
© Anna Shvets
7. November 2026
Marianne Waldenfels
Zwei Mandarinen täglich, acht Wochen lang: In einer japanischen Studie berichteten junge Erwachsene anschließend über weniger Niedergeschlagenheit und mehr Vitalität. Besonders überraschend ist, dass die Forscher ursprünglich einen ganz anderen Effekt untersuchen wollten.
Mandarinen gehören zum Winter wie Lebkuchen und Kerzenlicht. Sie liefern Vitamin C, schmecken und lassen sich mühelos schälen. Dass sie auch die Stimmung beeinflussen könnten, ist dagegen kaum bekannt. Eine kleine Studie aus Japan liefert dafür nun einen ersten Hinweis – und stellt zugleich die ursprüngliche Vermutung der Wissenschaftler infrage.
Die Untersuchung stammt von einem Team um den Pharmazeuten Kensuke Nakajima von der Nagasaki International University und erschien in der Fachzeitschrift Preventive Nutrition and Food Science. Im Mittelpunkt stand nicht das Vitamin C, sondern ein Eiweiß, das für die Anpassungsfähigkeit des Gehirns wichtig ist.
Für die Studie teilten die Forscher 26 gesunde junge Erwachsene per Los in zwei Gruppen. Die eine aß acht Wochen lang jeden Tag zwei Satsumas, eine milde, kernlose Mandarinensorte, die in Japan besonders beliebt ist. Die andere verzichtete in dieser Zeit ganz auf Zitrusfrüchte.
Die Untersuchung lief von November bis Januar, also in den Monaten, in denen sich viele Menschen weniger energiegeladen fühlen. Nach acht Wochen fühlten sich die Mandarinenesser weniger niedergeschlagen als die Vergleichsgruppe. Sie berichteten außerdem über mehr Antrieb. Bei Ängstlichkeit oder Müdigkeit machte das Obst dagegen keinen Unterschied.
Die Wissenschaftler interessierten sich ursprünglich für einen Wachstumsfaktor namens BDNF (Brain-Derived Neurotrophic Factor). Dieses Eiweiß unterstützt das Überleben und Wachstum von Nervenzellen und spielt bei Lern- und Gedächtnisprozessen eine wichtige Rolle.
Auch in der Depressionsforschung wird BDNF untersucht. Eine Metaanalyse fand bei Menschen mit unbehandelten Depressionen niedrigere BDNF-Konzentrationen im Blut als bei Gesunden. Allerdings lässt sich aus diesem Wert allein weder die Stimmung eines Menschen noch die Funktion seines Gehirns zuverlässig ablesen.
Nakajima sucht seit Jahren nach Lebensmitteln, die die BDNF-Bildung ankurbeln. In an menschlichen Zellen gelang das unter anderem mit Extrakten aus Zitrusschalen, auch aus der Schale der Satsuma. Die neue Studie sollte zeigen, ob das auch beim Menschen funktioniert.
Die Blutuntersuchungen lieferten jedoch nicht das erwartete Ergebnis. Zwar sank der BDNF-Wert in der Gruppe ohne Zitrusfrüchte, während er bei den Mandarinenessern in der zweiten Studienhälfte anstieg. Im direkten Vergleich war der Unterschied aber zu klein, um als gesichert zu gelten.
Die bessere Stimmung lässt sich also nicht mit BDNF erklären. Woran es stattdessen liegt, ob an anderen Inhaltsstoffen, an der Jahreszeit oder schlicht am Zufall, bleibt offen.
Neben Vitamin C stecken in Mandarinen zahlreiche sekundäre Pflanzenstoffe, darunter die Flavonoide Hesperidin und Nobiletin. Sie werden unter anderem wegen möglicher Wirkungen auf Entzündungen und den Stoffwechsel erforscht.
Besonders Nobiletin interessiert die Neurowissenschaft. In den Laborversuchen der japanischen Arbeitsgruppe trug der Stoff offenbar zur gesteigerten BDNF-Bildung bei. Der Haken: Nobiletin steckt vor allem in der Schale, im Fruchtfleisch ist deutlich weniger davon enthalten. Die Teilnehmer aßen ihre Mandarinen geschält. Wie viel Nobiletin sie tatsächlich aufnahmen, ist daher unklar.
Auch andere Inhaltsstoffe könnten eine Rolle spielen. Gemessen haben die Forscher das nicht, und einen bestimmten Pflanzenstoff als Ursache haben sie auch nicht identifiziert.
Die Satsuma (Citrus unshiu) ist in Japan die Mandarine schlechthin. Auch in deutschen Supermärkten gibt es sie im Winter, meist ausdrücklich als „Satsuma“ gekennzeichnet. Man erkennt sie an der dünnen, locker sitzenden Schale.
Was hierzulande sonst als Mandarine verkauft wird, sind oft Clementinen. Sie sind aus einer Kreuzung von Mandarine und Süßorange entstanden. Beide Früchte enthalten ähnliche Pflanzenstoffe, allerdings in anderer Zusammensetzung und Menge. Ob Clementinen dieselbe Wirkung auf die Stimmung haben, wurde bislang nicht untersucht.
So vielversprechend das klingt: Die Studie ist klein. Es nahmen nur 26 junge, gesunde Erwachsene an der Untersuchung teil. Und: Wer weiß, dass er täglich Obst isst, fühlt sich womöglich schon deshalb besser - eine Placebo-Mandarine gibt es nun mal nicht. Ob Mandarinen Menschen mit echten depressiven Beschwerden helfen oder einer Winterdepression vorbeugen, sagt die Studie deshalb nicht
Ja. Auch wenn die Studie noch nicht beweist, dass Mandarinen die Stimmung heben, spricht im Winter alles für zwei Früchte am Tag. Zwei Mandarinen haben zusammen nur etwa 80 Kalorien und decken schon einen guten Teil des täglichen Vitamin-C-Bedarfs. Dazu liefern sie Ballaststoffe und Flavonoide. Damit sind sie einer der einfachsten Snacks für die dunklen Monate.
Am meisten haben Sie davon, wenn Sie die weißen Fäden und die weiße Innenhaut nicht abzupfen. Dort steckt ein großer Teil des Hesperidins. Wer an die Pflanzenstoffe der Schale herankommen will, kauft unbehandelte Bio-Mandarinen und reibt die Schale über Müsli, Joghurt oder Salat. Greifen Sie dabei gezielt zu Satsumas, denn genau diese Sorte wurde in der Studie verwendet.
Eine Behandlung ersetzen Mandarinen nicht. Wer über Wochen niedergeschlagen ist, sollte das ärztlich abklären lassen.

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