
© Marek Kupiec
2. August 2026
Marianne Waldenfels
Eine neue Laborstudie zeigt: Der Zuckerersatz Erythrit kann die Blut-Hirn-Schranke schädigen und Blutgerinnsel begünstigen. Was das für Ihren Alltag bedeutet.
Erythrit gilt vielen als die gesündere Alternative zu Zucker. Doch ausgerechnet der beliebte Süßstoff steht erneut in der Kritik. Eine neue Laborstudie der University of Colorado Boulder liefert Hinweise darauf, dass Erythrit Blutgefäßzellen im Gehirn schädigen und damit Prozesse fördern könnte, die das Risiko für einen ischämischen Schlaganfall erhöhen.
Untersucht wurden allerdings ausschließlich menschliche Zellen im Labor, nicht lebende Menschen. Die Ergebnisse liefern damit keinen Beweis für ein erhöhtes Schlaganfallrisiko, könnten aber erstmals erklären, warum frühere Beobachtungsstudien hohe Erythrit-Blutwerte mit einem erhöhten Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle in Verbindung brachten.
Erythrit (E 968) ist ein sogenannter Zuckeralkohol, der meist durch Fermentation von Mais gewonnen wird. Er ist seit 2001 in den USA als Lebensmittelzusatzstoff zugelassen und mittlerweile in zahlreichen Produkten enthalten, etwa in kalorienreduzierten oder "sugar-free“ Getränken, Keto- und Low-Carb-Lebensmitteln, proteinreichen Riegeln und Snacks und Backwaren und Süßigkeiten für Diabetiker.
Der Stoff ist bei Herstellern beliebt, weil er nahezu kalorienfrei ist, mit rund 60 bis 80 Prozent der Süßkraft von Haushaltszucker punktet und den Insulinspiegel kaum beeinflusst.
Das Team um die Physiologin Auburn Berry und den leitenden Wissenschaftler Prof. Christopher A. DeSouza vom Integrative Vascular Biology Lab der University of Colorado Boulder veröffentlichte seine Ergebnisse im Fachjournal Journal of Applied Physiology.
Für das Experiment setzten die Forscher menschliche mikrovaskuläre Endothelzellen des Gehirns – also Zellen, die die Innenwände kleiner Hirngefäße auskleiden und Teil der Blut-Hirn-Schranke sind – 24 Stunden lang einer Erythrit-Konzentration von 6 Millimol aus. Diese Menge orientiert sich an dem, was nach dem Konsum eines künstlich gesüßten Getränks realistischerweise im Blut ankommt.
Die Blut-Hirn-Schranke reguliert normalerweise, welche Stoffe aus dem Blut ins Gehirn gelangen: Sauerstoff und Nährstoffe werden durchgelassen, potenziell schädliche Substanzen und Erreger weitgehend zurückgehalten. Laut der Studie zeigten die mit Erythrit behandelten Zellen mehrere ungünstige Veränderungen gleichzeitig:

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• Weniger Stickstoffmonoxid: Dieses Molekül erweitert normalerweise die Blutgefäße; sein Rückgang begünstigt eine Gefäßverengung.
• Mehr Endothelin-1: Dieses Protein wirkt gefäßverengend und war nach der Behandlung erhöht.
• Weniger gewebespezifischer Plasminogenaktivator (t-PA): Dieses Enzym hilft normalerweise, Blutgerinnsel aufzulösen; seine reduzierte Freisetzung kann die körpereigene Gerinnselauflösung schwächen.
• Mehr oxidativer Stress: Die Zellen produzierten vermehrt freie Radikale, die Zellstrukturen zusätzlich belasten können.
In der Kombination, so die Autoren, ergibt sich ein Bild, das die Entstehung von Gefäßverengungen und Blutgerinnseln im Gehirn begünstigen könnte – zwei zentrale Mechanismen bei einem ischämischen Schlaganfall, bei dem ein Gerinnsel den Blutfluss zum Gehirn blockiert.
• Reine Zellkulturstudie: Es wurden isolierte Zellen im Labor untersucht, keine Tiere oder Menschen. Ob und in welchem Ausmaß sich die Effekte im lebenden Organismus genauso zeigen, ist damit nicht belegt.
• Einmalige, kurze Exposition: Die Zellen wurden nur 24 Stunden lang einer einzigen Erythrit-Konzentration ausgesetzt. Wie sich wiederholter, langfristiger Konsum auswirkt, wurde nicht getestet.
• Kein direkter Kausalitätsnachweis am Menschen: Die Studie liefert einen plausiblen biologischen Mechanismus, ersetzt aber keine kontrollierten Studien an Menschen, die einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Erythrit-Konsum und tatsächlich erlittenen Schlaganfällen belegen müssten.
Die Autoren selbst ordnen ihre Arbeit als Ergänzung zu früheren epidemiologischen Beobachtungsstudien ein, die einen statistischen Zusammenhang zwischen höheren Erythrit-Blutwerten und einem gesteigerten Schlaganfall-, Herzinfarkt- und Thromboserisiko beschrieben hatten – ohne bislang zu erklären, warum dieser Zusammenhang bestehen könnte. Genau diese Erklärungslücke soll die neue Laborarbeit ein Stück weit schließen.
Die neuen Zellversuche stehen nicht für sich allein, sondern reihen sich in eine wachsende Zahl von Arbeiten ein, die Erythrit kritisch beleuchten. Den Ausgangspunkt der aktuellen Debatte bildete eine 2023 im Fachjournal Nature Medicine veröffentlichte Studie eines Teams um Dr. Marco Witkowski und Prof. Stanley L. Hazen von der Cleveland Clinic in Ohio.
Die Forscher analysierten zunächst Blutproben von mehr als 1.100 Menschen mit erhöhtem Herz-Kreislauf-Risiko und identifizierten Erythrit als einen der Stoffe, dessen Blutspiegel besonders eng mit späteren schweren Herz-Kreislauf-Ereignissen zusammenhing.
In zwei weiteren Studiengruppen in den USA und Europa bestätigte sich der Zusammenhang: Personen mit den höchsten Erythrit-Blutwerten hatten ein etwa 1,8- bis 2,2-fach höheres Risiko für Tod, Herzinfarkt oder Schlaganfall als diejenigen mit den niedrigsten Werten.
Ergänzende Labor- und Tierversuche deuteten zudem darauf hin, dass Erythrit die Aktivierung von Blutplättchen fördern und damit die Bildung von Blutgerinnseln begünstigen könnte.
Allerdings hatte auch diese Studie wichtige Einschränkungen. Untersucht wurden vor allem Menschen mit bereits erhöhtem Herz-Kreislauf-Risiko. Zudem wurden die Erythrit-Blutwerte nur einmal zu Studienbeginn gemessen, und es ließ sich nicht eindeutig unterscheiden, ob sie auf zugesetztes Erythrit in Lebensmitteln oder teilweise auf die körpereigene Produktion zurückzuführen waren.
Erythrit steht mit dieser Kritik nicht allein da. Dieselbe Forschungsgruppe um Stanley Hazen veröffentlichte 2024 im European Heart Journal eine vergleichbare Untersuchung zum verwandten Zuckeralkohol Xylit, der unter anderem in zuckerfreien Kaugummis, Bonbons und Zahnpflegeprodukten steckt.
In einer Analyse von mehr als 3.000 Patientinnen und Patienten in den USA und Europa war ein hoher Xylit-Blutspiegel mit einem um rund 57 Prozent gesteigerten Risiko für schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse innerhalb von drei Jahren verbunden.
Für Verbraucherinnen und Verbraucher bedeutet das: Ein pauschaler Wechsel von einem Zuckeralkohol zum nächsten löst das mögliche Risiko nicht automatisch – beide Stoffe stehen inzwischen wegen ähnlicher Wirkmechanismen in der Diskussion.
Noch gibt es keinen Grund, erythrithaltige Lebensmittel grundsätzlich zu meiden. Die neue Studie unterstreicht jedoch, dass „zuckerfrei“ nicht automatisch „gesund“ bedeutet. Zwar muss sich erst in Studien am Menschen zeigen, ob sich die Laborergebnisse tatsächlich bestätigen. Bis dahin dürfte ein bewusster Umgang mit stark verarbeiteten, künstlich gesüßten Produkten die vernünftigste Strategie sein.
Erythrit muss in der EU als Zutat gekennzeichnet werden, taucht aber unter verschiedenen Bezeichnungen auf. Wer seinen Konsum im Blick behalten möchte, kann auf folgende Angaben achten:
• die Bezeichnung "Erythrit" oder "Erythritol" ausgeschrieben in der Zutatenliste
• die E-Nummer E 968
• Sammelbegriffe wie "Zuckeraustauschstoff" oder "Süßungsmittel", die häufig zusätzlich auf der Verpackung stehen
• Produktbeschreibungen wie "zuckerfrei", "kalorienreduziert" oder "keto-freundlich", die einen genaueren Blick auf die Zutatenliste lohnenswert machen
Da Erythrit meist in Kombination mit anderen Süßstoffen wie Stevia oder Sucralose eingesetzt wird, steht er nicht immer als alleinige Zutat an erster Stelle – ein Blick auf die vollständige Liste lohnt sich trotzdem.
Die bisherigen Studien geben darauf keine abschließende Antwort. Die Cleveland-Clinic-Untersuchung von 2023 bezog sich vor allem auf Menschen, die bereits ein erhöhtes Herz-Kreislauf-Risiko hatten. Ob gesunde Menschen ohne Vorbelastung durch üblichen Erythrit-Konsum ein ähnlich erhöhtes Risiko tragen, ist bislang nicht ausreichend untersucht.
Eine konkrete Grenzmenge, ab der ein erhöhtes Schlaganfallrisiko beginnt, lässt sich aus den vorliegenden Daten nicht ableiten. Die Zellstudie der University of Colorado orientierte sich an Konzentrationen, wie sie nach dem Konsum eines künstlich gesüßten Getränks im Blut auftreten können – Aussagen zu einer sicheren Tagesmenge lassen sich daraus jedoch nicht direkt ableiten.
Erythrit kommt in geringen Mengen natürlicherweise etwa in Melonen, Trauben oder fermentierten Lebensmitteln vor sowie als körpereigenes Stoffwechselprodukt. Die in den Studien gemessenen beziehungsweise eingesetzten Konzentrationen lagen deutlich über solchen natürlichen Werten, da als Süßstoff zugesetztes Erythrit die Blutspiegel um ein Vielfaches stärker anhebt als die geringen Mengen aus natürlichen Quellen.