
© Joao Jesus
12. Juni 2026
Christine Bürg and Marianne Waldenfels
Physiotherapeut und Health Coach Andreas Stollreiter über die Philosophie der Osteopathie, die Suche nach den Ursachen von Beschwerden und die überraschenden Verbindungen zwischen Bewegungsapparat, Darm, Nervensystem und Psyche
Rückenschmerzen, Migräne, Darmprobleme, Stress oder chronische Beschwerden – viele Menschen suchen nach Behandlungsmethoden, die nicht nur Symptome lindern, sondern den Ursachen auf den Grund gehen. Für Andreas Stollreiter ist genau das die Stärke der Osteopathie.
Der Physiotherapeut, Heilpraktiker und Biohacking-Experte betrachtet den Menschen als Einheit aus Körper, Bewegung und Geist. Im Interview spricht er über die Verbindung von Darm, Nervensystem und Wohlbefinden, die Philosophie der Osteopathie und die Frage, warum nachhaltige Gesundheit immer ganzheitlich gedacht werden sollte.
Jeder kennt den Begriff Osteopathie. Aber was genau verbirgt sich dahinter und wodurch unterscheidet sie sich von der klassischen Physiotherapie?
Das ist tatsächlich die Frage, die mir am häufigsten gestellt wird. Physiotherapie ist eine hervorragende Methode, um Symptome zu behandeln. Dabei stehen vor allem das Skelett, die Muskulatur und das Nervensystem im Fokus.
Die Osteopathie verfolgt einen anderen Ansatz. Andrew Taylor Still, der Begründer der Osteopathie, sagte: „Beim Menschen findet man Materie, Bewegung und Geist.“ Genau daraus ergibt sich der osteopathische Therapieansatz. Es geht nicht nur darum, Knochen, Nerven oder Lymphgefäße zu behandeln, sondern den Menschen in seiner Gesamtheit zu betrachten.
Bewegung findet nicht nur in unseren Gelenken statt, sondern bereits in jeder einzelnen Zelle, im Bindegewebe und in sämtlichen Körpersystemen. All diese Ebenen werden in der Osteopathie berücksichtigt und in die Behandlung einbezogen.
Osteopathie gilt nach wie vor als alternatives Therapiekonzept. Wie sieht die wissenschaftliche Lage aus?
Tatsächlich gibt es sehr viel wissenschaftliche Forschung zur Osteopathie. Die Herausforderung besteht darin, dass viele Studien aufgrund der Art der Behandlung nicht verblindet durchgeführt werden können und häufig kleinere Teilnehmergruppen umfassen. Dadurch erhalten manche sehr positiven Ergebnisse nicht die Aufmerksamkeit, die sie eigentlich verdienen würden.
Besonders bei Rückenschmerzen, Migräne sowie in der Kinder- und Babyosteopathie gibt es inzwischen zahlreiche Studien mit überzeugenden Ergebnissen. Auch in Bereichen wie Burnout, oder bei Beschwerden des Verdauungssystems liegen interessante wissenschaftliche Erkenntnisse vor.

Physiotherapeut und Health Coach Andreas Stollreiter über die Philosophie der Osteopathie, die Suche nach den Ursachen von Beschwerden und die überraschenden Verbindungen zwischen Bewegungsapparat, Darm, Nervensystem und Psyche
Christine Bürg and Marianne Waldenfels
Den Begriff „alternative Behandlungsmethode“ würde ich persönlich lieber durch „natürliche Behandlungsmethode“ ersetzen. In den USA ist Osteopathie ein vollwertiges Medizinstudium mit denselben grundlegenden Ausbildungsinhalten wie die klassische Medizin.
Auch die Weltgesundheitsorganisation definiert bestimmte Kriterien für eine eigenständige medizinische Disziplin: eine eigene Philosophie, eigene Diagnose- und Behandlungsmethoden sowie kontinuierliche Forschung. Diese Voraussetzungen erfüllt die Osteopathie seit über 125 Jahren.
Sie erwähnten gerade, dass Osteopathie auch bei Burnout und Stress helfen kann. Wie funktioniert das?
Es geht ja vor allem um das Zusammenspiel verschiedener Körpersysteme.
Unser vegetatives Nervensystem besteht aus Sympathikus und Parasympathikus. Der Parasympathikus wird maßgeblich durch den Vagusnerv gesteuert. Interessanterweise gelangen rund 80 Prozent der Informationen über den Vagusnerv von den Organen zum Gehirn und nur etwa 20 Prozent in die andere Richtung.
Deshalb spielt der Darm für unser emotionales Wohlbefinden eine enorm wichtige Rolle. Darmbeschwerden und emotionale Belastungen haben häufig gemeinsame neurologische Ursprünge.
In der Osteopathie versuchen wir, solche Zusammenhänge zu berücksichtigen und beispielsweise den Verlauf des Vagusnervs oder Spannungen im Bereich des Zwerchfells zu behandeln. Ziel ist es, die Harmonie zwischen den verschiedenen Körpersystemen wiederherzustellen.
Worauf sollte man bei der Wahl eines Osteopathen achten?
Ein guter Osteopath betrachtet den Menschen ganzheitlich und berücksichtigt alle Ebenen des osteopathischen Konzepts.
Es gibt Therapeuten, die ausschließlich manualtherapeutisch arbeiten. Das kann durchaus sinnvoll sein, entspricht aber nicht dem vollständigen osteopathischen Ansatz. Für mich gehört dazu auch die Wahrnehmung und Behandlung der tieferen Zusammenhänge und Bewegungen im Körper.
Wichtig ist außerdem die Ausbildung. Wer Mitglied in einem anerkannten Osteopathieverband sein möchte, muss in der Regel eine fünfjährige Ausbildung absolvieren und regelmäßig Fortbildungen nachweisen. Das bietet Patienten eine gute Orientierung.
Man sollte wissen, dass Heilpraktiker oder Ärzte teilweise bereits nach deutlich kürzeren Fortbildungen osteopathische Leistungen abrechnen dürfen. Das führt gelegentlich dazu, dass Patienten sehr unterschiedliche Erfahrungen machen.
Warum haben Sie sich selbst für die Osteopathie entschieden?
Ursprünglich wollte ich schon als Kind Physiotherapeut werden. Mein Vater war Profihandballer und ich kam dadurch früh mit Physiotherapeuten in Kontakt. Für mich gab es lange keinen anderen Berufswunsch.
Kurz vor meinem Examen hatte ich jedoch eine Nahtoderfahrung infolge eines Herzstillstands. Damals war mir die Tragweite noch nicht bewusst, aber rückblickend war das wohl der erste Hinweis darauf, dass es im Leben mehr gibt als das rein Materielle.
Später machte ich weitere prägende Erfahrungen, unter anderem in Tibet. Dadurch begann ich, den Menschen nicht nur als körperliches Wesen zu betrachten. Genau das hat mich letztlich zur Osteopathie geführt. Mich fasziniert die Vorstellung, dass Gesundheit aus dem Zusammenspiel von Körper, Bewegung und den tieferen Ebenen unseres Seins entsteht.
Wann setzen Sie in Ihrer Praxis auf Osteopathie und wann auf Physiotherapie?
Beide Methoden haben ihre Berechtigung und ergänzen sich hervorragend.
In unserer Praxis wird zunächst jeder Patient osteopathisch untersucht. Wir versuchen immer zuerst, die eigentlichen Ursachen der Beschwerden zu finden. Diese liegen oft deutlich weiter zurück als die aktuelle Verletzung oder der akute Schmerz.
Wenn jemand beispielsweise immer wieder mit dem Sprunggelenk umknickt, stellt sich die Frage, warum das passiert. Gibt es strukturelle Ursachen? Gibt es alte Verletzungen oder vielleicht sogar emotionale Belastungen, die eine Rolle spielen?
Die Osteopathie hilft uns dabei, diese Zusammenhänge zu erkennen und den Körper wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Anschließend kommt häufig die Physiotherapie ins Spiel, um Muskulatur und Gelenke gezielt aufzubauen, zu mobilisieren und zu stabilisieren.
In Ihrem Konzept „Holy Physix Health“ kombinieren Sie Osteopathie und Biohacking. Warum?
Für mich ist Osteopathie der älteste Biohack überhaupt.
Wenn man Biohacking modern definiert, geht es darum, die Umwelt und die eigenen biologischen Prozesse so zu beeinflussen, dass der Körper optimal funktionieren kann. Genau das verfolgt auch die Osteopathie.
Dort spricht man davon, dass der Körper die angeborene Fähigkeit besitzt, sich selbst zu heilen – vorausgesetzt, alle Systeme arbeiten harmonisch zusammen. Das ist letztlich dieselbe Grundidee.
Deshalb kombiniere ich Osteopathie mit Methoden wie Kälte- und Wärmereizen, Hypoxietraining oder anderen gezielten Stressreizen. Diese Maßnahmen können jedoch nur dann optimal wirken, wenn der Körper zuvor in Balance gebracht wurde.
Wie häufig sollte man sich osteopathisch behandeln lassen?
Das hängt natürlich von der individuellen Situation ab.
Bei chronischen Beschwerden arbeite ich häufig mit vier bis fünf Sitzungen im Abstand von etwa einer Woche. In dieser Zeit sollte bereits eine deutliche Veränderung spürbar sein. Falls nicht, muss man den Therapieansatz hinterfragen und gegebenenfalls anpassen.
Anschließend werden die Abstände meist größer, etwa zwei bis vier Wochen. Langfristig empfehle ich vielen Patienten zwei- bis dreimal pro Jahr eine präventive Behandlung.
Der Körper kompensiert psychische, physische und chemische Belastungen oft über lange Zeiträume. Irgendwann sind diese Kompensationsmechanismen jedoch erschöpft und Beschwerden entstehen. Prävention kann helfen, diesen Punkt gar nicht erst zu erreichen.
Gibt es einen Patientenfall, der Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Davon gibt es viele. Eine Geschichte begleitet mich jedoch bis heute.
Ein Patient kam mit einer fortgeschrittenen Kniearthrose zu mir. Er war begeisterter Bergsportler und Mountainbiker. Ihm wurde bereits eine Knieoperation empfohlen und er wollte eigentlich nur bis zum Eingriff begleitet werden.
Während der Untersuchung fiel mir jedoch eine starke Spannung im Bereich der Niere auf. Deshalb behandelte ich ausschließlich die entsprechenden Strukturen im Bauchraum und mobilisierte die Faszien rund um die Niere. Das Knie selbst habe ich kaum berührt.
Zwei Tage später rief mich der Patient an und sagte: „Die Knieschmerzen sind weg.“
Die Arthrose war natürlich weiterhin vorhanden. Aber die eigentliche Schmerzursache lag offenbar in den faszialen Verbindungen. Das war vor rund zehn Jahren. Bis heute benötigt er keine Knieprothese, treibt Sport und meldet sich regelmäßig bei mir. Solche Geschichten zeigen, wie wichtig es ist, den Menschen als Ganzes zu betrachten.
Ich möchte in diesem Zusammenhang Dr. Viola Frymann zitieren. Sie gilt als eine der großen Pionierinnen der modernen Osteopathie und gründete unter anderem die erste Schule für Kinder- und Babyosteopathie in San Diego.
Ein Zitat von ihr beschreibt sehr schön, worum es in der Osteopathie letztlich geht:
„Osteopath zu werden ist sehr viel mehr, als eine Masse an Wissen anzusammeln oder spezifische Techniken zu perfektionieren. Es ist ein ganzer Entwicklungsprozess, der die Möglichkeit gibt, ein intuitives Wahrnehmen des Instruments zu werden, das imstande ist, sich auf den Patienten und auf alles, was in ihm versteckt ist, einzustimmen. Osteopath zu werden bedeutet, die Fähigkeit zu erlangen, auf die tiefsten Bedürfnisse des Patienten einzugehen.“
Andreas Stollreiter beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit den Themen Gesundheit und Mental Strenght. Er ist ausgebildeter Physiotherapeut, Osteopath, Heilpraktiker, Yogalehrer und Extremsportler, coacht Führungskräfte und Spitzenathleten.