
© Yaroslav Shuraev
1. November 2026
Christine Bürg & Marianne Waldenfels
Wenn nachts die Finger kribbeln oder einschlafen, kann ein Karpaltunnelsyndrom dahinterstecken. Handchirurgin Prof. Dr. Helen Abel erklärt, wann eine Schiene ausreicht, warum zu langes Abwarten den Nerv dauerhaft schädigen kann und wie gut die Heilungschancen nach einer Operation sind.

Ein Interview mit
Prof. Dr. med. Helen Abel
Kaum ein Körperteil ist so komplex wie unsere Hand. Auf engstem Raum verlaufen Sehnen, Nerven und Gefäße, die bei jeder Bewegung präzise zusammenarbeiten müssen. Schon kleine Veränderungen können erhebliche Beschwerden verursachen. Besonders häufig ist das Karpaltunnelsyndrom, bei dem ein Nerv im Handgelenk unter Druck gerät.
Prof. Dr. Helen Abel ist Handchirurgin in München. Im Interview erklärt sie, welche Beschwerden frühzeitig abgeklärt werden sollten, welche Fortschritte es bei der Behandlung von Fingerarthrose gibt und weshalb selbst das Schneiden einer Avocado gefährlich werden kann.
Frau Professor Abel, das Karpaltunnelsyndrom ist mittlerweile fast zu einer Volkskrankheit geworden. Was sind die Ursachen der Erkrankung?
Das mit der Volkskrankheit stimmt tatsächlich. Die Hand wird von drei Hauptnerven versorgt, die sowohl für die Empfindung als auch für die Muskulatur wichtig sind. Einer davon ist der Mittelnerv, der Nervus medianus. Er verläuft vom Unterarm durch einen engen Kanal in die Hohlhand.
Man kann sich diesen Kanal wie ein kleines Bett vorstellen: Unten liegen die zahlreichen Beugesehnen der Finger, die Seiten werden von Knochen begrenzt, und über dem Nerv verläuft ein festes Band. Dieses Band stammt aus unserer evolutionären Vergangenheit, als wir uns noch auf vier Beinen fortbewegten. Es dient dem Schutz des Nervs, ist aber kaum dehnbar.
Im Laufe des Lebens kann es aus verschiedenen Gründen zu Platzmangel in diesem Kanal kommen. Während einer Schwangerschaft beispielsweise durch Wassereinlagerungen, im höheren Alter durch Schwellungen der Sehnen.
Weil das Band so fest ist, kann der Nerv nicht ausweichen. Er wird eingeengt und reagiert darauf selbst mit einer Schwellung. Dadurch hat er noch weniger Platz – ein regelrechter Teufelskreis. Die ersten Anzeichen sind meistens Schmerzen und einschlafende Finger.
Muss ein Karpaltunnelsyndrom immer gleich operiert werden, oder kann man es auch konservativ behandeln?
Eine Operation ist nicht immer notwendig. Entscheidend ist, wie stark der Nerv bereits eingeengt ist. Der Nerv funktioniert ähnlich wie ein Stromkabel. Ein Neurologe kann messen, wie gut die elektrischen Signale noch weitergeleitet werden, ob tatsächlich eine Engstelle vorliegt und wie stark die Nervenleitgeschwindigkeit bereits beeinträchtigt ist.
Es gibt allerdings Symptome, bei denen man eher zu einer Operation rät. Häufig leiden die Patienten nachts unter einschlafenden Fingern und starken Schmerzen, sodass sie kaum noch schlafen können.
Das liegt oft daran, dass das Handgelenk im Schlaf unbewusst abgeknickt wird. Dadurch gerät der Nerv zusätzlich unter Druck. Die Folge sind Schmerzen und Kribbeln.
Bei einer leichten Ausprägung kann man zunächst eine Lagerungsschiene für die Nacht ausprobieren. Sie hält das Handgelenk in einer gestreckten Position und verhindert, dass der Nerv zusätzlich eingeengt wird. Manchmal geht die Schwellung dadurch zurück. Allerdings muss man den Verlauf kontrollieren.
Besondere Vorsicht ist bei Schwangeren geboten. Häufig werden die Beschwerden auf Wassereinlagerungen zurückgeführt, die nach der Geburt wieder verschwinden sollen. Doch selbst wenn eine Frau erst in der 30. Schwangerschaftswoche Beschwerden entwickelt, sind es nicht einfach nur noch zehn Wochen bis zur Entlastung.
Nach der Geburt kann es noch einmal etwa drei Monate dauern, bis die Wassereinlagerungen zurückgegangen sind. Diese Zeit kann bei einer starken Einengung bereits ausreichen, um einen dauerhaften Nervenschaden zu verursachen.
Deshalb muss man immer individuell entscheiden. Bei einer leichten Ausprägung ist eine konservative Behandlung aber durchaus möglich.
Kann das Karpaltunnelsyndrom auch beide Hände gleichzeitig betreffen?
Ja, das kommt sogar relativ häufig vor.
Bei der Operation gibt es ein offenes und ein endoskopisches Verfahren. Was ist der Unterschied?
Die Bezeichnungen sind etwas irreführend. Die minimalinvasive Methode ist gar nicht so minimalinvasiv, und die offene Methode ist nicht so offen, wie man vielleicht vermutet. Bei der offenen Operation wird ein Schnitt am Karpaltunnel gesetzt. Anschließend durchtrennt man das Band, befreit den Nerv und die Sehnen und verschließt die Wunde wieder.
Bei der endoskopischen Variante ist der Schnitt etwas kleiner. Über ihn werden eine Kamera und ein Instrument mit einem Messer eingeführt. So lässt sich das Band durchtrennen, ohne die Haut darüber vollständig zu öffnen. Welches Verfahren man wählt, ist auch eine Frage der persönlichen Erfahrung. Die meisten erfahrenen Chirurgen haben beide Methoden ausprobiert und sich für die entschieden, mit der sie am besten zurechtkommen.
Beide haben Vor- und Nachteile. Bei der offenen Operation muss die Narbe gut behandelt werden, weil sie verhärten kann. Bei der endoskopischen Methode gibt es etwas mehr Fälle, in denen das Band nicht vollständig durchtrennt wird, weil die Sicht eingeschränkt ist. Außerdem lässt sich der Nerv nicht zusätzlich direkt befreien.
Ich finde, ein Chirurg sollte die Methode anwenden, die er am besten beherrscht. Die Ergebnisse sind letztlich ungefähr gleich.
Welche Methode bevorzugen Sie persönlich?
Ich operiere offen.
Kann sich der Nerv nach einer solchen Operation vollständig erholen?
Ja, definitiv. Das ist eine sehr schöne Operation, weil die Patienten häufig mit enormen Schmerzen zu uns kommen. Ihre Hände brennen, die Finger schlafen ein, und nachts finden sie kaum noch Ruhe.
Und: Es ist tatsächlich die einzige Operation, bei der ich vorher ein Versprechen mache. Ich sage den Patienten: „Heute Nacht werden Sie schlafen.“ Und das funktioniert auch. Sobald der Nerv wieder genügend Platz hat, ist er frei und die Schmerzen verschwinden.
Etwas zurückhaltender muss man sein, wenn bereits eine dauerhafte Taubheit oder eine verminderte Empfindlichkeit besteht. Dann braucht der Nerv Zeit, um sich zu erholen. Wie gut das gelingt, hängt von verschiedenen Faktoren ab: vom Alter, von der individuellen Heilungsfähigkeit und davon, wie lange der Nerv bereits eingeengt war.
In solchen Fällen sage ich den Patienten, dass sich zunächst möglicherweise nichts verändern wird. Etwa anderthalb Jahre muss man dem Nerv Zeit geben, bevor wir beurteilen können, wie weit er sich erholt hat. Wenn man rechtzeitig operiert, ist in der Regel eine vollständige Wiederherstellung möglich.
Was gefährdet unsere Hände eigentlich im Alltag am meisten?
Es gibt Faktoren, die wir nicht beeinflussen können. Gerade bei Fingerarthrosen spielt die genetische Veranlagung eine große Rolle. Bei Überlastungssyndromen sind dagegen häufig unsere alltäglichen Gewohnheiten entscheidend. Tippen, die Computermaus bedienen, ständig am Handy sein – all das belastet die Hand erheblich.
Für unseren Rücken gehen wir vielleicht einmal pro Woche ins Fitnessstudio. Aber kaum jemand kommt auf die Idee, regelmäßig seine Hände zu dehnen. Viele beschäftigen sich erst damit, wenn Beschwerden auftreten, beispielsweise an der Hand oder am Ellenbogen, etwa in Form eines Tennisellenbogens.
Was versteht man unter einem Handy-Daumen, und wie bekommt man die Beschwerden wieder in den Griff?
Ein Handy-Daumen entsteht, wenn die Sehnen überlastet werden, weil man ständig mit dem Daumen über das Display scrollt. Die erste Maßnahme lautet deshalb: weniger Zeit am Handy verbringen. Außerdem sollte man die Haltung regelmäßig wechseln. Wie bei anderen Überlastungsproblemen ist es ungünstig, immer wieder dieselbe Bewegung in derselben Position auszuführen – und das auch noch mit nur einem Finger.
Und was ist die sogenannte Avocado-Hand?
Eine Verletzung, die sich vollständig vermeiden lässt. Der Begriff ist entstanden, weil wir zunehmend Schnittverletzungen in der Hohlhand gesehen haben, die beim Zubereiten von Avocados passiert sind.
Das Problem entsteht meist beim Entfernen des Kerns: Viele schneiden die Avocado auf, schlagen dann mit dem Messer in den harten Kern und versuchen, ihn so herauszuheben. Dabei kann das Messer abrutschen und direkt in die Hand fahren, mit der man die Frucht festhält. Weil in der Hand Sehnen, Nerven und Gefäße auf engstem Raum verlaufen, können dabei schwere Verletzungen entstehen.
Mein Tipp ist ganz einfach: Legen Sie das Messer weg und lösen Sie den Kern mit einem Löffel heraus. Funktioniert das nicht, ist die Avocado ohnehin noch nicht reif genug.
Sie haben einmal gesagt, niemand müsse heute aufgrund einer Arthrose mehr steife Finger bekommen. Wie können Sie das verhindern?
Da habe ich mich ein wenig weit aus dem Fenster gelehnt. Aber im Grunde stimmt es, denn wir verfügen mittlerweile über gute Operationsmöglichkeiten.
Früher bekamen viele Frauen mit Fingerarthrose beim Orthopäden zu hören, dass man dagegen ohnehin nichts machen könne. Irgendwann würden die Gelenke eben steif. Gerade bei den kleinen Fingergelenken kann das relativ schnell gehen.
Heute stehen uns für die Fingermittelgelenke, die Grundgelenke und den Daumen gute, etablierte Prothesen zur Verfügung, die funktionieren.
Wenn eine Arthrose Schmerzen verursacht und die Beweglichkeit bereits eingeschränkt ist oder erste Einschränkungen auftreten, hat man durch eine Operation gute Chancen, eine Versteifung der Finger zu verhindern.
Die Daumensattelgelenksarthrose zählt zu den häufigsten Verschleißerkrankungen der Hand und betrifft vor allem Frauen nach der Menopause. Warum?
Der Grund liegt unter anderem in der außergewöhnlichen Beweglichkeit des Daumens. Man kann das selbst ausprobieren: Wir können mit dem Daumen nach vorne, hinten und zur Seite greifen, ihn um die anderen Finger herumführen und unterschiedlichste Bewegungen ausführen. Er ist für mich der wichtigste Finger der Hand.
Damit das möglich ist, braucht das Daumensattelgelenk einen besonders großen Bewegungsspielraum. Und dieser große Spielraum führt zu Abnutzung. Bei Frauen nach der Menopause kommt hinzu, dass der Bandapparat etwas lockerer wird und Hyaluronsäure verstärkt abgebaut wird. Dadurch nimmt der Abrieb im Gelenk weiter zu.
Deshalb sehen wir diese Arthrose gerade bei Frauen sehr häufig. Aber auch sie lässt sich heute gut behandeln.
Für das Daumensattelgelenk gibt es inzwischen eine neue Generation von Prothesen, die selbst manche Orthopäden noch nicht kennen. Was hat sich dadurch verändert?
Prothesen für das Daumensattelgelenk gibt es schon sehr lange. Allerdings haben die früheren Modelle keine guten Ergebnisse geliefert. Als ich angefangen habe, galten sie noch als problematisch. Sie konnten ausrenken und Beschwerden verursachen.
Deshalb haben wir lange Zeit überwiegend eine sogenannte Resektionsarthroplastik durchgeführt. Dabei wird einer der beiden Gelenkpartner, ein kleines Handwurzelknöchelchen, entfernt. Dadurch verschwindet der Reibungspunkt.
Das ist eine gute Operation, die hervorragend funktioniert. Ihr großer Nachteil ist allerdings die lange Erholungszeit. Bis die Patienten ihre Hand wieder normal bewegen können, schmerzfrei sind und in ihren Alltag zurückkehren, vergeht viel Zeit. Das ist gerade heute, wo viele Menschen bis ins höhere Alter aktiv bleiben und länger arbeiten möchten, ein Problem.
Umso erfreulicher ist es, dass die Prothesen in den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren erheblich weiterentwickelt wurden. Die neueren Modelle sind ähnlich aufgebaut wie eine Hüftgelenksprothese. Sie bestehen aus drei Komponenten, lassen sich individuell anpassen und wachsen in den Knochen ein. Gleichzeitig ermöglichen sie den Bewegungsumfang, den der Daumen benötigt.
Das hat unsere Behandlungsmöglichkeiten durchaus revolutioniert. Natürlich gibt es weiterhin Fälle, in denen eine Prothese nicht infrage kommt, beispielsweise wenn zusätzlich eine Arthrose angrenzender Gelenke besteht. Insgesamt sind die Ergebnisse aber so gut und die Patienten so viel schneller wieder im Alltag, dass ich die Resektionsarthroplastik heute nur noch selten durchführe.

Wenn nachts die Finger kribbeln oder einschlafen, kann ein Karpaltunnelsyndrom dahinterstecken. Handchirurgin Prof. Dr. Helen Abel erklärt, wann eine Schiene ausreicht, warum zu langes Abwarten den Nerv dauerhaft schädigen kann und wie gut die Heilungschancen nach einer Operation sind.
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