
© Kaboompics
3. November 2026
Christine Bürg & Marianne Waldenfels
Knorpel aus dem eigenen Ohr soll helfen, ein geschädigtes Kniegelenk länger zu erhalten. Der Hamburger Orthopäde Dr. Hans Olaf Baack setzt das ungewöhnliche Verfahren bereits ein. Er erklärt, wie die Behandlung funktioniert, für wen sie infrage kommt und was die Forschung bislang über ihre Wirksamkeit weiß.
Ein Interview mit
Dr. med. Hans Olaf Baack
Wenn der Knorpel im Knie zunehmend verschleißt, können Schmerzen und Bewegungseinschränkungen den Alltag erheblich belasten. Bei fortgeschrittener Arthrose steht irgendwann häufig die Frage im Raum, ob ein künstliches Kniegelenk notwendig wird. Doch lässt sich das eigene Gelenk möglicherweise länger erhalten?
Der Hamburger Orthopäde Dr. Hans Olaf Baack setzt dafür auf ein neuartiges Verfahren: Er entnimmt winzige Knorpelproben aus der Ohrmuschel, bereitet sie auf und injiziert das körpereigene Material in das erkrankte Knie.
Baack, Gründer des Arthroseinstituts Hamburg, spricht im Interview über sein Konzept „Save the Knee“ und erklärt, warum ausgerechnet Ohrknorpel interessant ist, welche Erfahrungen er mit der sogenannten autologen Ohrknorpel-Mikrotransplantation gemacht hat und wo die Grenzen der Methode liegen.
Herr Dr. Baack, Sie behandeln Kniearthrose mit körpereigenem Knorpel aus dem Ohr. Das klingt ungewöhnlich. Wie kamen Sie auf diese Methode?
Ungewöhnlich – ja, das habe ich zunächst genauso empfunden. Ich habe die Methode auf einem medizinischen Kongress kennengelernt und mein erster Gedanke war: Das müssen wir uns genauer ansehen. Denn mich beschäftigt seit vielen Jahren eine Frage: Warum sollten wir ein natürliches Gelenk früher aufgeben als unbedingt notwendig?
Ich komme aus der Sportmedizin und habe lange mit Leistungssportlern gearbeitet (und tue es immer noch). Dort ist „weniger Schmerz“ nicht das eigentliche Ziel. Entscheidend ist: Kann der Mensch wieder laufen, springen, trainieren, seinen Körper belasten?
Diese Denkweise prägt heute auch meine Arbeit mit Arthrosepatienten. Wir wollen nicht nur Symptome verwalten. Wir wollen herausfinden, welches regenerative Potenzial ein Gelenk noch besitzt und wie wir dieses möglichst gut nutzen können.
Die Idee, dafür körpereigenes Knorpelgewebe aus dem Ohr einzusetzen, fand ich deshalb faszinierend. Wir müssen dafür kein zusätzliches gesundes Knorpelgewebe aus dem bereits geschädigten Knie entnehmen. Und der Eingriff ist vergleichsweise klein.
Das passt zu meinem Grundsatz: Bevor ich ein Gelenk ersetze, möchte ich wissen, ob wir wirklich alle sinnvollen Möglichkeiten ausgeschöpft haben, es zu erhalten.
Warum eignet sich ausgerechnet Ohrknorpel?
Das Ohr hat zwei interessante Eigenschaften: Der Knorpel ist gut zugänglich und wir können sehr kleine Gewebeproben entnehmen, ohne dafür ein Gelenk operieren zu müssen.
Noch interessanter ist die Biologie. Im Bereich des Ohrknorpels und seiner Knorpelhaut finden wir Zellen mit chondrogenem Potenzial sowie Matrix- und Signalbestandteile, die für regenerative Prozesse interessant sind.
Wichtig ist mir dabei eine wissenschaftliche Präzisierung: Ohrknorpel und Gelenkknorpel sind nicht dasselbe.
Wir nehmen also nicht einfach ein Stück Ohr und ersetzen damit den geschädigten Knorpel im Knie. Die Idee der Mikrotransplantation ist vielmehr, körpereigenes biologisches Material mit seinem zellulären und molekularen Potenzial in das geschädigte Gelenk einzubringen.
Für mich ist das ein faszinierender Gedanke der regenerativen Medizin: Wir bringen nicht einfach Ersatz in den Körper. Wir versuchen, den Körper dabei zu unterstützen, seine eigenen Möglichkeiten besser zu nutzen.
Wie läuft die Behandlung konkret ab – von der Entnahme am Ohr bis zur Injektion ins Knie?
Der Ablauf ist für den Patienten überraschend überschaubar. Unter lokaler Betäubung entnehmen wir hinter der Ohrmuschel drei sehr kleine Knorpelproben von ungefähr 2,5 Millimetern Durchmesser. Diese werden unmittelbar anschließend unter sterilen Bedingungen mechanisch aufbereitet. Dabei entsteht eine Suspension mit sehr kleinen körpereigenen Knorpelmikrotransplantaten.
Diese Suspension injizieren wir anschließend in das betroffene Kniegelenk. Das Ganze erfolgt ambulant und dauert bei uns ungefähr eine halbe Stunde. Es gibt keine wochenlange Zellzüchtung und keine große Operation. Für mich ist aber wichtig: Die Injektion ist nicht die gesamte Therapie.
Arthrose ist eine Erkrankung eines ganzen Gelenks und letztlich eines ganzen Bewegungssystems. Deshalb interessieren uns auch Muskulatur, Beinachse, Stabilität, Stoffwechsel, Bewegung und Belastungssteuerung. Genau daraus entsteht unser „Save the Knee“-Konzept.
Entsteht durch die Behandlung tatsächlich neuer Gelenkknorpel?
Hier bin ich sehr vorsichtig mit großen Versprechen. Es gibt klinische Untersuchungen, die nach der Behandlung Verbesserungen von Schmerz und Funktion zeigen. Wir können außerdem Veränderungen im Gelenk mit moderner MRT-Diagnostik verfolgen.
Aber wissenschaftlich wäre es unseriös zu sagen: „Wir spritzen Ohrknorpel ins Knie und danach wächst garantiert neuer, vollkommen normaler Gelenkknorpel.“ Das wissen wir so noch nicht. Die spannende Frage lautet vielmehr: Können wir das biologische Milieu im Gelenk so beeinflussen, dass Reparaturprozesse gefördert, Beschwerden reduziert und Funktion erhalten oder verbessert werden?
Die bisherigen Ergebnisse sind interessant genug, um diese Frage intensiv weiterzuverfolgen. Aber regenerative Medizin muss sich an denselben wissenschaftlichen Maßstäben messen lassen wie jede andere Medizin. Ich möchte deshalb lieber etwas weniger versprechen und dafür möglichst genau messen, was tatsächlich passiert.
Für welche Patienten mit Kniearthrose kommt die Behandlung infrage?
Nicht jeder Knorpelschaden ist gleich. Und genau deshalb beginnt die Therapie bei mir nicht mit der Spritze, sondern mit der Diagnostik. Ich möchte wissen: Wo liegt der Schaden? Wie groß ist er? Wie sieht der restliche Gelenkknorpel aus? Was machen Menisken und Bänder? Gibt es eine Fehlstellung? Wie arbeitet die Muskulatur? Welche Entzündungsaktivität sehen wir? Und welche Anforderungen stellt dieser Mensch an sein Knie?
Das Verfahren kann beispielsweise bei ausgewählten höhergradigen Knorpelschäden und frühen bis moderaten arthrotischen Veränderungen interessant sein. Dabei können gerade aktive Menschen eine spannende Patientengruppe sein. Ein 45-Jähriger, der Sport treiben möchte, stellt an sein Knie andere Anforderungen als jemand, dessen primäres Ziel schmerzfreies Gehen im Alltag ist.
Ich behandle deshalb keinen Arthrosegrad. Ich behandle einen Menschen mit einem individuellen Knie und einem individuellen Ziel.
Für wen kommt die Behandlung nicht in Frage?
Ein vollständig zerstörtes Gelenk können wir nicht durch eine Injektion wieder in ein gesundes 20-jähriges Knie verwandeln. Bei sehr weit fortgeschrittener Arthrose, erheblichen Fehlstellungen oder ausgeprägten strukturellen Veränderungen müssen wir deshalb sehr genau prüfen, was biologisch und mechanisch überhaupt noch erreichbar ist.
Und wenn eine Endoprothese medizinisch die sinnvollste Lösung ist, dann sollte der Patient sie auch bekommen. „Save the Knee“ bedeutet für mich ausdrücklich nicht: Prothese um jeden Preis verhindern. Es bedeutet: Das eigene Gelenk nicht aufgeben, solange es noch eine medizinisch sinnvolle Chance gibt, es zu erhalten.
Also kann die Behandlung eine Knieprothese tatsächlich verhindern oder zumindest hinauszögern?
Das ist die Frage, die mir Patienten natürlich am häufigsten stellen. Meine Antwort lautet: Das können wir für den einzelnen Patienten heute nicht garantieren. Dafür benötigen wir Langzeitdaten über viele Jahre und wesentlich größere Patientengruppen.
Aber vielleicht sollten wir die Frage auch etwas anders stellen. Wenn ein Mensch mit seinem eigenen Knie noch fünf, acht oder zehn gute und aktive Jahre gewinnen könnte – wäre das nicht bereits ein sehr relevantes medizinisches Ziel?
Genau darum geht es bei „Save the Knee“. Wir möchten die Zeitspanne verlängern, in der ein Mensch mit seinem natürlichen Gelenk möglichst schmerzarm, beweglich und leistungsfähig leben kann. Vielleicht können wir eine Prothese bei manchen Patienten vermeiden. Bei anderen können wir sie möglicherweise hinauszögern. Das müssen zukünftige Studien zeigen.
Unser Gegner ist deshalb nicht die Knieprothese. Unser Gegner ist der vermeidbare Verlust von Funktion.
Welche Risiken hat die Behandlung – sowohl am Ohr als auch im Knie?
Keine medizinische Behandlung ist ohne Risiko – und gerade bei innovativen Verfahren muss man darüber offen sprechen.
Am Ohr können beispielsweise Schmerzen, Blutergüsse, Schwellungen, Wundheilungsstörungen oder sehr selten Infektionen auftreten. Beim Knie bestehen die allgemeinen Risiken einer Gelenkinjektion, insbesondere Infektion, Blutung oder eine vorübergehende Reaktion des Gelenks.
Wir arbeiten allerdings mit körpereigenem Gewebe. Dadurch stellen sich bestimmte immunologische Probleme körperfremder Materialien nicht in gleicher Weise.
Entscheidend sind für mich deshalb drei Dinge: sorgfältige Patientenauswahl, sterile Durchführung und eine ehrliche Aufklärung darüber, was die Behandlung kann – und was sie nicht kann.
Wie gut ist die wissenschaftliche Evidenz für die Ohrknorpeltherapie bislang?
Sie ist vielversprechend – aber sie ist noch jung.
Wir haben experimentelle Untersuchungen zur biologischen Wirkung von Mikrotransplantaten und erste klinische Daten. In einer publizierten prospektiven Beobachtungsstudie wurden beispielsweise zehn Patienten mit früher bis moderater Kniearthrose behandelt. Nach der Behandlung verbesserten sich die untersuchten klinischen Parameter deutlich.
Aber: Zehn Patienten sind keine endgültige Evidenz. Die Studie hatte keine Kontrollgruppe, und wir brauchen größere randomisierte kontrollierte Untersuchungen und längere Beobachtungszeiträume. Mich interessieren vor allem drei Fragen: Wer profitiert? Wie stark profitiert er? Und wie lange hält dieser Effekt an?
Die regenerative Orthopädie wird sich daran messen lassen müssen, ob wir solche Effekte reproduzierbar und objektiv nachweisen können. Für mich ist Innovation deshalb kein Gegensatz zu evidenzbasierter Medizin. Im Gegenteil: Eine Innovation wird erst dann wirklich wertvoll, wenn wir anfangen, die richtigen Fragen an sie zu stellen.
Und daraus entsteht für mich bereits die nächste Frage: Warum beschäftigen wir uns eigentlich erst intensiv mit Gelenkerhalt, wenn ein Patient bereits erhebliche Beschwerden oder Knorpelschäden hat?
Sie haben gerade ein eigenes Arthroseinstitut gegründet. Warum braucht es aus Ihrer Sicht einen neuen Blick auf Arthrose?
Weil wir bei Arthrose häufig noch zu spät anfangen zu handeln. Viele Menschen kommen erst dann zum Spezialisten, wenn sie bereits deutliche Schmerzen haben und strukturelle Schäden weit fortgeschritten sind. Dann diskutieren wir über Injektionen, Operationen oder irgendwann über ein künstliches Gelenk.
Mich interessiert aber zunehmend die Frage: Was wäre, wenn wir zehn Jahre früher anfangen würden? Arthrose entsteht in der Regel nicht über Nacht. Alter spielt eine Rolle, aber ebenso frühere Verletzungen, 1, Bewegungsmangel, Fehlbelastungen, Muskelstatus, Stoffwechsel und weitere individuelle Faktoren. Einige davon können wir beeinflussen.
Genau deshalb habe ich das Arthroseinstitut gegründet. Wir wollen Arthrose nicht erst behandeln, wenn das Gelenk bereits erheblich geschädigt ist. Wir wollen das individuelle Risiko früher erkennen, präzise diagnostizieren und – wo es medizinisch möglich ist – gegensteuern.
Dabei geht es nicht um eine einzelne Methode. Ohrknorpeltransplantation, regenerative Verfahren oder moderne Bildgebung sind Bausteine. Entscheidend ist, daraus für den einzelnen Menschen eine sinnvolle Strategie zu entwickeln: Was braucht dieses Gelenk jetzt, damit es möglichst lange funktioniert?
Aus meiner Arbeit mit Leistungssportlern kenne ich diesen Gedanken seit vielen Jahren. Dort wartet niemand, bis ein Problem maximal ausgeprägt ist. Wir analysieren Belastung, Funktion, Regeneration und Risikofaktoren und versuchen frühzeitig gegenzusteuern. Warum sollten wir dieses Prinzip nur Spitzensportlern vorbehalten?
Für mich ist das die Verbindung zwischen Arthrosemedizin und muskuloskelettaler Longevity: Es geht nicht allein darum, wie alt wir werden. Entscheidend ist auch, wie lange wir uns dabei schmerzarm, selbstständig und mit Freude bewegen können. Und Prävention beginnt mit Wissen.
Deshalb haben wir am Arthroseinstitut einen wissenschaftlich basierten Arthrose-Risikorechner entwickelt. Damit möchten wir Menschen ermöglichen, sich strukturiert mit ihrem persönlichen Risikoprofil auseinanderzusetzen und insbesondere die Faktoren zu erkennen, die sie selbst beeinflussen können. Denn die beste Gelegenheit, ein Gelenk zu erhalten, ist möglicherweise nicht erst dann, wenn es schmerzt.

Knorpel aus dem eigenen Ohr soll helfen, ein geschädigtes Kniegelenk länger zu erhalten. Der Hamburger Orthopäde Dr. Hans Olaf Baack setzt das ungewöhnliche Verfahren bereits ein. Er erklärt, wie die Behandlung funktioniert, für wen sie infrage kommt und was die Forschung bislang über ihre Wirksamkeit weiß.
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