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5. November 2026
Marianne Waldenfels
Wer Kuhmilch, Joghurt und Käse teilweise durch pflanzliche Alternativen ersetzt, kann die Versorgung mit einem wichtigen Nährstoff deutlich verschlechtern. Das zeigt eine neue britische Studie. Besonders betroffen sind junge Frauen. Warum die Ergebnisse auch für Deutschland relevant sind und worauf man beim Einkauf achten sollte
Ein Schuss Hafermilch im Cappuccino, Mandelmilch im Müsli, Sojajoghurt zum Frühstück: Pflanzliche Milchalternativen sind längst Alltag. Viele greifen aus Umwelt- oder Tierschutzgründen dazu, andere wegen einer Laktoseintoleranz oder einfach, weil es ihnen besser schmeckt. Doch so ähnlich die Produkte im Regal aussehen – bei den Nährstoffen sind sie oft kein gleichwertiger Ersatz. Eine neue Studie zeigt, dass vor allem ein Mineralstoff dabei zu kurz kommt, über den kaum jemand nachdenkt: Jod.
Forscher der University of Surrey und der Queen's University Belfast haben berechnet, was passiert, wenn Menschen Milch, Joghurt und Käse teilweise oder vollständig durch pflanzliche Alternativen ersetzen. Grundlage waren die Ernährungsdaten von mehr als 3.500 Menschen im Alter von 18 Monaten bis 100 Jahren. Die Ergebnisse wurden am Anfang November 2026 in The Lancet Planetary Health veröffentlicht.
Die Forscher untersuchten verschiedene Szenarien, vom Ersatz von 20 bis 35 Prozent der Milchprodukte bis zum vollständigen Verzicht. Im Mittelpunkt standen vier Nährstoffe, für die Milchprodukte wichtige Quellen sind: Jod, Calcium, Vitamin B2 und Vitamin B12.
Am stärksten fiel der Unterschied beim Jod aus. Schon bei einem teilweisen Ersatz stieg der rechnerische Anteil der Menschen mit unzureichender Jodzufuhr erheblich:
Bei einem vollständigen Umstieg erreichte dieser Anteil bei Mädchen im Teenageralter sogar 80 Prozent, bei gleichaltrigen Jungen 72 Prozent.
Dabei handelt es sich nicht um gemessene Jodmangelwerte, sondern um Modellrechnungen auf Grundlage von Ernährungsdaten. Eine Zufuhr unterhalb der Empfehlungen bedeutet nicht automatisch, dass bereits ein Mangel besteht. Die Ergebnisse zeigen jedoch, wie stark der Austausch von Milchprodukten die Jodaufnahme verändern kann.
Kuhmilch enthält Jod vor allem deshalb, weil dem Futter der Kühe Jod zugesetzt wird. Hafer, Mandeln und Reis liefern dagegen von Natur aus kaum etwas davon. Werden Pflanzendrinks nicht gezielt angereichert, fehlt ihnen deshalb ein Nährstoff, den Kuhmilch normalerweise mitbringt.
In Deutschland gehören Milch und Milchprodukte zu den wichtigsten Jodquellen. Nach Angaben des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) liefert ein Liter Kuhmilch etwa 100 bis 150 Mikrogramm Jod. Bei Bio-Milch liegt der Gehalt meist etwas niedriger.
Der Körper benötigt Jod zur Bildung von Schilddrüsenhormonen. Diese steuern unter anderem den Stoffwechsel und sind für Wachstum und Gehirnentwicklung unverzichtbar. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt Erwachsenen täglich 150 Mikrogramm, Schwangeren 220 und Stillenden 230 Mikrogramm.
Die britischen Ergebnisse lassen sich nicht unmittelbar auf Deutschland übertragen. In Großbritannien wird jodiertes Speisesalz kaum verwendet, während es hierzulande zumindest im Handel weit verbreitet ist. Doch auch die deutsche Jodversorgung hat sich in den vergangenen Jahren verschlechtert.
Nach Einschätzung des BfR ist sie weiterhin nicht optimal. Über Lebensmittel ohne Jodsalz nehmen Erwachsene durchschnittlich nur etwa 75 Mikrogramm Jod pro Tag auf – rund die Hälfte der empfohlenen Menge.
Hinzu kommt, dass Lebensmittelhersteller zunehmend auf Jodsalz verzichten. Nach Daten des Max Rubner-Instituts sank der Anteil von Brot und Kleingebäck mit Jodsalz zwischen 2020 und 2025 von 13 auf neun Prozent. Bei Wurstwaren ging er im selben Zeitraum von 48 auf 34 Prozent zurück.
Besonders kritisch ist die Situation bei jüngeren Frauen. Nach Daten der DEGS-Studie des Robert Koch-Instituts haben etwa 47 Prozent der 18- bis 29-Jährigen und knapp 40 Prozent der 30- bis 39-Jährigen ein deutlich erhöhtes Risiko für einen Jodmangel.
Wer ohnehin wenig Jod aufnimmt und dann auch noch Milchprodukte durch nicht angereicherte Pflanzendrinks ersetzt, verliert eine weitere wichtige Quelle.
Das Bio-Siegel steht für bestimmte Anforderungen an die Erzeugung und Verarbeitung. Über die Versorgung mit Vitaminen und Mineralstoffen sagt es allerdings wenig aus. Bei pflanzlichen Milchalternativen kann es sogar einen Nachteil bedeuten.
Viele konventionelle Hersteller setzen ihren Drinks inzwischen Calcium und Vitamine zu. Eine Untersuchung der Verbraucherzentrale von Anfang 2026 ergab, dass 87 Prozent der untersuchten konventionellen Produkte mit Calcium angereichert waren, 71 Prozent mit Vitamin B12. Jod wird dagegen deutlich seltener zugesetzt.
Bei Bio-Produkten sind solche Zusätze grundsätzlich stark eingeschränkt. Nach der EU-Öko-Verordnung dürfen isolierte Vitamine und Mineralstoffe in der Regel nicht zur Anreicherung verwendet werden. In der Stichprobe der Verbraucherzentrale enthielten nur sechs Prozent der Bio-Drinks zugesetztes Calcium, andere Nährstoffe gar nicht.
Eine Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs von Ende Oktober 2026 könnte zumindest beim Calcium etwas verändern: Bio-Pflanzendrinks dürfen nun mit Kalk aus der Rotalge Lithothamnium calcareum angereichert werden. Für die Jodversorgung löst das die Lücke jedoch nicht.
Gerade bei Bio-Hafer- und Mandelmilch lohnt sich deshalb ein genauer Blick auf die Zutatenliste. Denn was bei der Herstellung als besonders naturbelassen gilt, ist nicht automatisch die nährstoffreichere Wahl.
Die britischen Forscher haben auch berechnet, wie sich eine gezielte Anreicherung pflanzlicher Milchalternativen auswirken würde. Damit ließen sich viele der Nährstoffverluste vermeiden. Beim Jod blieb jedoch selbst dann eine erhebliche Lücke.
Bei Mädchen im Teenageralter lag der Anteil mit unzureichender Jodzufuhr trotz angereicherter Pflanzendrinks noch bei 59 Prozent. Erst als die Forscher zusätzlich jodiertes Brot in ihre Berechnungen einbezogen, sank der Anteil auf 37 Prozent.
Die Studienautoren plädieren deshalb für eine Kombination: Pflanzliche Milchalternativen sollten mit wichtigen Nährstoffen angereichert werden, gleichzeitig müsste Jodsalz in der Lebensmittelherstellung häufiger zum Einsatz kommen.
Auch das BfR empfiehlt eine gezielte Jodanreicherung von Milchersatzprodukten. In seinen Höchstmengenvorschlägennennt das Institut 14 Mikrogramm Jod pro 100 Milliliter – ungefähr so viel, wie Kuhmilch enthält.
Wer Hafer- oder Mandelmilch kauft, sollte auf die Zutatenliste achten. Manche Hersteller setzen ihren Produkten Calcium und Vitamin B12 zu, sodass sie ähnlich viel davon enthalten wie Kuhmilch. Jod wird dagegen bislang nur selten zugesetzt.
Auch die übrige Ernährung spielt eine Rolle. Jodiertes Speisesalz und Seefisch können zur Versorgung beitragen. Bei getrockneten Algen ist dagegen Vorsicht geboten: Ihr Jodgehalt schwankt stark und kann extrem hoch ausfallen.
Besonders wichtig ist eine ausreichende Jodversorgung während der Schwangerschaft und Stillzeit. Das BfR empfiehlt deshalb in der Regel nach ärztlicher Rücksprache ein zusätzliches Jodpräparat mit 100 Mikrogramm täglich.

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