
© © Michael Oliver Love @Hero Creative Management, Stylist: Low Kotze, Haare & Makeup: Michelle Lee Collins @Hero Creative Management, Model: Bethany De Waal @ Kult Models, Produktion: Hero Creative Management für Kinfolk Magazine
Kann die KI maßgeschneiderte Schönheitsempfehlungen geben?
8. September 2025
Judith Cyriax
Künstliche Intelligenz erobert die Beauty-Welt – mit personalisierter Pflege, smarten Tools und virtuellen Make-up-Erlebnissen
„Insgesamt trägt die Verwendung von KI in der Kosmetikbranche dazu bei, die Effizienz und die Kundenzufriedenheit zu verbessern“, lautet das nüchterne Fazit von ChatGPT selbst. Und tatsächlich: Künstliche Intelligenz gilt aktuell als eine der wichtigsten Treibertechnologien der Beauty-Industrie.
Laut der weltweit meistdiskutierten Open-Source-KI-Anwendung kann KI unter anderem neue Rezepturen und Formulierungen für Kosmetikprodukte entwickeln, Verbraucherbedürfnisse präziser analysieren sowie Marketing- und Werbekampagnen zielgenauer aussteuern. Auch die Qualitätskontrolle von Kosmetikprodukten profitiert zunehmend von KI-gestützten Systemen.
Der wohl entscheidendste Aspekt von KI in der Kosmetikbranche ist der Anspruch auf maßgeschneiderte, personalisierte und individualisierte Schönheitsempfehlungen – sei es in der Hautpflege, beim Make-up oder im Duftbereich.
„Mit dem Aufkommen von künstlicher Intelligenz, intelligenter Technologie und maschinellem Lernen gehen immer mehr Kosmetikunternehmen dazu über, Produkte zu personalisieren und den Kund:innen wissensbasierte Beautyroutinen anzubieten“, erklärt die Hamburger Kosmetologin Dr. Sabine Gütt.
Sie bewertet diese Entwicklung grundsätzlich positiv: Künstliche Intelligenz könne die Entscheidungsfindung in der Hautpflege durch daten- und wissensintensive Lösungen unterstützen und damit das Einkaufserlebnis nachhaltig verändern.
Doch wie sieht diese digitale Pflegeexpertise konkret aus? Wer übernimmt künftig die Rolle des beratenden Fachpersonals?
Ein Beispiel ist die 2017 gegründete Beauty-Datenbank Proven Skincare (The Skin Genome Project). Ziel ist es, die weltweit umfassendste analytische Datenbank für klinisch wirksame Hautpflegeprodukte aufzubauen. Dafür werden KI, Big Data und wissenschaftliche Forschung kombiniert.
Die Plattform verfügt über Daten zu mehr als 100.000 Produkten, über 20 Millionen Anwenderbewertungen sowie über 4.000 wissenschaftliche Publikationen. Ergänzt wird dies durch eine umfangreiche Wirksamkeitsliste von über 20.000 Inhaltsstoffen sowie Umweltfaktoren wie Wasserhärte, Luftfeuchtigkeit und UV-Index.
Ähnliche Algorithmen nutzt Function of Beauty, um personalisierte Shampoos und Conditioner zu entwickeln. Laut Anbieter stehen dafür bis zu 12 Milliarden mögliche Wirkstoffkombinationen zur Verfügung. Duft, Farbe und Intensität lassen sich individuell anpassen.
Für unreine Haut bietet die derzeit nur in den USA verfügbare Plattform Curology maßgeschneiderte Akne-Pflegelösungen. Neben einem datenbasierten Online-Fragebogen fließt hier die Expertise zahlreicher Ärzt:innen in die Produktempfehlungen ein.
Auch das Metaverse wird zunehmend zur Spielwiese der Beauty-Industrie. Luxusmarken wie Givenchy Parfums oder Gucci haben ihre Markenwelten auf die Gaming-Plattform Roblox gebracht, die täglich von Millionen Nutzer:innen besucht wird.
Im virtuellen Givenchy Beauty House können Avatare gestylt, Looks ausprobiert oder Make-up-Skills trainiert werden. Gucci wiederum kombiniert Duftmarketing mit prominenten Avataren und interaktiven Erlebnissen.
Immer mehr Marken setzen auf KI-basierte Hautanalysen. So kooperiert Shiseido mit dem KI- und Augmented-Reality-Spezialisten Revieve. Nutzer:innen laden ein Selfie hoch, beantworten Fragen zu ihren Beauty-Vorlieben und erhalten daraufhin personalisierte Make-up- und Hautpflegeempfehlungen.
Auch Babor nutzt diese Technologie mit dem „Babor Skin Coach“, der wie ein Fitness-Tracker für die Haut funktioniert. Veränderungen werden dokumentiert, Hautziele definiert und Inhalte individuell angepasst.
Neben Apps und Plattformen erobern zunehmend datenbasierte Beauty-Devices den Markt. Interaktive Spiegel wie der Swan Mirror analysieren Hauttyp und Vorlieben, spielen personalisierte Tutorials aus und ermöglichen das Schminken direkt vor dem digitalen Spiegelbild.
Reinigungsgeräte wie das AgeLOC LumiSpa iO verbinden sich via Bluetooth mit einer App, erkennen Druckveränderungen und passen die Pflegeroutine automatisch an. Weitere Geräte nutzen Sensoren, KI-Algorithmen oder Laserlicht zur Haut- und Haaroptimierung.
Auch im Bereich Körperpflege und Fitness hält KI Einzug. Das österreichische Unternehmen Easy Motion Skin bringt EMS-Training erstmals in den privaten Bereich. Über eine App lassen sich Trainingsprogramme auswählen, während ein Hightech-Anzug mit Trockenelektroden bis zu 90 Prozent der Muskulatur stimuliert.
Virtuelle Avatare unterstützen die korrekte Ausführung der Übungen – kurze Trainingseinheiten sollen bereits sichtbare Effekte auf Muskeltonus und Hautbild haben.
Trotz aller Innovationen sieht Dr. Gütt die Entwicklung auch kritisch. Viele digitale Hautberatungen seien eng mit großen Beautykonzernen verknüpft und dienten primär der Vermarktung eigener Produkte. Zudem könne KI die persönliche Mensch-zu-Mensch-Beratung und den sozialen Austausch nicht ersetzen.