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12. August 2026
Christine Bürg & Marianne Waldenfels
Längere, dichtere Wimpern – aber zu welchem Preis? Eine neue Bilanz des CVUA Karlsruhe zeigt Sicherheitsprobleme bei Wimpernseren mit Prostaglandin-Derivaten. Augenärztin Dr. Tabitha Neuhann erklärt, welche Folgen für die Augen sogar dauerhaft bleiben können.

Mit
Dr. med. Tabitha Neuhann
Ein schmaler Applikator, ein Strich am oberen Lidrand, jeden Abend ein paar Sekunden: Wimpernseren wirken auf den ersten Blick wie ein gewöhnliches Beauty-Produkt. Doch einige enthalten Substanzen aus einer Stoffgruppe, die ursprünglich aus der Augenmedizin bekannt ist: Prostaglandine. Sie können Wimpern tatsächlich länger und dichter wachsen lassen – aber auch unerwünschte Wirkungen am Auge auslösen.
Wie aktuell das Problem ist, zeigt eine neue Bilanz des Chemischen und Veterinäruntersuchungsamts Karlsruhe.
Das CVUA Karlsruhe analysiert Wimpernseren bereits seit 2018 auf Prostaglandin-Derivate. Dabei stehen insbesondere Produkte im Fokus, die ein besonders starkes Wimpernwachstum versprechen.
Zwischen 2019 und 2026 wurden 71 Wimpern- und Augenbrauenseren untersucht. 38 davon – 53,5 Prozent – wurden als nicht sicher bewertet. In allen 38 Proben wurden Prostaglandin-Analoga nachgewiesen. Die Zahl bedeutet allerdings nicht, dass mehr als jedes zweite Wimpernserum auf dem Markt problematisch ist: Das CVUA untersuchte gezielt Produkte, die ein besonders starkes Wimpernwachstum versprechen. Die Ergebnisse lassen sich deshalb nicht auf alle erhältlichen Wimpernseren übertragen.
Besonders bemerkenswert: Bei sechs Produkten war der nachgewiesene Wirkstoff nicht einmal in der Inhaltsstoffliste angegeben. Selbst wer die Inhaltsstoffe aufmerksam prüft, kann sich also nicht in jedem Fall darauf verlassen, ein Prostaglandin-Derivat dort zu erkennen.
Warum diese Funde aus augenärztlicher Sicht relevant sind, hat mit der Herkunft der Wirkstoffe zu tun.
„Die Augenheilkunde und Prostaglandine sind eng miteinander verbunden. Seit Mitte der 1990er gibt es Prostaglandine zur Behandlung eines Glaukoms und sie sind nicht mehr aus der Augenheilkunde wegzudenken“, erklärt Dr. Tabitha Neuhann, FEBO, Fachärztin für Augenheilkunde mit Schwerpunkten in der refraktiven Chirurgie, Kataraktbehandlung, der Behandlung des trockenen Auges und der Netzhautdiagnostik.
Prostaglandin-Analoga senken den Augeninnendruck. Dass davon auch die Wimpern länger und dichter wachsen können, fiel zunächst als Nebenwirkung auf. Später wurde genau dieser Effekt gezielt genutzt: 2008 wurde Bimatoprost in den USA zur Behandlung einer sogenannten Wimpernhypotrichose zugelassen – also bei unzureichendem Wimpernwachstum.
In frei verkäuflichen Wimpernseren kommen aber häufig nicht die bekannten und besser untersuchten Arzneistoffe wie Bimatoprost oder Tafluprost zum Einsatz, sondern chemisch verwandte Derivate. Auch sie können das Wimpernwachstum deutlich anregen. Über ihre Sicherheit ist jedoch teilweise erheblich weniger bekannt.
„Allerdings ist bei den Wirkstoffen Vorsicht geboten. Da diese bereits lange im Einsatz sind, gibt es hierzu wissenschaftliche Studien, die die Wirkung, aber auch eben die Nebenwirkungen, gut belegen“, so Dr. Neuhann.
Die möglichen Nebenwirkungen reichen von vergleichsweise milden Beschwerden bis zu Veränderungen, die lange bestehen bleiben können.
Dr. Neuhann nennt „Rötung, Juckreiz, Brennen, trockenes Auge, verstärkte Durchblutung des Auges - d.h. rote Augen, Verdunkelung der Lidhaut (dunkle Ringe) und – seltener, aber möglich – eine Verfärbung der Regenbogenhaut (Iris).“
Während der gewünschte Effekt – längere und dichtere Wimpern – nach dem Absetzen allmählich wieder verloren geht, gilt das nicht zwangsläufig für alle Nebenwirkungen.
„Die Irisverfärbung ist irreversibel und das ist sehr gut in wissenschaftlichen Studien belegt. Mehrere Studien zu Prostaglandinen zeigen, dass nach etwa 3 Jahren Behandlung bei rund 30 % der Patienten eine verstärkte Irispigmentierung auftritt. Follow-up-Studien nach Absetzen des Medikaments bestätigen, dass diese Pigmentierung bestehen bleibt – im Gegensatz zu Wimpern- und periokulären Hautveränderungen, die reversibel sind“, erklärt Dr. Neuhann.
Die genaue Häufigkeit einer solchen Irispigmentierung hängt unter anderem vom Wirkstoff, der Behandlungsdauer, der ursprünglichen Augenfarbe und der untersuchten Population ab.
„Aber auch dunkle Ringe um die Augen (periorbitale Verfärbung) sind nur teilreversibel: die Erholungszeit variiert von einem Monat bis zu mehreren Jahren!“, sagt Dr. Neuhann.
Eine weitere mögliche Veränderung betrifft das Fettgewebe rund um das Auge. „Was auch zu bedenken ist, ist die sogenannte Fettatrophie um den Augapfel (periorbitale Fettatrophie). Dies führt dazu, dass die Augen in die Augenhöhle einsinken und ist ebenso gut wissenschaftlich dokumentiert“, erklärt Dr. Neuhann.
Ob sich diese Veränderung nach dem Absetzen vollständig zurückbildet, lässt sich nicht pauschal beantworten.
„Bezüglich der Reversibilität gibt es unterschiedliche Datenlage: Einige Fallserien berichten nach Absetzen über eine teilweise bis vollständige Rückbildung (Zeitrahmen Monate bis Jahre), aber es gibt auch dokumentierte persistierende Fälle, bei denen sich das verlorene Fettvolumen nicht regeneriert. Bildgebende Verlaufsstudien stützen die Annahme, dass der Volumenverlust strukturell ist und - anders als reine Pigmentveränderungen - nicht zuverlässig rückgängig gemacht werden kann.“
Auch das Scientific Committee on Consumer Safety (SCCS), das wissenschaftliche Beratungsgremium der Europäischen Kommission, hat drei häufig eingesetzte Prostaglandin-Derivate untersucht: Isopropyl Cloprostenate (IPCP), Methylamido Dihydro Noralfaprostal (MDN) und Dechloro Dihydroxy Difluoro Ethylcloprostenolamide (DDDE).
Das Ergebnis der finalen Bewertung von 2026 ist deutlich: Keiner der drei Stoffe kann nach Einschätzung des Gremiums als sicher für Wimpern- und Augenbrauenprodukte angesehen werden. Bedenken bestehen unter anderem wegen ihrer starken pharmakologischen Wirkung sowie möglicher fortpflanzungs- und entwicklungsschädigender Effekte. Das CVUA rät Schwangeren und Frauen, die schwanger werden möchten, deshalb von prostaglandinhaltigen Wimpernseren ab.
Wie können solche Substanzen trotzdem frei verkauft werden? Mit dieser Frage beschäftigte sich 2022 auch der Europäische Gerichtshof. Entscheidend für die rechtliche Einordnung ist nicht allein die pharmakologische Wirkung, sondern auch der Zweck des Produkts: Soll ein Wimpernserum lediglich das Aussehen verbessern und keine Krankheit behandeln, kann es als Kosmetikum gelten.
Der Unterschied ist relevant: Arzneimittel durchlaufen vor ihrer Zulassung umfangreiche Prüfungen, Kosmetika keine vergleichbare behördliche Zulassung. So können pharmakologisch aktive Substanzen, die eng mit verschreibungspflichtigen Augenmedikamenten verwandt sind, in einem frei verkäuflichen Beauty-Produkt stecken.
Bei einigen der vom Chemischen und Veterinäruntersuchungsamts Karlsruhe untersuchten Produkte passte auch die Werbung nicht zum Inhalt. Acht Seren wurden wegen irreführender Aussagen wie „maximale Sicherheit“, „von der FDA empfohlen“ oder sogar „prostamidfrei“ beanstandet.
Bei 13 Proben kamen weitere Kennzeichnungsmängel hinzu – darunter unvollständige Inhaltsstofflisten, nicht deklarierte Prostaglandin-Wirkstoffe oder fehlende Vorsichtsmaßnahmen.
Ein Blick auf die Inhaltsstoffliste kann helfen, ganz einfach ist die Suche allerdings nicht. Denn Prostaglandin-Derivate verstecken sich hinter chemischen Bezeichnungen, die für Laien kaum als solche zu erkennen sind.
Dr. Neuhann rät: „Man muss auf Namen achten, die auf "-prost" enden oder folgende Bezeichnungen: Isopropyl Cloprostenate (IPCP), Methylamido Dihydro Noralfaprostal (MDN), Dechloro Dihydroxy Difluoro Ethylcloprostenolamid (DDDE).“
Doch selbst dieser Check bietet keine hundertprozentige Sicherheit: Bei sechs der vom CVUA beanstandeten Produkte war der nachgewiesene Wirkstoff überhaupt nicht deklariert.
International stehen solche Substanzen schon länger in der Kritik. „Ein früher markanter Punkt: 2011 erhielt der Hersteller von RapidLash von der FDA einen Warning Letter wegen Isopropyl Cloprostenate. Seitdem stehen diese Produkte zunehmend in der Kritik – Kanada verbot den Stoff 2019 in Kosmetika, die EU stufte ihn 2026 (SCCS-Gutachten) als nicht sicher ein“, erklärt Dr. Neuhann.
Dass Prostaglandin-Analoga mögliche Nebenwirkungen haben, bedeutet nicht, dass sie grundsätzlich problematische Arzneimittel sind. Bei einem Glaukom können sie einen wichtigen medizinischen Nutzen haben – und genau darin liegt der entscheidende Unterschied zur kosmetischen Anwendung.
„Wie schon gesagt, Prostaglandine kommen aus der Augenheilkunde und sind hier nicht mehr wegzudenken. Prostaglandin-Augentropfen gegen Grünen Star (z.B. Wirkstoffe wie Latanoprost, Bimatoprost, Travoprost): gleiche Substanzklasse, ähnliche Nebenwirkungen. Der wichtige Unterschied zur kosmetischen Anwendung: Bei Glaukom ist die Behandlung medizinisch notwendig und wird augenärztlich überwacht, sodass Nutzen und Risiko anders abgewogen werden als bei einem Wimpernserum ohne medizinische Indikation“, sagt Dr. Neuhann.
Wimpernseren sehen aus wie gewöhnliche Beauty-Produkte. Einige enthalten jedoch Substanzen, die eng mit hochwirksamen Arzneistoffen aus der Augenmedizin verwandt sind. Dass ein Produkt rechtlich als Kosmetikum gilt, bedeutet deshalb nicht automatisch, dass seine Inhaltsstoffe harmlos sind.
Besonders kritisch wird es, wenn Verbraucherinnen gar nicht erkennen können, dass ein Prostaglandin-Derivat enthalten ist. Die Untersuchungen aus Karlsruhe zeigen genau das: Bei sechs der beanstandeten Produkte fehlte der nachgewiesene Wirkstoff in der Inhaltsstoffliste.
Dr. Neuhann formuliert es deutlich: „Generell gilt, diese Substanzklassen wirklich mit Verstand und Vorsicht anzuwenden. Die Nebenwirkungen sind nicht schön und jeder muss sich selbst die Frage stellen, wie wichtig lange Wimpern einem sind, wenn man diese Folgen im Kopf hat.“

Längere, dichtere Wimpern – aber zu welchem Preis? Eine neue Bilanz des CVUA Karlsruhe zeigt Sicherheitsprobleme bei Wimpernseren mit Prostaglandin-Derivaten. Augenärztin Dr. Tabitha Neuhann erklärt, welche Folgen für die Augen sogar dauerhaft bleiben können.
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Dr. med. Tabitha Neuhann

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