
© Enis Yavuz
4. August 2026
Christine Bürg & Marianne Waldenfels
Stress, Ernährung oder Knirschen: Unsere Zähne verändern sich mit dem Alter – oft früher als gedacht. Zahnarzt Dr. Paul Leonhard Schuh erklärt, welche Rolle Zahnfleisch und Lebensstil spielen und welche ästhetischen Behandlungen heute wirklich sinnvoll sind

Ein Interview mit
Dr. Paul Schuh
Schöne Zähne beeinflussen die gesamte Ausstrahlung und können ein Gesicht jünger wirken lassen. Gleichzeitig hinterlassen Stress, Zähneknirschen oder Zahnfleischerkrankungen oft sichtbare Spuren. Zahnarzt Dr. Paul Leonhard Schuh erklärt, welche Faktoren unsere Zähne altern lassen, warum Funktion und Ästhetik untrennbar zusammengehören und welche Möglichkeiten die moderne Zahnmedizin heute bietet.
Herr Dr. Schuh, viele Menschen wünschen sich möglichst lange junge und gesunde Zähne. Woran erkennt man eigentlich junge Zähne – und was verändert sich im Laufe des Lebens?
Junge Zähne zeichnen sich durch harmonische Formen, eine natürliche Farbe und eine intakte Oberfläche ohne Abrieb aus. Gleichzeitig müssen sie zum Zahnfleisch, zum Lächeln und zum gesamten Gesicht passen. Denn für ein natürliches Erscheinungsbild ist nicht nur der einzelne Zahn entscheidend, sondern das Zusammenspiel aller Strukturen.
Mit zunehmendem Alter verändert sich dieses Gleichgewicht. Die Zähne nutzen sich ab, das Zahnfleisch kann sich zurückziehen und die Proportionen des Lächelns verändern sich. Hinzu kommen funktionelle Einflüsse: Kiefergelenke, Muskulatur und sogar die Körperhaltung stehen mit den Zähnen in Verbindung. Auch Stress spielt eine große Rolle. Wer häufig mit den Zähnen presst oder knirscht, beschleunigt den natürlichen Abrieb und lässt die Zähne schneller altern.
Welche Rolle spielt das Zahnfleisch dabei?
Eine sehr große. Gesundes Zahnfleisch gehört genauso zu einem jungen Lächeln wie gesunde Zähne. Geht das Zahnfleisch durch Entzündungen oder eine Parodontitis zurück, wirken die Zähne länger und zwischen ihnen entstehen dunkle Zwischenräume. Das lässt das gesamte Gesicht oft älter erscheinen.
Deshalb gehört zur Prävention nicht nur die Pflege der Zähne, sondern auch der Erhalt eines gesunden Zahnfleischs.
Was kann man dafür tun, das Zahnfleisch möglichst lange gesund zu halten?
Natürlich ist eine gute Mundhygiene wichtig. Ich glaube aber, dass die Ernährung einen deutlich größeren Einfluss auf gesundes Zahnfleisch hat, als wir heute wissenschaftlich bereits belegen können.
Wer sich ausgewogen ernährt und mögliche Nährstoffdefizite ausgleicht, hat aus meiner Sicht gute Voraussetzungen, Zahnfleisch und Knochen langfristig gesund zu erhalten. Auch Menschen mit einer genetischen Veranlagung können dadurch häufig länger gesundes Zahnfleisch behalten. Ernährung wird deshalb künftig eine noch größere Rolle in der Prävention spielen.
Sie haben die Ernährung bereits angesprochen. Worauf sollte man aus zahnmedizinischer Sicht besonders achten?
Ernährung ist ein Thema, mit dem ich mich intensiv beschäftige. Gerade weil die Mundhöhle die Eintrittspforte in den Körper ist, spielt sie für die Mundgesundheit eine wichtige Rolle.
Ein entscheidender Faktor ist natürlich Zucker. Aber auch stark säurehaltige Lebensmittel können den Zahnschmelz angreifen. Darüber hinaus gibt es Lebensmittel, die Entzündungsprozesse begünstigen können. Deshalb halte ich eine ausgewogene, überwiegend pflanzenbasierte Ernährung mit einer ausreichenden Eiweißversorgung für sinnvoll.
Auch Mikronährstoffe können eine Rolle spielen. Besonders spannend finde ich derzeit den Einfluss der B-Vitamine auf die Knochengesundheit und die Wundheilung. Es gibt aktuelle Untersuchungen, die der Frage nachgehen, welchen Einfluss ein guter Vitamin-B-Spiegel nach chirurgischen Eingriffen haben könnte. Wir wissen noch nicht auf alles eine Antwort, aber wir wissen heute deutlich besser, worauf wir achten sollten.
Welche Faktoren beschleunigen die Alterung der Zähne?
Aus meiner Sicht ist Stress einer der größten Faktoren. Bei Patienten, die wir über viele Jahre begleiten, sehen wir häufig, dass sich besonders belastende Lebensphasen auch an den Zähnen bemerkbar machen.
Viele Menschen verarbeiten Stress nachts unbewusst mit den Zähnen. Sie knirschen, pressen oder reiben die Zähne aufeinander. Deshalb arbeiten wir häufig mit Aufbissschienen, die die Zähne schützen sowie Kiefergelenke und Muskulatur entlasten.
Aber auch tagsüber pressen viele Menschen unbewusst die Zähne zusammen – etwa in stressigen Situationen oder bei konzentrierter Arbeit. Selbst im Kraftsport beobachten wir das häufig. Dadurch nutzen sich die Zähne schneller ab und verlieren an Länge. Ein gewisser Abrieb gehört zwar zum natürlichen Alterungsprozess. Wird er jedoch durch dauerhaftes Pressen oder Knirschen verstärkt, altern die Zähne deutlich schneller.
Worauf kommt es an, bevor Sie einem Patienten eine ästhetische Behandlung empfehlen?
Zunächst einmal höre ich genau zu. Ich möchte verstehen, welche Erwartungen der Patient hat. Das ist aus meiner Sicht einer der wichtigsten Schritte überhaupt.
Medizinisch können wir heute sehr vieles machen. Aber wenn wir an den Vorstellungen des Patienten vorbeibehandeln, entsteht am Ende kein gutes Ergebnis.
Deshalb betrachten wir Ästhetik und Funktion immer gemeinsam. Reine ästhetische Korrekturen führen wir nicht durch, ohne die Funktion zu beurteilen. Denn nur wenn das Gebiss funktionell im Gleichgewicht ist, kann das Ergebnis langfristig stabil bleiben.
Manchmal reicht dafür eine kleine Korrektur aus. Manchmal ist ein Zahn nach einem Unfall beschädigt oder die Zahnform entspricht einfach nicht den eigenen Vorstellungen. Entscheidend ist immer die Frage: Funktioniert die geplante Lösung auch langfristig?
Transparente Zahnschienen wie Invisalign sind heute weit verbreitet. Warum gehören sie inzwischen so häufig zu einer ästhetischen Behandlung?
Invisalign ist im Grunde eine kieferorthopädische Behandlung mit transparenten Schienen. Der große Vorteil ist, dass wir heute schon mit kleinen Zahnbewegungen sehr viel erreichen können.
Deshalb gehört eine solche Behandlung inzwischen häufig zu unserem Therapiekonzept. Wenn wir die Zähne zunächst in die richtige Position bringen, können wir später oft deutlich minimalinvasiver arbeiten. Manchmal lassen sich dadurch sogar aufwendigere Versorgungen vermeiden und dennoch ein sehr schönes ästhetisches Ergebnis erzielen.
Eine ästhetische Zahnbehandlung ist oft mit einer größeren Investition verbunden. Wie können Patienten schon vorab einschätzen, ob ihnen das Ergebnis später wirklich gefallen wird?
Hier hat die Digitalisierung enorme Fortschritte gebracht. Früher konnten wir Patienten ein Gipsmodell zeigen und erklären, wie das spätere Ergebnis aussehen könnte. Das erforderte allerdings viel Vorstellungskraft.
Heute arbeiten wir mit einem digitalen Smile Design. Dabei analysieren wir Gesicht, Lippen, Zahnfleisch und Zahnstellung und können das geplante Ergebnis schon vor Beginn der Behandlung visualisieren. So lässt sich die Erwartungshaltung viel besser abstimmen.
Besonders spannend ist, dass wir dafür inzwischen auch künstliche Intelligenz einsetzen. Sie analysiert die Gesichtsproportionen und schlägt auf Basis natürlicher Zahnformen eine passende Zahnästhetik vor. Unsere Patienten können sich das geplante Ergebnis anschließend sogar per Vorher-Nachher-Vergleich in einer App ansehen.
Der große Vorteil ist, dass wir nichts zeigen, was später nicht umsetzbar wäre. Die vorgeschlagenen Zahnformen stammen aus realen Datensätzen und können anschließend genauso gefertigt werden. Das gibt sowohl dem Patienten als auch uns deutlich mehr Sicherheit.
Veneers gehören zu den bekanntesten ästhetischen Behandlungen. Wann sind sie sinnvoll?
Veneers sind dünne Keramikschalen, mit denen sich Form und Farbe der Zähne dauerhaft verbessern lassen. Sie kommen vor allem dann infrage, wenn sich das gewünschte Ergebnis mit minimalinvasiveren Methoden nicht mehr erreichen lässt.
Viele Patienten fragen, ob dafür gesunde Zahnsubstanz abgeschliffen werden muss. Das ist heute längst nicht mehr immer der Fall. Wenn die Zahnstellung zuvor beispielsweise mit Invisalign korrigiert wurde, können wir häufig deutlich schonender arbeiten. In manchen Fällen ist sogar gar keine Präparation notwendig.
Wie lange Veneers halten, hängt vor allem davon ab, wie präzise gearbeitet wird – von der Vorbereitung über die Verklebung bis hin zur Mundhygiene des Patienten. Eine entscheidende Rolle spielt dabei auch der Zahntechniker. Je besser die Zusammenarbeit zwischen Zahnarzt und Zahntechniker funktioniert, desto natürlicher und langlebiger wird das Ergebnis.
Das Thema Bleaching beschäftigt viele Menschen. Was raten Sie Ihren Patienten?
Bleaching ist natürlich ein großes Thema. Von Bleaching-Zahnpasten halte ich allerdings wenig. Sie enthalten meist stärkere Schleifkörper, die zwar oberflächliche Verfärbungen entfernen können, langfristig aber auch Zahnschmelz abtragen. Der aufhellende Effekt ist häufig deutlich geringer, als viele erwarten.
Ein professionelles Bleaching ist dagegen bei gesunden Zähnen grundsätzlich unbedenklich. Entscheidend sind die Konzentration des Bleichmittels und die Einwirkzeit. Beides lässt sich in der Praxis genau steuern.
Während oder kurz nach der Behandlung können die Zähne vorübergehend empfindlicher sein. Diese Empfindlichkeit klingt aber in der Regel nach kurzer Zeit wieder ab.
Wie lange hält das Ergebnis an?
Man gewöhnt sich sehr schnell an die neue Zahnfarbe. Deshalb hellen wir die Zähne zunächst meist etwas stärker auf, weil sie mit der Zeit wieder leicht nachdunkeln.
In der Regel reicht es aus, ein Bleaching etwa alle zwei bis drei Jahre aufzufrischen.
Wichtig ist außerdem zu wissen, dass sich nur natürliche Zähne aufhellen lassen. Füllungen, Veneers oder andere keramische Versorgungen verändern ihre Farbe nicht. Deshalb sollte man vor einem Bleaching immer prüfen, welche Restaurationen bereits vorhanden sind.
Gibt es Menschen, denen Sie von einem Bleaching abraten?
Ja. Bei bestimmten Erkrankungen des Zahnschmelzes, etwa bei sogenannten Kreidezähnen (MIH), sollte man auf ein Bleaching verzichten, weil der Zahnschmelz bereits geschädigt ist.
Außerdem fällt der Effekt im höheren Alter meist geringer aus. Mit zunehmendem Alter bildet sich mehr Dentin, während der Zahnschmelz transparenter wird. Dadurch lassen sich die Zähne nicht mehr so stark aufhellen wie in jungen Jahren.
Sie sprechen auf Ihrer Website von „Delivering Happiness“. Was bedeutet das für Sie?
„Delivering Happiness“ beschreibt das, was unseren Beruf für uns so besonders macht. Im Studium habe ich gedacht, dass Zahnmedizin vor allem bedeutet, Füllungen zu legen, Kronen anzufertigen oder Wurzelkanalbehandlungen durchzuführen. Dass Patienten einen irgendwann aus Dankbarkeit umarmen oder Freudentränen in den Augen haben, hätte ich damals nicht erwartet.
Mit der Zeit habe ich gelernt, dass wir Menschen mit einer zahnmedizinischen Behandlung oft viel mehr zurückgeben können als nur schöne Zähne. Wenn wir Patienten ganzheitlich betreuen und Funktion, Ästhetik und Gesundheit zusammenbringen, verbessert das häufig auch ihre Lebensqualität.
Genau das verstehen wir unter „Delivering Happiness“. Wir möchten, dass unsere Patienten die Praxis mit einem guten Gefühl verlassen. Wenn wir erleben, wie positiv sich eine Behandlung auf einen Menschen auswirkt, ist das für mich das Schönste an meinem Beruf.

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