltag äußerlich noch funktioniert, kann das eine Warnung sein: Manche Frauen schaffen ihre beruflichen und familiären Pflichten gerade noch, haben aber darüber hinaus kaum noch Energie für sich selbst oder Dinge, die ihnen Freude machen.
Manche Frauen entwickeln erstmals in den Wechseljahren psychische Beschwerden. Wer merkt, dass Beruf, Beziehungen oder Lebensqualität leiden, sollte professionelle Unterstützung suchen. Je früher, desto besser.
Schlafprobleme gehören zu den häufigsten Beschwerden in den Wechseljahren – und schlechter Schlaf belastet wiederum die Psyche. Wie lässt sich dieser Kreislauf durchbrechen?
Schlaf und psychische Gesundheit beeinflussen sich gegenseitig. Hitzewallungen, nächtliches Schwitzen oder hormonelle Veränderungen können den Schlaf stören. Schlafmangel wiederum erhöht die Anfälligkeit für Ängste, depressive Verstimmungen und Stress.
Um diesen Kreislauf zu durchbrechen, hilft ein mehrstufiger Ansatz. Zunächst sollten die Ursachen der Schlafstörung abgeklärt werden, beispielsweise Stress, Depressionen, Hitzewallungen oder auch eine Schlafapnoe.
Daneben können eine gute Schlafhygiene, regelmäßige Bewegung und Entspannungsverfahren helfen. Bei ausgeprägten Beschwerden kann gemeinsam mit der Gynäkologin oder Hausärztin auch geprüft werden, ob eine hormonelle Behandlung sinnvoll sein könnte.
Chronische Schlafprobleme sollte man nicht einfach als unvermeidbare Begleiterscheinung der Wechseljahre hinnehmen. Sie sind behandelbar.
Bei ADHS-Patientinnen können sich die Symptome in den Wechseljahren verstärken – woran liegt das?
Östrogen unterstützt unter anderem die Wirkung von Dopamin im Gehirn. Dopamin spielt eine zentrale Rolle bei Aufmerksamkeit, Motivation und Impulskontrolle, genau in diesen Bereichen zeigen sich auch typische ADHS-Symptome.
Sinkt der Östrogenspiegel, können sich deshalb bestehende ADHS-Symptome verstärken. Viele Frauen berichten dann beispielsweise über stärkere Vergesslichkeit, Konzentrationsprobleme, emotionale Überforderung, Reizbarkeit oder Schwierigkeiten, ihren Alltag zu organisieren.
Hinzu kommt, dass viele Frauen mit ADHS über Jahre oder sogar Jahrzehnte gelernt haben, vieles durch hohe Anpassungsleistungen, Perfektionismus und ständige Selbstkontrolle zu kompensieren. Dieses sogenannte „Maskieren“ kostet enorm viel Energie.
In den Wechseljahren funktionieren diese Kompensationsstrategien häufig nicht mehr so zuverlässig wie zuvor. Die Folge kann das Gefühl sein, plötzlich den Anforderungen des Alltags nicht mehr gewachsen zu sein. Nicht selten münden die jahrelange Überanpassung und die zunehmende Erschöpfung in einen Burnout. Bei manchen Frauen führt die Situation auch erstmals dazu, dass eine bislang unerkannte ADHS diagnostiziert wird.
Kann eine Hormonersatztherapie auch helfen, wenn die Psyche leidet?
Eine Hormonersatztherapie (HET) ist kein klassisches Antidepressivum. Studien zeigen jedoch, dass sie bei einigen Frauen in der Perimenopause depressive Symptome verbessern kann, insbesondere dann, wenn diese zeitlich mit den hormonellen Veränderungen zusammenhängen.
Nicht jede Depression in den Wechseljahren ist hormonbedingt. Deshalb sollte immer sorgfältig geprüft werden, welche Faktoren eine Rolle spielen. Bei einer ausgeprägten Depression können zusätzlich eine Psychotherapie und gegebenenfalls eine medikamentöse Behandlung notwendig sein.
Die Behandlung einer Depression mit einer HET ist bislang nicht Bestandteil der psychiatrischen Depressionsleitlinien. Deshalb bewerten Ärztinnen und Ärzte den Einsatz unterschiedlich, und nicht alle werden einer HET mit dem primären Ziel der Behandlung depressiver Symptome zustimmen.
Hier braucht es eine individuelle ärztliche Beratung, die sowohl die psychische Symptomatik als auch die hormonelle Situation berücksichtigt.
Welche Therapien können die Wechseljahre erleichtern?
Nicht alle Frauen haben in den Wechseljahren Beschwerden. Und wenn, sind sie von Frau zu Frau sehr unterschiedlich. Deshalb gibt es auch nicht die eine richtige Behandlung für alle.
Welche Behandlung infrage kommt, hängt von der Symptomatik, der Lebenssituation und möglichen Vorerkrankungen ab. Je nach Bedarf können verschiedene Bausteine sinnvoll sein: eine Hormonersatztherapie bei entsprechenden Beschwerden und nach individueller Nutzen-Risiko-Abwägung, Psychotherapie bei psychischen Beschwerden, Bewegung und Krafttraining, Maßnahmen zur Stressregulation und Selbstfürsorge sowie gegebenenfalls eine medikamentöse Behandlung von Depressionen, Angststörungen oder ADHS.
Oft ist es die Kombination verschiedener Ansätze, die am meisten bringt. Dabei sollten Beschwerden nicht automatisch den Wechseljahren zugeschrieben, sondern auch andere mögliche körperliche und psychische Ursachen abgeklärt werden.
Gibt es zwei oder drei einfache Tricks, um mental wieder stabiler zu werden?
Ja, denn kleine Veränderungen können bereits viel bewirken. Dazu gehört, wie schon erwähnt, Bewegung. Dabei muss nicht jede Frau ein bestimmtes Sportprogramm absolvieren. Entscheidend ist, eine Form zu finden, die zu ihr und ihrem Alltag passt und sich dauerhaft integrieren lässt.
Gerade zwei bis drei kurze Krafteinheiten pro Woche sind in der Lebensmitte besonders sinnvoll. Sie unterstützen die Knochengesundheit, erhalten und stärken die Muskulatur und wirken der altersbedingten Abnahme von Muskelmasse, der sogenannten Sarkopenie, entgegen. Gleichzeitig kann Bewegung einen positiven Effekt auf Stimmung, Schlaf und Stressregulation haben.
Die eigenen Bedürfnisse ernst nehmen: Selbstfürsorge ist kein Luxus und auch nicht egoistisch. Gerade in der Lebensmitte kommen häufig berufliche Anforderungen, Familie und andere Verantwortlichkeiten zusammen. Die eigenen Bedürfnisse dauerhaft hintenanzustellen, kann langfristig zur Überlastung beitragen. Regelmäßige Pausen, ausreichend Schlaf, Bewegung und bewusst eingeplante Zeit für sich selbst können helfen, Überlastung frühzeitig entgegenzuwirken.
Gefühle nicht sofort bewerten und die eigenen Grenzen wahrnehmen: Viele Frauen erschrecken über Stimmungsschwankungen und versuchen, dagegen anzukämpfen. Hilfreicher kann sein, die eigenen Gefühle wahrzunehmen, ohne sie sofort zu bewerten – und gleichzeitig zu fragen: Was brauche ich gerade? Was ist mir zu viel? Und wo darf ich auch einmal Nein sagen?
An wen können sich Frauen wenden, wenn sie mit ihren Beschwerden nicht weiterwissen?
Die Frauenärztin oder der Frauenarzt ist eine zentrale Anlaufstelle, aber längst nicht die einzige. Auch die Hausarztpraxis kann ein guter erster Ansprechpartner sein, insbesondere wenn es um die ganzheitliche Betrachtung der Beschwerden, Medikamente oder andere mögliche Ursachen geht.
Mittlerweile gibt es außerdem Ärztinnen und Ärzte, die sich auf die Wechseljahre spezialisiert haben. Diese arbeiten häufig, aber nicht ausschließlich, in Privatpraxen. Eine einmalige ausführliche Beratung kann bereits sehr hilfreich sein, um Beschwerden einzuordnen, Behandlungsmöglichkeiten kennenzulernen und die nächsten Schritte zu planen. Auch wenn eine solche Beratung selbst bezahlt werden muss, kann das aus meiner Sicht gut investiertes Geld sein.
Eine weitere Möglichkeit sind qualifizierte Wechseljahreberaterinnen. Sie können Frauen unter anderem Informationen zu Lebensstil, Ernährung, Schlaf, Bewegung und psychischem Wohlbefinden vermitteln. Dabei gilt allerdings die klare Abgrenzung: Eine Wechseljahreberaterin ersetzt keinen Arzt oder Psychotherapeuten, kann aber eine wertvolle Ergänzung sein und dabei helfen, die passende medizinische oder therapeutische Unterstützung zu finden.
Darüber hinaus können Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, Psychiaterinnen und Psychiater, spezialisierte Schlafmedizinerinnen und Schlafmediziner sowie bei entsprechendem Verdacht auch ADHS-Ambulanzen wichtige Ansprechpartner sein.
Ein Problem ist allerdings, dass im Kassensystem bislang wenig Raum für ausführliche Beratung rund um die Wechseljahre vorgesehen ist. Gerade diese Lebensphase braucht häufig Zeit für eine differenzierte Anamnese und individuelle Hilfe. Deshalb kann es sinnvoll sein, sich gegebenenfalls auch außerhalb der klassischen Kassenversorgung Unterstützung zu suchen.
Frauen müssen ihre Beschwerden nicht einfach hinnehmen. Es gibt heute viele Möglichkeiten, Beschwerden zu lindern und die Lebensqualität wieder deutlich zu verbessern.

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