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26. Juli 2026
Christine Bürg & Marianne Waldenfels
Herzrasen, Atemnot, Schwindel - Panikattacken kommen oft scheinbar aus dem Nichts Psychotherapeutin Klara Hanstein erklärt, wie Panik entsteht, welche Soforthilfe wirkt und wie Betroffene ihre Angst dauerhaft überwinden können
Panikattacken kommen oft wie aus dem Nichts. Plötzlich rast das Herz, der Atem wird flach, Schwindel und Todesangst setzen ein. Die klinische Psychologin und Psychotherapeutin Klara Hanstein kennt dieses Gefühl aus eigener Erfahrung. Jahrelang litt sie selbst unter Panikattacken. Im Interview erklärt sie, was dabei im Körper passiert, warum die Angst oft erst nach belastenden Lebensphasen entsteht und wie Betroffene lernen können, die Angstspirale dauerhaft zu durchbrechen.
Was ist eine Panikattacke – und wodurch unterscheidet sie sich von einer normalen Angstreaktion?
Eine Panikattacke ist ein sehr intensiver Angstzustand, den die meisten Menschen auch körperlich massiv spüren. Sie bekommen Atemnot, ihnen wird schwindelig, das Herz rast und sie wissen oft überhaupt nicht, woher diese starken Körperempfindungen kommen.
Der Unterschied zu einer normalen Angstreaktion ist, dass wir bei Angst meist wissen, wovor wir Angst haben. Zum Beispiel vor einer Prüfung oder einem wichtigen Termin. Wir können die Situation einordnen.
Bei einer Panikattacke ist das anders. Für die meisten Betroffenen kommt sie völlig unerwartet. Das Nervensystem fährt innerhalb kürzester Zeit hoch, der Körper spielt verrückt und man versteht überhaupt nicht, was gerade passiert.
Was passiert während einer Panikattacke im Körper?
Aus evolutionärer Sicht wird der Kampf-oder-Flucht-Reflex aktiviert. Wir bewerten etwas im Außen oder in unserem Inneren als Gefahr. Unser Nervensystem möchte uns eigentlich schützen und leitet alle Prozesse ein, damit wir uns vor dieser vermeintlichen Gefahr schützen können.
Deshalb wird der Atem schneller, die Herzfrequenz steigt und die Muskulatur spannt sich an. Der Körper bereitet sich darauf vor, zu kämpfen oder zu fliehen.
Eigentlich sind wir aber gar nicht in Gefahr. Ich nenne Panikattacken deshalb gerne Fehlalarme oder Fehlzündungen unseres Nervensystems. Sie lösen das Gefühl aus, in Lebensgefahr zu sein, obwohl objektiv keine Gefahr besteht.
Viele Menschen beschreiben außerdem, dass sie die Kontrolle über sich, ihren Körper oder ihre Gedanken verlieren. Manche glauben sogar, sie müssten sterben, weil das Herz so stark schlägt. Körperliche Reaktionen und diese Gedanken verstärken sich gegenseitig und können sich immer weiter aufschaukeln, bis eine Panikattacke entsteht.

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Warum bekommen manche Menschen Panikattacken und andere nicht?
Dafür gibt es nicht den einen Auslöser. In meiner psychotherapeutischen Praxis habe ich immer verschiedene Faktoren betrachtet. Eine Rolle kann die genetische Veranlagung spielen. Menschen neigen häufiger zu Angststörungen oder Panikattacken, wenn bereits Eltern oder Großeltern ähnliche Probleme hatten.
Außerdem entwickeln viele Menschen Panikattacken nach traumatischen Erlebnissen oder in Phasen großer Überforderung. Dabei sprechen wir nicht von einem anstrengenden Arbeitstag, sondern von lang anhaltendem, intensivem Stress und einer dauerhaften Überforderung. Viele Betroffene haben das Gefühl, mit ihrer Situation nicht mehr zurechtzukommen. Diese Faktoren finden sich bei sehr vielen Menschen wieder, die unter Panikattacken leiden.
Welche Rolle spielen Stress und traumatische Erlebnisse?
Interessanterweise treten Panikattacken häufig nicht während der größten Belastung auf, sondern erst dann, wenn es im Leben wieder ruhiger wird. Viele Menschen sagen: „Die stressige Phase ist doch längst vorbei. Ich habe den Job gekündigt oder die schwierige Beziehung beendet. Warum kommt die Panik jetzt?“
Man kann sich das Nervensystem wie ein Ventil vorstellen. Wenn das Fass irgendwann überläuft, kann es zu einer Panikattacke kommen. Risikofaktoren sind deshalb vor allem Situationen, in denen über einen langen Zeitraum einfach alles zu viel war – zu viel Stress, zu viele Konflikte oder zu viel Überforderung. Häufig ist es nicht nur ein einzelner Auslöser, sondern das Zusammenspiel mehrerer Faktoren.
Wie kann ich mir während einer Panikattacke selbst helfen?
Das Wichtigste ist zunächst, zu verstehen, was im eigenen Körper passiert. Ich habe selbst lange unter Panikattacken gelitten und für mich war es ein Wendepunkt, endlich zu verstehen, dass mein Nervensystem so stark reagiert, weil es mich eigentlich schützen möchte.
Darauf bauen auch die Soforthilfemaßnahmen auf. Für mich waren Atemübungen ein echter Gamechanger. Der Atem ist der einzige Parameter unseres Nervensystems, den wir bewusst beeinflussen können. Ich kann meinem Herzen nicht sagen, dass es langsamer schlagen soll. Aber ich kann meinen Atem verändern.
Bei einer Panikattacke wird die Atmung meist flach und schnell. Deshalb hilft es, bewusst länger auszuatmen als einzuatmen. Idealerweise dauert das Ausatmen mindestens doppelt so lange. Damit signalisieren wir unserem Nervensystem, dass keine Gefahr besteht und wieder Entspannung eintreten kann.
Außerdem hilft es vielen Menschen, sich wieder bewusst im eigenen Körper zu verankern. Die Füße auf dem Boden zu spüren oder kaltes Wasser über die Hände laufen zu lassen, kann dabei unterstützen, wieder bei sich selbst anzukommen.
Haben Panikattacken in den vergangenen Jahren zugenommen?
Das ist tatsächlich mein Eindruck. Als ich selbst offen über meine Panikattacken gesprochen habe, sind plötzlich viele Menschen auf mich zugekommen und haben gesagt: „Das kenne ich auch.“ Oft waren das Menschen, die ich schon lange kannte und bei denen ich nie vermutet hätte, dass sie ähnliche Erfahrungen gemacht haben.
Ich glaube, es gibt dafür zwei Gründe. Zum einen zeigen auch die Zahlen, dass Panikattacken und Angststörungen in den vergangenen Jahren zugenommen haben. Wenn wir auf die vergangenen Jahre schauen – mit Pandemie, Kriegen, Energiekrise und Klimakrise –, leben viele Menschen dauerhaft mit Sorgen und Unsicherheiten.
Zum anderen wird heute viel offener über psychische Gesundheit gesprochen. Es gibt mehr Aufklärung und auch in den sozialen Medien berichten immer mehr Menschen über ihre Erfahrungen. Ich glaube deshalb, dass beides zusammenkommt: Panikattacken nehmen tatsächlich zu, gleichzeitig trauen sich Betroffene heute eher, darüber zu sprechen.
Warum werden Orte wie Flugzeuge, Autos oder Supermärkte plötzlich zur Angstfalle?
Viele Betroffene beginnen, bestimmte Situationen zu vermeiden. Langfristig macht das die Angst aber größer. Wenn wir das Flugzeug, das Auto oder den Supermarkt meiden, bestätigen wir unserem Gehirn, dass diese Situationen tatsächlich gefährlich sind. Dadurch wächst die Angst im Hintergrund weiter.
Deshalb ist es wichtig, sich diesen Situationen Schritt für Schritt wieder zuzuwenden. Gleichzeitig erleben viele Betroffene, dass ihnen in einer Panikattacke die hilfreichen Techniken plötzlich nicht mehr einfallen. Auch dafür gibt es einen biologischen Grund: In diesem Moment übernimmt die Angstzentrale im Gehirn die Kontrolle und der Bereich für rationales Denken wird gehemmt.
Die gute Nachricht ist, dass wir lernen können, unser Nervensystem selbst zu beruhigen. Jeder Mensch trägt diese Fähigkeit in sich. Das gelingt allerdings nicht nach ein oder zwei Übungen, sondern braucht Zeit und regelmäßiges Training.
Wer beispielsweise Angst vor dem Autofahren hat, kann sich zunächst einfach ins Auto setzen und nur eine kleine Runde fahren. Für viele ist die Autobahn besonders belastend. Dann kann es helfen, zunächst nur bis zur nächsten Ausfahrt zu fahren, dabei die Atemübungen anzuwenden und wieder abzufahren. So erlebt das Nervensystem immer wieder: Ich schaffe diese Situation. Mit der Zeit lernt es, sie nicht länger als Gefahr einzustufen.
Können Medikamente bei Panikattacken sinnvoll sein?
Das ist eine sehr individuelle Entscheidung. Ich bin Psychotherapeutin und Psychologin und verschreibe selbst keine Medikamente. Ich habe aber durchaus Menschen erlebt, die unter so starken Symptomen litten, dass sie kaum noch das Haus verlassen konnten. In solchen Fällen habe ich ihnen geraten, sich zusätzlich psychiatrische Unterstützung zu holen und sich zu Medikamenten beraten zu lassen.
Medikamente können helfen, sehr starke Symptome zunächst zu lindern und das Leben wieder etwas leichter zu machen. Wichtig ist mir aber: Sie ersetzen keine Psychotherapie. Sie lösen weder die eigentlichen Auslöser noch regulieren sie das Nervensystem langfristig.
Deshalb würde ich immer empfehlen, Medikamente – wenn sie notwendig sind – mit einer Therapie zu kombinieren. Nur so können Betroffene lernen, ihr Nervensystem nachhaltig zu regulieren und langfristig etwas zu verändern.
Kann man Panikattacken dauerhaft überwinden?
Ja, davon bin ich überzeugt. Das bedeutet allerdings nicht, dass wir nie wieder Angst haben. Angst ist wichtig, denn sie schützt uns in echten Gefahrensituationen. Es geht also nicht darum, vollkommen angstfrei zu leben.
Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass ich heute wieder ganz selbstverständlich auf der Autobahn fahre, ins Restaurant gehe oder einkaufen gehe. All das war früher zeitweise nicht mehr möglich.
Zu Beginn meiner Angststörung wurde mir gesagt, ich müsse lernen, damit zu leben. Dieser Satz hat mir damals große Angst gemacht. Ich wollte nicht akzeptieren, dass mein Leben für immer so aussehen sollte.
Ich habe mich dann intensiv mit dem Nervensystem beschäftigt. Unser Nervensystem kann ein Leben lang lernen. Es kann Situationen neu bewerten und neu abspeichern. Mein Nervensystem stuft die Autobahn oder den Supermarkt heute nicht mehr als Gefahr ein. Deshalb bin ich überzeugt, dass wir Ängste und Panikattacken überwinden können.
Welche Botschaft möchten Sie Betroffenen zum Schluss mit auf den Weg geben?
Das Wichtigste ist, immer nur auf den nächsten kleinen Schritt zu schauen. Ich erlebe viele Betroffene, die sich ihren Ängsten hilflos ausgeliefert fühlen. Sie wünschen sich, dass die Angst von heute auf morgen verschwindet, setzen sich riesige Ziele und sind dann enttäuscht, wenn das nicht sofort gelingt.
Meine wichtigste Botschaft lautet: Es gibt einen Weg aus der Angst. Schauen Sie nicht auf den ganzen Berg, sondern immer nur auf den nächsten kleinen Schritt. Sie werden erstaunt sein, wo Sie am Ende ankommen.