
© Anna Shvets
3. September 2026
Christine Bürg & Marianne Waldenfels
Augenringe gelten schnell als Zeichen für Schlafmangel. Doch oft spielen Pigmentierung, Gefäße, Veranlagung oder die Anatomie eine wichtige Rolle. Dermatologin Dr. Susanne Steinkraus erklärt, welche Behandlung zu welcher Ursache passt – und wo Vorsicht geboten ist

Ein Interview mit
Dr. med. Susanne Steinkraus
Koffein-Seren, kühlende Eye Patches, spezielle Augencremes oder Hyaluron: Wer Augenringe loswerden möchte, findet eine ganze Reihe vermeintlicher Lösungen. Doch nicht jede Behandlung passt zu jeder Form und manches kann die empfindliche Augenpartie sogar zusätzlich reizen oder das Erscheinungsbild verschlechtern.
Dermatologin Dr. Susanne Steinkraus erklärt im Interview, welche Hausmittel und Wirkstoffe tatsächlich etwas bringen, wann ästhetische Behandlungen sinnvoll sein können und warum gerade bei Hyaluron eine sorgfältige Abwägung entscheidend ist.
Wie beziehungsweise warum entstehen Augenringe? Gibt es unterschiedliche Arten?
Augenringe sind kein einheitliches Phänomen. Was wir als dunkle Schatten wahrnehmen, kann durch Pigment, durchscheinende Gefäße, die individuelle Anatomie oder Schwellungen entstehen. Häufig kommen mehrere Faktoren gleichzeitig zusammen.
Dermatologisch unterscheiden wir im Wesentlichen vier Formen: Pigmentbedingte Augenringe erscheinen eher bräunlich. Ursache ist eine vermehrte Einlagerung von Melanin, beispielsweise aufgrund genetischer Veranlagung, UV-Strahlung, hormoneller Stoffwechselerkrankungen oder chronischer Reizung.
Vaskuläre Augenringe wirken bläulich, violett oder rötlich. Weil die Haut am Unterlid ausgesprochen dünn ist und kaum Unterhautfett besitzt, können Gefäße und der darunterliegende Muskel sichtbar durchscheinen.
Strukturell bedingte Augenringe entstehen durch die Anatomie: Eine ausgeprägte Tränenrinne, Volumenverlust, hervortretende Fettpolster oder ein Absinken des Mittelgesichts erzeugen Schatten. Schwellungsbedingte Augenringe beruhen auf Flüssigkeitseinlagerungen. Sie treten häufig morgens stärker hervor und können durch Allergien, Schlafposition, Alkohol, salzreiche Ernährung, Lymphabflusstörungen oder genetisch bedingte Tränensäcke begünstigt werden.
Vor jeder Behandlung sollte deshalb zunächst geklärt werden, welche Komponente tatsächlich dominiert. Eine Creme kann beispielsweise die Hautqualität verbessern, aber keine anatomisch ausgeprägte Tränenrinne beseitigen.
Bei Augenringen denken viele sofort an Schlafmangel. Ist zu wenig Schlaf tatsächlich die häufigste Ursache?
Schlafmangel ist ein relevanter Verstärker, aber wesentlich seltener die alleinige Ursache, als allgemein angenommen wird. Belastbare Zahlen dazu, bei wie vielen Menschen ausschließlich zu wenig Schlaf verantwortlich ist, gibt es nicht.
Nach einer kurzen Nacht kann die Haut blasser und weniger durchblutet erscheinen, sodass Gefäße deutlicher sichtbar werden. Gleichzeitig können sich Flüssigkeitseinlagerungen verstärken. Auch das Reiben müder Augen fördert Reizungen und damit langfristig unter Umständen eine Pigmentierung.
Wer jedoch trotz ausreichend Schlaf dauerhaft Augenringe hat, sollte nicht versuchen, das Problem ausschließlich über mehr Schlaf zu lösen. Meist liegen Veranlagung, Pigmentierung, Gefäßzeichnung oder anatomische Strukturen zugrunde. Schlafmangel macht vorhandene Augenringe dann lediglich sichtbarer.
Warum sind Augenringe morgens oft besonders sichtbar?
Im Liegen verteilt sich Flüssigkeit anders im Gewebe und kann sich über Nacht leichter in der zarten Unterlidregion sammeln. Da die Haut dort sehr dünn ist und das Lymphsystem Flüssigkeit nur verzögert abtransportiert, wirken die Lider morgens häufig geschwollener. Die dadurch entstehenden Schatten lassen Augenringe zusätzlich dunkler erscheinen.
Verstärkt werden kann dieser Effekt durch eine flache Schlafposition, salzreiches Essen, Alkohol, wenig Schlaf, Allergien oder eine verstopfte Nase. Im Laufe des Vormittags nimmt die Schwellung durch aufrechte Körperhaltung, Bewegung und Lymphabfluss meist wieder ab.
Eine kühle Kompresse, sanfte Bewegung und eine leicht erhöhte Kopfposition beim Schlafen können helfen. Plötzlich neu auftretende, stark ausgeprägte oder einseitige Schwellungen sollten dagegen ärztlich abgeklärt werden.“
Warum haben manche Menschen schon in jungen Jahren ausgeprägte Augenringe?
Die genetische Veranlagung spielt eine sehr große Rolle. Manche Menschen haben von Natur aus eine besonders dünne Unterlidhaut, stärker sichtbare Gefäße, eine tiefere Tränenrinne oder eine erhöhte Neigung zur Pigmentierung. Augenringe können daher bereits im Kindes- oder Jugendalter auftreten.
Mit zunehmendem Alter verliert die Haut an Kollagen, Elastizität und Dichte. Gleichzeitig verändern sich Fettkompartimente und knöcherne Strukturen. Das Mittelgesicht verliert Volumen, die Tränenrinne kann deutlicher hervortreten und Schatten werden ausgeprägter.
Pigmentstörungen zeigen sich meist als bräunliche Verfärbung. Sie können genetisch bedingt sein, durch UV-Licht verstärkt werden oder nach chronischen Entzündungen entstehen – etwa bei Neurodermitis, Allergien oder häufigem Augenreiben. Gerade bei dunkleren Hauttypen ist die postinflammatorische Pigmentierung ein wichtiger Faktor.
Was können Augencremes tatsächlich gegen Augenringe ausrichten?
Eine Augencreme kann die Hautqualität verbessern, aber ihr Nutzen hängt von der Ursache der Augenringe ab. Kein kosmetischer Wirkstoff kann alle Formen gleichermaßen behandeln.
Die beste Augenpflege ist daher nicht zwingend die teuerste, sondern diejenige, die zur Ursache passt und die empfindliche Region nicht reizt.
Koffein-Seren und kühlende Eye Patches sind auf Social Media beliebt. Kann man davon sichtbare Effekte erwarten?
Ja, allerdings sollte man die Erwartungen realistisch halten. Gekühlte Eye Patches und Koffein-Seren können morgendliche Schwellungen sichtbar reduzieren und die Haut durch Feuchtigkeit glatter wirken lassen. Das kann vor einem Termin oder einem Fotoshooting durchaus sinnvoll sein.
Sie behandeln jedoch weder Pigmentstörungen noch Volumenverlust oder eine ausgeprägte Tränenrinne. Ein Soforteffekt ist daher nicht mit einer langfristigen strukturellen Veränderung gleichzusetzen.
Menschen mit sensibler Haut sollten zudem auf stark parfümierte Patches oder hohe Konzentrationen potenziell reizender Inhaltsstoffe verzichten. Gerade die Unterlidregion reagiert schnell mit Rötung, Trockenheit oder Ekzemen.
Welche Hausmittel helfen eigentlich und welche gehören ins Reich der Mythen?
Ein gekühlter Löffel oder eine kühle Kompresse kann Gefäße vorübergehend verengen und Schwellungen reduzieren. Gurkenscheiben kühlen und spenden oberflächlich Feuchtigkeit. Die Wirkung beruht aber vor allem auf Temperatur und Wassergehalt – nicht auf einer besonderen Anti-Augenring-Substanz der Gurke.
Gekühlte Teebeutel können ebenfalls abschwellend wirken. Koffein und Gerbstoffe könnten theoretisch einen zusätzlichen Effekt haben, klinisch überzeugend belegt ist die klassische Teebeutel-Methode allerdings nicht. Außerdem können Pflanzenstoffe oder Rückstände die empfindliche Augenregion reizen.
Von Zitronensaft, Natron, unverdünnten ätherischen Ölen, Zahnpasta oder aggressiven selbst gemachten Peelings rate ich ausdrücklich ab. Sie können Irritationen und Entzündungen auslösen und dadurch eine Pigmentierung sogar verschlimmern.
Welche ästhetischen Behandlungen kommen infrage?
Die Behandlung muss sich immer an der Ursache orientieren. Hyaluronsäurefiller können bei einer klar ausgeprägten Tränenrinne und geeignetem Gewebe den Übergang zwischen Unterlid und Wange harmonisieren. Bei deutlichen Tränensäcken, Hautüberschuss oder einer Neigung zu Lymphödemen sind sie häufig nicht die beste Lösung.
Laser- und lichtbasierte Verfahren können bei Pigmentierung, sichtbaren Gefäßen oder nachlassender Hautqualität infrage kommen. Pigment-, Gefäß- und fraktionierte Laser verfolgen unterschiedliche Ziele. Hauttyp, Pigmentneigung und Anatomie müssen sorgfältig berücksichtigt werden.
PRP, also plättchenreiches Eigenplasma, soll regenerative Prozesse und die Hautqualität unterstützen. Einzelne Studien und klinische Erfahrungen zeigen mögliche Verbesserungen; die Datenlage ist jedoch heterogen und der Effekt meist subtiler als in sozialen Medien dargestellt.
Eigenfett kann bei stärkerem Volumenverlust eine längerfristige Option sein. Der Eingriff ist allerdings aufwendiger, und das Einheilungsverhalten lässt sich nicht vollständig vorhersagen. Bei ausgeprägten Fettpolstern oder relevantem Hautüberschuss kann eine operative Unterlidkorrektur sinnvoller sein als wiederholtes Unterspritzen.
Bei entzündungsbedingter Pigmentierung steht zunächst die Behandlung von Allergien, Ekzemen und chronischer Reizung im Vordergrund.
Häufig ist eine zurückhaltende Kombination verschiedener Maßnahmen sinnvoller als eine einzelne, aggressive Behandlung.
Hyaluron gegen Augenringe ist inzwischen eine beliebte Behandlung. Wie sicher ist das Unterspritzen der Tränenrinne?
Die Unterspritzung der Tränenrinne ist eine anspruchsvolle ärztliche Behandlung – kein unkompliziertes Lifestyle-Treatment. Bei sorgfältiger Indikationsstellung und sehr erfahrenen Behandlerinnen und Behandlern kann sie gute Ergebnisse erzielen. Sie ist aber nicht für jede Anatomie geeignet.
Zu den möglichen Nebenwirkungen gehören Schwellungen, Blutergüsse, Asymmetrien, Knötchen, Überkorrekturen und ein bläuliches Durchschimmern des Materials, der sogenannte Tyndall-Effekt. Hyaluronsäure kann Wasser binden und dadurch bestehende Schwellungen oder Tränensäcke verstärken. Außerdem kann sie in dieser Region deutlich länger im Gewebe verbleiben, als viele Patientinnen und Patienten erwarten.
Sehr selten kann Filler in ein Blutgefäß gelangen oder ein Gefäß komprimieren. Dadurch können Durchblutungsstörungen, Gewebeschäden und im äußersten Fall Sehstörungen bis hin zum Sehverlust entstehen. Genau deshalb gehören gute anatomische Kenntnisse, eine sehr zurückhaltende Dosierung und ein klares Notfallmanagement einschließlich verfügbarer Hyaluronidase zwingend dazu.
Entscheidend ist nicht, ob eine Praxis die Behandlung anbietet, sondern ob sie im individuellen Fall auch bewusst davon abrät.
Gibt es Behandlungen, von denen Sie eher abraten würden?
Von Standardbehandlungen ohne vorherige Ursachenanalyse. Insbesondere eine Tränenrinne reflexartig mit viel Filler aufzufüllen, obwohl Schwellungen, ausgeprägte Fettpolster oder Hautüberschuss vorliegen, kann das Erscheinungsbild verschlechtern.
Auch aggressive Peelings, nicht fachgerecht eingesetzte Laser sowie hochenergetische Home-Devices gehören nicht unkritisch an die dünne Unterlidhaut.
Bei sogenannten Skinboostern, Polynukleotiden, PRP und anderen regenerativen Verfahren sollte transparent kommuniziert werden, wie belastbar die Datenlage tatsächlich ist. Sie können im Einzelfall die Hautqualität unterstützen, sind aber keine universelle Lösung gegen jede Form von Augenringen.
Grundsätzlich gilt: Je näher eine Behandlung am Auge stattfindet, desto wichtiger sind medizinische Qualifikation, genaue Indikation und ein konservatives Vorgehen.
Wenn Sie nur drei evidenzbasierte Tipps gegen Augenringe geben dürften – welche wären das?
Erstens: Die Ursache bestimmen lassen. Pigment, Gefäße, Fettprolaps, Volumenverlust und Schwellungen benötigen völlig unterschiedliche Strategien.
Zweitens: Die Augenregion konsequent schützen und nicht reizen. Dazu gehören täglicher UV-Schutz, Sonnenbrille, eine gut verträgliche Hautpflege sowie die Behandlung von Allergien oder Ekzemen. Häufiges Reiben sollte unbedingt vermieden werden.
Drittens: Lebensstil und Behandlung realistisch kombinieren. Ausreichender Schlaf, wenig Nikotin, ein maßvoller Umgang mit Alkohol und Salz sowie eine leicht erhöhte Schlafposition können Schwellungen reduzieren. Strukturelle oder pigmentbedingte Augenringe verschwinden dadurch jedoch nicht vollständig. Wenn sie stark stören, sollte eine ärztlich ausgewählte, ursachenbezogene Behandlung erfolgen.

Augenringe gelten schnell als Zeichen für Schlafmangel. Doch oft spielen Pigmentierung, Gefäße, Veranlagung oder die Anatomie eine wichtige Rolle. Dermatologin Dr. Susanne Steinkraus erklärt, welche Behandlung zu welcher Ursache passt – und wo Vorsicht geboten ist
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