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31. Oktober 2026
Marianne Waldenfels
Eine neue deutsche Studie mit 323 Post-COVID-Patienten hat untersucht, ob ein seit Jahrzehnten eingesetztes Medikament die schwere Erschöpfung lindern kann. Was die Forscher herausfanden, könnte die Suche nach einer gezielten Behandlung voranbringen.
Schon ein Einkauf, ein längeres Gespräch oder wenige Minuten körperlicher Anstrengung können Menschen mit Post-COVID an ihre Grenzen bringen. Die Erschöpfung ist oft so ausgeprägt, dass selbst alltägliche Aufgaben kaum noch zu bewältigen sind. Medikamente, die dagegen zuverlässig helfen, gibt es bislang nicht.
Nun haben Forscher der Universitätskliniken Würzburg, Tübingen und Kiel untersucht, ob ein seit Jahrzehnten bekanntes und günstiges Medikament die Beschwerden lindern kann: Prednisolon, ein Cortison-Präparat. An der Studie nahmen 323 Erwachsene mit Post-COVID teil. Die Ergebnisse wurden am 24. Oktober 2026 im Fachjournal eClinicalMedicine veröffentlicht. Sie zeigen einen messbaren Effekt – allerdings auch, warum daraus noch keine neue Therapie wird.
Geleitet wurde die sogenannte PreVitaCOV-Studie von Prof. Ildikó Gágyor vom Institut für Allgemeinmedizin des Universitätsklinikums Würzburg. Der Ansatz war bewusst praxisnah: „Menschen mit Post-COVID kommen zuerst zu uns in die Hausarztpraxis. Deshalb war es uns wichtig, eine Therapie genau dort zu prüfen, wo die Betroffenen versorgt werden – mit Medikamenten, die seit Jahrzehnten bekannt, günstig und gut verfügbar sind“, erklärt Gágyor in einer Mitteilung der Universität Würzburg.
Insgesamt nahmen 323 Erwachsene teil, die Mehrheit davon Frauen. Ihre nachgewiesene Corona-Infektion lag mindestens zwölf Wochen zurück, und sie litten weiterhin unter typischen Post-COVID-Beschwerden. Gewonnen wurden sie über Hausarztpraxen, behandelt in den drei Studienzentren. Per Zufall wurden sie auf vier Gruppen verteilt und erhielten 28 Tage lang:
Weder die Teilnehmer noch das Studienteam wussten, wer was bekam. Die Idee dahinter: Cortison wirkt entzündungshemmend und könnte anhaltende Entzündungsprozesse dämpfen, die als eine mögliche Ursache von Post-COVID diskutiert werden. B-Vitamine wurden wegen ihrer Bedeutung für das Nervensystem untersucht.
Gemessen wurde, wie stark sich die Beschwerden in fünf Bereichen veränderten: Erschöpfung (Fatigue), Atemnot, Denk- und Konzentrationsvermögen, Angst und Depression.
Nach vier Wochen berichteten die Teilnehmer, die Prednisolon erhalten hatten, über eine statistisch signifikant stärkere Linderung ihrer Beschwerden als jene ohne Cortison. Am deutlichsten zeigte sich der Unterschied bei der Fatigue – also genau bei der krankhaften Erschöpfung, die viele Betroffene als besonders belastend erleben.
Für die B-Vitamine ließ sich dagegen kein nennenswerter Nutzen nachweisen. Wer Vitamin-B-Präparate in der Hoffnung auf mehr Energie nimmt, findet in dieser Studie keine Bestätigung. Alle geprüften Medikamente wurden in den Gruppen ähnlich gut vertragen.
Allerdings fiel der Vorteil von Prednisolon deutlich geringer aus, als es für eine klinisch relevante Verbesserung erforderlich gewesen wäre. Zudem verschwand er nach dem Absetzen wieder.
„Eine Empfehlung für die breite Anwendung von Prednisolon lässt sich aus unserer Studie nicht ableiten – dafür ist der Effekt zu gering, und nach dem Absetzen verschwand er wieder“, so Prof. Hanna Kaduszkiewicz vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel.
Hier liegt der entscheidende Unterschied zwischen einem statistischen Ergebnis und einem tatsächlichen Behandlungserfolg. „Statistisch signifikant“ bedeutet, dass ein beobachteter Unterschied nach den verwendeten statistischen Kriterien gegen eine reine Zufallserklärung spricht. Ob er groß genug ist, um den Alltag der Betroffenen spürbar zu verbessern, ist eine andere Frage.
Genau dafür hatten die Forscher vorab eine Messlatte festgelegt. Die Beschwerden wurden mit einem standardisierten Fragebogensystem namens PROMIS erfasst. Als klinisch bedeutsam sollte ein Medikament gelten, wenn es den Gesamtwert um mindestens drei Punkte stärker verbessert als das Placebo.
Diese Hürde hat Prednisolon verfehlt. Ob Betroffene die Veränderung tatsächlich als spürbare Erleichterung wahrnehmen würden, bleibt damit offen.
Hinzu kommt die kurze Behandlungsdauer von vier Wochen. Für Menschen, die seit Monaten oder Jahren unter Post-COVID leiden, wäre eine Therapie nötig, deren Nutzen über die Einnahme hinausreicht oder sich zumindest längerfristig sicher aufrechterhalten lässt.
PreVitaCOV ist nicht die einzige aktuelle Studie, die Cortison bei Post-COVID getestet hat. Im Juli 2026 erschienen in Nature Communications die Ergebnisse der MYOFLAME-19-Studie unter Leitung von Prof. Valentina Puntmann und Prof. Eike Nagel von der Goethe-Universität Frankfurt.
Untersucht wurden 279 Post-COVID-Betroffene mit nachgewiesener leichter Entzündung am Herzen. Sie erhielten 16 Wochen lang entweder den Blutdrucksenker Losartan plus niedrig dosiertes Prednisolon oder Placebo.
Auch hier fiel das Ergebnis verhalten aus: Beim Hauptziel, einer Verbesserung der Herzpumpleistung, verfehlte die Kombination knapp die statistische Signifikanz. Bei der Erschöpfung zeigte sich zwar ein Trend zugunsten der Behandlung, der aber ebenfalls nicht statistisch abgesichert war. Die Autoren werten ihre Befunde ausdrücklich als Grundlage für weitere Studien. MYOFLAME-19 wurde vom Pharmakonzern Bayer mitfinanziert.
Die beiden Studien untersuchten unterschiedliche Patientengruppen und Behandlungsansätze. Dennoch liefern sie bislang keinen überzeugenden Beleg dafür, dass Cortison eine wirksame Standardbehandlung gegen Post-COVID ist. Offen bleibt, ob bestimmte Untergruppen stärker profitieren könnten.
Prednisolon ist verschreibungspflichtig, und das aus gutem Grund. Cortison kann je nach Dosis und Dauer unter anderem Blutzucker und Blutdruck erhöhen, den Schlaf stören, die Stimmung beeinflussen und die Infektanfälligkeit steigern. Bei längerer Anwendung kommen weitere Risiken hinzu, etwa für die Knochen.
Die Studienautoren betonen selbst, dass ein möglicher Nutzen gegen die Nebenwirkungen einer längeren Behandlung abgewogen werden muss. Wer unter Post-COVID leidet, sollte Prednisolon deshalb nicht auf eigene Faust einnehmen, sondern eine mögliche Behandlung mit dem Hausarzt oder einer Post-COVID-Ambulanz besprechen.
Solange eine wirksame medikamentöse Therapie fehlt, empfehlen Fachgesellschaften vor allem ein angepasstes Energiemanagement, das sogenannte Pacing. Dabei geht es darum, körperliche und geistige Aktivitäten so einzuteilen, dass die individuelle Belastungsgrenze möglichst nicht überschritten wird.
Besonders wichtig ist das bei Menschen mit Post-Exertional Malaise (PEM), bei denen sich die Beschwerden nach Anstrengung deutlich verschlimmern können. Die deutsche S1-Leitlinie Long-/Post-COVID rät deshalb zu einer an die Beschwerden angepassten Belastung. Eine Steigerung der Aktivität kommt nur infrage, wenn sie keine Verschlechterung auslöst.
Ob sich daraus eine gezielte Behandlung entwickeln lässt, ist noch offen. Für Menschen, deren Alltag seit Monaten oder Jahren von schwerer Erschöpfung bestimmt wird, wäre schon eine spürbare Verbesserung ein großer Fortschritt. Die neue Studie zeigt, dass Cortison diese Hoffnung bislang nicht erfüllen kann. Sie könnte aber helfen, herauszufinden, bei welchen Patienten eine entzündungshemmende Behandlung sinnvoll ist

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