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19. August 2026
Christine Bürg & Marianne Waldenfels
Eine Gesichtshälfte ist plötzlich gelähmt, der Mundwinkel hängt, das Auge schließt nicht mehr richtig: Eine Fazialisparese kann Betroffene völlig unvorbereitet treffen. HNO-Spezialist Prof. Christopher Bohr erklärt, wie gut die Heilungschancen sind und warum eine schnelle Abklärung wichtig ist

Ein Interview mit
Prof. Dr. Christopher Bohr
Bei rund 70 Prozent aller Fazialisparesen bleibt die Ursache unklar. Die gute Nachricht: Gerade diese häufigste Form der Gesichtslähmung hat sehr gute Heilungschancen. Doch was passiert, wenn sich der Gesichtsnerv nicht vollständig erholt?
Prof. Dr. Christopher Bohr, Direktor der Klinik für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde am Universitätsklinikum Regensburg, erklärt, welche Therapien heute möglich sind und warum bei schweren Nervenschäden die Zeit eine entscheidende Rolle spielt.
Herr Professor Bohr, eine Gesichtslähmung kann sehr unterschiedlich aussehen. Was passiert dabei eigentlich?
Zunächst muss man zwischen einer zentralen und einer peripheren Fazialisparese unterscheiden. Der Gesichtsnerv, der Nervus facialis, kommt aus dem Gehirn. Wird er dort geschädigt, etwa im Rahmen eines Schlaganfalls, sprechen wir von einer zentralen Lähmung. Verlässt der Nerv das Gehirn am Hirnstamm und wird in seinem weiteren Verlauf geschädigt, handelt es sich um eine periphere Fazialisparese.
Am häufigsten sehen wir die sogenannte idiopathische Fazialisparese. Das bedeutet, dass wir keine eindeutige Ursache finden. Sie macht etwa 70 Prozent aller Fazialisparesen aus. Dabei können sämtliche Äste des Gesichtsnervs betroffen sein und damit die gesamte mimische Muskulatur einer Gesichtshälfte. Die Ausprägung reicht von einer ganz leichten Beeinträchtigung der Mimik bis zum vollständigen Funktionsverlust, bei dem auf der betroffenen Seite keine Gesichtsbewegung mehr möglich ist.
Kündigt sich eine solche Lähmung vorher an?
Das hängt sehr von der Ursache ab. Eine idiopathische Fazialisparese kann sich innerhalb weniger Stunden entwickeln. Manche Patienten bemerken die Veränderungen relativ schnell, bei anderen entsteht die Lähmung während des Schlafs. Sie wachen morgens auf, schauen in den Spiegel und stellen fest, dass eine Gesichtshälfte nicht mehr richtig funktioniert.
Bei einem Schlaganfall tritt die Parese dagegen gleichzeitig mit der Durchblutungsstörung im Gehirn auf. Ähnlich ist es bei einer traumatischen Schädigung, beispielsweise wenn durch einen Knochenbruch der Nerv verletzt wird. Dabei ist für uns wichtig zu unterscheiden, ob der Nerv direkt durch die Verletzung geschädigt wurde oder erst infolge einer Schwellung beeinträchtigt wird. Das hat Konsequenzen für die Behandlung.
Welche Ursachen kommen neben einem Schlaganfall oder einer Verletzung infrage?
Neben der idiopathischen Fazialisparese können unter anderem Verletzungen, Entzündungen oder Tumorerkrankungen zu einer Schädigung des Gesichtsnervs führen.
Kann eine Fazialisparese jeden treffen?
Ja, sie kann grundsätzlich in jedem Alter auftreten. Frauen und Männer sind ungefähr gleich häufig betroffen. Bei der idiopathischen Fazialisparese sehen wir etwa 40 bis 50 Neuerkrankungen pro 100.000 Einwohner und Jahr. Andere Ursachen, beispielsweise traumatisch oder tumorbedingt entstandene Fazialisparesen, sind deutlich seltener.
Gibt es Erkrankungen, die das Risiko erhöhen?
Ja. Dazu gehört beispielsweise Diabetes mellitus. Auch bei Autoimmunerkrankungen wie Multipler Sklerose besteht ein erhöhtes Risiko für eine Nervenlähmung.
Für Betroffene ist eine plötzlich gelähmte Gesichtshälfte zunächst ein enormer Schreck. Wie gut sind die Chancen, dass sich der Nerv wieder erholt?
Bei der idiopathischen Fazialisparese ist die spontane Heilungsrate sehr hoch. Das ist etwas Beruhigendes, das wir den Patienten auch mitgeben können. Allerdings spielen sowohl das Alter als auch die Schwere der Lähmung eine Rolle.
Mit zunehmendem Alter nimmt die Regenerationsfähigkeit des Körpers und damit auch die des Nervs ab. Ältere Menschen haben deshalb etwas schlechtere Chancen auf eine vollständige Erholung. Auch bei einer kompletten Lähmung ist die Prognose ungünstiger als bei einer nur gering ausgeprägten Fazialisparese.
Wie wird eine idiopathische Fazialisparese behandelt?
Wir gehen davon aus, dass möglicherweise Schwellungen im Nervenkanal oder Reizzustände des Nervs eine Rolle spielen. Deshalb behandeln wir die idiopathische Fazialisparese mit Kortison, das systemisch gegeben wird, entweder als Tablette oder als Infusion. Studien haben gezeigt, dass sich dadurch die Heilungschancen verbessern können.
Eine Gesichtslähmung verändert nicht nur die Mimik, sondern häufig auch das gesamte Auftreten eines Menschen. Wie stark ist die psychische Belastung?
Je nach Ausprägung kann sie sehr hoch sein. Gerade am Anfang ist deshalb eine gute Aufklärung wichtig. Die Patienten müssen wissen, worauf sie sich einstellen können. Wenn man ihnen beispielsweise erklärt, dass die Erholung einige Wochen dauern kann und insbesondere die ersten drei Wochen für den Heilungsverlauf entscheidend sind, können sie besser damit umgehen. Dann ist die Enttäuschung auch nicht so groß, wenn am zweiten Tag noch keine Verbesserung zu sehen ist.
Bei einer dauerhaften Parese ist es wichtig, Perspektiven aufzuzeigen und zu erklären, welche Möglichkeiten wir haben, das Gesicht funktionell und optisch zu korrigieren. Und manchmal benötigen Patienten zusätzlich psychologische Unterstützung.
Was kann man tun, wenn der Gesichtsnerv dauerhaft geschädigt ist?
Dann stehen uns verschiedene rekonstruktive Verfahren zur Verfügung. Solche Operationen kommen allerdings nur infrage, wenn der Nerv schwer beziehungsweise vollständig geschädigt ist und keine ausreichende Erholung mehr zu erwarten ist.
Welche Methode sinnvoll ist, hängt unter anderem vom Alter des Patienten ab. Nervenrekonstruktionen sind bei älteren Menschen weniger erfolgversprechend, weil die Regenerationsfähigkeit des Gewebes abnimmt. Bei Patienten über etwa 75 Jahren haben Verfahren, bei denen Nervenenden miteinander verbunden werden und wieder auswachsen sollen, geringere Erfolgschancen.
In solchen Fällen gibt es statische Korrekturverfahren. Dabei können wir beispielsweise einen abgesunkenen Mundwinkel oder eine Augenbraue wieder in eine physiologischere Position bringen.
Und was versteht man unter einer dynamischen Rekonstruktion?
Dabei versuchen wir, Bewegung wiederherzustellen. Eine Möglichkeit ist beispielsweise ein sogenanntes Gracilis-Transplantat. Dafür werden ein Muskelstreifen und ein Nerv aus dem Oberschenkel entnommen und in das Gesicht transplantiert. Das ist allerdings ein sehr aufwendiges Verfahren und kommt nur für ausgewählte Patienten infrage.
Warum ist es bei einer schweren oder dauerhaften Gesichtslähmung so wichtig, früh einen Spezialisten aufzusuchen?
Weil die Zeit eine entscheidende Rolle spielen kann. Wenn der Gesichtsnerv dauerhaft ausgefallen ist, bekommen die von ihm gesteuerten Muskeln keine Impulse mehr. Und ein Muskel, der nicht mehr angesteuert wird, beginnt zu atrophieren, also sich zurückzubilden. Dieser Prozess setzt im Grunde vom ersten Tag der Lähmung an ein.
Die Gesichtsmuskulatur besteht zum Teil aus sehr kleinen, feinen Muskeln. Das sieht man schon daran, wie differenziert unsere Mimik ist und wie kleinste Bewegungen den Gesichtsausdruck verändern können. Ist diese Muskulatur erst stark zurückgebildet, lässt sie sich später nur noch sehr schwer wieder aktivieren. Deshalb kann das Zeitfenster für eine Rekonstruktion eng sein. Bei einer schweren Nervenschädigung lohnt es sich, frühzeitig einen Spezialisten aufzusuchen und die Möglichkeiten zu besprechen.
Gibt es einen Patienten oder eine Patientin, deren Geschichte Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Es gibt viele solcher Fälle, weil eine Gesichtslähmung die Betroffenen sehr einschränken kann. Wenn es gelingt, ihnen zu helfen, erlebt man entsprechend viel Dankbarkeit – und das berührt einen natürlich.
Erst vor Kurzem haben mir die Eltern einer kleinen Patientin ein Video geschickt. Das Mädchen war in sehr frühem Lebensalter an einer Hirnhautentzündung erkrankt und hatte dadurch eine Gesichtsnervenlähmung entwickelt. Für eine große Rekonstruktionsoperation war sie noch zu jung. Um aber zu verhindern, dass sich die Gesichtsmuskulatur immer weiter zurückbildet, haben wir einen Nerv, der den Kaumuskel versorgt, mit dem Gesichtsnerv verbunden. Das nennt man Masseter-Nerventransfer.
Etwa ein Jahr später bekam ich dieses Video zugeschickt – und darauf lächelt das Mädchen in die Kamera. Solche Momente sind natürlich besonders schön.

Eine Gesichtshälfte ist plötzlich gelähmt, der Mundwinkel hängt, das Auge schließt nicht mehr richtig: Eine Fazialisparese kann Betroffene völlig unvorbereitet treffen. HNO-Spezialist Prof. Christopher Bohr erklärt, wie gut die Heilungschancen sind und warum eine schnelle Abklärung wichtig ist
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