
© Cottonbro Studios
30. Oktober 2026
Marianne Waldenfels
Eine neue Variante des H1N1-Grippevirus breitet sich aus. Erste Laboruntersuchungen zeigen, dass die Antikörper von Jugendlichen und jungen Erwachsenen das veränderte Virus teilweise schlechter abwehren können. Warum das so ist, könnte mit Grippeinfektionen in der Kindheit zusammenhängen
In den USA steigen die Grippefälle ungewöhnlich früh, in Japan mussten wegen Influenzaausbrüchen bereits Schulen schließen. Verantwortlich könnte eine neue Variante des H1N1-Virus sein, die sich zunehmend ausbreitet. Auch für Deutschland stellt sich damit die Frage, was in diesem Winter zu erwarten ist – und wie gut die aktuelle Grippeimpfung schützt.
Eigentlich nimmt die Grippeaktivität auf der Nordhalbkugel erst im Spätherbst deutlich zu. Doch in diesem Jahr ist das Virus in einigen Ländern früher unterwegs als sonst. In den USA steigen die Infektionszahlen bereits seit Ende August. Landesweit ist die Aktivität zwar noch niedrig, liegt aber über dem für diese Jahreszeit üblichen Niveau.
Auffällig ist vor allem, welcher Erreger sich ausbreitet. Nach Angaben der US-Gesundheitsbehörde CDC gehörten in der 41. Kalenderwoche 239 von 241 näher bestimmten Influenza-A-Viren zum Subtyp H1N1. Im vergangenen Winter hatte dagegen H3N2 dominiert.
Auch in Japan wurde die neue Variante früh nachgewiesen. Bereits im Mai 2026 registrierten die Gesundheitsbehörden dort die betreffende Mutation, seit August nimmt ihre Verbreitung zu, wie die Northeastern University berichtet.
Dass Grippeviren sich verändern, ist nichts Ungewöhnliches. Doch diesmal interessiert Virologen nicht nur, wie schnell sich der Erreger ausbreitet. Sondern auch, warum die Antikörper mancher Menschen offenbar schlechter auf ihn vorbereitet sind.
Das heute zirkulierende H1N1-Virus ist ein Nachfahre des Erregers, der 2009 die Schweinegrippe-Pandemie auslöste. Seitdem kehrt es als saisonales Grippevirus zurück und verändert sich dabei fortlaufend.
Eine dieser Veränderungen trägt die Bezeichnung G155E. Dahinter verbirgt sich der Austausch eines einzigen Bausteins im sogenannten Hämagglutinin, einem Eiweiß auf der Virusoberfläche. Mit dessen Hilfe dockt der Erreger an menschliche Zellen an. Zugleich ist es eine wichtige Zielscheibe für Antikörper. Verändert sich das Eiweiß an einer entscheidenden Stelle, können diese das Virus schlechter erkennen.
Genau das scheint bei G155E der Fall zu sein. Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO beobachtet die Entwicklung. Laut ihrem Oktoberbericht breiten sich H1N1-Viren mit dieser Mutation innerhalb der derzeit zirkulierenden Viruslinie D.3.1.1 zunehmend aus.
Schwere Grippeverläufe treffen vor allem ältere Menschen und chronisch Kranke. Doch bei der neuen H1N1-Variante könnte ausgerechnet ein Teil der jüngeren Generation einen Nachteil haben.
Darauf deutet eine Untersuchung des Virologen Jesse Bloom und seines Teams am Fred Hutchinson Cancer Center in Seattle hin. Die Forscher untersuchten 355 Blutproben und testeten, wie gut die darin enthaltenen Antikörper 148 verschiedene Virusvarianten unschädlich machen konnten.
Das Ergebnis: Während die Antikörper vieler Menschen das veränderte Virus weiterhin gut erkannten, sank ihre Fähigkeit, es zu neutralisieren, bei einem Teil der Proben um mehr als die Hälfte. Besonders häufig zeigte sich dieser Effekt bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 15 und 25 Jahren.
Warum aber sollte ausgerechnet ihr Immunsystem auf diese Veränderung schlechter vorbereitet sein? Eine mögliche Antwort liegt weit zurück: in der Kindheit.
Wer als Kind zum ersten Mal mit einem Grippevirus in Kontakt kommt, dessen Immunsystem merkt sich bestimmte Eigenschaften des Erregers. Bei späteren Begegnungen mit ähnlichen Viren greift es bevorzugt auf diese frühen Erfahrungen zurück. Forscher nennen das immunologische Prägung oder „Imprinting“.
Normalerweise ist dieses Gedächtnis von Vorteil. Doch es kann auch zur Schwäche werden, wenn sich ein Virus ausgerechnet an einer Stelle verändert, auf die das Immunsystem besonders stark reagiert.
Genau das könnte bei G155E geschehen sein. Die Schweinegrippe-Pandemie von 2009 verdrängte die zuvor zirkulierenden saisonalen H1N1-Viren. Wer danach geboren wurde, lernte deshalb andere Virusvarianten kennen als ältere Generationen.
Die neue Mutation betrifft offenbar eine Stelle, auf die sich die Antikörper bestimmter jüngerer Jahrgänge besonders stark konzentrieren. Ältere Menschen, deren Immunsystem durch andere H1N1-Viren geprägt wurde, könnten mit dieser Veränderung besser zurechtkommen.
Dass frühe Grippeinfektionen die Immunantwort über Jahrzehnte beeinflussen können, zeigte bereits eine Studie im Fachjournal Science von 2016.
Hinzu kommt: Weil im vergangenen Winter vielerorts H3N2 dominierte, hatten manche jüngeren Menschen zuletzt wenig Gelegenheit, ihre Immunantwort durch eine H1N1-Infektion aufzufrischen.
Allerdings wurde die neue Untersuchung aus Seattle bislang nicht unabhängig begutachtet. Zudem haben die Forscher Antikörper im Labor untersucht, nicht tatsächliche Erkrankungen. Ob junge Menschen deshalb häufiger an der neuen Variante erkranken, ist offen. Das höchste Risiko für schwere Grippeverläufe tragen weiterhin ältere Menschen und chronisch Kranke.
Wenn vorhandene Antikörper das veränderte Virus schlechter erkennen, stellt sich die Frage, ob auch die Grippeimpfung weniger zuverlässig schützt.
Die Impfstoffe für die Saison 2026/27 wurden zusammengestellt, bevor sich G155E stärker verbreitete. Der enthaltene H1N1-Stamm stimmt deshalb nicht vollständig mit den neuen Varianten überein. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Impfung wirkungslos wäre.
Die US-Gesundheitsbehörde CDC untersuchte 88 aktuelle H1N1-Viren mit Antikörpern gegen einen Referenzstamm des diesjährigen Impfstoffs. 82 davon, also rund 93 Prozent, wurden gut erkannt.
Das ist ein günstiges Zeichen, allerdings mit einer Einschränkung: Die verwendeten Antikörper stammen aus Versuchen mit Frettchen. Wie gut die Impfung Menschen tatsächlich schützt, lässt sich daraus nicht unmittelbar ableiten. Die CDC hält es deshalb noch für zu früh, die Wirksamkeit gegen die neuen Varianten zu beurteilen.
Selbst wenn eine Impfung nicht jede Infektion verhindert, kann sie weiterhin vor schweren Krankheitsverläufen schützen. Zudem richtet sie sich auch gegen andere Influenzaviren, die im Laufe des Winters zirkulieren können.
Während die Influenzaaktivität in den USA ungewöhnlich früh zunimmt, ist in Deutschland bislang keine ausgeprägte Grippewelle zu erkennen.
Nach dem aktuellen Wochenbericht des Robert Koch-Instituts vom 28. Oktober 2026 liegt die Aktivität akuter Atemwegserkrankungen in der Bevölkerung und in Arztpraxen auf einem moderaten Niveau.
Verantwortlich sind derzeit vor allem Rhino- und Enteroviren sowie Parainfluenzaviren. Influenzaviren wurden in drei Prozent der untersuchten Sentinelproben nachgewiesen. Das RKI beobachtet allerdings seit einigen Wochen einen allmählichen Anstieg der Influenzaaktivität.
Ob sich G155E auch in Deutschland stärker durchsetzt und zu einer früheren Grippewelle führt, lässt sich derzeit nicht vorhersagen. Ebenso wenig steht fest, ob die Mutation die Zahl der Erkrankungen oder die Schwere der Verläufe beeinflussen wird.
Ein früher Saisonbeginn bedeutet nicht zwangsläufig, dass der gesamte Winter von einer besonders heftigen Grippewelle geprägt sein muss.
Die neuen Erkenntnisse ändern zunächst nichts an den grundsätzlichen Impfempfehlungen. Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt die jährliche Influenzaimpfung insbesondere Menschen ab 60 Jahren, Schwangeren, Personen mit bestimmten chronischen Erkrankungen sowie medizinischem und pflegerischem Personal. Die Einzelheiten erläutert das Robert Koch-Institut.
Da der Impfschutz erst nach etwa zwei Wochen vollständig aufgebaut ist, gilt der Herbst als günstiger Zeitpunkt für die Impfung.
Auch jüngere Erwachsene können sich impfen lassen, selbst wenn sie keiner Risikogruppe angehören. Ob die Kosten übernommen werden, hängt unter anderem von der Krankenkasse ab.
Wer ein erhöhtes Risiko für Komplikationen hat und typische Grippesymptome entwickelt, sollte frühzeitig ärztlichen Rat suchen. Antivirale Medikamente wirken am besten, wenn die Behandlung möglichst bald nach Symptombeginn beginnt.
Die neue H1N1-Variante zeigt, dass unser Immunsystem nicht auf jede Veränderung eines Virus gleich reagiert. Welche Grippeviren uns in der Kindheit geprägt haben, könnte dabei entscheidend sein.
Ob junge Menschen durch die Mutation G155E tatsächlich häufiger erkranken, ist noch offen. Bislang gibt es Hinweise aus dem Labor, aber keine Belege für ein erhöhtes Erkrankungsrisiko.
In Deutschland ist die Grippeaktivität derzeit noch niedrig. An den Impfempfehlungen ändert die neue Variante vorerst nichts.

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