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12. Oktober 2026
Christine Bürg & Marianne Waldenfels
Wer Antidepressiva absetzt, bekommt manchmal Beschwerden, die sich wie ein Rückfall anfühlen. Psychiater Prof. Dr. Andreas Menke erklärt, wie man den Unterschied erkennt, warum gerade die letzten Milligramm heikel sind und welche zwei Fehler Patienten vermeiden sollten

Ein Interview mit
Prof. Dr. med. Andreas Menke

Psychische Gesundheit, Psychosomatische Medizin & Psychotherapie
Für viele Menschen, die wegen einer Depression Antidepressiva einnehmen, kommt irgendwann die Frage auf: Brauche ich die Tabletten überhaupt noch? Sie fühlen sich nach Monaten besser, die Behandlung hat geholfen. Doch ausgerechnet beim Absetzen kann es ihnen erneut schlechter gehen. Manche leiden unter Schwindel und Übelkeit, andere schlafen kaum noch oder werden von einer Unruhe erfasst, die sie zuvor nicht kannten. Und plötzlich steht eine beunruhigende Frage im Raum: Ist die Depression zurück – oder liegt es daran, dass sie das Medikament nicht mehr nehmen?
Wie häufig solche Reaktionen tatsächlich auftreten, untersuchte eine große Metaanalyse im Fachjournal The Lancet Psychiatry aus dem Jahr 2024. Die Forscher werteten 79 Studien mit mehr als 21.000 Teilnehmern aus. Demnach entwickeln etwa 15 Prozent der Menschen nach dem Absetzen Beschwerden, die tatsächlich auf das Medikament zurückzuführen sind. Bei knapp drei Prozent sind sie schwer ausgeprägt.
Die meisten Menschen vertragen das Absetzen demnach gut. Andere reagieren empfindlich, obwohl die Behandlung zuvor problemlos verlief. Was läuft bei ihnen anders?
Für Prof. Dr. Andreas Menke, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Ärztlicher Direktor der Medical Park Chiemseeblick, sind es vor allem zwei Fehler, die Patienten vermeiden sollten: „Erstens, das Absetzen nicht mit dem behandelnden Arzt abzusprechen. Und zweitens: zu schnell und zu früh abzusetzen.“
Antidepressiva beeinflussen die Signalübertragung im Gehirn, etwa über die Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin. Während der Behandlung passt sich das Nervensystem an die veränderten Bedingungen an. Wird die Dosis gesenkt, muss es sich erneut umstellen.
„Die Absetzsymptome unterscheiden sich von Patient zu Patient und hängen auch vom jeweiligen Medikament ab“, erklärt Menke. „Manche Beschwerden fühlen sich wie eine leichte Erkältung an. Dazu können Schwindel, Schwitzen, Herzklopfen, Unwohlsein oder Übelkeit kommen. Man fühlt sich manchmal auch ein bisschen neben der Spur.“
Einige Patienten berichten zudem von Kopfschmerzen, kurzen, stromschlagartigen Empfindungen im Kopf, sogenannten Brain Zaps, oder von Lichtblitzen. Solche ungewöhnlichen Sinnesempfindungen gehören zu den bekannten Absetzphänomenen bestimmter Antidepressiva.
„Das sind Absetzsymptome und keine Entzugssymptome“, betont Menke. Die Beschwerden sind tatsächlich nicht mit einer Suchterkrankung gleichzusetzen, wie sie beispielsweise bei Alkohol oder bestimmten Beruhigungsmitteln auftreten kann.
Besonders bekannt für Absetzprobleme ist Venlafaxin, ein Wirkstoff aus der Gruppe der Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer. „Es gibt Medikamente, die mehr Symptome verursachen, zum Beispiel Venlafaxin. Da weiß man, dass das Absetzen größere Schwierigkeiten machen kann und die Beschwerden stärker ausgeprägt sein können. Deshalb muss man es tatsächlich langsamer absetzen.“
Auch Paroxetin gehört zu den Antidepressiva, bei denen häufiger Absetzbeschwerden auftreten. Die britische NICE-Leitlinie weist ausdrücklich auf beide Wirkstoffe hin.
Wer ein Antidepressivum ausschleicht, reduziert die Dosis üblicherweise in mehreren Schritten. Doch die Vorstellung, dass jeder dieser Schritte für das Gehirn ungefähr gleich groß ist, führt in die Irre.
Die Wirkung vieler Antidepressiva auf die Serotonintransporter im Gehirn nimmt nicht proportional zur Dosis ab. Wird die Menge eines Medikaments halbiert, halbiert sich dadurch nicht automatisch die Wirkung auf diese Transporter. Gerade bei niedrigen Dosierungen können deshalb kleinere Reduktionsschritte sinnvoll sein.
Menke beschreibt das Ausschleichen als einen Prozess, bei dem die Reaktion des Patienten das Tempo bestimmt. „Man macht das ähnlich wie beim Einschleichen. Man beginnt mit einer niedrigen Dosis, damit sich der Körper an das Medikament gewöhnen kann, und steigert sie langsam. Beim Ausschleichen ist es genau umgekehrt. Man reduziert die Dosis und schaut, was passiert.“
Entscheidend sei, nicht nach einem starren Schema vorzugehen. „Wenn nichts passiert, wartet man ein bisschen, zum Beispiel zwei Wochen, und reduziert dann weiter. Das macht man so lange, bis beispielsweise Absetzsymptome auftreten. Dann geht man langsamer vor. Man arbeitet also immer ein bisschen auf Sicht.“
Wie viel Zeit dafür notwendig ist, lässt sich nicht pauschal sagen. „Das hängt vom Patienten und vom Medikament ab“, so Menke. Manchmal dauert das Ausschleichen mehrere Monate.
Auch die Dauer der bisherigen Behandlung spielt eine Rolle, allerdings nicht unbegrenzt, sagt Menke: „Natürlich macht es einen Unterschied, ob jemand das Medikament nur vier Wochen oder schon länger eingenommen hat. Aber ob es ein Jahr, zwei Jahre oder fünf Jahre waren, ist irgendwann nicht mehr relevant.“
Besonders schwierig wird die Situation, wenn sich nicht nur körperliche Beschwerden zeigen, sondern auch die Stimmung verändert. Denn Schlafprobleme oder Antriebslosigkeit können ebenso auf eine erneute Depression hindeuten.
Menke orientiert sich deshalb zunächst daran, wie sich die Erkrankung bei dem jeweiligen Patienten gezeigt hat. „Wenn die gleiche Symptomatik wiederkommt wie bei der ursprünglichen Depression, dann spricht das wahrscheinlich für die Depression und nicht für Absetzsymptome. Wenn ich beispielsweise wieder traurig werde, plötzlich keinen Antrieb mehr habe, schlecht schlafe und das nach ein paar Tagen immer noch anhält und nicht besser wird, dann ist das eher ein Rückfall.“
Ganz eindeutig ist diese Unterscheidung allerdings nicht, denn auch Absetzbeschwerden können psychische Symptome hervorrufen, die einer Depression ähneln. Einen Hinweis gibt der zeitliche Verlauf: Absetzsymptome beginnen häufig wenige Tage nach einer Dosisreduktion, während sich ein Rückfall meist langsamer entwickelt.
Dass eine Depression abgeklungen ist, bedeutet nicht, dass das Medikament sofort abgesetzt werden sollte. Nach einer erfolgreichen Behandlung wird ein Antidepressivum üblicherweise noch mehrere Monate weiter eingenommen, um das Rückfallrisiko zu senken.
Menke nennt einen Zeitraum von mindestens sechs bis zwölf Monaten und betont, dass die Entscheidung gemeinsam mit dem behandelnden Arzt getroffen werden sollte. „Wichtig ist zunächst natürlich die Symptomfreiheit und eine Situation, in der nicht gerade die Welt um einen herum zusammenbricht. Es sollte alles geregelt und stabil sein, sodass nicht gerade eine Trennung, ein Jobwechsel, ein Jobverlust oder andere belastende Faktoren anstehen.“
Wer sich für das Absetzen entscheidet, braucht vor allem Geduld. Absetzbeschwerden sind unangenehm, aber in den meisten Fällen vorübergehend, und sie lassen sich oft mildern, indem man das Tempo verlangsamt oder vorübergehend zur zuletzt gut vertragenen Dosis zurückkehrt. Entscheidend ist, Veränderungen des Befindens ernst zu nehmen und sie mit dem behandelnden Arzt zu besprechen, statt sie allein einzuordnen.
Werden die Beschwerden so stark, dass der Alltag kaum noch zu bewältigen ist, verschlechtert sich die Stimmung über Tage deutlich oder treten Gedanken an Suizid auf, sollten Betroffene nicht bis zum nächsten Termin warten, sondern sich umgehend an ihren Arzt oder den ärztlichen Notdienst wenden.

Wer Antidepressiva absetzt, bekommt manchmal Beschwerden, die sich wie ein Rückfall anfühlen. Psychiater Prof. Dr. Andreas Menke erklärt, wie man den Unterschied erkennt, warum gerade die letzten Milligramm heikel sind und welche zwei Fehler Patienten vermeiden sollten
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