
© Haberdoedas Photography
19. August 2026
Christine Bürg & Marianne Waldenfels
Eine Mini-Dosis Ozempic, Wegovy oder Mounjaro soll beim Abnehmen helfen und zugleich Nebenwirkungen reduzieren. Endokrinologin Dr. Alexandra Schoeneich erklärt, was Microdosing tatsächlich leisten kann – und was nicht

Mit
Dr. med. Alexandra Schoeneich
Ozempic, Wegovy, Mounjaro oder Zepbound haben die Behandlung von Diabetes und Adipositas grundlegend verändert. Inzwischen dreht sich die Diskussion jedoch nicht mehr nur darum, wer die Medikamente bekommen sollte, sondern zunehmend auch darum, wie viel davon überhaupt nötig ist.
In sozialen Medien hat sich dafür ein neuer Begriff etabliert: „Microdosing“. Dabei nehmen Anwenderinnen und Anwender ihr GLP-1-Präparat, etwa Semaglutid (Ozempic, Wegovy) oder Tirzepatid (Mounjaro, Zepbound), bewusst niedriger dosiert ein, als es die zugelassenen Therapieschemata vorsehen.
Die Hoffnung dahinter: den Appetit weiterhin dämpfen und Gewicht verlieren, gleichzeitig aber typische Nebenwirkungen wie Übelkeit oder andere Magen-Darm-Beschwerden reduzieren. Auch die Kosten spielen eine Rolle, manche Nutzerinnen und Nutzer versuchen, ihre Pens länger zu verwenden.
Wie verbreitet die Praxis inzwischen ist, zeigt eine 2026 durchgeführte Umfrage des Gesundheits-Tech-Unternehmens Evidation Health unter mehr als 8.000 Nutzerinnen und Nutzern injizierbarer GLP-1-Präparate: 15 Prozent gaben an, bereits Microdosing praktiziert zu haben oder dies aktuell zu tun. Auffällig ist auch, woher die Idee häufig kommt: Soziale Medien waren in der Befragung die wichtigste Informationsquelle zum Thema Microdosing.
Das Problem beginnt allerdings schon beim Begriff. Denn eine medizinisch einheitliche Definition dafür, was genau eine „Microdose“ ist, gibt es bislang nicht.
Dr. Alexandra Schoeneich, Internistin, Endokrinologin und Diabetologin, beurteilt die aktuell verbreitete Form des Microdosings entsprechend kritisch: „GLP-1-Microdosing ist derzeit kein anerkanntes medizinisches Behandlungskonzept, sondern im Wesentlichen eine Do-it-yourself-Praxis ohne verlässliche wissenschaftliche Grundlage.“
Dabei gehe im Umgang mit dem Trend leicht ein wesentlicher Punkt verloren, sagt Schoeneich: „Wichtig ist im Rahmen dieser Diskussion zu betonen, dass GLP-1-Agonisten wie Semaglutid oder Tirzepatid verschreibungspflichtige Medikamente sind und keine Nahrungsergänzungsmittel oder Supplements. Die eigenmächtige Dosierung unterhalb der zugelassenen Therapieschemata („Microdosing“) erfolgt komplett off-label, da es hierzu bisher keine validen wissenschaftlichen Daten, klinischen Studien oder offiziellen Leitlinien gibt.“

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Und weiter: " Von einer solchen Do-it-yourself-Praxis ohne medizinische Begleitung und ärztliche Absprache ist daher ganz klar abzuraten. Jede Dosisanpassung und Anwendung von GLP-1-Rezeptoragonisten sollte ausschließlich in enger Abstimmung mit behandelnden Ärztinnen und Ärzten erfolgen, um Risiken wie Fehlbehandlungen, Nebenwirkungen oder Dosierungsfehler zu vermeiden."
Genau diese Vorstellung macht den Trend so attraktiv. Aus klinischer Sicht lässt sie sich jedoch weder pauschal bestätigen noch widerlegen. Denn Menschen können auf dieselbe GLP-1-Dosis sehr unterschiedlich reagieren.
„Bei Personen mit einer hohen Wirkstoffempfindlichkeit kann eine geringere Dosis tatsächlich ausreichen, um den gewünschten Effekt auf den Appetit oder Blutzucker zu erzielen, ohne dass die typischen Magen-Darm-Nebenwirkungen auftreten. Für die breite Masse ist eine zu niedrige Dosierung hingegen schlicht untertherapeutisch: Die Wirkung bleibt aus oder ist zu schwach, um den gewünschten Stoffwechseleffekt oder Gewichtsverlust zu erzielen“, erklärt Schoeneich.
Auch die Forschung liefert bislang keinen Beleg für dieses Versprechen. Die großen Studien zur Gewichtsreduktion mit Semaglutid und Tirzepatid untersuchten festgelegte Dosierungs- und Titrationsschemata, nicht das heute in sozialen Medien propagierte Microdosing.
Bei eigenmächtigem Unterdosieren oder beim Manipulieren von Pens können Probleme entstehen. „Das eigenständige Unterdosieren oder Strecken von GLP-1-Präparaten birgt Risiken, die über eine bloße Unwirksamkeit hinausgehen“, sagt Schoeneich.
Konkret nennt sie drei: „Dosierungsfehler: Beim manuellen Manipulieren von Injektions-Pens oder Spritzen kann es zu ungenauen Dosierungen kommen. Mangelnde Blutzuckereinstellung: Bei Diabetikern führt eine zu geringe Dosis zu unzureichend eingestellten Blutzuckerwerten. Jojo-Effekt und Therapieabbruch: Eine unberechenbare Wirkung kann zu Frust, Schwankungen beim Hungergefühl und letztlich zum Scheitern der Behandlung führen.“
Wer einen Pen durch kleinere Einzeldosen länger als vorgesehen verwenden möchte, muss zudem die jeweiligen Vorgaben zu Lagerung und Verwendungsdauer beachten. Und auch vermeintlich geringe Dosen bleiben pharmakologisch wirksame Mengen eines verschreibungspflichtigen Medikaments.
Gerade hier wird die Debatte interessant. „Im klinischen Kontext kann es medizinisch manchmal Sinn ergeben, GLP-1-Präparate unterzudosieren. Das ist beispielsweise dann der Fall, wenn eine weitere Gewichtsabnahme nicht mehr gewünscht ist, aber weiterhin eine Senkung des Blutzuckers erzielt werden soll“, sagt Schoeneich.
Auch für die langfristige Adipositastherapie rückt die Frage nach der niedrigsten wirksamen Dosis stärker in den Fokus. Die American Diabetes Association empfiehlt 2026, eine medikamentöse Adipositastherapie nach Erreichen des Gewichtsziels in der Regel fortzuführen, weil ein Absetzen häufig mit erneuter Gewichtszunahme verbunden ist.
Gleichzeitig soll die Dosis individuell so gewählt werden, dass Wirkung, gesundheitlicher Nutzen und Verträglichkeit in einem guten Verhältnis stehen. Als mögliche langfristige Strategie nennt die Leitlinie ausdrücklich die niedrigste wirksame Dosis.
Dass eine Dosisreduktion nach erfolgreicher Gewichtsabnahme funktionieren kann, untersucht inzwischen auch die klinische Forschung. In der 2026 im Lancet veröffentlichten SURMOUNT-MAINTAIN-Studie wurden Menschen nach 60 Wochen Tirzepatid-Therapie entweder mit ihrer maximal verträglichen Dosis weiterbehandelt, auf 5 Milligramm reduziert oder auf Placebo umgestellt.
Auch mit der reduzierten Dosis ließ sich ein großer Teil des zuvor erzielten Gewichtsverlusts über weitere 52 Wochen erhalten, wenngleich die Fortführung der höheren Dosis erfolgreicher war.
Das ist kein Beleg für Microdosing. Es zeigt aber, dass die Frage nach einer niedrigeren Erhaltungsdosis inzwischen auch wissenschaftlich untersucht wird.
Was medizinisch sinnvoll sein kann und was in sozialen Medien als Microdosing propagiert wird, sollte deshalb nicht verwechselt werden. Eine niedrigere Dosis kann Teil einer individuell abgestimmten Therapie sein. Von selbstständigen Dosisänderungen ist allerdings abzuraten. Wer weniger Wirkstoff verwenden möchte – sei es wegen Nebenwirkungen, Kosten oder nach erfolgreicher Gewichtsabnahme –, sollte die Dosis gemeinsam mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt anpassen.