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9. August 2026
Christine Bürg & Marianne Waldenfels
Roboter sollen Knieprothesen präziser einsetzen und Patienten nach der Operation schneller auf die Beine bringen. Doch wie groß ist der Vorteil wirklich? Orthopäde PD Dr. Daniel P. Berthold erklärt, was die neue Technik kann – und wo ihre Grenzen liegen.

Ein Interview mit
PD Dr. med. Daniel P. Berthold
Über 230 000 künstliche Kniegelenke werden jährlich allein in Deutschland implantiert - Tendenz seit Jahren steigend. Roboterarm-assistierte Systeme wie „Mako" des Herstellers Stryker sind längst in deutschen Kliniken angekommen, unter anderem in München, Leverkusen und Frankfurt. Sie sollen die Implantatposition präziser gestalten, das umliegende Gewebe schonen und die Erholung nach der OP beschleunigen.
Doch was ist an diesen Versprechen dran? PD Dr. med. Daniel P. Berthold, ärztlicher Leiter des OrthoCenter München und Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie mit Schwerpunkt Sportorthopädie und regenerative Orthopädie, ordnet die Studienlage ein.
Der Name suggeriert eine Maschine, die eigenständig operiert – ein Missverständnis, das Berthold gleich zu Beginn ausräumt: „Die wichtigste Botschaft vorweg: Der Roboter operiert nicht selbst. Er unterstützt den Operateur dabei, die Prothese präziser zu planen und einzusetzen", stellt der Orthopäde klar. „Mit Roboterassistenz können die Knochenschnitte und die Position der Prothese sehr genau geplant und umgesetzt werden."
Das ist die Frage, die die meisten Patient:innen tatsächlich interessiert – und genau darin sieht Berthold auch den größten belegbaren Vorteil: „Einige Studien zeigen, dass Patientinnen und Patienten in den ersten Tagen nach der Operation etwas schneller mobil werden, das Knie früher besser beugen können oder etwas früher aus dem Krankenhaus entlassen werden."
Wichtig ist ihm dabei aber, die Erwartungen realistisch einzuordnen, statt einen Hype zu bedienen: „Diese Unterschiede sind jedoch eher moderat und gelten nicht automatisch für jeden. Ich würde deshalb keine Wunder erwarten, sondern einen möglichen Vorteil vor allem in der frühen Erholungsphase sehen."
Warum ausgerechnet die ersten Tage nach der OP profitieren, hat einen nachvollziehbaren biomechanischen Hintergrund: „Durch die präzise Planung und Umsetzung der Knochenschnitte lässt sich die Prothese sehr individuell an die Anatomie des Patienten anpassen. Gleichzeitig können unnötige Belastungen von Weichteilen und Bändern möglicherweise reduziert werden."
Das wirkt sich nach seiner Einschätzung vor allem kurzfristig aus: „Dadurch könnte das Knie nach der Operation weniger gereizt sein, was sich in den ersten Tagen positiv auf , Schwellung und Beweglichkeit auswirken kann. Die bisherigen Studien sprechen dafür, dass dieser frühe Vorteil möglich ist, langfristig gleichen sich die Ergebnisse jedoch häufig wieder an."
Wenn sich die Prothese präziser positionieren lässt, liegt die Vermutung nahe, dass sie dadurch auch länger halten könnte. Berthold bremst diese Erwartung jedoch: „Das hoffen wir – wissenschaftlich belegt ist es derzeit aber noch nicht", so Berthold. „Die Roboterassistenz ermöglicht zwar eine sehr präzise Positionierung der Prothese. Ob diese Präzision langfristig tatsächlich zu weniger Lockerungen oder Wechseloperationen führt, können die bisherigen Studien jedoch noch nicht eindeutig beantworten."
Das bedeutet allerdings nicht, dass Patientinnen und Patienten bei einer konventionell eingesetzten Knieprothese Nachteile bei der Haltbarkeit befürchten müssen: „Nach heutigem Wissensstand halten sowohl klassisch als auch roboterassistiert implantierte Knieprothesen insgesamt sehr zuverlässig."
Ein neues Verfahren wirft naturgemäß die Frage nach zusätzlichen Risiken auf. Hier unterscheidet Berthold klar zwischen den allgemeinen Risiken jeder Knieprothesen-Operation und den Besonderheiten der Roboterassistenz. Zu den allgemeinen Risiken zählt er unabhängig von der Methode:
• Infektionen
• Thrombosen
• Blutungen
• Bewegungseinschränkungen
Hinzu kommen beim Robotereinsatz einige wenige verfahrensspezifische Aspekte, die vor allem mit der zusätzlichen Navigationstechnik zusammenhängen:
• Für die Navigation müssen häufig kleine Befestigungsstifte im Knochen eingebracht werden – sehr selten kann es dort zu Infektionen oder kleinen Knochenverletzungen kommen
• Bei manchen Systemen ist vor der Operation zusätzlich eine Computertomografie notwendig
• Es entstehen teils höhere Kosten und eine längere Operationsdauer, insbesondere während der Lernphase des Operateurs
Ein Punkt ist Berthold dabei besonders wichtig, weil er oft übersehen wird: „Die Technik unterstützt den Operateur, ersetzt ihn aber nicht. Deshalb sollte jeder Operateur die Operation jederzeit auch ohne Robotersystem sicher fortführen können."
„Grundsätzlich unterscheidet sich die Rehabilitation nicht wesentlich von einer klassischen Knieprothesenoperation", so Dr. Berthold. Der zeitliche Ablauf bleibt dabei ähnlich wie beim klassischen Verfahren: „Die erste Mobilisation erfolgt meist noch am Operationstag oder spätestens am nächsten Tag. Viele Patientinnen und Patienten benötigen anschließend zwei bis sechs Wochen Gehstützen. Bis das Knie vollständig belastbar ist und die Muskulatur wieder aufgebaut wurde, vergehen meist mehrere Monate."
Sein Fazit ordnet die oft zitierte „schnellere Reha“ entsprechend ein: „Einzelne Studien zeigen zwar einen etwas kürzeren Krankenhausaufenthalt oder eine schnellere Mobilität in den ersten Tagen. Insgesamt würde ich die Vorteile aber eher im frühen Heilungsverlauf sehen als in einer deutlich verkürzten Rehabilitation."
Bei der Entscheidung für oder gegen eine Knieprothese sollte die Frage nach dem Roboter deshalb nicht an erster Stelle stehen. Dr. Daniel Berthold: „Die wichtigste Frage lautet zunächst: Ist eine Knieprothese zu diesem Zeitpunkt überhaupt notwendig? Beschwerden, Röntgenbefund und Einschränkungen im Alltag sollten zusammenpassen.
In der Regel sollten konservative Behandlungsmöglichkeiten wie Physiotherapie, Krafttraining oder Schmerztherapie zuvor ausgeschöpft worden sein." Ist diese Frage geklärt, empfiehlt er, in der Sprechstunde gezielt nachzufragen:
• Ist eine Teilprothese oder eine Vollprothese sinnvoll – und warum?
• Wie viel Erfahrung hat der Operateur mit dieser Operationsmethode?
• Welche Ergebnisse erzielt die Klinik bei Infektionen, Wechseloperationen und Patientenzufriedenheit?
• Was passiert, wenn das Robotersystem während der Operation ausfällt?
• Wann kann ich realistisch wieder gehen, Auto fahren, arbeiten oder Sport treiben?
Am Ende steht für Berthold eine klare Priorität, die er Patient:innen mitgeben möchte: „Die Entscheidung für eine Knieprothese sollte nie davon abhängen, ob ein Roboter eingesetzt wird,“ betont er. „Entscheidend sind die richtige Indikation, die Erfahrung des Operateurs und ein individuelles Behandlungskonzept."

Roboter sollen Knieprothesen präziser einsetzen und Patienten nach der Operation schneller auf die Beine bringen. Doch wie groß ist der Vorteil wirklich? Orthopäde PD Dr. Daniel P. Berthold erklärt, was die neue Technik kann – und wo ihre Grenzen liegen.
Christine Bürg & Marianne Waldenfels

Ein Interview mit
PD Dr. med. Daniel P. Berthold