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16. Oktober 2026
Christine Bürg & Marianne Waldenfels
Eine einzige Hydrogel-Injektion ins Knie soll Arthrose-Schmerzen über Jahre lindern. Orthopäde Dr. Ivo Breitenbacher hat rund 200 Patienten damit behandelt und erklärt, für wen sich das Verfahren eignet und wo seine Grenzen liegen

Ein Interview mit
Dr. med. Ivo Breitenbacher
Wer Arthrose im Knie hat, kennt den typischen Weg: Schmerzmittel, Physiotherapie, Spritzen und irgendwann das Gespräch über ein künstliches Gelenk. Zwischen diesen Stationen klafft für viele Betroffene eine Lücke. Die Beschwerden sind zu stark für eine einfache Hyaluronsäure-Kur, aber noch nicht stark genug für die Operation. Genau dort setzt ein neueres Verfahren an, das seit einiger Zeit für Aufsehen sorgt: eine Hydrogel-Injektion, deren Wirkung nach nur einer Spritze jahrelang anhalten soll.
Was steckt dahinter, und wie belastbar sind die Daten? Darüber haben wir mit Dr. med. Ivo Breitenbacher gesprochen. Er ist Facharzt für Orthopädie und Sportmedizin sowie Ärztlicher Leiter und Geschäftsführer des MVZ für Orthopädie Flugfeld. In seiner Praxis setzt er das Verfahren seit mehreren Jahren ein, inzwischen ausschließlich MRT-navigiert.
Herr Dr. Breitenbacher, was genau wird bei der Hydrogel-Behandlung ins Knie gespritzt?
Bei dem sogenannten Hydrogel handelt es sich um ein 2,5-prozentiges Polyacrylamid-Hydrogel, bekannt unter dem Handelsnamen Arthrosamid®. Es besteht zu 97,5 Prozent aus Wasser und zu 2,5 Prozent aus quervernetztem Polyacrylamid. Der entscheidende Unterschied zu vielen anderen Injektionstherapien ist, dass dieses Hydrogel nicht wieder abgebaut wird, sondern sich dauerhaft in die Gelenkinnenhaut, die Synovialis, integriert.
Wir setzen Arthrosamid in unserer Praxis inzwischen seit mehreren Jahren ein und haben damit rund 200 Patienten behandelt. Gerade bei der Kniearthrose, aber auch anderen Gelenken sind unsere Erfahrungen sehr positiv. Für mich ist es inzwischen ein wichtiger Baustein zwischen klassischen konservativen beziehungsweise regenerativen Verfahren und dem künstlichen Gelenkersatz.
Wie funktioniert Hydrogel im Knie – und was unterscheidet es von Hyaluronsäure oder PRP?
Die Verfahren haben völlig unterschiedliche Wirkprinzipien. Hyaluronsäure verbessert vor allem die viskoelastischen Eigenschaften der Gelenkflüssigkeit und damit die Gleitfähigkeit im Gelenk. PRP – also körpereigenes thrombozytenreiches Plasma – wirkt über Wachstumsfaktoren und andere Botenstoffe biologisch und regenerativ auf das Gelenkmilieu.
Arthrosamid verfolgt einen anderen Ansatz. Das Hydrogel integriert sich in die Synovialis und verändert dort langfristig deren Struktur und vermutlich auch das entzündliche Gelenkmilieu. Dadurch können reduziert und die Gelenkfunktion verbessert werden.
Wichtig ist mir allerdings: Auch Arthrosamid baut keinen bereits verloren gegangenen Gelenkknorpel einfach wieder auf. Es ist deshalb keine „Heilung der Arthrose“, sondern eine langfristig angelegte Behandlung ihrer Beschwerden und des Gelenkmilieus.
Laut einer aktuellen Studie waren Schmerzen und Beweglichkeit noch fünf Jahre nach einer einzigen Spritze besser. Klingt fast zu gut – wie viel ist da dran?
Ich halte diese Daten für ausgesprochen interessant. Dass nach einer einzigen Injektion auch nach fünf Jahren noch eine relevante Verbesserung von Schmerzen und Funktion nachweisbar ist, ist für eine konservative Arthrosetherapie bemerkenswert.
Trotzdem sollte man wissenschaftlich nüchtern bleiben. Die Patientenzahlen der Langzeitstudien sind noch überschaubar, und wir haben noch nicht dieselbe Breite an unabhängigen Daten wie bei Verfahren, die seit Jahrzehnten eingesetzt werden.
Was mich persönlich zusätzlich überzeugt, ist die Übereinstimmung mit unserer klinischen Erfahrung. Wir sehen bei vielen Patienten eine sehr lang anhaltende Wirkung. Das ist natürlich keine kontrollierte Studie, aber bei inzwischen rund 200 behandelten Patienten durchaus eine relevante praktische Erfahrung.
Für wen kommt die Behandlung infrage?
Vor allem für Patienten mit symptomatischer Kniearthrose, bei denen die klassischen konservativen Maßnahmen nicht mehr ausreichend helfen, eine Operation aber noch vermieden oder möglichst lange hinausgezögert werden soll.
Besonders interessant finde ich das Verfahren bei moderater bis auch fortgeschrittener Arthrose. Gerade hier entsteht häufig eine therapeutische Lücke: Für eine reine Hyaluronsäurebehandlung ist die Arthrose teilweise schon relativ weit fortgeschritten, gleichzeitig möchte der Patient noch keine Knieprothese. Genau in dieser Situation kann Arthrosamid eine sehr interessante Option sein.
Entscheidend ist für mich aber nie allein das Röntgen- oder MRT-Bild. Wir behandeln den Patienten und seine Beschwerden – nicht nur den radiologischen Arthrosegrad.
Gibt es Patienten, bei denen Sie von einer Hydrogel-Injektion eher abraten würden?
Ja. Bei einer akuten Gelenkinfektion oder einer relevanten Infektion im Bereich der Injektionsstelle verbietet sich eine solche Behandlung selbstverständlich. Auch bei stark entzündlich aktiviertem Gelenk muss zunächst geklärt werden, woher diese Entzündung kommt.
Zurückhaltend bin ich außerdem, wenn eine ausgeprägte mechanische Problematik vorliegt – beispielsweise eine erhebliche Fehlstellung, Instabilität oder eine weit fortgeschrittene Gelenkzerstörung mit massiver funktioneller Einschränkung. Eine Injektion kann eine mechanisch notwendige Operation nicht beliebig ersetzen.
Deshalb steht bei uns vor jeder Therapie eine genaue klinische und bildgebende Analyse.
Lassen sich Hydrogel und regenerative Verfahren wie PRP kombinieren – oder ergibt das medizinisch keinen Sinn?
Aus meiner Sicht ergibt das durchaus Sinn, allerdings nicht nach dem Motto „möglichst viel gleichzeitig spritzen“. Ich sehe die Verfahren vielmehr als unterschiedliche Bausteine eines individuellen Behandlungskonzeptes.
Arthrosamid kann dabei gewissermaßen eine langfristige Basistherapie darstellen. Wenn nach einigen Monaten noch Restbeschwerden bestehen, kann beispielsweise PRP – gegebenenfalls kombiniert mit Hyaluronsäure – ergänzend eingesetzt werden. Wir arbeiten in unserer Praxis häufig mit solchen abgestuften Konzepten.
PRP adressiert stärker die biologische und regenerative Komponente, während das Hydrogel langfristig über seine Integration in die Synovialis wirkt. Diese unterschiedlichen Wirkprinzipien können sich aus meiner klinischen Sicht sinnvoll ergänzen. Für solche Kombinationen benötigen wir allerdings noch deutlich mehr wissenschaftliche Daten.
Mit welchen Risiken müssen Patienten rechnen?
Insgesamt zeigt sich bislang ein günstiges Sicherheitsprofil. Am häufigsten sehen wir vorübergehende Schmerzen, Druckgefühl oder eine Reizung beziehungsweise Schwellung des Gelenks nach der Injektion. Wie bei jeder Gelenkinjektion besteht außerdem ein – bei korrekter steriler Durchführung sehr geringes – Infektionsrisiko von ca 1:50.000.
Besonders wichtig ist bei Arthrosamid die sorgfältige und streng sterile aber auch präzise Injektionstechnik, weil das Material dauerhaft im Gelenk verbleibt. Dies ist der Grund weshalb ich mittlerweile alle Arthrosamid-Injektionen ausschließlich MRT-navigiert durchführe.
Erfreulich ist, dass auch die inzwischen verfügbaren Langzeitbeobachtungen keine neuen auffälligen Sicherheitssignale gezeigt haben. Dennoch gilt auch hier: Ein dauerhaft im Körper verbleibendes Implantat muss langfristig weiter wissenschaftlich beobachtet werden.
Ein Patient mit Kniearthrose sitzt vor Ihnen. Wie entscheiden Sie, welche Therapie die richtige ist?
Das ist für mich die entscheidende Frage. Eine moderne Arthrosetherapie sollte kein starres Stufenschema sein.
Ich berücksichtige das Alter, den Arthrosegrad, die Qualität des noch vorhandenen Knorpels, Achsstellung und Stabilität des Gelenks, Entzündungsaktivität, Schmerzen, Funktion, sportliche Ansprüche und natürlich die Erwartungen des Patienten.
Bei leichteren und moderaten Arthrosen erzielen wir beispielsweise mit hochwertiger Hyaluronsäure und PRP häufig sehr gute Ergebnisse. Dazu kommen Bewegungstherapie, Muskelaufbau und je nach Befund physikalische Verfahren wie fokussierte Stoßwellentherapie oder EMTT.
Bei weiter fortgeschrittener Arthrose kann Arthrosamid eine interessante langfristige Option sein. Auch Kombinationen beziehungsweise zeitlich aufeinander abgestimmte Therapien sind möglich.
Die Endoprothese bleibt eine hervorragende Therapie, wenn sie wirklich notwendig ist. Mein Grundsatz lautet aber: Solange ein Gelenk mit vernünftigem Aufwand funktionell erhalten werden kann und der Patient eine gute Lebensqualität hat, sollte man diese Möglichkeiten ausschöpfen. Die Operation sollte nicht zu früh erfolgen – aber eben auch nicht um jeden Preis verhindert werden.
Erleben wir gerade einen Umbruch in der Arthrosebehandlung – oder ist die Euphorie verfrüht?
Ich glaube tatsächlich, dass wir gerade einen Paradigmenwechsel erleben. Wir bewegen uns zunehmend weg von der Vorstellung, bei Arthrose lediglich Schmerzmittel zu geben, einige Male zu infiltrieren und irgendwann das Gelenk zu ersetzen.
Die Zukunft liegt meines Erachtens in individualisierten, gelenkerhaltenden und bioregenerativen Behandlungskonzepten. Dazu gehören biologische Verfahren wie PRP ebenso wie moderne Hyaluronsäuren, Hydrogele und weitere regenerative Ansätze – frei nach dem Motto: regenerieren statt operieren!
Arthrosamid ist dabei besonders spannend, weil eine einmalige Behandlung offenbar über mehrere Jahre wirksam sein kann. Die aktuellen Fünf-Jahres-Daten sind ermutigend. Trotzdem sollten wir nicht in Euphorie verfallen. Wir brauchen größere Patientenkollektive, weitere unabhängige Studien und langfristige Vergleichsdaten.
Aus meiner eigenen klinischen Erfahrung würde ich aber sagen: Hydrogele sind keine kurzfristige Modeerscheinung. Sie haben das Potenzial, einen festen Platz in der konservativen Arthrosetherapie einzunehmen – insbesondere dort, wo wir Patienten über Jahre eine gute Gelenkfunktion erhalten und eine Operation vermeiden oder zumindest deutlich hinauszögern können.

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