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21. September 2026
Christine Bürg & Marianne Waldenfels
Schwerhörigkeit gilt als möglicher Risikofaktor für Demenz – und trotzdem wird ein nachlassendes Gehör oft lange verdrängt. HNO-Arzt Prof. Dr. Christopher Bohr erklärt, was Hören mit unserer geistigen Leistungsfähigkeit zu tun hat und warum frühes Handeln entscheidend ist

Ein Interview mit
Prof. Dr. Christopher Bohr
Schwerhörigkeit und Demenz hängen enger zusammen, als viele denken. Eine große Studie zeigte: Bei älteren Menschen mit erhöhtem Demenzrisiko schritt der geistige Abbau innerhalb von drei Jahren um 48 Prozent langsamer voran, wenn sie mit Hörgeräten versorgt wurden. HNO-Arzt Prof. Dr. Christopher Bohr erklärt, woran man nachlassendes Hören erkennt, was dabei im Ohr passiert und warum man mit einem Hörgerät nicht zu lange warten sollte.
Herr Professor Bohr, wenn ältere Menschen Gesprächen nicht mehr richtig folgen oder unpassend antworten, denken Angehörige oft an Demenz. Kann dahinter auch ein Hörverlust stecken?
Ja, das ist möglich. Man sollte die beiden Dinge allerdings nicht verwechseln. Eine Demenz ist eine Erkrankung, bei der unter anderem das Kurzzeitgedächtnis nachlässt.
Bei einem Hörverlust passiert etwas anderes: Wer leicht oder mittelgradig schwerhörig ist, kann Gesprächen häufig noch folgen, muss sich beim Zuhören aber sehr viel stärker konzentrieren. Diese Anstrengung kann dazu führen, dass Betroffene schneller ermüden, irgendwann abschalten und dann möglicherweise nicht mehr passend reagieren.
Sie müssen sich das vorstellen wie beim Lesen eines Buches bei wirklich schlechtem Licht: Sie können noch lesen, aber Sie ermüden viel schneller. Das ist ganz gut vergleichbar.
Merken Angehörige einen beginnenden Hörverlust häufig früher als die Betroffenen selbst?
Ja. Ein Hörverlust ist viel stärker stigmatisiert als der Verlust der Sehkraft und wird enger mit dem Alter verknüpft. Deswegen versuchen viele Menschen, ihn so lange wie möglich zu kompensieren.
Natürlich kann ich den Fernseher oder das Radio immer lauter stellen, dann geht es wieder. Aber genau das bemerkt das Umfeld. Die Menschen fangen auch selbst an, lauter zu sprechen oder fordern andere auf, lauter zu sprechen. So können sie den Hörverlust lange kompensieren.
Warum lässt das Gehör bei manchen Menschen im Alter deutlich stärker nach als bei anderen?
Das ist zu einem großen Teil genetisch bedingt. Wir Menschen altern unterschiedlich – und genauso altert auch unser Gehör unterschiedlich.
Eine entscheidende Rolle spielen dabei die Sinneszellen in der Hörschnecke, der Cochlea. Mit zunehmendem Alter funktionieren diese Sinneszellen schlechter, gleichzeitig nimmt ihre Zahl ab. Dadurch wird das Hören nicht nur leiser, sondern auch ungenauer.
Wir nennen die Fähigkeit, feine Unterschiede zwischen einzelnen Lauten wahrzunehmen, Diskrimination. Wenn immer weniger Sinneszellen zur Verfügung stehen, kommt es zu einem Diskriminationsverlust. Dann wird es beispielsweise schwieriger, ein E von einem I zu unterscheiden – irgendwann hören sich solche Laute nahezu gleich an.
Das ist beim altersbedingten Hörverlust entscheidend: Ein Hörgerät kann sehr gut ausgleichen, dass etwas lauter sein muss. Den Diskriminationsverlust kann es dagegen nicht ausgleichen.
Irgendwann kann es trotz eines optimal eingestellten Hörgeräts so weit kommen, dass jemand nur noch etwa 70 Prozent dessen versteht, was sein Gegenüber sagt. Dann muss man über ein Cochlea-Implantat nachdenken. Damit können sich Diskrimination, Sprachverstehen und Lautstärkewahrnehmung wieder verbessern.
Ist das auch der Grund, warum Gespräche in einem Restaurant oft plötzlich viel schwieriger zu verstehen sind?
Ja. Das Hören bei Störgeräuschen wird immer schwieriger, weil das Gehirn nicht mehr so leicht zwischen dem Störgeräusch und dem unterscheiden kann, was es eigentlich hören möchte. Es wird zunehmend zu einer Art Einheitsbrei.
Was passiert, wenn eine Schwerhörigkeit lange nicht behandelt wird?
Die Menschen isolieren sich zunehmend. Das Hören ist ein ganz wichtiger Input für das Gehirn. Es ist ein bisschen so, als würden Sie jeden Tag Sudoku spielen: Was Sie aus Ihrer Umwelt hören, aufnehmen und verarbeiten und worüber Sie sich Gedanken machen, ist Gehirnjogging.
Wenn Sie nicht mehr gut hören können, fällt ein großer Teil dieses Trainings weg. Das Gehirn wird deutlich weniger beansprucht und muss weniger leisten. Dieser Leistungsverlust führt zu Hirnschwund. Dadurch kann auch die Hirnleistung schneller abnehmen.
Ist das der Zusammenhang zwischen Schwerhörigkeit und Demenz?
Ja. Er ist wissenschaftlich belegt.
Und lässt sich das Demenzrisiko umgekehrt durch ein Hörgerät senken?
Dazu gibt es sehr viele wissenschaftliche Untersuchungen. Auch dieser Zusammenhang ist sehr gut belegt.
Trotzdem tun sich viele Menschen mit einem Hörgerät zunächst schwer. Woran liegt das?
Ein Hörgerät verstärkt zunächst einmal alle Frequenzen unserer Umwelt, die wir hören können – und damit auch unangenehme Geräusche. Ein Hörverlust bedeutet schließlich nicht nur, dass angenehme Frequenzen verschwinden, sondern auch unangenehme.
Wenn dieser Prozess lange gedauert hat und diese Geräusche durch ein Hörgerät plötzlich wieder da sind, hört man eben auch wieder das, was einen stört: klapperndes Geschirr, Maschinen oder Geräusche aus der Nachbarschaft.
Das ist für viele Menschen zunächst lästig. An ein Hörgerät muss man sich deshalb gewöhnen. Die Welt wird wieder lauter, und laut kann eben auch störend sein. Deshalb ist die Akzeptanz von Hörgeräten manchmal etwas geringer.
Ich sage den Menschen immer, sie sollen sich bewusst auf die angenehmen Dinge konzentrieren, die sie wieder hören: die Vögel, die zwitschern, die Kirchturmuhr im Ort, die sie morgens im Bett vielleicht schon seit Jahren nicht mehr gehört haben, oder das Plätschern des Bachs am Haus. Sie sollten sich Alltagsgeräusche suchen, die sie gerne mögen, und diese wieder bewusst wahrnehmen. So werden auch die Vorzüge eines Hörgeräts stärker spürbar.
Wird es schwieriger, sich an ein Hörgerät zu gewöhnen, je älter man ist?
Je jünger wir sind, umso flexibler sind wir und umso leichter gewöhnen wir uns an Veränderungen. Man sagt ja immer: Eine alte Pflanze kann man nicht mehr so leicht umtopfen. Wir tun uns einfach schwerer, uns auf neue Situationen einzustellen, je älter wir sind. Die Flexibilität und die Toleranz, die wir haben, werden im Alter nicht unbedingt größer, sondern lassen eher nach.
Spricht das dafür, mit einem Hörgerät nicht zu lange zu warten?
Ganz sicher.
Wann sollte man sein Gehör testen lassen?
Es gibt keine Faustregel, wann man zum Hörtest gehen sollte. Wer bereits eine Erkrankung der Ohren hat, sollte auf jeden Fall einmal jährlich zu einer Ohrenuntersuchung inklusive Hörtest gehen.
Wer gesund ist und keine Probleme mit den Ohren hat, sollte spätestens dann zum Hörtest gehen, wenn das Umfeld anfängt zu sagen: „Hör mal, ich glaube, du hörst nicht mehr so gut.“ Dann sollte man sich auch nicht dagegen sträuben.

Schwerhörigkeit gilt als möglicher Risikofaktor für Demenz – und trotzdem wird ein nachlassendes Gehör oft lange verdrängt. HNO-Arzt Prof. Dr. Christopher Bohr erklärt, was Hören mit unserer geistigen Leistungsfähigkeit zu tun hat und warum frühes Handeln entscheidend ist
Christine Bürg & Marianne Waldenfels

Ein Interview mit
Prof. Dr. Christopher Bohr