
© Eugenia
5. August 2026
Marianne Waldenfels
Viele kennen Lebertran noch aus ihrer Kindheit. Heute erlebt das Nahrungsergänzungsmittel ein Comeback. Doch welche gesundheitlichen Vorteile sind tatsächlich wissenschaftlich belegt – und wo gehen die Versprechen weiter als die Evidenz?
Für viele ist Lebertran eine Kindheitserinnerung: der Löffel mit dem tranigen Geschmack, den Eltern oder Großeltern im Winter gegen einen möglichen Vitamin-D-Mangel verabreichten. Lange galt das Öl als altmodisches Hausmittel. Heute erlebt es ein Comeback, vor allem wegen seines Gehalts an Omega-3-Fettsäuren sowie den Vitaminen A und D.
Anders als herkömmliches Fischöl liefert Lebertran nicht nur Omega-3-Fettsäuren, sondern auch größere Mengen fettlöslicher Vitamine. Genau das macht ihn interessant, bringt aber auch mögliche Risiken mit sich. Doch welche gesundheitlichen Wirkungen sind tatsächlich wissenschaftlich belegt?
Lebertran und Fischöl werden häufig gleichgesetzt, unterscheiden sich jedoch in ihrer Zusammensetzung. Beide liefern die Omega-3-Fettsäuren EPA und DHA, die unter anderem für Herz und Gehirn wichtig sind. Lebertran wird jedoch aus der Leber von Fischen – meist Kabeljau – gewonnen und enthält zusätzlich nennenswerte Mengen an Vitamin A und Vitamin D.
Fischöl stammt dagegen überwiegend aus dem Fettgewebe von Fischen und liefert diese Vitamine in der Regel nicht oder nur in geringen Mengen. Gerade der hohe Vitamin-A-Gehalt macht Lebertran zu einem besonderen Nahrungsergänzungsmittel: Er kann gesundheitliche Vorteile bieten, erhöht bei dauerhaft hoher Dosierung aber auch das Risiko einer Überversorgung.
Geht es um die Herzgesundheit, liefert die Forschung die überzeugendsten Ergebnisse für die Blutfettwerte. Vor allem erhöhte Triglyceride scheinen sich durch Lebertran günstig beeinflussen zu lassen.
Eine placebokontrollierte Studie, veröffentlicht im Fachjournal Cureus, untersuchte 600 Personen mit erhöhten Cholesterinwerten. Die Teilnehmenden erhielten zusätzlich zu dem Cholesterinsenker Rosuvastatin täglich 415 Milligramm Lebertran. Im Vergleich zur Kontrollgruppe verbesserten sich die Blutfettwerte stärker.
Eine zweite Studie derselben Forschungsgruppe mit 870 Personen mit erhöhtem Herz-Kreislauf-Risiko beobachtete zwar numerisch weniger Herzinfarkte unter zusätzlicher Lebertran-Einnahme. Der Unterschied erreichte jedoch keine statistische Signifikanz, sodass daraus kein gesicherter Schutzeffekt abgeleitet werden kann.

"Feel good, live better". In dieser Podcast-Folge verrät Dr. Sarah Quick, warum heute jedes dritte Kind Allergien hat und wie man sie heilen kann.
Christine Bürg

Ein Interview mit
Dr. med. Sarah Quick

Stress, Ernährung oder Knirschen: Unsere Zähne verändern sich mit dem Alter – oft früher als gedacht. Zahnarzt Dr. Paul Leonhard Schuh erklärt, welche Rolle Zahnfleisch und Lebensstil spielen und welche ästhetischen Behandlungen heute wirklich sinnvoll sind
Christine Bürg & Marianne Waldenfels

Ein Interview mit
Dr. Paul Schuh

Kiefertraining, Biohacking, Knochenbruch: Der Drang nach Perfektion kennt kaum noch Grenzen. Prof. Dominik Pförringer über den Irrweg der Selbstoptimierung
Prof. Dominik Pförringer

Von
Prof. Dr. med. Dominik Pförringer

ADHS betrifft nicht nur Kinder. Immer mehr Erwachsene erhalten heute die Diagnose – oft erst nach Jahren der Unsicherheit. Psychiater Prof. Andreas Menke erklärt, woran ADHS zu erkennen ist, welche Behandlung hilft und warum die Erkrankung auch mit besonderen Stärken verbunden sein kann.
Christine Bürg & Marianne Waldenfels

Ein Interview mit
Prof. Dr. med. Andreas Menke
Die bisherigen Daten sprechen daher dafür, dass Lebertran eine bestehende cholesterinsenkende Therapie unterstützen kann. Als alleinige Maßnahme zur Senkung des Cholesterins ist die Evidenz dagegen deutlich begrenzter.
Auch für entzündungshemmende Effekte gibt es vergleichsweise gute Daten. Besonders häufig wird die norwegische NEEDED-Studie (North Sea Race Endurance Exercise Study) zitiert.
Dabei wurden bei mehr als 1.000 Freizeitsportlerinnen und Freizeitsportlern die CRP-Werte – ein wichtiger Marker für Entzündungen – vor und nach einem 91 Kilometer langen Radrennen gemessen. Personen, die regelmäßig Lebertran einnahmen, wiesen sowohl in Ruhe als auch nach der Belastung niedrigere CRP-Werte auf als Nicht-Anwendende.
Die Studie zeigt einen Zusammenhang zwischen regelmäßigem Lebertran-Konsum und niedrigeren Entzündungswerten. Ob Lebertran allein dafür verantwortlich ist, lässt sich aus einer Beobachtungsstudie jedoch nicht sicher ableiten.
Gerade beim Thema Knochengesundheit klaffen Werbung und Studienlage besonders weit auseinander.
Eine norwegische Studie mit mehr als 3.000 Frauen zwischen 50 und 70 Jahren zeigte überraschend, dass Frauen, die in ihrer Kindheit keinen Lebertran erhalten hatten, eine etwas höhere Knochendichte aufwiesen. Als mögliche Erklärung diskutierten die Forschenden den hohen Retinolgehalt des Lebertrans. Hohe Vitamin-A-Mengen stehen seit Längerem im Verdacht, den Knochenstoffwechsel ungünstig zu beeinflussen.
Eine spätere isländische Studie mit fast 4.800 Teilnehmenden konnte diesen Zusammenhang jedoch nicht bestätigen. Hinweise auf eine schlechtere Hüftknochendichte fanden sich dort nicht – unabhängig davon, ob Lebertran in der Kindheit oder im Erwachsenenalter eingenommen worden war.
Insgesamt reicht die aktuelle Evidenz daher weder aus, um Lebertran zum Schutz der Knochen zu empfehlen, noch, um eine schädliche Wirkung eindeutig zu belegen.
Bei der Augengesundheit sorgt Lebertran seit Jahren für Diskussionen. Während kleine Studien Hoffnung machten, kamen große Untersuchungen zu einem deutlich ernüchternderen Ergebnis.
Kleinere Pilotstudien berichteten, dass hochdosierte Omega-3-Fettsäuren die Sehschärfe bei trockener AMD verbessern könnten. Dabei wurden allerdings Omega-3-Präparate untersucht – nicht speziell Lebertran.
Die deutlich größere AREDS2-Studie des US National Eye Institute fand dagegen keinen Nutzen von Omega-3-Fettsäuren für das Fortschreiten der Erkrankung. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam eine Cochrane-Übersichtsarbeit mit mehr als 2.300 Teilnehmenden.
Unabhängig davon ist Vitamin A für die Funktion der Netzhaut unverzichtbar. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass zusätzliche Mengen bei bereits ausreichender Versorgung die Augengesundheit verbessern.
Handelsübliche Präparate empfehlen meist etwa fünf Milliliter täglich. Welche Menge sinnvoll ist und wie lange Lebertran eingenommen werden sollte, sollte im Einzelfall ärztlich besprochen werden.
Da Lebertran neben Omega-3-Fettsäuren auch Vitamin A und Vitamin D enthält, ist mehr nicht automatisch besser. Eine dauerhaft zu hohe Aufnahme von Vitamin A kann gesundheitliche Probleme verursachen. Wer bereits andere Präparate mit Vitamin A oder Vitamin D einnimmt, sollte deshalb auf eine mögliche Doppelversorgung achten.
Auch Menschen, die auf blutverdünnende Medikamente angewiesen sind, sollten die Einnahme von Lebertran vorher mit ihrer Ärztin oder ihrem Arzt besprechen, da Omega-3-Fettsäuren die Blutgerinnung beeinflussen können.
Lebertran hat seinen guten Ruf nicht zu Unrecht. Vor allem für erhöhte Triglyceride und Entzündungsmarker gibt es Hinweise auf einen Nutzen. Viele weitere Versprechen – etwa für Knochen oder Augen – werden durch die aktuelle Studienlage jedoch nicht bestätigt. Wer Lebertran einnimmt, sollte außerdem bedenken, dass das Präparat neben Omega-3 auch größere Mengen Vitamin A enthält und deshalb nicht unbegrenzt eingenommen werden sollte.