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30. Oktober 2026
Christine Bürg & Marianne Waldenfels
Ein Nasenspray mit dem Psychedelikum Mebufotenin hat in einer neuen Studie selbst bei schwer behandelbaren Depressionen die Beschwerden gelindert – nach einer einzigen Gabe. Die Substanz kommt auch im Sekret einer Kröte vor. Psychiater Prof. Dr. Andreas Menke erklärt, was sie von anderen Psychedelika unterscheidet und wie aussagekräftig die Ergebnisse sind.

Ein Interview mit
Prof. Dr. med. Andreas Menke

Psychische Gesundheit, Psychosomatische Medizin & Psychotherapie
Zwei Antidepressiva, ausreichend dosiert, über Wochen eingenommen – und trotzdem keine Besserung. Fachleute sprechen dann von einer therapieresistenten Depression. Für Betroffene richtet sich die Hoffnung derzeit auf einen Wirkstoff mit ungewöhnlicher Herkunft: Mebufotenin, auch als 5-MeO-DMT bekannt. In der Natur findet sich das Psychedelikum unter anderem im Drüsensekret der Coloradokröte, die in den Wüsten im Südwesten der USA und im Norden Mexikos lebt. Für eine neue Studie wurde es allerdings im Labor hergestellt und als Nasenspray verabreicht.
In der im Fachjournal JAMA veröffentlichten Studie des Herstellers AtaiBeckley erhielten 193 Erwachsene mit therapieresistenter Depression ein einziges Mal eine von zwei Wirkdosen oder eine sehr niedrige Vergleichsdosis, jeweils mit psychologischer Begleitung. Bereits nach zwei Tagen besserten sich die depressiven Beschwerden, der Effekt hielt bis zum Ende der achtwöchigen Untersuchung an.
Wie viel Hoffnung dürfen Betroffene aus diesen Ergebnissen schöpfen? Warum könnte Mebufotenin gegenüber anderen Psychedelika Vorteile haben? Und welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es bereits heute? Darüber haben wir mit Prof. Dr. Andreas Menke gesprochen, Psychiater und Ärztlicher Direktor des Medical Park Chiemseeblick.
Herr Professor Menke, was ist eine therapieresistente Depression – und wie viele Menschen sind betroffen?
Eine therapieresistente Depression ist, wie der Name schon sagt, eine sehr schwer behandelbare Depression, die auf Therapien bislang nicht angeschlagen hat. Die gängige Definition ist folgende: dass man zwei Antidepressiva verabreicht hat, in ausreichender Dosierung und ausreichender Länge, und beide nicht zu einer wesentlichen Besserung geführt haben. Man geht davon aus, dass etwa 20 bis 30 Prozent der Menschen mit einer Depression eine Therapieresistenz entwickeln.
Eine neue Studie im Fachjournal JAMA hat das Psychedelikum Mebufotenin getestet. Können Psychedelika bei therapieresistenter Depression helfen?
Ja, die sind sehr spannend. Mittlerweile gibt es robuste Daten, dass sie bei Depressionen sehr gut wirken. Sie haben ja ganz andere Wirkmechanismen als klassische Antidepressiva: Sie aktivieren im Gehirn den 5-HT2A-Rezeptor, also einen bestimmten Serotoninrezeptor. Theoretisch könnte man auch LSD nehmen, das wirkt aber deutlich länger und ist deshalb weniger praktikabel. MDMA wiederum wird zum Beispiel bei posttraumatischen Belastungsstörungen untersucht.
Man könnte sagen, dass Psychedelika die verkrusteten Strukturen bei einer Depression etwas aufbrechen und neues Lernen ermöglichen. Man kann sich das vielleicht so vorstellen: Die eingefahrenen Spuren im Schnee, die entstehen, wenn man immer wieder denselben Hang hinunterfährt, werden zugeschneit, und dann sind wieder neue Wege möglich. Das Tolle dabei ist, dass die Depression schon nach einer einmaligen Gabe quasi fast verschwinden kann. Sie remittiert, wie man so schön sagt.
Wie lange hält der Effekt einer einzigen Gabe an?
Studien der Johns Hopkins University haben gezeigt, dass er bis zu zwölf Monate anhalten kann – eine deutliche Verbesserung oder sogar ein Verschwinden der Depression. Die ersten Daten waren großartig. Inzwischen wurden sie durch größere Studien etwas verwässert. Die Effekte sind also nicht mehr ganz so beeindruckend, aber immer noch recht solide. Deshalb würde man sagen: Psychedelika sind auf jeden Fall eine sehr gute Behandlungsform für die therapieresistente Depression. Zugelassen sind sie allerdings noch nicht.
Sie befinden sich noch im Zulassungsprozess. Psilocybin hat bei der US-Arzneimittelbehörde FDA den Status einer „Breakthrough Therapy“. Das heißt, der Antrag wird schneller und bevorzugt bearbeitet. Zugelassen ist es aber weder von der EMA in Europa noch von der FDA in den USA.
Die aktuelle Studie testet nun mit Mebufotenin ein weiteres Psychedelikum. Der Sinn dabei ist, dass es den Körper sehr viel schneller wieder verlässt als Psilocybin. Bei Psilocybin muss der Patient sechs bis acht Stunden überwacht werden. In dieser Zeit liegt er da und erlebt psychedelische Wirkungen, er dissoziiert oder halluziniert zum Beispiel, weil auch psychotische Symptome auftreten können. Mebufotenin dagegen ist nach circa einer Stunde wieder draußen. Damit wäre die Behandlung natürlich deutlich praktikabler.
In der Vergleichsgruppe, die nur eine sehr geringe Dosis erhielt, waren vier Wochen nach der einmaligen Gabe 8 Prozent der Teilnehmer weitgehend beschwerdefrei. Mit Mebufotenin waren es je nach Dosis 18 bis 26 Prozent. Ist das ein guter Wert?
Das ist durchaus bemerkenswert, weil man ja berücksichtigen muss, dass es therapieresistente depressive Patienten sind. Ginge es um jemanden, der erstmalig an einer Depression erkrankt ist, dann wäre das tatsächlich ein bisschen wenig. Aber gerade bei einer Therapieresistenz der Depression ist das ein ganz ordentlicher Wert.
Wie wirkt Mebufotenin im Gehirn?
Es ist ein Agonist für den 5-HT1A- und den 5-HT2A-Rezeptor und hat eine neurotrophe Wirksamkeit. Das heißt, es wirkt sich sehr positiv auf die neuronale Transmission aus, also die Signalweitergabe, aber auch auf die Aussprossung der Neuronen und das Nervenwachstum.
Es verändert auch die Wahrnehmung und das Bewusstsein, ebenso die emotionale Verarbeitung. Die Neuroplastizität wird gefördert, und negative, festgefahrene Denk- und Gefühlsmuster werden sozusagen aufgebrochen, indem diese funktionellen Netzwerke und neuronalen Verbindungen verändert werden.
Für wen wäre Mebufotenin geeignet – und für wen nicht?
Grundsätzlich für alle Patienten mit therapieresistenter Depression, die schwer betroffen sind. Vorsicht wäre wahrscheinlich bei schweren Herz-Kreislauf-Erkrankungen geboten, weil der Blutdruck steigen kann. Kritisch ist es natürlich auch bei akuter Suizidalität. Da braucht es zuerst eine akute psychiatrische Behandlung, um die Situation in den Griff zu bekommen. Und bei psychotischen Erkrankungen oder psychotischen Symptomen wäre ich ebenfalls vorsichtig.
Manche Menschen lesen von solchen Studien und denken: Dann therapiere ich mich eben selbst. Was sagen Sie dazu?
Sie meinen, die Kröte essen? (lacht) Der Wirkstoff in der Studie wurde ja synthetisch hergestellt. Aber auch für Psilocybin gibt es Anbieter, die mehr oder weniger seriös sind. Ich würde wirklich dringend davon abraten, so etwas in Eigenregie zu versuchen. Psychedelika haben deutliche Nebenwirkungen, zum Beispiel psychotische Symptome wie Dissoziation oder Halluzinationen.
Wer sie ungeschützt und außerhalb eines therapeutischen Rahmens nimmt, bei dem kann das sehr schnell nach hinten losgehen und Angst- und Panikattacken auslösen. Außerdem weiß man nicht, was man da bekommt: ob die Substanz rein ist, ob sie verunreinigt ist oder ob einem sogar etwas Giftiges untergejubelt wird.
Welche Behandlungen helfen heute schon bei therapieresistenter Depression?
Solche Patienten haben wir häufig auch in unserer Klinik. Es gibt verschiedene Möglichkeiten. Man kann zum Beispiel das Antidepressivum wechseln oder mit einem zweiten Antidepressivum kombinieren. Auch eine Kombination mit einem Antipsychotikum ist sehr gut möglich, um andere Wirkmechanismen ins Spiel zu bringen.
Das hilft vor allem, wenn jemand sehr viel grübelt und die Gedanken ständig im Kreis gehen. Es schafft etwas Abstand zu dieser negativen Gedankenwelt. Außerdem kann man das Antidepressivum mit Schilddrüsenhormonen kombinieren, auch wenn die Schilddrüse ganz normal arbeitet, oder mit Lithium oder Antiepileptika wie Lamotrigin. Und natürlich gehört eine Psychotherapie dazu. Das ist ganz wichtig.
In der Klinik setzen wir auch das Esketamin-Nasenspray ein. Das geht ein bisschen in die psychedelische Richtung, aber nicht ganz. Esketamin wirkt auf den Botenstoff Glutamat und dessen Signalweitergabe, also über ganz andere Mechanismen als die gängigen Antidepressiva. Damit lässt sich bei therapieresistenter Depression eine relativ schnelle Besserung erreichen.
Größere psychiatrische Kliniken bieten außerdem die repetitive transkranielle Magnetstimulation an. Dabei werden Magnetimpulse eingesetzt. Das Verfahren ist nicht invasiv und sehr schonend. Und dann gibt es die Elektrokonvulsionstherapie, auch Elektrokrampftherapie genannt. Sie ist eigentlich immer noch das wirksamste Verfahren, das wir haben.
Sie ist allerdings etwas aufwendiger: Der Patient bekommt eine Kurznarkose mit Anästhesie-Team und schläft etwa fünf Minuten. Seine Muskeln werden entspannt, dann folgt ein Stromimpuls. Dadurch wird im Gehirn ein Krampfanfall ausgelöst, den man im EEG messen kann. Der Körper krampft wegen der Muskelentspannung aber nicht richtig mit. Nach zehn bis zwölf Behandlungen innerhalb von etwa vier Wochen lässt sich eine sehr gute Besserung der Depression erreichen.

Ein Nasenspray mit dem Psychedelikum Mebufotenin hat in einer neuen Studie selbst bei schwer behandelbaren Depressionen die Beschwerden gelindert – nach einer einzigen Gabe. Die Substanz kommt auch im Sekret einer Kröte vor. Psychiater Prof. Dr. Andreas Menke erklärt, was sie von anderen Psychedelika unterscheidet und wie aussagekräftig die Ergebnisse sind.
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