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23. Juli 2026
Christine Bürg & Marianne Waldenfels
Die erste GLP-1-Abnehmpille ist in der EU zugelassen. Kann sie mit Ozempic, Wegovy & Co. mithalten? Kardiologe Prof. Uwe Nixdorff erklärt, welche Vor- und Nachteile die Tablette gegenüber der Spritze hat.

Mit
Prof. Dr. Uwe Nixdorff
Die Erfolgsgeschichte der GLP-1-Medikamente geht in die nächste Runde: Mitte Juli hat die Europäische Kommission erstmals eine Abnehmpille auf Basis des Wirkstoffs Semaglutid zugelassen. Damit steht Menschen mit Adipositas künftig neben der wöchentlichen Spritze auch eine orale Therapieoption zur Verfügung.
Für viele dürfte das zunächst wie der lang ersehnte Durchbruch klingen. Schließlich erscheint eine Tablette im Alltag einfacher und angenehmer als eine regelmäßige Injektion. Doch kann sie mit der Wirksamkeit der bekannten GLP-1-Spritzen mithalten? Und könnte sie diese langfristig sogar ersetzen?
Kardiologe und Präventivmediziner Prof. Dr. Uwe Nixdorff sieht in der neuen Darreichungsform zwar großes Potenzial, erwartet aber nicht, dass sie die Spritze vollständig ablösen wird.
Ob sich die neue GLP-1-Tablette langfristig gegen die bekannten Injektionen durchsetzen wird, lässt sich aus Sicht von Prof. Uwe Nixdorff derzeit noch nicht seriös vorhersagen. Fest steht jedoch: Für viele Menschen dürfte eine Tablette zunächst attraktiver sein als eine Spritze.
Darauf verweist Nixdorff unter anderem mit einer Umfrage des Endokrinologen Prof. Jens Aberle vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. „Wenn Sie Menschen fragen, ob sie ein Medikament lieber spritzen oder als Tablette einnehmen möchten, sagen rund 90 Prozent: lieber Tabletten," so Nixdorff.“
Neben der einfacheren Anwendung spiele auch die psychologische Komponente eine Rolle.„Für viele klingt eine Tablette weniger nach einer schweren Erkrankung. Das könnte Menschen helfen, für die eine Spritze bisher ein echtes Hindernis war.“
Gleichzeitig beobachtet der Kardiologe in seiner Praxis, dass die meisten Patientinnen und Patienten die wöchentliche Injektion gut akzeptieren. „Meine Erfahrung hat gezeigt, dass die Patientinnen und Patienten keine Probleme mit der Spritze haben."
Ganz so unkompliziert wie eine klassische Tablette ist die neue Therapie nämlich nicht. Während die Spritze nur einmal pro Woche angewendet wird, muss die GLP-1-Tablette täglich morgens nüchtern eingenommen werden.

Die erste GLP-1-Abnehmpille ist in der EU zugelassen. Kann sie mit Ozempic, Wegovy & Co. mithalten? Kardiologe Prof. Uwe Nixdorff erklärt, welche Vor- und Nachteile die Tablette gegenüber der Spritze hat.
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Der entscheidende Unterschied liegt nach den bisherigen Studiendaten in der Wirksamkeit. Nach Einschätzung von Nixdorff erreichen die Tabletten nicht ganz die Effekte der bekannten GLP-1-Injektionen.
„Die Pharmakokinetik ist hier so, dass die Tablette nicht ganz so stark wirkt wie die subkutane Gabe. Deshalb ist die Dosierung auch deutlich höher.“
Zum Vergleich: Während Wegovy als Injektion mit einer Höchstdosis von 2,4 Milligramm pro Woche verabreicht wird, liegt die orale Therapie bei deutlich höheren Milligramm-Dosen. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie stärker wirkt. Vielmehr gleicht die höhere Dosierung die geringere Aufnahme des Wirkstoffs über den Darm aus.
Grundlage der europäischen Zulassung sind unter anderem die Ergebnisse der internationalen Phase-III-Studie OASIS 1, die im Fachjournal The Lancet veröffentlicht wurde. Darin verloren Erwachsene mit Übergewicht oder Adipositas unter oralem Semaglutid nach 68 Wochen durchschnittlich 15,1 Prozent ihres Körpergewichts, verglichen mit 2,4 Prozent unter Placebo.
Mehr als die Hälfte der Teilnehmenden erreichte sogar eine Gewichtsabnahme von mindestens 15 Prozent. Gleichzeitig zeigte sich ein ähnliches Nebenwirkungsprofil wie bei den bekannten GLP-1-Spritzen – insbesondere mit Übelkeit, Erbrechen, Durchfall und Verstopfung.
Die Zulassung der neuen Tablette orientiert sich an denselben Kriterien wie die bisherige Spritzentherapie. Sie ist für Erwachsene mit Adipositas (BMI ab 30 kg/m²) oder für Menschen mit einem BMI ab 27 kg/m² vorgesehen, wenn bereits eine gewichtsbedingte Begleiterkrankung wie Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck oder Schlafapnoe vorliegt.
Ein Unterschied besteht allerdings beim Alter. „ Zugelassen ist sie nur für Erwachsene, während die Spritzen bereits ab zwölf Jahren eingesetzt werden können."
Wie die bekannten GLP-1-Medikamente kann auch die Tablette Magen-Darm-Beschwerden verursachen. Übelkeit, Erbrechen oder Durchfall gehören zu den häufigsten Nebenwirkungen der Wirkstoffklasse.
Ob die Tablette insgesamt besser verträglich ist als die Spritze, lasse sich derzeit noch nicht sicher beurteilen, sagt Nixdorff. „Das muss man abwarten. Die Wirkung ist etwas geringer. Deshalb könnte sie möglicherweise auch etwas verträglicher sein."
Die orale GLP-1-Therapie dürfte nach Einschätzung von Nixdorff ohnehin nur ein weiterer Schritt in einer rasanten Entwicklung sein. Schon heute arbeiten mehrere Unternehmen an neuen Wirkstoffen, die gleichzeitig an mehreren Stoffwechselrezeptoren angreifen.
„Es wird Triple-Agonisten geben. Dabei werden GLP-1-, GIP- und Glukagon-Rezeptoren gleichzeitig aktiviert."
Erste Studien zeigen, dass diese Wirkstoffklasse das Potenzial für noch größere Gewichtsverluste haben könnte als die derzeit verfügbaren GLP-1-Medikamente.
Prof. Nixdorff: „Mit den Tabletten erreichen wir ungefähr 17 Prozent Gewichtsabnahme. Bei den Triple-Agonisten kommen wir bis auf 30 Prozent. Das ist schon ein Unterschied."
Aus Sicht des Kardiologen werde deshalb ein Wettbewerb zwischen verschiedenen Wirkstoffklassen entstehen. Je nach Wirksamkeit, Verträglichkeit und Preis könnten sich unterschiedliche Therapien für verschiedene Patientengruppen etablieren.
Trotz aller Fortschritte warnt Nixdorff davor, GLP-1-Medikamente als einfache Lösung zu betrachten. „Die Therapie ist Makulatur und würde ich ablehnen, wenn man sie ohne begleitende Beratung macht.“ Und weiter: „Wenn man das Medikament ausschleicht und nichts an seinem Lebensstil verändert, kommt es zum Jojoeffekt – und der ist in meinen Augen stärker als bei anderen Therapien."
Der Grund: Während der Gewichtsabnahme geht nicht nur Fettgewebe verloren, sondern auch Muskelmasse. Wird diese anschließend nicht durch Krafttraining und ausreichend Eiweiß erhalten oder wieder aufgebaut, steigt nach dem Absetzen vor allem der Fettanteil erneut an.
„Die Leute müssen unbedingt ihre Ernährung umstellen und sich bewegen. Idealerweise gehört auch Krafttraining dazu."
Gerade deshalb sieht der Kardiologe die Medikamente nicht als Ersatz für einen gesunden Lebensstil, sondern als Chance, Menschen mit Adipositas den Einstieg in ein nachhaltig gesünderes Leben zu erleichtern. Viele Betroffene hätten bereits zahlreiche Diäten hinter sich und litten seit Jahren unter ihrem Übergewicht.
„Es gibt Menschen, die es einfach nicht schaffen, abzunehmen, die seit Jahren oder Jahrzehnten an Übergewicht leiden. Wenn sie zehn oder zwanzig Kilogramm leichter sind, fühlen sie sich nicht nur wohler. Auch Stoffwechsel, Herzfunktion und Insulinresistenz verbessern sich deutlich.“
Die neue GLP-1-Tablette erweitert die Behandlungsmöglichkeiten bei Adipositas und dürfte für viele Menschen eine attraktive Alternative zur Spritze sein. Ein Ersatz für die bisherigen Injektionen ist sie nach derzeitigem Kenntnisstand jedoch nicht. Die Wirksamkeit fällt etwas geringer aus, zudem muss die Tablette täglich unter bestimmten Einnahmebedingungen eingenommen werden.
Für Prof. Uwe Nixdorff steht deshalb weniger die Darreichungsform im Mittelpunkt als der langfristige Therapieerfolg. Und der hängt aus seiner Sicht nicht allein vom Medikament ab, sondern vor allem davon, ob es gelingt, Ernährung, Bewegung und Muskelaufbau dauerhaft in den Alltag zu integrieren.