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7. September 2026
Marianne Waldenfels
Wie schnell wir altern, hängt nicht nur von unseren Genen ab. Auch Bewegung, Ernährung, Stress und Umwelt können epigenetische Spuren hinterlassen. Was diese Veränderungen im Körper bewirken – und wie aussagekräftig Tests zum biologischen Alter wirklich sind
Zwei Menschen, gleich alt, gleicher Geburtsjahrgang – und biologisch trotzdem Jahre auseinander. Eine Erklärung dafür liefert die Epigenetik: chemische Markierungen auf unserer DNA, die mitbestimmen, welche Gene aktiv sind und welche stumm bleiben.
Anders als die Gensequenz selbst ist dieses Muster nicht in Stein gemeißelt. Ernährung, Bewegung, Schlaf und Umweltbelastungen können messbare Spuren darauf hinterlassen. Genau das macht die Epigenetik zu einem der spannendsten Forschungsfelder der Alternsmedizin. Doch wie groß ist unser Einfluss tatsächlich? Und lässt sich die biologische Uhr womöglich sogar zurückdrehen?
Die DNA-Sequenz eines Menschen bleibt ein Leben lang praktisch unverändert. Was sich verändert, ist, welche Abschnitte davon abgelesen werden – also welche Gene aktiv sind. Zwei Mechanismen spielen dabei eine wichtige Rolle: Bei der DNA-Methylierung werden kleine chemische Gruppen an bestimmten Stellen der DNA angebracht und können dadurch die Aktivität von Genen beeinflussen.
Bei der Histon-Modifikation wiederum verändern sich Proteine, um die unsere DNA gewickelt ist – und damit auch, wie gut bestimmte Genabschnitte zugänglich sind.
Man kann sich das wie ein Buch vorstellen: Der Text selbst bleibt gleich. Epigenetische Markierungen wirken jedoch wie Randnotizen, die mitbestimmen, welche Kapitel aufgeschlagen und gelesen werden.
Dass sich diese Markierungen im Laufe des Lebens verändern, zeigt sich besonders deutlich bei eineiigen Zwillingen. Sie besitzen praktisch dieselbe DNA-Sequenz, entwickeln mit zunehmendem Alter aber immer mehr Unterschiede in ihren epigenetischen Mustern.
Genau solche altersabhängigen Veränderungen der DNA-Methylierung machte sich der Alternsforscher Steve Horvath zunutze. 2013 entwickelte er eine der einflussreichsten Methoden der modernen Alternsforschung: Seine epigenetische Uhr nutzt 353 Stellen der DNA-Methylierung, um das Alter verschiedener menschlicher Gewebe erstaunlich genau vorherzusagen.
Genau hier wird die Epigenetik besonders interessant: Manche dieser Markierungen scheinen sich wieder verändern zu können. So werden etwa Polyphenole aus Beeren, grünem Tee oder Kurkuma sowie Omega-3-Fettsäuren daraufhin untersucht, wie sie epigenetische Prozesse beeinflussen. Welche Bedeutung solche Effekte langfristig für Gesundheit und Altern haben, ist allerdings noch nicht abschließend geklärt.
Dass Bewegung unsere Genregulation beeinflussen kann, zeigt eine vielzitierte Studie von Romain Barrès und Kollegen. Bereits nach einer einzigen intensiven Trainingseinheit fanden die Forschenden bei untrainierten Probanden Veränderungen der DNA-Methylierung in Muskelzellen, unter anderem an Genen, die den Energiestoffwechsel und die Bildung von Mitochondrien steuern. Bewegung kann also erstaunlich schnell beeinflussen, welche Gene in der Muskulatur abgelesen werden.
Auch psychische Belastungen können epigenetische Spuren hinterlassen. Eine vielbeachtete Humanstudie von McGowan und Kollegen fand Unterschiede in der Methylierung eines für die Stressreaktion wichtigen Gens bei Menschen, die in ihrer Kindheit schweren Missbrauch erlebt hatten. Allerdings wurden dafür Gewebeproben nach dem Tod untersucht. Ob die belastenden Erfahrungen die Veränderungen tatsächlich verursacht haben, lässt sich daraus nicht zweifelsfrei ableiten.
Generell gilt: Dass Umwelt und Verhalten mit epigenetischen Veränderungen einhergehen können, ist gut belegt. Wie groß der Einfluss einzelner Lebensstilfaktoren ist, wie lange solche Veränderungen bestehen bleiben und was sie langfristig für die Gesundheit bedeuten, wird dagegen noch erforscht.
Die Veränderungen der DNA-Methylierung haben Forschende auf eine faszinierende Idee gebracht: Wenn sich bestimmte Muster mit dem Alter regelmäßig verschieben, müsste sich daraus ablesen lassen, wie ein Körper altert. Aus Horvaths erster epigenetischer Uhr ist inzwischen eine ganze Familie solcher Modelle entstanden.
GrimAge wurde beispielsweise entwickelt, um altersbezogene Gesundheitsrisiken und Mortalität besser abzubilden. DunedinPACE geht noch einen anderen Weg: Das Modell soll nicht primär ein biologisches Alter in Jahren angeben, sondern erfassen, mit welchem Tempo biologische Alterungsprozesse ablaufen.
Das erklärt auch ein zunächst irritierendes Phänomen: Wer zwei verschiedene Tests macht, kann zwei unterschiedliche Ergebnisse erhalten. Das muss nicht bedeuten, dass einer davon falsch ist. Die Uhren wurden für unterschiedliche Zielgrößen entwickelt und betrachten damit verschiedene Facetten des Alterns.
Kommerzielle Anbieter haben aus dem biologischen Alter inzwischen ein eigenes Marktsegment gemacht. Tests wie TruAge von TruDiagnostic, myDNAge oder der Elysium Index analysieren DNA-Methylierung in Blut-, Speichel- oder Urinproben und sollen daraus unter anderem das biologische Alter oder das individuelle Alterungstempo bestimmen – für teilweise mehrere Hundert US-Dollar.
Nicht jeder Test, der mit dem biologischen Alter wirbt, ist dabei ein epigenetischer Test im eigentlichen Sinn: GlycanAge etwa untersucht bestimmte Zuckerstrukturen an Antikörpern und nicht die DNA-Methylierung.
Interessant können solche Ergebnisse durchaus sein. Nur sollte man die vermeintlich präzise Alterszahl nicht mit einem klassischen medizinischen Messwert verwechseln. Unterschiedliche Verfahren können zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen, und bislang gibt es keine allgemein anerkannte klinische Konsequenz, die sich aus einem bestimmten „epigenetischen Alter“ automatisch ableiten ließe.
Das biologische Alter zu messen, ist das eine. Viel interessanter ist doch eine andere Frage: Könnte man die Uhr irgendwann auch zurückdrehen?
Noch weiß die Forschung nicht einmal vollständig, was epigenetische Uhren eigentlich messen. Ein Team des Leibniz-Instituts für Alternsforschung in Jena hat deshalb gemeinsam mit internationalen Partnern jene Veränderungen der DNA-Methylierung genauer untersucht, die besonders eng mit dem Altern zusammenhängen. Dahinter steckt eine entscheidende Frage: Zeigen epigenetische Uhren nur zuverlässig an, dass wir älter werden oder erfassen sie Prozesse, die tatsächlich an unserem Altern beteiligt sind?
Noch weiter geht die sogenannte partielle epigenetische Reprogrammierung. Die Idee klingt fast nach Science-Fiction: Altersbedingte Veränderungen einer Zelle sollen teilweise zurückgesetzt werden, ohne die Zelle selbst in ihren ursprünglichen Stammzellzustand zu versetzen. Grundlage dafür sind die Arbeiten des japanischen Nobelpreisträgers Shinya Yamanaka. Heute experimentieren Forschende unter anderem mit drei Faktoren – OCT4, SOX2 und KLF4, kurz OSK –, die Zellen gewissermaßen auf einen jüngeren epigenetischen Zustand zurückstellen sollen.
Was lange reine Grundlagenforschung war, wird inzwischen erstmals am Menschen erprobt. 2026 erhielt das Biotech-Unternehmen Life Biosciences von der US-Arzneimittelbehörde FDA grünes Licht für eine Phase-I-Studie mit der Gentherapie ER-100 bei Erkrankungen des Sehnervs. Im Juni wurde der erste Patient behandelt. Damit hat die partielle epigenetische Reprogrammierung erstmals den Sprung in eine klinische Studie am Menschen geschafft.
Zunächst soll die Studie vor allem zeigen, ob das Verfahren sicher und verträglich ist. Ob sich damit tatsächlich altersbedingte Veränderungen beim Menschen zurücksetzen lassen, ist noch offen.
Genau darin liegt derzeit die Faszination der Epigenetik: Sie zeigt, dass unser Erbgut kein starres Programm ist. Welche Gene wann und wie stark aktiv sind, kann sich im Laufe des Lebens verändern – und wird auch von den Bedingungen beeinflusst, unter denen wir leben. Ob sich diese Prozesse eines Tages gezielt nutzen lassen, um das Altern selbst zu beeinflussen, ist eine der großen offenen Fragen der modernen Alternsforschung.

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