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11. September 2026
Marianne Waldenfels
Warum bleiben manche Menschen länger gesund als andere? Eine mögliche Erklärung liefert das sogenannte Inflammaging. Neue Forschung zeigt, welche Prozesse dahinterstecken – und welchen Einfluss Bewegung, Ernährung und Lebensstil darauf haben können.
Entzündungen haben eigentlich eine wichtige Aufgabe: Sie helfen dem Körper, Infektionen abzuwehren und Verletzungen zu reparieren. Doch mit zunehmendem Alter kann sich dieser Schutzmechanismus verändern. Das Immunsystem bleibt dann unterschwellig aktiv, obwohl weder ein Infekt noch eine Verletzung vorliegt. Forschende nennen dieses Phänomen „Inflammaging“. Auf Dauer kann diese chronische Entzündungsaktivität Gewebe und Organe belasten und altersbedingte Erkrankungen begünstigen.
Wie ausgeprägt sie ist, unterscheidet sich jedoch erheblich von Mensch zu Mensch. Und genau das macht Inflammaging für die Longevity-Forschung so interessant: Neben genetischen Voraussetzungen scheinen auch Umwelt und Lebensstil eine Rolle zu spielen.
Der Begriff selbst ist eine Wortverschmelzung aus „inflammation“ (Entzündung) und „aging“ (Altern). Geprägt hat ihn der italienische Immunologe Claudio Franceschi bereits im Jahr 2000. Mehr als 25 Jahre später ist Inflammaging zu einem wichtigen Forschungsgebiet der Altersmedizin geworden.
Ein aktuelles Review im „European Journal of Immunology“ zeigt, wie komplex der Prozess tatsächlich ist: Zelluläre Seneszenz, Veränderungen der Immunzellen, mitochondriale Dysfunktion und eine gestörte Regulation von Entzündungsreaktionen scheinen ineinanderzugreifen.
Anders als eine akute Entzündung bleibt Inflammaging meist unbemerkt. Es tut nicht weh, es gibt keine sichtbare Schwellung und keinen einzelnen Auslöser. Stattdessen läuft die Entzündungsaktivität gewissermaßen im Hintergrund weiter.
Eine Rolle spielen dabei unter anderem sogenannte seneszente Zellen. Diese Zellen teilen sich nicht mehr, verschwinden aber auch nicht unbedingt aus dem Gewebe. Stattdessen können sie einen Mix aus entzündungsfördernden Botenstoffen freisetzen, den sogenannten seneszenzassoziierten sekretorischen Phänotyp, kurz SASP. Dadurch können sie das entzündliche „Grundrauschen“ im Körper verstärken.
Doch seneszente Zellen sind nur ein Teil der Erklärung. Neuere Forschung deutet darauf hin, dass sich mit dem Alter auch Immunzellen verändern, Mitochondrien weniger zuverlässig funktionieren und Entzündungsreaktionen schlechter wieder herunterreguliert werden. Inflammaging ist damit weniger ein einzelner Vorgang als das Ergebnis mehrerer Veränderungen, die sich gegenseitig beeinflussen.
Man kann sich das ein wenig wie einen Rauchmelder vorstellen, der nicht mehr richtig abschaltet: Er schlägt keinen lauten Alarm, ist aber auch nie ganz still. Über Jahre kann diese chronische Aktivierung dazu beitragen, Gewebe zu belasten und altersbedingte Erkrankungen zu begünstigen.
Im Blut lassen sich dabei unter anderem Entzündungsmarker wie CRP, Interleukin-6 oder TNF-α bestimmen. Einen einzelnen Laborwert, mit dem sich Inflammaging zuverlässig diagnostizieren ließe, gibt es bislang jedoch nicht. Ein erhöhtes CRP allein verrät also nicht, wie schnell jemand altert.
Wie stark die chronische Entzündungsaktivität im Laufe des Lebens zunimmt, hängt von vielen Faktoren ab. Gene spielen ebenso eine Rolle wie frühere Infektionen, Umweltbelastungen und Veränderungen des Immunsystems selbst.
Daneben gibt es Faktoren, die zumindest teilweise beeinflussbar sind. Rauchen, wenig Bewegung, chronischer Stress, Schlafprobleme und starkes Übergewicht werden mit chronischen Entzündungsprozessen in Verbindung gebracht.
Besonders interessant ist dabei das Fett im Bauchraum. Viszerales Fett ist nicht einfach nur ein Energiespeicher, sondern ein stoffwechselaktives Gewebe, das unter anderem entzündungsfördernde Botenstoffe freisetzen kann. Ein aktuelles Review in „Nature Aging“ kommt zu dem Schluss, dass die Ansammlung von viszeralem Fett nicht nur ein Begleitzeichen metabolischer Alterungsprozesse sein dürfte, sondern selbst zu Stoffwechselstörungen und altersbedingten Veränderungen beitragen kann.
Forschende versuchen deshalb zunehmend, die Veränderungen des alternden Immunsystems genauer messbar zu machen. Ein etablierter „Inflammaging-Test“, mit dem sich das persönliche Entzündungsalter beim Arzt bestimmen ließe, existiert bislang allerdings nicht.
Chronische niedriggradige Entzündungsprozesse werden inzwischen mit einer ganzen Reihe von Erkrankungen in Verbindung gebracht, die im höheren Lebensalter häufiger auftreten. Dazu gehören unter anderem:
● Herz-Kreislauf-Erkrankungen
● Typ-2-Diabetes
● neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer
● Muskelabbau und Gebrechlichkeit im Alter
● bestimmte Krebserkrankungen
Wichtig ist dabei die Unterscheidung zwischen Zusammenhang und Ursache. Inflammaging löst diese Erkrankungen nicht zwangsläufig aus. Vielmehr scheint die chronische Entzündungsaktivität einer von mehreren Faktoren zu sein, die ihre Entstehung und ihren Verlauf beeinflussen können.
Eine Therapie, die Inflammaging einfach „abschaltet“, gibt es bislang nicht. Interessanter ist deshalb die Frage, ob sich die chronische Entzündungsaktivität durch den Lebensstil beeinflussen lässt. Für einige Faktoren gibt es inzwischen recht gute Hinweise.
Besonders gut untersucht ist körperliche Aktivität. Eine systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse von 2025 verglich Menschen, die über viele Jahre regelmäßig trainierten, mit gleichaltrigen untrainierten Erwachsenen. Die lebenslang Aktiven wiesen niedrigere CRP-Werte und höhere Werte des entzündungshemmenden Botenstoffs IL-10 auf. Für andere Entzündungsmarker waren die Ergebnisse weniger eindeutig.
Interessant ist allerdings auch die andere Seite der Ergebnisse: Selbst lebenslanges Training konnte die altersbedingten Veränderungen des Immunsystems offenbar nicht vollständig verhindern. Im Vergleich mit jungen Erwachsenen zeigten auch ältere Sportler bei einigen Entzündungsmarkern noch Unterschiede.
Bewegung scheint Inflammaging also abmildern zu können, aufhalten kann sie den Prozess nach heutigem Forschungsstand nicht vollständig.
Auch bei der Ernährung wird die Datenlage konkreter. Eine 2026 veröffentlichte Meta-Analyse von 33 randomisierten kontrollierten Studien mit insgesamt 3.476 Teilnehmenden untersuchte die Auswirkungen einer mediterranen Ernährung auf Entzündungsmarker.
Dabei sanken unter mediterraner Ernährung unter anderem hs-CRP, Interleukin-6 und Interleukin-17 signifikant stärker als in den Kontrollgruppen. Nicht alle untersuchten Entzündungsmarker veränderten sich jedoch. Die Ergebnisse sprechen deshalb nicht für eine einzelne „Anti-Inflammaging-Diät“, liefern aber weitere Hinweise darauf, dass das Ernährungsmuster chronische Entzündungsprozesse beeinflussen kann.
Typisch für eine mediterrane Ernährung sind viel Gemüse und Obst, Hülsenfrüchte und Vollkornprodukte, Nüsse, Olivenöl und regelmäßig Fisch.
Auch Schlafmangel, chronischer Stress und Übergewicht können den Körper belasten und Entzündungsprozesse fördern. Besonders gut untersucht ist Übergewicht: Vor allem das Fett im Bauchraum ist stoffwechselaktiv und kann Botenstoffe freisetzen, die Entzündungen unterstützen. Wer starkes Übergewicht reduziert, kann deshalb auch die Entzündungsaktivität im Körper senken.
Ähnliches gilt für Schlaf und Stress. Zu wenig oder dauerhaft schlechter Schlaf sowie chronischer psychischer Stress werden in Studien mit erhöhten Entzündungswerten in Verbindung gebracht. Neben Bewegung und Ernährung können deshalb auch ausreichend Schlaf, Nichtrauchen und ein gesundes Körpergewicht eine Rolle dabei spielen, chronische Entzündungsprozesse möglichst niedrig zu halten.
Genau diese Frage beschäftigt die Longevity-Forschung inzwischen intensiv. Ein Ansatz sind sogenannte Senolytika: Wirkstoffe, die gezielt seneszente Zellen beseitigen sollen. Senomorphika verfolgen eine etwas andere Strategie und sollen die schädlichen Signale dieser Zellen reduzieren, ohne sie abzutöten.
Das aktuelle Inflammaging-Review von 2026 beschreibt daneben weitere mögliche Ansätze, von Stoffwechselwirkstoffen wie Metformin und Rapamycin bis hin zu Therapien, die das Immunsystem oder das Darmmikrobiom beeinflussen. Erste frühe klinische Untersuchungen liefern interessante Signale, für eine etablierte Anti-Inflammaging-Therapie beim Menschen reicht die Evidenz jedoch noch nicht aus.
Besonders viel Aufmerksamkeit bekam bereits 2024 eine Studie in „Nature“, in der Forschende bei Mäusen den Signalweg des Entzündungsbotenstoffs Interleukin-11 (IL-11) blockierten. Die Tiere waren im Alter weniger gebrechlich und zeigten unter anderem einen besseren Stoffwechsel und eine bessere Muskelfunktion. Bei älteren Mäusen verlängerte die Behandlung zudem die verbleibende Lebensspanne deutlich.
Ob sich solche Ergebnisse auf Menschen übertragen lassen, ist allerdings offen.
Inflammaging zeigt, dass Altern auch mit Veränderungen unseres Immunsystems verbunden ist. Wie stark die chronische Entzündungsaktivität zunimmt, scheint dabei nicht bei jedem Menschen gleich zu sein.
Die Forschung versucht inzwischen, einzelne Mechanismen gezielt mit Medikamenten zu beeinflussen. Bis daraus tatsächlich Anti-Aging-Therapien entstehen, ist jedoch noch einiges an Forschung nötig. Bewegung und Ernährung sind weniger spektakulär, haben aber einen entscheidenden Vorteil: Für ihren Einfluss auf chronische Entzündungsprozesse gibt es bereits Daten am Menschen.

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