
© Kaboompics.com
24. August 2026
Christine Bürg
Rückenschmerzen können sich festsetzen, selbst wenn die ursprüngliche Ursache längst keine ausreichende Erklärung mehr liefert. Physiotherapeut Nils Stützer erklärt, was Stress und Ängste damit zu tun haben – und wie sich die Schmerzspirale durchbrechen lässt

Ein Interview mit
Nils Stützer
Rückenschmerzen gehören zu den häufigsten Beschwerden überhaupt. Doch nicht immer erklärt das, was auf einem MRT-Bild zu sehen ist, wie stark ein Mensch tatsächlich leidet. Stress, Ängste, Schlafmangel oder emotionale Belastungen können beeinflussen, wie Schmerzen wahrgenommen werden und dazu beitragen, dass sie sich festsetzen.
Gerade bei chronischen Rückenschmerzen lohnt deshalb ein Blick über Muskeln, Bandscheiben und Wirbelsäule hinaus. Welche Rolle die Psyche spielt, warum die Angst vor Bewegung Beschwerden aufrechterhalten kann und welche Wege aus diesem Kreislauf führen, erklärt Physiotherapeut Nils Stützer im Interview.
Herr Stützer, haben Sie den Eindruck, dass Stress und psychische Belastungen bei Ihren Patientinnen und Patienten heute häufiger zum Problem werden als früher?
Psychosomatische Faktoren spielen aus meiner Sicht schon immer eine wichtige Rolle. Bereits 1977 entwickelte der Psychiater George L. Engel das biopsychosoziale Modell, das 2001 von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Rahmen der ICF (International Classification of Functioning, Disability and Health) verankert wurde.
Dieses Modell betrachtet nicht nur die Erkrankung und ihre körperlichen Ursachen, sondern bezieht auch psychische und soziale Einflussfaktoren sowie die individuellen Kontextfaktoren eines Menschen mit ein. Sie alle können die Entstehung, Wahrnehmung und den Verlauf einer strukturellen Störung maßgeblich beeinflussen.
Der gesellschaftliche Druck ist in den vergangenen Jahren spürbar gestiegen. Früher war unsere Gesellschaft stark vom Motto „schneller, höher, weiter“ geprägt, was bereits zu einem hohen Stressniveau führte. Heute kommen zusätzlich existenzielle Belastungen hinzu, etwa geopolitische Krisen, wirtschaftliche Unsicherheiten und berufliche Zukunftsängste.
All diese Faktoren können sich auf die körperliche und psychische Gesundheit auswirken und Beschwerden wie Rückenschmerzen verstärken. Und das spiegelt sich auch bei den Patienten wieder.
Was sind denn die häufigsten Ursachen für Rückenschmerzen, wenn keine Verletzung dahintersteckt?
Das sind heute weniger einzelne strukturelle Schäden als vielmehr das Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Bewegungsmangel, langes Sitzen, einseitige Belastungen und eine insgesamt zu geringe körperliche Aktivität führen häufig dazu, dass Muskulatur und Bewegungsapparat an Belastbarkeit verlieren.
Ein weiterer wichtiger Faktor ist Stress. Anhaltender beruflicher oder privater Druck kann zu einer erhöhten Muskelspannung führen und Schmerzen verstärken oder chronifizieren. Auch Schlafmangel, fehlende Regeneration und psychische Belastungen spielen dabei eine entscheidende Rolle.
Durch anhaltenden Stress werden vermehrt die Stresshormone Cortisol und Adrenalin ausgeschüttet. Dadurch steigt die Schmerzempfindlichkeit, Entzündungsreaktionen können begünstigt werden und die Regenerationsfähigkeit des Körpers nimmt ab.
Hinzu kommen individuelle Faktoren wie Übergewicht, eine geringe körperliche Fitness oder die Angst vor Bewegung. Gerade diese sogenannte Bewegungsangst kann dazu führen, dass Betroffene körperliche Aktivität vermeiden, wodurch die Muskulatur weiter abbaut und ein Teufelskreis aus Schmerzen, Schonung und zunehmender Einschränkung entsteht.
Äußern sich Schmerzen, insbesondere Rückenschmerzen, die durch Stress oder Ängste bedingt oder verstärkt werden anders als Schmerzen, die nur aufgrund einer Verletzung entstanden sind?
Ja, bereits während der Anamnese und der klinischen Untersuchung zeigen sich häufig Unterschiede. Bei eindeutig strukturellen Ursachen lassen sich anhand der Krankengeschichte sowie der klinischen Untersuchung meist klare Muster erkennen. Bestimmte Bewegungen, das Schmerzverhalten oder Kompensationsmechanismen des Patienten können häufig einer konkreten Struktur zugeordnet werden.
Bei psychosomatisch beeinflussten Rückenschmerzen zeigt sich hingegen oft kein eindeutiges klinisches Bild. Die Beschwerden sind häufig wechselhaft, die Schmerzintensität kann stark schwanken und die Symptome lassen sich nicht immer durch einen strukturellen Befund erklären.
Außerdem nehmen die Beschwerden in Stresssituationen oder bei Ängsten und Sorgen zu und bessern sich in Phasen der Ruhe und Entspannung, zum Beispiel im Urlaub. Ebenfalls typisch sind eine lange Leidensgeschichte sowie dauerhaft erhöhte Muskelspannungen, insbesondere im Nacken-, Schulter- und Rückenbereich.
Unterscheiden sich solche Beschwerden auch darin, wo und wie stark der Schmerz auftritt oder wie lange er anhält?
Häufig lässt sich keine klar definierte Schmerzstelle feststellen. Stattdessen ist das Schmerzareal oft großflächig und diffus. Die Schmerzintensität schwankt auf der visuellen Analogskala (VAS, 0–10) häufig deutlich, ohne dass dafür eindeutige körperliche Auslöser erkennbar sind. Ein weiteres Merkmal ist, dass sich selten ein durchgängig positiver Behandlungsverlauf zeigt.
Wie verändert sich die Behandlung, wenn psychosoziale Faktoren eine Rolle spielen?
Ein ganz wichtiger Baustein ist „Explain Pain“. Häufig fehlt es den Patientinnen und Patienten an einer verständlichen Aufklärung über die Entstehung ihrer Schmerzen sowie an einem gezielten Schmerzmanagement. Deshalb ist es entscheidend, aufmerksam zuzuhören und gemeinsam mögliche Auslöser, Trigger sowie individuelle Kontextfaktoren zu erarbeiten und verständlich zu erklären.
Ebenso wichtig ist es, die Körperwahrnehmung zu fördern und den Patienten dort abzuholen, wo er aktuell steht. Durch eine aktive, individuell angepasste Therapie erlebt der Patient, was sein Körper trotz der Schmerzen leisten kann. Der Fokus sollte darauf liegen, vorhandene Ressourcen und Fähigkeiten sichtbar zu machen, nicht auf den Einschränkungen. Das stärkt das Vertrauen in den eigenen Körper, reduziert Bewegungsängste und fördert langfristig die Selbstwirksamkeit
Können Sie an einem konkreten Beispiel erklären, wie stark emotionale Belastungen Rückenschmerzen beeinflussen können?
Ich hatte mal einen Patienten , Horst, der jede Nacht gegen 3 Uhr nicht mehr in seinem Bett liegen konnte. Aufgrund seiner starken Rückenschmerzen stand er auf und schlief den Rest der Nacht im Wohnzimmer auf einem Sessel weiter.
Horst und ich haben gemeinsam sämtliche Bewegungen untersucht, eine MRT Untersuchung ausgewertet, bei dem man in diesem Alter natürlich altersentsprechende Veränderungen findet, seinen Schlaf analysiert und sogar die Matratze überprüft. Trotzdem besserten sich seine Beschwerden nicht.
Erst als Horst mir erzählte, dass ihn seine Frau genau ein Jahr zuvor an seinem 70. Geburtstag plötzlich verlassen hat, wurde ein möglicher Zusammenhang deutlich. Ihm selbst war dieser zunächst gar nicht bewusst. Horst konnte nicht mehr im gemeinsamen Ehebett schlafen.
Nachdem er diesen Zusammenhang erkannt hatte, entschied er sich für Veränderungen. Horst kaufte sich ein neues Bett, gestaltete sein Zuhause teilweise um und verarbeitete den Verlust zunehmend. Gemeinsam mit der Therapie hatte das einen deutlich positiven Einfluss auf seine Beschwerden. Heute kann er wieder die ganze Nacht in seinem Bett durchschlafen.
Wo liegen für Sie als Physiotherapeut die Grenzen – und wann braucht es einen Arzt oder Psychotherapeuten?
Als Physiotherapeuten müssen wir ständig „clinical reasoning“ betreiben. Zuhören, analysieren, unsere Hypothesen und Behandlungen kritisch hinterfragen und die eigentliche Ursache der Beschwerden erkennen.
Dabei ist es wichtig, den Patienten auf mögliche Zusammenhänge aufmerksam zu machen und gemeinsam Strategien für den Umgang mit den Beschwerden zu entwickeln.
Wenn sich zeigt, dass die Problematik tiefer in psychische oder psychosomatische Bereiche reicht, sollte in Absprache mit dem verordnenden Arzt eine entsprechende Weiterbehandlung oder Überweisung an einen geeigneten Facharzt oder Psychotherapeuten empfohlen werden.
Hier ist es wichtig den Patienten darauf aufmerksam zu machen, aber seine eigenen Grenzen zu erkennen.
Wie können Stress, Ängste und emotionale Belastungen auf den Heilungsverlauf wirken?
Stress, Ängste und emotionale Belastungen können den Verlauf einer Behandlung und den Heilungsprozess erheblich beeinflussen.
Anhaltender Stress führt zu einer vermehrten Ausschüttung von Stresshormonen wie Cortisol und Adrenalin. Dadurch steigt die Muskelspannung, die Schmerzempfindlichkeit kann zunehmen und die Regeneration des Gewebes wird beeinträchtigt.
Ängste und Sorgen können dazu führen, dass Patienten Bewegungen vermeiden oder sich nur noch eingeschränkt belasten (Fear-Avoidance-Verhalten). Dies fördert Muskelabbau, Kraftverlust und eine geringere Belastbarkeit, wodurch Beschwerden häufig bestehen bleiben oder sich sogar verstärken.
Bei chronischen Rückenschmerzen ist häufig vom „Schmerzgedächtnis“ die Rede. Was passiert dabei im Körper?
Das Schmerzgedächtnis spielt eine zentrale Rolle bei chronischen Rückenschmerzen. Bestehen Schmerzen über einen längeren Zeitraum, kann das Nervensystem empfindlicher werden. Schmerzsignale werden schneller und stärker verarbeitet, sodass Schmerzen auch dann bestehen bleiben können, wenn die ursprüngliche Ursache bereits abgeheilt ist oder keine ausreichende strukturelle Erklärung mehr vorliegt. Man spricht hierbei von einer Sensibilisierung des Nervensystems.
Bei chronischen Schmerzen ist Neuroplastizität von entscheidender Bedeutung: Schmerzbahnen können durch anhaltende Schmerzen “trainiert” werden und dadurch empfindlicher reagieren (zentrale Sensibilisierung). Das Gehirn “lernt” den Schmerz, es entsteht ein Schmerzgedächtnis. Dadurch können Schmerzen bestehen bleiben, obwohl das ursprüngliche Gewebe bereits verheilt ist.
Was kann ich als Betroffene selbst tun, um aus der Schmerzspirale herauszukommen?
Viel. Wichtig ist vor allem, körperlich aktiv zu bleiben und Bewegungen nicht aus Angst vor Schmerzen zu vermeiden. Ein individuell angepasstes Kraft- und Bewegungstraining hilft, die Belastbarkeit wieder aufzubauen und Vertrauen in den eigenen Körper zu gewinnen.

Rückenschmerzen können sich festsetzen, selbst wenn die ursprüngliche Ursache längst keine ausreichende Erklärung mehr liefert. Physiotherapeut Nils Stützer erklärt, was Stress und Ängste damit zu tun haben – und wie sich die Schmerzspirale durchbrechen lässt
Christine Bürg

Ein Interview mit
Nils Stützer

Eine Gesichtshälfte ist plötzlich gelähmt, der Mundwinkel hängt, das Auge schließt nicht mehr richtig: Eine Fazialisparese kann Betroffene völlig unvorbereitet treffen. HNO-Spezialist Prof. Christopher Bohr erklärt, wie gut die Heilungschancen sind und warum eine schnelle Abklärung wichtig ist
Christine Bürg & Marianne Waldenfels

Ein Interview mit
Prof. Dr. Christopher Bohr

Eine Mini-Dosis Ozempic, Wegovy oder Mounjaro soll beim Abnehmen helfen und zugleich Nebenwirkungen reduzieren. Endokrinologin Dr. Alexandra Schoeneich erklärt, was Microdosing tatsächlich leisten kann – und was nicht
Christine Bürg & Marianne Waldenfels

Mit
Dr. med. Alexandra Schoeneich