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31. August 2026
Prof. Dominik Pförringer
Medfluencer genießen Vertrauen und erreichen mit Gesundheitstipps ein Millionenpublikum. Doch auf Social Media zählt oft Reichweite mehr als wissenschaftliche Evidenz. Prof. Dominik Pförringer über die problematische Vermischung von Medizin, Reichweite und Geschäft

Von
Prof. Dr. med. Dominik Pförringer
Der Arzt steht für verlässliche Information und symbolisiert den Fels in der Brandung: In der Brandung der Halbwahrheiten, des fehlgeleiteten Marketings und der Fake News.
Der Arzt fundiert seine Expertise und seine Empfehlungen auf einer Kombination aus erlerntem Wissen, Menschenkenntnis und im Idealfall viel, viel Erfahrung. Er untersucht, sammelt Befunde, Daten und Fakten, aggregiert und kontempliert und entwickelt daraus Diagnosen, erklärt Therapieoptionen.
Heutzutage reicht vielen Menschen ein Smartphone, ein Ringlicht und ein halbwegs fotogenes Gesicht, um aus medizinischer Expertise eine Medienmarke zu machen. Der „Medfluencer“ ist geboren – irgendwo zwischen Gesundheitsaufklärung, Personal Branding und Werbeplattform. Wissen? Erfahrung? Kenntnis? Wissenschaftliche Daten? All das mag partiell vorhanden sein, überprüft wird es zu selten.
Medfluencer sind grundsätzlich kein Problem. Soziale Medien können simples medizinisches Wissen niedrigschwellig vermitteln, manchmal Fehlinformationen korrigieren und Menschen erreichen, die klassische Gesundheitskommunikation nicht erreicht. Auch die Bundesärztekammer erkennt ausdrücklich an, dass soziale Medien für gesundheitliche Aufklärung und die Kommunikation mit Patienten sinnvoll genutzt werden können. Das Problem beginnt dort, wo aus Aufklärung Aufmerksamkeit und aus Aufmerksamkeit Umsatz generiert wird.
Wie groß das Geschäft inzwischen ist, zeigt der Influencer-Marketing-Markt. Der Bundesverband Digitale Wirtschaft beziffert die Werbeausgaben im deutschen Influencer-Marketing für 2025 auf rund 718 Millionen Euro; für 2030 wird ein Marktvolumen von etwa 1,02 Milliarden Euro prognostiziert.
Einen separat ausgewiesenen „Medfluencer-Markt“ gibt es NOCH nicht. Das ist auch methodisch kaum verwunderlich: Der Begriff ist weder standardisiert noch geschützt. Eine aktuelle Übersichtsarbeit nennt für Deutschland – abhängig von der jeweiligen Definition – etwa 800 bis 1.000 Medfluencer.
Die Marktvolumina sind mit Vorsicht zu genießen, die ökonomische Logik ist ziemlich klar: Wer vermeintliche medizinische Autorität mit hoher Reichweite verbindet, verfügt über ein ausgesprochen attraktives Setup. Der weiße Arztmantel ist dabei nicht bloß ein Kostüm, sondern ein Vertrauensverstärker. Wer ihn trägt, das kontrolliert keiner.
Daraus entsteht nicht selten eine interessante Schieflage. Eine 2026 in JAMA Network Open veröffentlichte Untersuchung analysierte 309 gesundheitsbezogene YouTube-Videos von Angehörigen von Gesundheitsberufen zu Krebs und Diabetes. Das Ergebnis ist bemerkenswert: 62,5 Prozent der untersuchten medizinischen Aussagen waren durch sehr geringe oder gar keine Evidenz gestützt; lediglich 19,7 Prozent beruhten auf Evidenz hoher Qualität.
Noch unangenehmer für die Branche: Videos mit sehr niedriger oder fehlender Evidenz erzielten im Mittel mehr Aufmerksamkeit. Nach statistischer Adjustierung waren sie mit rund 35 Prozent höheren Aufrufzahlen verbunden als Videos mit hoher Evidenzqualität.
Damit prallen zwei völlig unterschiedliche Systeme aufeinander. Die evidenzbasierte Medizin lebt von objektiver Abwägung, Differenzierung, Quellenkritik und der Bereitschaft zu sagen: „Es lässt sich noch nicht eindeutig belegen...“ Social Media hingegen belohnt Zuspitzung, Vereinfachung, Emotionalisierung und möglichst eindeutige Antworten. „Es kommt auf die individuelle Situation und die aktuelle Evidenzlage an“ ist medizinisch korrekt – als TikTok-Hook allerdings suboptimal.
Besonders heikel wird es, wenn medizinische Autorität unmittelbar mit kommerziellem Interesse verschmilzt. Die Ärzte Zeitung berichtete im August 2026 über den Fall einer Medfluencerin, die auf Instagram eine angebliche „Pinocchio-Nase“ thematisierte und ein entsprechendes Medikament bewarb.
Die dahinterstehende Kampagne war Teil eines Experiments und die Erkrankung frei erfunden. Der Fall ist interessant, weil er weniger über die Intelligenz einer einzelnen Person als über die Funktionsweise des Systems aussagt: Eine professionell inszenierte Geschichte, ein plausibel klingender medizinischer Begriff, eine vermeintliche Expertenstimme – und schon ist aus Nonsense ein Thema geworden.
Man könnte darüber lachen, wenn die Sache nicht ein ernstes Problem der Gesundheitskommunikation darstellen würde. Denn Patienten können kaum beurteilen, ob eine Aussage tatsächlich auf Leitlinien, randomisierten Studien oder lediglich auf der persönlichen Erfahrung oder gar Phantasie des Influencers beruht. Die ärztliche Qualifikation erzeugt einen Vertrauensvorschuss, der in sozialen Medien leicht größer ist als die tatsächliche Evidenzbasis einer Aussage.
Doch halt, mit dem Ende des Medizinstudiums ist das Wissen nicht komplett, das Staatsexamen ist vielmehr der Beginn der langen Reise der Wissensmehrung und Erfahrungssammlung. Viel klinische und praktische Erfahrung, eine abgeschlossene Facharztausbildung und viele viele graue Haare sind das Minimum, wie man an Köpfen in der Politik erleben durfte, die davon nichts mitbrachten.
Der Gesetzgeber versucht, dieser Vermischung von Information und Werbung Grenzen zu setzen. Das Heilmittelwerbegesetz untersagt außerhalb der Fachkreise unter anderem bestimmte Empfehlungen durch Angehörige von Gesundheitsberufen sowie irreführende oder nicht hinreichend erkennbare Werbeaussagen. Auch das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb erfasst irreführende geschäftliche Handlungen und ausdrücklich den Einsatz bezahlter redaktioneller Inhalte, wenn der Werbecharakter nicht eindeutig erkennbar ist.
Die Bundesärztekammer hat deshalb ihre Handreichung zum Umgang mit sozialen Medien 2023 ausdrücklich aktualisiert und dabei auch das Thema „Medical Influencer“ aufgenommen. Das ist sinnvoll, denn die ärztliche Schweigepflicht endet nicht am Smartphone, und die Approbation ist keinerlei Gütesiegel für eine Instagram-Story.
Damit will man den Medfluencer keinesfalls pauschal zum digitalen Quacksalber deklassieren. Solide medizinische Kommunikation im Netz kann einen erheblichen gesellschaftlichen Nutzen haben. Ein Arzt, der komplizierte Sachverhalte verständlich erklärt, Studien einordnet und Unsicherheiten transparent macht, leistet durchaus Gesundheitsaufklärung.
Nur sollte man sich dabei eine unangenehme Frage stellen: Was passiert, wenn nicht mehr die Qualität der medizinischen Information darüber entscheidet, was gesehen wird, sondern deren Vermarktbarkeit?
Dann wird aus ärztlicher Aufklärung schnell Content, aus Content eine Personal Brand und aus der Personal Brand ein Geschäftsmodell. Das Outfit bleibt dabei weiß. Nur die Grenze zwischen Patienteninformation und Verkaufsförderung verschwimmt.
Vielleicht ist das die eigentliche Ironie des Medfluencer-Zeitalters: Die Medizin hat jahrzehntelang darum gekämpft, sich von Anekdoten, Autoritätsargumenten und Scharlatanerie zu lösen – und entdeckt nun ausgerechnet auf Instagram, dass ein überzeugendes Gesicht und ein Ringlicht manchmal wieder reichen, um die „alte Autorität“ in „neuem Glanz“ zu verkaufen.
Lieber Leser: Man sollte sich vor denen hüten, die am lautesten Gewissheit verkünden – gerade dort, wo die Wissenschaft noch Fragen stellt.

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