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31. August 2026
Christine Bürg & Marianne Waldenfels
Wegovy gibt es jetzt auch als Tablette. Doch ist die tägliche Abnehmpille wirklich eine Alternative zur wöchentlichen Spritze? Prof. Uwe Nixdorff erklärt die Unterschiede.

Mit
Prof. Dr. Uwe Nixdorff
Wegovy gibt es ab dem 1. September in Deutschland auch als Tablette. Damit kommt die erste orale Semaglutid-Therapie zur Gewichtsreduktion auf den deutschen Markt. Deutschland ist zugleich das erste Land in der EU, in dem die neue Wegovy-Tablette erhältlich ist.
Für viele dürfte das zunächst wie eine attraktive Alternative zur wöchentlichen Abnehmspritze klingen. Schließlich erscheint eine Tablette im Alltag einfacher und angenehmer als eine regelmäßige Injektion. Doch ganz so unkompliziert ist die Einnahme nicht. Und trotz desselben Wirkstoffs unterscheiden sich Tablette und Spritze in wichtigen Punkten.
Kann die Wegovy-Tablette also mit der Spritze mithalten – und für wen ist sie tatsächlich die bessere Wahl? Kardiologe und Präventivmediziner Prof. Dr. Uwe Nixdorff sieht in der neuen Darreichungsform großes Potenzial, erwartet aber nicht, dass sie die Spritze vollständig ablösen wird.
Ob sich die neue GLP-1-Tablette langfristig gegen die bekannten Injektionen durchsetzen wird, lässt sich aus Sicht von Prof. Uwe Nixdorff derzeit noch nicht seriös vorhersagen. Fest steht jedoch: Für viele Menschen dürfte eine Tablette zunächst attraktiver sein als eine Spritze.
Darauf verweist Nixdorff unter anderem mit einer Umfrage des Endokrinologen Prof. Jens Aberle vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. „Wenn Sie Menschen fragen, ob sie ein Medikament lieber spritzen oder als Tablette einnehmen möchten, sagen rund 90 Prozent: lieber Tabletten," so Nixdorff.
Neben der einfacheren Anwendung spiele auch die psychologische Komponente eine Rolle. „Für viele klingt eine Tablette weniger nach einer schweren Erkrankung. Das könnte Menschen helfen, für die eine Spritze bisher ein echtes Hindernis war.“
Gleichzeitig beobachtet der Kardiologe in seiner Praxis, dass die meisten Patientinnen und Patienten die wöchentliche Injektion gut akzeptieren. „Meine Erfahrung hat gezeigt, dass die Patientinnen und Patienten keine Probleme mit der Spritze haben."
Ganz so unkompliziert wie eine klassische Tablette ist die neue Therapie allerdings nicht. Während Wegovy als Spritze nur einmal pro Woche angewendet wird, muss die Tablette täglich eingenommen werden - morgens nach mindestens acht Stunden Fasten mit Wasser. Anschließend müssen Patientinnen und Patienten mindestens 30 Minuten warten, bevor sie essen, trinken oder andere Medikamente einnehmen.
Die aktuellen Zulassungsdaten zeigen, dass Wegovy auch als Tablette zu einer deutlichen Gewichtsabnahme führen kann. In der für die Zulassung relevanten Phase-III-Studie verloren Erwachsene mit Adipositas oder Übergewicht unter der täglichen Einnahme von 25 Milligramm oralem Semaglutid nach 64 Wochen durchschnittlich 13,6 Prozent ihres Körpergewichts. Unter Placebo waren es 2,2 Prozent. Rund drei Viertel der Teilnehmenden verloren mindestens fünf Prozent ihres Ausgangsgewichts.
Damit liegt die Gewichtsabnahme in einer ähnlichen Größenordnung wie bei der Wegovy-Spritze. In einer der großen Studien zur wöchentlichen Injektion mit 2,4 Milligramm Semaglutid verloren die Teilnehmenden nach 68 Wochen im Durchschnitt rund 15 Prozent ihres Körpergewichts. Direkt miteinander vergleichen lassen sich die Ergebnisse allerdings nicht, da sie aus unterschiedlichen Studien stammen.
Auffällig ist der große Unterschied bei der Dosierung: Während Wegovy als Injektion mit bis zu 2,4 Milligramm einmal pro Woche verabreicht wird, beträgt die reguläre Erhaltungsdosis der Tablette 25 Milligramm täglich. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Tablette stärker wirkt. Der Grund liegt vielmehr darin, dass nur ein kleiner Teil des oral eingenommenen Semaglutids vom Körper aufgenommen wird.
Darauf hatte auch Prof. Uwe Nixdorff bereits vor der Markteinführung hingewiesen: „Die Pharmakokinetik ist hier so, dass die Tablette nicht ganz so stark wirkt wie die subkutane Gabe. Deshalb ist die Dosierung auch deutlich höher.“
Die Zulassung der Wegovy-Tablette orientiert sich an denselben Kriterien wie die bisherige Spritzentherapie. Sie ist für Erwachsene mit Adipositas (BMI ab 30 kg/m²) oder für Menschen mit einem BMI ab 27 kg/m² vorgesehen, wenn bereits eine gewichtsbedingte Begleiterkrankung wie Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck oder Schlafapnoe vorliegt.
Ein Unterschied besteht allerdings beim Alter. „Zugelassen ist sie nur für Erwachsene, während die Spritzen bereits ab zwölf Jahren eingesetzt werden können."
Wie die Wegovy-Spritze müssen Patientinnen und Patienten die Tabletten zur Gewichtsreduktion in Deutschland grundsätzlich selbst bezahlen. Arzneimittel zur Gewichtsreduktion sind von der Erstattung durch die gesetzlichen Krankenkassen ausgeschlossen.
Zum Marktstart sind zunächst Packungen mit 30 Tabletten in den Dosierungen 1,5, 4 und 9 Milligramm gelistet. Für die 9-Milligramm-Dosis wird ein Apothekenverkaufspreis von 233,32 Euro angegeben. Die reguläre Erhaltungsdosis von 25 Milligramm war unmittelbar vor dem Marktstart noch nicht gelistet. Deshalb lässt sich derzeit noch kein endgültiger monatlicher Preis für die Dauertherapie nennen.
Wie die bekannte Wegovy-Spritze kann auch die Tablette vor allem Magen-Darm-Beschwerden verursachen. Zu den häufigsten Nebenwirkungen gehören Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Verstopfung und Bauchschmerzen. Nach Einschätzung der EMA ist das Sicherheitsprofil der täglichen Tablette insgesamt mit dem der wöchentlichen Wegovy-Spritze vergleichbar. Die Beschwerden treten insbesondere zu Beginn der Behandlung auf.
Ob die Tablette besser verträglich ist als die Spritze, lasse sich derzeit noch nicht sicher beurteilen, sagt Nixdorff. „Das muss man abwarten. Die Wirkung ist etwas geringer. Deshalb könnte sie möglicherweise auch etwas verträglicher sein."
Die orale GLP-1-Therapie dürfte nach Einschätzung von Nixdorff ohnehin nur ein weiterer Schritt in einer rasanten Entwicklung sein. Schon heute arbeiten mehrere Unternehmen an neuen Wirkstoffen, die gleichzeitig an mehreren Stoffwechselrezeptoren angreifen.
„Es wird Triple-Agonisten geben. Dabei werden GLP-1-, GIP- und Glukagon-Rezeptoren gleichzeitig aktiviert.“
Zu diesen Wirkstoffen gehört Retatrutid, das derzeit in Phase-III-Studien untersucht wird. Die bisherigen Ergebnisse deuten darauf hin, dass damit noch größere Gewichtsverluste möglich sein könnten als mit den derzeit verfügbaren GLP-1-Medikamenten.
Prof. Nixdorff: „Bei den Triple-Agonisten kommen wir bis auf 30 Prozent. Das ist schon ein Unterschied.“
Aus Sicht des Kardiologen werde deshalb ein Wettbewerb zwischen verschiedenen Wirkstoffklassen entstehen. Je nach Wirksamkeit, Verträglichkeit und Preis könnten sich unterschiedliche Therapien für verschiedene Patientengruppen etablieren
Trotz aller Fortschritte warnt Nixdorff davor, GLP-1-Medikamente als einfache Lösung zu betrachten. „Die Therapie ist Makulatur und würde ich ablehnen, wenn man sie ohne begleitende Beratung macht.“ Und weiter: „Wenn man das Medikament ausschleicht und nichts an seinem Lebensstil verändert, kommt es zum Jojoeffekt – und der ist in meinen Augen stärker als bei anderen Therapien."
Der Grund: Während der Gewichtsabnahme geht nicht nur Fettgewebe verloren, sondern auch Muskelmasse. Wird diese anschließend nicht durch Krafttraining und ausreichend Eiweiß erhalten oder wieder aufgebaut, steigt nach dem Absetzen vor allem der Fettanteil erneut an.
„Die Leute müssen unbedingt ihre Ernährung umstellen und sich bewegen. Idealerweise gehört auch Krafttraining dazu."
Gerade deshalb sieht der Kardiologe die Medikamente nicht als Ersatz für einen gesunden Lebensstil, sondern als Chance, Menschen mit Adipositas den Einstieg in ein nachhaltig gesünderes Leben zu erleichtern. Viele Betroffene hätten bereits zahlreiche Diäten hinter sich und litten seit Jahren unter ihrem Übergewicht.
„Es gibt Menschen, die es einfach nicht schaffen, abzunehmen, die seit Jahren oder Jahrzehnten an Übergewicht leiden. Wenn sie zehn oder zwanzig Kilogramm leichter sind, fühlen sie sich nicht nur wohler. Auch Stoffwechsel, Herzfunktion und Insulinresistenz verbessern sich deutlich.“
Die Wegovy-Tablette erweitert ab dem 1. September die Behandlungsmöglichkeiten bei Adipositas in Deutschland und dürfte vor allem für Menschen interessant sein, die sich nicht regelmäßig spritzen möchten. Automatisch bequemer ist sie allerdings nicht: Während die Injektion einmal wöchentlich erfolgt, muss die Tablette täglich nüchtern und unter bestimmten Einnahmebedingungen eingenommen werden.
Ob Tablette oder Spritze besser geeignet ist, dürfte deshalb von den individuellen Bedürfnissen, der Wirksamkeit und der Verträglichkeit abhängen. Für Prof. Uwe Nixdorff steht ohnehin weniger die Darreichungsform im Mittelpunkt als der langfristige Therapieerfolg. Und der hängt aus seiner Sicht nicht allein vom Medikament ab, sondern auch davon, ob Ernährung, Bewegung und Muskelaufbau dauerhaft in den Alltag integriert werden.

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