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5. August 2026
Marianne Waldenfels
Schlafstörungen sind weit mehr als ein lästiges Alltagsproblem. Dr. Leonie Maurer erklärt, wann aus schlechtem Schlaf eine chronische Insomnie wird, welche Therapien langfristig helfen und warum Schlafmittel meist nicht die beste Lösung sind.
Schlafstörungen gehören zu den häufigsten Gesundheitsproblemen überhaupt: Rund ein Drittel der Erwachsenen berichtet über Ein- oder Durchschlafprobleme, etwa jeder Zehnte leidet an einer chronischen Insomnie. Trotzdem suchen viele Betroffene erst spät Hilfe oder verlassen sich auf Schlafhygiene, Nahrungsergänzungsmittel oder Schlaftracker.
Dabei empfehlen medizinische Leitlinien bei chronischer Insomnie in erster Linie eine kognitive Verhaltenstherapie. Diese ist inzwischen auch digital verfügbar – etwa über somnio, die erste dauerhaft zugelassene App auf Rezept (DiGA) zur Behandlung von Insomnie.
Schlafforscherin Dr. Leonie Maurer erklärt im Interview, wann Schlafprobleme behandlungsbedürftig werden, warum Schlafmittel meist nur kurzfristig helfen und welche Rolle digitale Therapien künftig in der Versorgung spielen.
Frau Dr. Maurer, fast jeder schläft gelegentlich schlecht. Ab wann sprechen Sie aus medizinischer Sicht nicht mehr von einer schlechten Nacht, sondern von einer behandlungsbedürftigen Insomnie?
Von einer behandlungsbedürftigen Insomnie sprechen wir, wenn Ein- oder Durchschlafstörungen oder vorzeitiges Erwachen an mindestens drei Nächten pro Woche auftreten und über einen längeren Zeitraum bestehen – von einer chronischen Insomnie sprechen wir ab drei Monaten.
Entscheidend ist dabei nicht die reine Schlafdauer, sondern das Vorliegen einer relevanten Beeinträchtigung am Tag – etwa anhaltende Müdigkeit, verminderte Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit, Reizbarkeit oder eine zunehmende gedankliche Beschäftigung mit dem eigenen Schlaf. Gelegentlich schlechte Nächte, etwa in Phasen akuter Belastung, sind normal und in der Regel selbstlimitierend.
Behandlungsbedürftig wird die Insomnie vor allem dann, wenn die Beschwerden über längere Zeit anhalten, trotz ausreichender Schlafgelegenheit bestehen und einen relevanten Leidensdruck verursachen.
Viele Menschen glauben, sie bräuchten einfach mehr Disziplin oder bessere Schlafhygiene. Warum reicht das bei einer echten Insomnie häufig nicht aus?
Schlafhygiene ist eine sinnvolle Basis, in der Behandlung der Insomnie jedoch nachweislich von begrenzter Wirksamkeit. Chronische Ein- und Durchschlafstörungen (Insomnie) werden durch erlernte psychophysiologische Mechanismen aufrechterhalten – insbesondere eine konditionierte Assoziation von Bett und Wachsein, gedankliche Überaktivierung sowie erhöhte körperliche Anspannung.

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Diese Faktoren lassen sich mit allgemeinen Ratschlägen allein nicht ausreichend beeinflussen. Viele Menschen mit Insomnie achten bereits sehr bewusst auf ihre Schlafgewohnheiten und setzen zahlreiche Empfehlungen zur Schlafhygiene um. Dennoch reichen diese Maßnahmen häufig nicht aus. Wirksam sind die Kernkomponenten der kognitiven Verhaltenstherapie für Insomnie (KVT-I): Schlafrestriktion, Stimuluskontrolle und kognitive Umstrukturierung.
Es geht also nicht um mehr Disziplin, sondern um den Einsatz gezielter, evidenzbasierter Techniken, an denen die Betroffenen Schritt für Schritt aktiv arbeiten.
Welche Ursachen stecken am häufigsten hinter chronischen Schlafstörungen?
Der zentrale Risikofaktor für die Entwicklung einer Insomnie ist eine erhöhte Neigung, auf Belastung mit Schlafproblemen zu reagieren. Wer auf Stress mit gestörtem Schlaf reagiert, entwickelt eher eine chronische Insomnie. Meist entsteht eine Insomnie nicht durch eine einzelne Ursache, sondern durch das Zusammenspiel verschiedener Faktoren.
Dazu gehören prädisponierende Faktoren (z. B. genetische Veranlagung, erhöhte Erregbarkeit), auslösende Ereignisse (Stress, Verlust, Operationen) sowie Faktoren, die die Schlafstörung langfristig aufrechterhalten.
Frauen sind von Insomnie deutlich häufiger betroffen als Männer. Eine Rolle spielen dabei unter anderem hormonelle Übergangsphasen wie die Perimenopause und Menopause, in denen der Schlaf störanfälliger wird und mehr Aufmerksamkeit benötigt. Hinzu kommen häufig eine höhere Belastung durch Mehrfachrollen sowie eine stärkere Neigung zu gedanklichem Grübeln.
Häufig unterschätzt werden soziale Einflussgrößen wie Schichtarbeit, Mehrfachbeschäftigung und finanzielle Belastung. Zudem treten Schlafstörungen sehr häufig gemeinsam mit anderen Erkrankungen auf – etwa mit Depression, Angststörungen oder chronischen Schmerzen.
Welche gesundheitlichen Folgen kann eine unbehandelte Insomnie langfristig haben?
Am schnellsten und deutlichsten zeigen sich die Folgen einer Insomnie meist in der Hirnfunktion – verminderte Konzentrations- und Merkfähigkeit sowie eine erhöhte Fehleranfälligkeit und erschwerte Emotionsregulation. Darüber hinaus ist eine unbehandelte Insomnie ein eigenständiger Risikofaktor für die Entwicklung von Depressionen und Angststörungen. Gleichzeitig kann sie bestehende psychische Erkrankungen verstärken.
Zudem kann längerfristig anhaltend gestörter Schlaf kardiometabolische und kardiovaskuläre Prozesse ungünstig beeinflussen und die allgemeine Lebensqualität erheblich mindern.
Viele Menschen greifen zu Schlafmitteln. Wann können sie sinnvoll sein – und wo liegen ihre Grenzen?
Verschreibungspflichtige Schlafmedikamente können in akuten, kurzzeitig belastenden Situationen eine Option sein und bieten häufig eine rasche, symptomatische Linderung. Ihre Grenzen liegen allerdings darin, dass sie nicht die Ursachen der Insomnie behandeln, sondern vor allem die Symptome.
Bei längerfristiger Einnahme können Nebenwirkungen, eine Toleranzentwicklung und Abhängigkeit auftreten. Deshalb sind viele klassische Schlafmedikamente primär für den kurzfristigen Einsatz vorgesehen. Die Erstlinientherapie der chronischen Insomnie ist die kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie (KVT-I) und nicht die medikamentöse Behandlung.
Der verhaltenstherapeutische Weg ist zwar anspruchsvoller als die Einnahme einer Tablette, gibt Betroffenen langfristig aber die Möglichkeit, die Kontrolle über den eigenen Schlaf zurückzugewinnen.
Mit somnio gibt es inzwischen eine App auf Rezept gegen Insomnie. Für welche Patientinnen und Patienten eignet sich eine digitale Therapie besonders?
somnio setzt die leitlinienempfohlene KVT-I strukturiert und weitgehend eins zu eins digital um. Die Inhalte werden über aufeinander aufbauende Module vermittelt, begleitet von einem kontinuierlichen digitalen Schlaftagebuch. Voraussetzung ist – wie bei jeder Form der angeleiteten Selbsthilfe – die Motivation, aktiv am eigenen Schlaf zu arbeiten, sowie eine grundsätzliche Bereitschaft zur digitalen Anwendung.
Innerhalb dieser Voraussetzungen eignet sich die digitale Therapie über alle Altersgruppen und Geschlechter hinweg. Ein besonderer Vorteil liegt in der niederschwelligen Zugangsschwellt. Die Therapie kann orts- und zeitunabhängig genutzt werden und steht ohne lange Wartezeiten auf einen Therapieplatz zur Verfügung. Gerade das digitale Führen des Schlaftagebuchs erleichtert vielen Betroffenen die kontinuierliche Selbstbeobachtung und die Nachverfolgung des Therapiefortschritts.
Wie gut ist die Evidenz für digitale Anwendungen bei Schlafstörungen? Was zeigen die bisherigen Studien?
Die Evidenz für digitale Anwendungen ist heute deutlich besser, als viele Menschen vermuten. Damit eine Anwendung als digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) zugelassen und erstattungsfähig wird, muss sie drei Anforderungen erfüllen: die Zertifizierung als Medizinprodukt, den Nachweis höchster Anforderungen an Datenschutz und Datensicherheit sowie den Nachweis der klinischen Wirksamkeit.
Der Wirksamkeitsnachweis erfolgt in randomisiert-kontrollierten Studien gegenüber der Standardversorgung, in der Regel unter Berücksichtigung von Langzeiteffekten über drei bis sechs Monate.
Für somnio liegen mehrere randomisiert-kontrollierte Studien vor, die über alle Studien hinweg einen konsistent großen Effekt auf die Insomnieschwere zeigen. Ergänzend belegen Real-World-Analysen an mehreren tausend Nutzenden vergleichbare Response- und Remissionsraten unter Alltagsbedingungen; positive Effekte zeigen sich zudem bei komorbider Depression.
Konkret schlafen die Anwendenden im Durchschnitt rund 29 Minuten schneller ein und sind nachts etwa 64 Minuten weniger wach. Bei rund 64 % zeigen sich deutlich weniger Insomnie-Symptome, und rund 41 % weisen nach der Anwendung keine Insomnie-Symptome mehr auf.
Wo sehen Sie die Grenzen digitaler Therapien? Wann reicht eine App allein nicht mehr aus?
Eine App kann keine Diagnose stellen. Am Anfang sollte immer eine ärztliche oder fachliche Abklärung stehen, die prüft, welches Problem tatsächlich vorliegt und welche Behandlung geeignet ist – idealerweise ergänzt durch eine Verlaufskontrolle. An ihre Grenzen stößt eine digitale Therapie insbesondere bei komplexeren Konstellationen.
Etwa wenn neben der Insomnie beispielsweise eine Depression, eine Angststörung oder eine Suchterkrankung vorliegt, die vorrangig behandelt werden sollte muss eine Fachperson über das Vorgehen entscheiden. Auch akute, schwerwiegende psychiatrische Situationen erfordern eine persönliche Betreuung.
Digitale Anwendungen sind nicht als Ersatz, sondern als integraler Bestandteil der Versorgung zu verstehen: als niederschwelliger, sofort verfügbarer Einstieg, mit der Möglichkeit, bei Bedarf zu einer persönlichen Therapie zu eskalieren.
Viele Menschen versuchen ihren Schlaf mit Smart Rings oder Schlaftrackern zu optimieren. Können diese Geräte helfen – oder machen sie manche Menschen sogar noch schlaflos?
Wearables können durchaus hilfreich sein, um das Bewusstsein für die Bedeutung von Schlaf zu schärfen und eigene Schlafgewohnheiten besser zu beobachten. Gleichzeitig sollte man ihre Ergebnisse nicht als exakte Messung verstehen. Die automatische Erfassung von Schlafdauer und Schlafphasen bleibt eine Annäherung und kann von medizinischen Untersuchungen im Schlaflabor teilweise deutlich abweichen.
Problematisch wird es, wenn das Tracking zu einem zwanghaften Optimieren des Schlafs führt: Manche Menschen orientieren sich sehr stark an ihrem Schlaf-Score und bewerten die Qualität ihres Schlafs zunehmend anhand der Daten statt ihres eigenen Empfindens. In der Schlafmedizin wird dieses Phänomen als Orthosomnie bezeichnet.
In solchen Fällen kann ein Tracker sogar zusätzlichen Druck erzeugen und damit das Schlafproblem verstärken. Dann kann es sinnvoll sein, das Gerät bewusst einmal wegzulegen und sich wieder stärker am eigenen Schlafempfinden zu orientieren.
Welche Fehler beobachten Sie bei Menschen mit Schlafproblemen besonders häufig?
Ein häufiges Muster ist, den Stress des Tages nicht zu verarbeiten und mit ins Bett zu nehmen. Viele Betroffene schlafen im Urlaub deutlich besser als im Alltag, was zeigt, welchen Einfluss Belastungen und Anspannung auf den Schlaf haben können.
Gleichzeitig beobachten wir oft den Versuch, Schlaf aktiv kontrollieren zu wollen. Schlaf lässt sich jedoch nicht erzwingen. Man kann die Rahmenbedingungen günstig gestalten, den Schlaf selbst aber nicht willentlich herbeiführen. Der Versuch, ihn zu kontrollieren – etwa durch ständiges Auf-die-Uhr-Schauen – erhöht den Druck und hält eher wach.
Ein weiterer häufiger Fehler ist, aus Sorge um zu wenig Schlaf immer früher ins Bett zu gehen oder morgens lange liegen zu bleiben, um verpassten Schlaf „nachzuholen". Das schwächt jedoch den Schlafdruck und verlängert die Wachzeiten im Bett – ein Mechanismus, der die Schlafprobleme eher aufrechterhält als lindert. Außerdem werden Schlafprobleme oft sehr lange hingenommen oder mit Selbstmedikation überdeckt, bevor eine wirksame, ursachenorientierte Behandlung gesucht wird.
Gibt es neue Entwicklungen oder Forschungsergebnisse in der Schlafmedizin, die Sie persönlich besonders spannend finden?
Besonders spannend finde ich die Erkenntnis, dass Schlafstörungen selten isoliert auftreten. Wird der Schlaf bei komorbiden Erkrankungen wie Depression oder chronischem Schmerz mitbehandelt, verbessert sich häufig auch die Grunderkrankung. Der Schlaf ist für viele Betroffene ein gut zugänglicher Ansatzpunkt.
Gleichzeitig wird immer deutlicher, wie eng Schlaf mit der langfristigen Gesundheit des Gehirns verknüpft ist. Guter Schlaf scheint eine wichtige Rolle bei Regenerations- und „Aufräumprozessen" im Gehirn zu spielen – ein Feld, das auch im Hinblick auf die Vorbeugung neurodegenerativer Erkrankungen (z.B.: Alzheimer) zunehmend an Bedeutung gewinnt.
In sozialen Netzwerken kursieren unzählige Tipps – von Magnesium bis Mouth Taping. Welche Trends sehen Sie kritisch und welche sind tatsächlich sinnvoll?
Viele Trends in sozialen Netzwerken sind deutlich populärer als wissenschaftlich belegt. Mouth Taping beispielsweise ist bei unerkannter Schlafapnoe potenziell riskant und bislang wissenschaftlich nur unzureichend untersucht. Magnesium ist nur bei nachgewiesenem Mangel sinnvoll und kein etabliertes Therapeutikum zur Behandlung einer Insomnie.
Und auch Melatonin wird häufig missverstanden: Es ist ein körpereigener Taktgeber des Schlaf-Wach-Rhythmus, aber keine klassische „Schlaftablette“, und wird bei Insomnie nicht als Standardtherapie empfohlen. Gut belegt sind hingegen regelmäßige Schlaf-Wach-Zeiten, viel Tageslicht am Tag und Dunkelheit in der Nacht (Licht ist der stärkste Taktgeber), eine ruhige Schlafumgebung sowie das Achten auf die eigenen Müdigkeitssignale.
Bei einer manifesten Insomnie bleibt jedoch die KVT-I die wirksamste Maßnahme. Der neueste Social-Media-Trend ersetzt keine evidenzbasierte Behandlung.

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Dr. Leonie Maurer, Expertin für Schlafforschung