
© Deeana Creates
8. August 2026
Marianne Waldenfels
In heißen Sommernächten scheint Nacktschlafen die einfachste Lösung. Doch schläft man ohne Pyjama tatsächlich besser – und ist das sogar gesünder? Was die Wissenschaft dazu sagt.
Gerade in den warmen Sommermonaten landet der Pyjama bei vielen Menschen ganz von selbst neben dem Bett. Doch auch unabhängig von der Jahreszeit schwören manche darauf, nackt zu schlafen. Im Netz werden dem Schlafen ohne Kleidung inzwischen erstaunliche gesundheitliche Vorteile zugeschrieben: Man soll schneller einschlafen, tiefer schlafen, den Stoffwechsel ankurbeln und sogar leichter abnehmen.
Aber ist Nacktschlafen tatsächlich gesund?
Die kurze Antwort lautet: Es kann unter bestimmten Umständen sinnvoll sein. Allerdings gibt es bislang nur wenig Forschung, die Nacktschlafen direkt mit dem Schlafen im Pyjama vergleicht. Wissenschaftlich deutlich besser untersucht ist etwas anderes: die Temperatur. Und genau sie könnte erklären, warum das Ablegen des Pyjamas für manche Menschen tatsächlich einen Unterschied macht.
Damit wir einschlafen können, verändert der Körper seine Temperaturregulation. Die Kerntemperatur beginnt am Abend zu sinken, ein Vorgang, der eng mit unserem Schlaf-Wach-Rhythmus verbunden ist. Wird es dem Körper dagegen zu warm, kann das den Schlaf beeinträchtigen.
Besonders deutlich merken viele Menschen das im Sommer: Das Einschlafen dauert länger, man wacht häufiger auf und der Schlaf fühlt sich weniger erholsam an. Auch große Untersuchungen mit Schlafdaten aus dem Alltag zeigen, dass höhere nächtliche Temperaturen mit kürzerer Schlafdauer verbunden sind.
Was wir im Bett tragen, spielt dabei durchaus eine Rolle. Schlafkleidung und Bettwäsche bilden rund um den Körper ein eigenes Mikroklima und beeinflussen, wie gut Wärme und Feuchtigkeit abgegeben werden können.
Eine 2024 im Journal of Sleep Research veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit untersuchte deshalb, welchen Einfluss unterschiedliche Materialien von Schlafkleidung und Bettwaren auf den Schlaf haben. Die Forschenden kamen zu dem Ergebnis, dass Materialien über Temperatur und thermischen Komfort tatsächlich Einfluss auf den Schlaf nehmen können. Allerdings zeigte sich auch: Entscheidend ist nicht einfach „weniger Kleidung ist besser“. Je nach Raumtemperatur können unterschiedliche Materialien Vorteile haben.
Das lässt sich wissenschaftlich bisher nicht pauschal sagen. Denn Studien, in denen Menschen über längere Zeit direkt einmal nackt und einmal im Pyjama schlafen und dabei ihre Schlafqualität objektiv gemessen wird, fehlen weitgehend.
Trotzdem ist die Idee physiologisch plausibel: Wer nachts schnell überhitzt oder in einem sehr warmen Schlafzimmer schläft, kann durch das Weglassen einer zusätzlichen Kleidungsschicht möglicherweise leichter Wärme abgeben.
Vor allem an heißen Tagen kann Nacktschlafen deshalb eine einfache Möglichkeit sein, das Mikroklima im Bett etwas angenehmer zu machen. Wer dagegen ohnehin friert, profitiert davon wahrscheinlich nicht. Wird uns zu kalt, muss der Körper gegensteuern – und auch das kann den Schlaf stören.
Die wichtigste Botschaft lautet deshalb nicht: Schlafen Sie nackt. Sondern: Vermeiden Sie Überhitzung und schaffen Sie eine Schlafumgebung, in der Sie weder schwitzen noch frieren.
Hier wird es interessant – und gleichzeitig schnell übertrieben. Kühle Temperaturen können das sogenannte braune Fettgewebe aktivieren. Anders als weißes Fett speichert braunes Fett Energie nicht primär, sondern kann sie zur Wärmeproduktion verbrauchen.
In einer kleinen, viel beachteten Studie schliefen fünf gesunde Männer jeweils einen Monat lang in Räumen mit unterschiedlichen Temperaturen. Nach einem Monat bei 19 Grad Celsius hatte sich die Aktivität beziehungsweise Menge des messbaren braunen Fettgewebes erhöht; gleichzeitig zeigten sich Veränderungen der Insulinsensitivität. Als die Temperatur später wieder erhöht wurde, gingen diese Effekte zurück.
Daraus entstand schnell die populäre Behauptung, Nacktschlafen könne beim Abnehmen helfen. So weit geht die Forschung allerdings nicht. Untersucht wurde die Umgebungstemperatur – nicht das Schlafen ohne Kleidung. Es gibt derzeit keinen überzeugenden Nachweis dafür, dass Menschen allein dadurch Gewicht verlieren, dass sie ihren Pyjama ausziehen.
Wer nachts angenehm kühl schläft, tut möglicherweise seinem Schlaf etwas Gutes. Eine Abnehmstrategie ist Nacktschlafen aber nicht.
Eine weitere beliebte Behauptung lautet, dass Paare vom gemeinsamen Nacktschlafen profitieren könnten: Hautkontakt soll die Ausschüttung des Bindungshormons Oxytocin fördern, Stress reduzieren und dadurch sogar die Beziehung stärken.
Dass angenehmer Körperkontakt mit neurobiologischen Reaktionen verbunden ist, ist grundsätzlich gut untersucht. Daraus lässt sich jedoch kein spezifischer gesundheitlicher Effekt des Nacktschlafens ableiten. Schließlich kann Hautkontakt auch entstehen, ohne dass beide Partner die gesamte Nacht unbekleidet verbringen.
Nackt zu schlafen ist nicht automatisch die kühlste oder angenehmste Lösung. Ein leichter Pyjama kann Schweiß aufnehmen und verhindern, dass feuchte Haut direkt auf Bettwäsche liegt. Je nach Material und Raumtemperatur kann geeignete Schlafkleidung sogar zu einem angenehmeren Temperaturgefühl beitragen, genau darauf deutet auch die Forschung zu verschiedenen Textilien hin.
Wer nachts friert, sollte deshalb nicht aus vermeintlichen Gesundheitsgründen auf Kleidung verzichten. Gleiches gilt für Menschen, die sich unbekleidet schlicht unwohl fühlen. Für guten Schlaf ist Komfort wichtiger als ein vermeintlicher Biohack.
Nackt schlafen ist weder ein Gesundheitstrick noch bloßer Mythos. Vor allem Menschen, denen nachts schnell zu warm wird, können davon profitieren, eine Kleidungsschicht wegzulassen. Der wahrscheinlich wichtigste Effekt hat dabei wenig mit Hormonen, Fettverbrennung oder anderen spektakulären Versprechen zu tun, sondern mit einer ganz simplen Sache: Temperaturregulation.
Denn die Wissenschaft liefert bislang keinen Beleg dafür, dass nackt grundsätzlich gesünder ist. Entscheidend ist vielmehr, dass der Körper nachts weder überhitzt noch auskühlt und dass wir gut schlafen.

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Christine Bürg & Marianne Waldenfels

Ein Interview mit
Dr. Paul Schuh