
© Magnific
15. August 2026
Prof. Dominik Pförringer
Kleine Räder, große Selbstüberschätzung: Die Zahl der E-Scooter-Unfälle steigt deutlich. Prof. Dominik Pförringer über einen Mobilitätstrend, der Unfallchirurgen zunehmend beschäftigt

Von
Prof. Dr. med. Dominik Pförringer
Überall wird die Welt sicherer, es gibt generell immer weniger Verkehrstote, weniger Flugzeugabstürze… doch halt, die Menschheit stellt sich immer wieder gerne ein Bein. In diesem Fall ein Gerät, welches die Sturzfrequenz katalysiert. Der E-Scooter gilt als moderne, unkomplizierte Mobilität.
Medizinisch betrachtet ist er ein bemerkenswert effizientes Instrument, um selbst kurze Strecken um einen Besuch in der Notaufnahme zu bereichern. Im Jahresvergleich ist die Zahl der gemeldeten E-Scooter Unfälle in Deutschland um 38,1 Prozent gestiegen. 2025 registrierte die Polizei laut Destatis 16 496 E-Scooter-Unfälle mit Personenschaden, 38 Menschen starben.
Auch die Daten aus München sind eindeutig: In einer Untersuchung aus dem Münchner TUM Klinikum rechts der Isar erlitten 12 % der verletzten E-Scooter-Fahrer ein Schädel-Hirn-Trauma, 2 % eine intrakranielle Blutung. Gesichtsverletzungen traten bei 42 %, Mittelgesichtsfrakturen bei 12 % und Zahnverletzungen bei 18 % auf.
Die aktuellen Zahlen des Traumaregisters der DGU (Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie) wurden von PD Dr. Dr. Michael Zyskowski und seinem Team im Detail fortlaufend analysiert und die jährlich deutlich steigende Zahl schwerer Verletzungen durch E-Scooter bestätigt.
Als wäre all das nicht genug der Abschreckung, es kommt natürlich noch der menschliche Erfindungsreichtum hinzu:
Alkohol in Kombination mit dem E-Scooter erleichtert den Weg in die Unfallchirurgie und Neurochirurgie. Wer nach ausreichend Getränken fest an sich glaubt, auf einem kleinen Brett mit zwei winzigen Rädern noch ausreichend Gleichgewicht, Reaktionsfähigkeit und Gefahrenwahrnehmung zu besitzen, überschätzt seine kognitiven Fähigkeiten.
Die Münchner Daten zeigen eindrucksvoll, dass Alkohol nicht nur die Unfallwahrscheinlichkeit, sondern auch das Verletzungsmuster verschärft. Bei alkoholisierten Fahrern lag die Rate von Schädel-Hirn-Trauma bzw. intrakranieller Blutung bei 29 % gegenüber 8 % bei nüchternen Fahrern. Auch Gesichtsverletzungen und Kiefer-/Mittelgesichtsfrakturen sind deutlich häufiger bei angetrunkenen Fahrern der Elektrowinzlinge zu finden.

Kleine Räder, große Selbstüberschätzung: Die Zahl der E-Scooter-Unfälle steigt deutlich. Prof. Dominik Pförringer über einen Mobilitätstrend, der Unfallchirurgen zunehmend beschäftigt
Prof. Dominik Pförringer

Von
Prof. Dr. med. Dominik Pförringer

Längere, dichtere Wimpern – aber zu welchem Preis? Eine neue Bilanz des CVUA Karlsruhe zeigt Sicherheitsprobleme bei Wimpernseren mit Prostaglandin-Derivaten. Augenärztin Dr. Tabitha Neuhann erklärt, welche Folgen für die Augen sogar dauerhaft bleiben können.
Christine Bürg & Marianne Waldenfels

Mit
Dr. med. Tabitha Neuhann
Noch zuverlässiger wird es, wenn zwei Menschen auf einem Gerät für eine Person Platz nehmen. Das verändert Schwerpunkt, Balance und Kontrollierbarkeit – und verdoppelt im Fall des Sturzes die Zahl der Menschen, deren Anatomie eventuell neu arrangiert ist. Schon Einstein wusste ob der Unbegrenztheit der menschlichen Dummheit, nur kannte er glücklicherweise keine Elektroroller.
Bei all diesen physikalischen Herausforderungen darf das Smartphone nicht fehlen. Wer während der Fahrt telefoniert oder idealerweise per Videotelefonie spricht, transformiert seine ohnehin begrenzte Aufmerksamkeit in ein Multitasking-Experiment. In einer Fall-Kontroll-Studie war die Nutzung eines Mobiltelefons unmittelbar vor einem Verkehrsunfall mit einer Verdreifachung der Verletzungswahrscheinlichkeit verbunden.
Auch Kopfhörer oder Ohrstöpsel sind eine bemerkenswerte Idee: Man bewegt sich überdurchschnittlich schnell durch eine unterdurchschnittlich übersichtliche Verkehrssituation und entscheidet sich zusätzlich, die akustischen Warnsignale auszublenden. Eine deutsche Beobachtungsstudie mit 4.514 Rad- und E-Scooter-Fahrern zeigte, dass Kopfhörer/Ohrhörer die häufigste beobachtete Nebenaktivität waren, die logischerweise in deutlich mehr Unfälle münden.
Die medizinische Botschaft ist deshalb eigentlich banal: E-Scooter sind nicht automatisch gefährlich – gefährlich wird die Kombination aus einem physikalisch instabilen Fahrzeug, fehlender Schutzausrüstung, Alkohol, Ablenkung und grenzenloser Selbstüberschätzung. Anders ausgedrückt: die meisten Fahrer sind kognitiv nicht in der Lage, den Scooter adäquat zu kontrollieren.
Wer nüchtern, allein, aufmerksam, tagsüber, auf trockener Straße mit beiden Händen am Lenker und angemessener Geschwindigkeit fährt, kann alledem aus dem Weg gehen. Wer dazu noch seine Muskeln verwendet, der hat sogar einen Trainingseffekt.
Ein Verbot der Mietroller, wie es Paris bereits seit 2023 vormacht, hat nur positive Effekte: Weniger Unfälle, weniger Verschandelung der Innenstädte durch Stolperfallen auf dem Trottoir. Auch die in den Flüßen der Stadt lebenden Fische bedanken sich über weniger Schwermetall durch hunderte aus Vandalismus versenkte Roller.
Wer nachts betrunken zu zweit auf dem Scooter steht, Kopfhörer trägt und nebenbei WhatsApp schreibt, führt ein durchaus modernes Mobilitätexperiment durch. Dieses kann sogar im sozialverträglichen Frühableben des Fahrers münden – praktizierter Darwinismus. Würde der Fahrer dabei nur sich selbst gefährden, so ließe sich das zynisch als absolutes Positivum beschreiben.
Drakonische Strafen wären ein sinnvoller Ausgangspunkt, um die sinnlose Belastung der Solidarsysteme einzudämmen, das absolute Verbot der nächste sinnvolle Schritt.