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5. Oktober 2026
Marianne Waldenfels
„Leaky Gut“ in den Wechseljahren? Eine neue Studie zeigt, dass sich die Darmbarriere schon Jahre vor der letzten Periode verändert. Dahinter könnte ein Prozess stecken, der auch Entzündungen im Körper begünstigt.
Auf Instagram und TikTok ist „Leaky Gut“ seit Jahren ein Dauerthema. Der durchlässige Darm soll an Müdigkeit, Hautproblemen und Gewichtszunahme schuld sein, und für Frauen in den Wechseljahren gibt es eigene Kuren, Pulver und Programme. Wissenschaftlich war davon bislang wenig belegt. Gerade beim Menschen fehlten belastbare Daten dazu, ob sich der Darm in den Wechseljahren überhaupt verändert.
Eine neue Studie im renommierten Fachjournal „Journal of Clinical Investigation“ liefert nun erstmals belastbare Hinweise darauf, dass die Wechseljahre auch die Darmschleimhaut verändern. Und zwar früher als gedacht.
Ein US-Forschungsteam um Albert Shieh hat für die Studie Daten von 964 Frauen ausgewertet. Sie alle nehmen an der amerikanischen Langzeitstudie SWAN teil, die Frauen über viele Jahre durch die Lebensmitte begleitet. Alle Teilnehmerinnen kamen auf natürlichem Weg in die Wechseljahre. Keine von ihnen nahm Hormone oder Medikamente, die den Darm oder Entzündungen beeinflussen können, etwa Schmerzmittel wie Ibuprofen, Kortison oder Antibiotika.
Die Forschenden untersuchten eingelagerte Blutproben, die zu verschiedenen Zeitpunkten vor, während und nach den Wechseljahren genommen worden waren. Darin bestimmten sie zwei Werte. Der erste zeigt an, ob Zellen der Darmschleimhaut geschädigt werden. Der zweite deutet darauf hin, ob Bestandteile von Darmbakterien ins Blut gelangen und dort das Immunsystem aktivieren.
Solange die Frauen noch regelmäßig ihre Periode hatten, blieben beide Werte stabil. Dann änderte sich das: Der Marker für Schäden an der Darmschleimhaut begann etwa zweieinhalb Jahre vor der letzten Periode zu steigen, der Marker für Bakterienbestandteile im Blut etwa ein halbes Jahr später. Der Anstieg hielt bis etwa sechs Jahre nach der letzten Periode an. Danach blieben die Werte wieder gleich.
Die beiden Werte hingen dabei zusammen: Je stärker der erste stieg, desto stärker stieg auch der zweite. Das passt zu der Vorstellung, dass eine geschwächte Darmbarriere mehr Bakterienbestandteile durchlässt.
Dass sich die Werte ausgerechnet in dieser Phase verändern, werten die Forschenden als Hinweis auf einen Zusammenhang mit dem nachlassenden Hormonhaushalt. Bei Mäusen war bereits bekannt, dass die Wechseljahre die Darmwand durchlässiger machen und Entzündungen fördern. Die neue Studie legt nahe, dass dieser Mechanismus auch beim Menschen existiert.
„Leaky Gut“ heißt übersetzt „durchlässiger Darm“. Gemeint ist die Vorstellung, dass die Darmschleimhaut nicht mehr dicht genug ist und Stoffe aus dem Darm ins Blut gelangen, die dort nicht hingehören. Das Immunsystem reagiert darauf mit Entzündungen.
Der Begriff ist vor allem in Ratgebern und sozialen Medien populär und wird dort für sehr viele Beschwerden verantwortlich gemacht, von Müdigkeit bis zu Hautproblemen. Ein „Leaky-Gut-Syndrom“ als eigenständige Diagnose gibt es in der Medizin nicht. Dass die Darmbarriere durchlässiger werden kann, ist dagegen gut belegt, etwa bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen. Die neue Studie zeigt, dass offenbar auch die Wechseljahre dazu beitragen können.
In vielen Praxen werden Stuhl- oder Bluttests auf „Leaky Gut“ angeboten, oft als Selbstzahlerleistung. Gemessen wird dabei häufig Zonulin, ein Eiweiß, das die Durchlässigkeit der Darmwand steuern soll. Forschende der Universität Leipzig haben allerdings 2018 gezeigt, dass ein weit verbreiteter Testkit gar nicht Zonulin misst, sondern andere, ähnlich gebaute Eiweiße.
Der Hersteller hat das bestätigt. Andere Werte, die bei solchen Tests oft mitbestimmt werden, etwa Calprotectin oder Alpha-1-Antitrypsin, sind etablierte Marker, zeigen aber eher Entzündungen im Darm an als einen „durchlässigen Darm“. Wer einen solchen Test machen lässt, sollte deshalb nachfragen, was genau gemessen wird und was das Ergebnis bedeutet.
Mit den Wechseljahren nehmen bei vielen Frauen unterschwellige Entzündungen im Körper zu. Solche Entzündungen gelten als möglicher Mitauslöser für typische Erkrankungen dieser Lebensphase, darunter Osteoporose und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Woher diese Entzündungen kommen, ist noch nicht vollständig geklärt. Die Darmbarriere könnte ein Teil der Antwort sein.
Einen ersten Hinweis darauf gab es bereits: In einer früheren Vorstudie desselben Teams mit 65 Frauen gingen höhere Werte der Darm-Marker mit mehr Entzündung und einer geringeren Knochendichte einher. Diese Vorstudie war allerdings klein. Ob sich der Zusammenhang bestätigt, wollen die Forschenden nun in größeren Auswertungen prüfen.
• Die neue Studie ist groß und methodisch solide: Sie hat dieselben Frauen über viele Jahre begleitet, statt nur jüngere mit älteren Frauen zu vergleichen.
• Gemessen wurden nur Werte im Blut, die indirekt auf eine geschwächte Darmbarriere hinweisen. Die Durchlässigkeit des Darms selbst wurde nicht gemessen.
• Beschwerden wie Blähungen oder Verdauungsprobleme hat die Studie nicht erfasst. Ob die veränderten Werte spürbare Folgen haben, ist offen.
• Ob die Veränderung im Darm tatsächlich zu Osteoporose oder anderen Erkrankungen beiträgt, ist bisher nicht belegt.
• Frauen, die Hormone nahmen, waren ausgeschlossen. Ob eine Hormontherapie den Effekt verhindert, beantwortet die Studie deshalb nicht.
Unterm Strich liefert die Studie einen wichtigen neuen Baustein zum Verständnis der Wechseljahre. Sie ist aber kein Beleg dafür, dass Frauen ab 45 grundsätzlich einen „Leaky Gut“ haben oder behandeln müssen.
Aus der Studie lässt sich bislang keine spezielle Behandlung ableiten. Ob sich die Veränderungen der Darmbarriere in den Wechseljahren durch Ernährung, Bewegung oder eine Hormontherapie beeinflussen lassen, ist noch nicht geklärt. Auch spezielle „Leaky-Gut“-Kuren oder Nahrungsergänzungsmittel sind deshalb nicht automatisch sinnvoll.
Was bleibt, sind die Empfehlungen, die für die Darmgesundheit generell gelten: eine ballaststoffreiche Ernährung mit viel Vollkorn, Hülsenfrüchten, Gemüse und Obst sowie regelmäßige Bewegung. Wer in den Wechseljahren neu auftretende oder anhaltende Verdauungsbeschwerden hat, sollte diese ärztlich abklären lassen – denn ob die in der Studie gemessenen Veränderungen überhaupt Beschwerden verursachen, wurde nicht untersucht.