
© Polina Tankilevitch
9. Oktober 2026
Marianne Waldenfels
Kaum ist der größte Stress vorbei, kratzt der Hals und die Nase läuft. Zufall? Ungewöhnliche Virus-Experimente und eine neue Studie zeigen, warum psychischer Stress Erkältungen begünstigen kann – und weshalb es nicht nur darauf ankommt, wie viel Stress wir haben.
Es war ein ungewöhnliches Experiment: Forschende verabreichten fast 400 gesunden Menschen Erkältungsviren direkt in die Nase. Anschließend warteten sie ab, wer krank werden würde. Die Ansteckung erfolgte unter kontrollierten Bedingungen – und doch fiel das Ergebnis erstaunlich unterschiedlich aus. Von den wenig gestressten Teilnehmenden erkrankten 27 Prozent, von den besonders stark belasteten dagegen 47 Prozent.
Was machte den Unterschied? Warum konnte sich das Virus bei manchen Menschen offenbar leichter festsetzen als bei anderen? Die Forschenden stießen auf einen Zusammenhang, der bis heute Fragen aufwirft: Psychische Belastung scheint nicht nur zu beeinflussen, wie wir uns fühlen, sondern auch, wie anfällig unser Körper für Krankheitserreger ist.
Mehr als drei Jahrzehnte später beschäftigt diese Frage die Wissenschaft noch immer. Eine neue Studie aus dem Jahr 2026 deutet darauf hin, dass es dabei nicht allein auf die Belastungen ankommt, denen wir ausgesetzt sind. Entscheidend könnte auch sein, wie wir sie erleben.
Zwei Menschen können dieselbe schwierige Situation erleben und völlig unterschiedlich darauf reagieren. Was den einen tagelang beschäftigt, lässt den anderen vergleichsweise unbeeindruckt. Für das Immunsystem könnte dieser Unterschied durchaus relevant sein.
Darauf deutet eine im Juni 2026 im Journal of Health Psychology veröffentlichte Studie hin. Forschende der Rutgers University analysierten Daten von 213 gesunden Erwachsenen, die an einem kontrollierten Erkältungsvirus-Experiment teilgenommen hatten.
Vor der Virusgabe hatten die Teilnehmenden angegeben, welche belastenden Ereignisse sie erlebt hatten und wie stark sie sich gestresst fühlten. Anschließend erhielten sie ein Erkältungsvirus und wurden während einer Quarantäne medizinisch beobachtet.
Die Auswertung zeigte: Bei Menschen, die besonders viele negative Lebensereignisse erlebt hatten, hing stärker empfundener Stress mit ausgeprägteren Erkältungssymptomen zusammen. Die persönliche Stresswahrnehmung könnte mitbestimmen, wie der Körper auf einen Krankheitserreger reagiert.
Das Experiment, das 1991 im New England Journal of Medicine veröffentlicht wurde, lieferte noch eine zweite bemerkenswerte Erkenntnis. Die Forschenden untersuchten nicht nur, wer Erkältungssymptome entwickelte. Sie überprüften auch, bei welchen Teilnehmenden sich tatsächlich eine Infektion nachweisen ließ.
Bei den wenig Gestressten waren es rund 74 Prozent, bei den besonders stark Belasteten dagegen etwa 90 Prozent. Der entscheidende Unterschied zeigte sich also bereits bei der Infektion – und nicht erst bei den Beschwerden.
Die Forschenden berücksichtigten mögliche Einflussfaktoren wie Alter, Schlaf, Rauchen, Alkoholkonsum und Bewegung. Der Zusammenhang zwischen Stress und Erkältungsrisiko blieb bestehen.
Damit lieferte das Experiment einen frühen Hinweis darauf, dass Stress die Anfälligkeit für Atemwegsinfektionen erhöhen kann. Warum das so ist, konnten die Wissenschaftler damals noch nicht genau erklären. Spätere Untersuchungen brachten einen möglichen Mechanismus ans Licht.
Wenn Menschen über längere Zeit unter Druck stehen, verändert sich auch die Aktivität bestimmter Hormone. Eines davon ist Cortisol. Es wird häufig als Stresshormon bezeichnet, erfüllt im Körper aber zahlreiche wichtige Aufgaben. Unter anderem hilft es, Entzündungsreaktionen zu regulieren.
Normalerweise sorgt Cortisol dafür, dass das Immunsystem bei einer Infektion nicht übermäßig reagiert. Denn so wichtig die Abwehr von Krankheitserregern ist: Eine zu starke Entzündung kann selbst Beschwerden verursachen. Bei anhaltender Belastung könnte diese Regulation gestört werden.
Das untersuchten Forschende in zwei Experimenten, deren Ergebnisse 2012 im Fachjournal PNAS veröffentlicht wurden.
In der ersten Untersuchung erhielten 276 gesunde Erwachsene gezielt Rhinoviren. Zuvor hatten die Wissenschaftler erfasst, ob die Teilnehmenden länger anhaltenden schweren Stress erlebt hatten.
Dabei zeigte sich ein Zusammenhang: Bei chronisch belasteten Menschen reagierten bestimmte Immunzellen weniger empfindlich auf die regulierende Wirkung von Cortisol. Diese verminderte Empfindlichkeit ging wiederum mit einem höheren Erkältungsrisiko einher.
In einem zweiten Experiment mit 79 Personen untersuchten die Forschenden, wie die Nasenschleimhaut nach einer Virusgabe reagierte. Bei infizierten Menschen, deren Immunzellen weniger empfindlich auf Cortisol reagierten, wurden stärkere entzündungsfördernde Reaktionen beobachtet.
Chronischer Stress schwächt das Immunsystem also nicht einfach nur. Er könnte auch dessen Steuerung verändern und dazu führen, dass Entzündungsreaktionen weniger gut reguliert werden.
Das ist gerade bei Erkältungen relevant. Eine verstopfte Nase, geschwollene Schleimhäute und Halsschmerzen entstehen zum Teil durch die Entzündungsreaktion, mit der der Körper auf die Infektion antwortet.
Ob sich das Erkältungsrisiko durch gezielte Stressbewältigung senken lässt, ist bislang weniger gut untersucht. Klar ist aber, dass vor allem chronische Belastungen problematisch sind. Ein hektischer Arbeitstag allein macht noch keine Erkältung.
Die Virus-Experimente zeigen, dass psychischer Stress weit mehr als eine Frage des Wohlbefindens ist. Wer dauerhaft unter Druck steht, kann dadurch auch seine Immunabwehr beeinträchtigen.

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