
© Niki Clark
20. September 2026
Marianne Waldenfels
Kürbis ist gut für den Darm – und offenbar nicht nur wegen seiner Ballaststoffe. Neue Studien zeigen, was bestimmte Kürbisbestandteile im Dickdarm bewirken können
Kürbis hat jetzt Hochsaison. Dass er Ballaststoffe liefert, ist bekannt. Neuere Studien zeigen nun, dass bestimmte Inhaltsstoffe auch direkt von unseren Darmbakterien verwertet werden können. Dabei entstehen kurzkettige Fettsäuren, die für einen gesunden Darm wichtig sind: Sie versorgen unter anderem die Zellen der Darmschleimhaut mit Energie und unterstützen die Darmbarriere.
Im Mittelpunkt stehen sogenannte Polysaccharide. Diese komplexen Kohlenhydrate werden von unseren Verdauungsenzymen nur schwer zerlegt und können deshalb bis zu den Darmbakterien gelangen. Was dort mit ihnen geschieht, haben mehrere Forschungsgruppen in den vergangenen beiden Jahren genauer untersucht.
Eine 2025 in Food Chemistry veröffentlichte Studie simulierte zunächst die menschliche Verdauung. Dabei zeigte sich, dass die untersuchten Kürbis-Polysaccharide im Magen weitgehend stabil blieben und auch im Dünndarm nur geringfügig abgebaut wurden.
Anschließend wurden sie mit Darmbakterien aus Stuhlproben gesunder Menschen fermentiert. Dabei entstanden vermehrt kurzkettige Fettsäuren, insbesondere Acetat. Auch die Zusammensetzung der Bakteriengemeinschaft veränderte sich: Lactobacillus nahm zu, während Escherichia-Shigella zurückging.
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass bestimmte Kürbis-Polysaccharide präbiotisches Potenzial haben: Sie gelangen bis zu den Darmbakterien, werden dort fermentiert und beeinflussen dabei deren Stoffwechsel.
Wenn Darmbakterien bestimmte Kohlenhydrate verwerten, entstehen kurzkettige Fettsäuren wie Acetat, Propionat und Butyrat. Sie gehören zu den wichtigsten Stoffwechselprodukten des Darmmikrobioms und erfüllen im Darm verschiedene Aufgaben.
Besonders bedeutsam ist Butyrat. Die Fettsäure liefert den Zellen der Darmschleimhaut Energie und unterstützt die Darmbarriere, also jene Schutzschicht, die das Darminnere vom übrigen Körper abgrenzt. Kurzkettige Fettsäuren beeinflussen zudem Prozesse des Immunsystems und der Entzündungsregulation.
Dass Kürbis-Polysaccharide die Bildung dieser Fettsäuren fördern können, zeigte auch eine zweite Studie aus dem Jahr 2025. Die untersuchten Polysaccharide überstanden die simulierte Verdauung weitgehend und wurden anschließend von menschlichen Darmbakterien fermentiert. Nach 48 Stunden lag die Gesamtmenge der kurzkettigen Fettsäuren rund 24 Prozent höher als in der Kontrollgruppe.
Die Forschenden untersuchten außerdem die bei der Fermentation entstandenen Stoffe in Zellkulturen. Dort gingen die entzündungsfördernden Botenstoffe TNF-α und IL-6 zurück, während das entzündungsregulierende IL-10 zunahm. Das beweist noch keine entzündungshemmende Wirkung von Kürbis beim Menschen, zeigt aber, dass die Stoffe, die Darmbakterien aus den Kürbisbestandteilen bilden, biologisch aktiv sein können.
Eine 2026 in Food Research International veröffentlichte Studie untersuchte die Kürbis-Polysaccharide unter anderen Bedingungen: Die Darmbakterien stammten diesmal aus Stuhlproben von Menschen mit Verstopfung.
Auch diese Darmbakterien konnten die Kürbis-Polysaccharide verwerten. Dabei nahm der Anteil bestimmter Butyrat-produzierender Bakterien zu, während Escherichia-Shigella zurückging. Gleichzeitig wurden mehr kurzkettige Fettsäuren gebildet. Bemerkenswert war außerdem, dass bei der Fermentation vergleichsweise wenig Gas entstand.
Damit zeigt sich in mehreren aktuellen Untersuchungen ein ähnliches Muster: Bestimmte Kürbis-Polysaccharide erreichen die Darmbakterien, werden von ihnen verwertet und fördern dabei die Bildung von Stoffen, die für die Darmgesundheit wichtig sind. Die jüngste Studie deutet darauf hin, dass dies auch bei einer Darmflora funktionieren könnte, die sich durch Verstopfung bereits verändert hat.
Das lässt sich aus der neuen Studie nicht beantworten. Zwar stammten die untersuchten Darmbakterien von Menschen mit Verstopfung, die Betroffenen selbst bekamen jedoch keinen Kürbis zu essen. Untersucht wurde ausschließlich, was außerhalb des Körpers geschah, wenn ihre Darmbakterien mit isolierten Kürbis-Polysacchariden in Kontakt kamen.
Dass dabei unter anderem Butyrat-produzierende Bakterien zunahmen und mehr kurzkettige Fettsäuren entstanden, ist dennoch relevant.
Hokkaido, Butternut oder Muskatkürbis – bislang gibt es keine Studie, die zeigt, dass eine dieser Sorten für den Darm besonders günstig ist. Die neuen Untersuchungen beschäftigten sich mit isolierten Polysacchariden und erlauben keinen direkten Vergleich der Kürbissorten, die bei uns üblicherweise gegessen werden.
Auch eine bestimmte Menge lässt sich aus den Studien nicht ableiten. Es gibt also derzeit weder den „besten“ Kürbis für den Darm noch eine Portion, ab der ein besonderer Effekt auf das Mikrobiom zu erwarten wäre.
Kürbis wird meist gekocht, gedämpft oder im Ofen gegart. Verliert er dadurch ausgerechnet die Bestandteile, die für den Darm interessant sind? Dafür gibt es bislang keinen Hinweis. Eine 2026 veröffentlichte Studie zeigt allerdings, dass die Zubereitung die Zusammensetzung einzelner Inhaltsstoffe verändern kann und dass es dabei Unterschiede zwischen Kochen, Dämpfen und Backen gibt.
Ob und wie stark das Garen speziell die Polysaccharide verändert, die in den neuen Mikrobiomstudien untersucht wurden, lässt sich daraus nicht beantworten. Es gibt daher bislang auch keine Zubereitungsart, die sich für den Darm besonders empfehlen ließe. Wer Kürbis als Suppe oder Ofengemüse isst, muss nach derzeitigem Forschungsstand aber nicht davon ausgehen, dass seine für den Darm interessanten Eigenschaften durch das Garen verloren gehen.
Die neuen Studien zeigen, dass Kürbis auf mehreren Wegen zur Darmgesundheit beitragen kann. Neben den Ballaststoffen spielen dabei bestimmte Polysaccharide eine Rolle: Sie gelangen bis zu den Darmbakterien, werden dort verwertet und fördern die Bildung kurzkettiger Fettsäuren, die unter anderem für Darmschleimhaut und Darmbarriere wichtig sind.
Wie stark dieser Effekt nach einer normalen Portion Kürbis ausfällt, müssen Humanstudien noch zeigen. Die bisherigen Ergebnisse liefern aber schon jetzt eine gute Erklärung dafür, warum Kürbis für den Darm wertvoll sein kann.