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27. August 2026
Christine Bürg & Marianne Waldenfels
Ein unerfüllter Kinderwunsch kann Paare körperlich und psychisch stark belasten. Reproduktionsmediziner Dr. Bernd Lesoine erklärt, wann eine Abklärung sinnvoll ist, warum das Alter entscheidend ist und welche Behandlungen die besten Chancen bieten
Wenn eine Schwangerschaft auf sich warten lässt, beginnt für viele Paare eine belastende Zeit. Doch wie lange sollte man überhaupt versuchen, auf natürlichem Weg schwanger zu werden? Welche Rolle spielt das Alter und warum sollte nicht nur die Frau, sondern auch der Mann frühzeitig untersucht werden? Der Reproduktionsmediziner Dr. Bernd Lesoine erklärt, welche Ursachen hinter unerfülltem Kinderwunsch stecken können, welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt und wie sehr die Situation auch psychisch belastet.
Herr Dr. Lesoine, die Zahl der künstlichen Befruchtungen hat sich seit 2006 verdoppelt. Woran liegt das?
Ich muss zunächst ein bisschen korrigieren: Wir sind heute wieder ungefähr auf dem Niveau von 2003. Danach gab es einen starken Einbruch, und seit 2006 hat sich die Zahl tatsächlich wieder verdoppelt. Ein Grund ist, dass die Tabuisierung von Unfruchtbarkeit nicht mehr so ausgeprägt ist. Paare akzeptieren nicht mehr einfach, kinderlos zu bleiben.
Hinzu kommt, dass wir wieder eine größere Zahl jüngerer Menschen haben, die sich einen Kinderwunsch erfüllen möchten. Und die Reproduktionsmedizin ist in Deutschland vergleichsweise erschwinglich geblieben. Die Gehälter sind gestiegen, die Kosten für die Behandlung dagegen weitgehend gleich geblieben, und auch der Staat beteiligt sich teilweise an den Kosten. Dadurch ist es für mehr Paare möglich geworden, über eine Kinderwunschbehandlung nachzudenken.
Wann würden Sie einem Paar raten, medizinische Hilfe zu suchen?
In dem Moment, in dem ein Paar beunruhigt ist und sich fragt: Warum klappt es nicht?, würde ich zunächst zur Gynäkologin oder zum Gynäkologen gehen. Der kann schauen, ob grundsätzlich alles in Ordnung ist, und gegebenenfalls an einen Spezialisten überweisen.
Generell kann man sagen: Wenn es bei einer jungen Frau nach einem Jahr nicht funktioniert hat, sollte man genauer hinschauen, weil sie von sich aus eine hohe Fruchtbarkeit hat. Bei einer Patientin, die 38 ist, wäre es dagegen verheerend, zwei Jahre zu warten. Wenn sie so lange wartet, verschlechtern sich die Chancen deutlich. Deshalb würde ich das immer vom Alter und von der individuellen Situation abhängig machen.
Warum sollte der Mann frühzeitig mit untersucht werden?
Wir haben immer wieder Paare, die seit drei oder vier Jahren versuchen, schwanger zu werden, und der Mann ist noch kein einziges Mal untersucht worden. Ich halte es für wirklich angebracht, bei einem gemeinsamen Kinderwunsch zumindest den Mann einmal zu untersuchen.
Immerhin ist bei etwa 40 Prozent der Paare die männliche Fruchtbarkeit eingeschränkt. Ein Spermogramm tut nicht weh, kostet nicht viel Geld und ist schnell erledigt. Bevor ich eine weitere aufwendige Diagnostik bei der Frau mache, möchte ich deshalb als Erstes wissen, wie die Spermienqualität aussieht.
Was wäre denn aus medizinischer Sicht das ideale Alter für eine Schwangerschaft?
Das ideale Alter wäre irgendwo zwischen 25 und 30 Jahren. Dann brauchen Sie uns in der Regel auch nicht. Zwischen 30 und 35 ist die Fruchtbarkeit ebenfalls noch gut. Das ist auch das Alter, in dem zunehmend mehr Frauen Social Freezing machen, sich also ihre Eizellen einfrieren lassen, weil sie wissen, dass die Qualität noch ganz gut ist. Ab etwa 35 wird es dann von Jahr zu Jahr deutlich schlechter und die Chancen nehmen ab.
Welche Behandlung ist am erfolgversprechendsten?
Tatsächlich die In-vitro-Fertilisation, unabhängig davon, ob sie mit oder ohne Spermieninjektion durchgeführt wird. Die Schwangerschaftsraten unterscheiden sich dabei nicht wesentlich.
Der Vorteil ist, dass wir mehrere Eizellen auf einmal gewinnen können. Bei einer 35-jährigen Patientin ist bereits ein erheblicher Anteil der Eizellen chromosomal nicht mehr in Ordnung. Wenn wir durch die Stimulation zehn Eizellen gewinnen, ist die Chance gut, dass einige davon geeignet sind.
Außerdem müssen die Spermien nicht selbst bis zum Eileiter gelangen. Eizellen und Spermien werden im Labor zusammengebracht. Am nächsten Tag sieht man, wie die Befruchtung war, danach, wie sich die Embryonen entwickeln. Wir können abwarten und schauen, welcher Embryo sich am besten entwickelt, und ihn anschließend direkt in die Gebärmutter zurückgeben. Damit hat man die höchsten Chancen. Aber man sollte diese aufwendige Therapie natürlich nur machen, wenn man weiß, warum.
Viele Frauen haben Angst vor der Hormonbehandlung. Ist diese Sorge berechtigt?
Man hört immer wieder, Frauen würden dabei mit Hormonen „vollgepumpt“. Das ist so nicht richtig. Wir regen die Frau dazu an, ihre eigenen Hormone zu produzieren. Östrogen, Progesteron und andere Hormone werden von den Follikeln gebildet, und wir stimulieren diese Follikel.
Den Frauen geht es während der Stimulation in der Regel gut. Irgendwann spüren sie die Eierstöcke, aber das wird meist nicht als besonders belastend empfunden. Vieles ist auch eine Kopfsache, weil diese Vorstellung existiert, man werde mit Hormonen vollgepumpt. Das stimmt so nicht.
Wie hoch ist die Chance, dass eine Kinderwunschbehandlung tatsächlich funktioniert?
Wir reden von durchschnittlichen Wahrscheinlichkeiten pro Versuch von etwa 30 Prozent. Das ist aus unserer Sicht viel, aber es bedeutet eben auch eine Wahrscheinlichkeit von 70 Prozent, dass es nicht funktioniert.
Das Problem ist, dass die Frauen dann häufig glauben, es liege an ihnen. Es wurden Eizellen entnommen, sie bekommen Embryonen zurück und trotzdem klappt es nicht. Dann denken sie, sie seien daran schuld. Das ist enorm psychisch belastend und eine große Kränkung. Man fühlt sich insuffizient.
Wir müssen die Patientinnen immer wieder auffangen und ihnen klarmachen, dass es eben nicht so einfach ist, schwanger zu werden. Wenn die Frau nicht zu alt ist, bekommen nach unserer Erfahrung am Ende sehr viele Frauen ein Kind, wenn sie nicht aufgeben. Manchmal braucht es dafür einen vierten oder fünften Versuch.
Es gibt Untersuchungen, in denen Frauen und Paare vor der Sprechstunde gefragt wurden, wie hoch sie ihre eigenen Chancen einschätzen. Im Durchschnitt lagen die Einschätzungen bei 70 bis 80 Prozent. Dann wurden ihnen die realistischen Wahrscheinlichkeiten von etwa 30 Prozent erklärt und direkt danach wurden sie noch einmal gefragt. Erstaunlicherweise glaubten viele trotzdem weiter an eine Wahrscheinlichkeit von 70 Prozent. Ich halte das für die Selbsterhaltung auch für wichtig: Man glaubt, dass man selbst zu den 30 Prozent gehört, bei denen es funktioniert.
Wie groß ist die psychische Belastung während einer Kinderwunschbehandlung?
Enorm. Es kommt ja keiner gerne zu uns. Das ist nicht wie ein Besuch beim Hausarzt wegen eines Schnupfens, sondern wirklich ein schwerer Schritt. Die Patienten sind schon allein dadurch psychisch sehr belastet.
Und wie erleben Männer diese Situation?
Auch für Männer kann das eine enorme Belastung sein, insbesondere wenn die eingeschränkte Fruchtbarkeit bei ihnen liegt. Dann sehen sie, dass ihre Frau die ganze Behandlung über sich ergehen lassen muss, während sie selbst einmal im Zyklus Spermien abgeben. Der Mann wird nicht behandelt, aber er leidet mit. Deshalb ist Empathie in dieser Situation sehr wichtig.
Welche Rolle spielt Stress für den Erfolg einer Kinderwunschbehandlung?
Die Psyche hat mit Sicherheit einen riesigen Einfluss. Das Problem ist, dass wir ihn nicht messen können. Es gibt alle möglichen Untersuchungen dazu, welchen Einfluss die Psyche auf den Erfolg hat, aber das ist wahnsinnig schwierig, weil wir so viele Stressoren haben.
Eine Leistungssportlerin hat beispielsweise einen hohen oxidativen Stress, eine Raucherin ebenfalls, und auch psychischer Stress wirkt sich auf den Körper aus. Wir können den Einfluss leider nicht exakt messen, aber für mich gibt es überhaupt keinen Zweifel, dass Stress eine Rolle spielt.
Welche Risiken hat eine künstliche Befruchtung?
Das größte Risiko ist tatsächlich die Mehrlingsschwangerschaft. Gesetzlich dürfen bis zu drei Embryonen zurückgegeben werden, aber das machen wir in Bayern schon seit vielen Jahren nicht mehr. Gelegentlich geben wir zwei Embryonen zurück, gerade bei älteren Patientinnen, und nehmen damit natürlich ein Zwillingsrisiko in Kauf.
Eine Zwillingsschwangerschaft ist problematischer. Es gibt häufiger Frühgeburten, längere Klinikaufenthalte und bei den Kindern häufiger Anpassungsstörungen nach der Geburt.
Ein Risiko von früher war außerdem das sogenannte Überstimulationssyndrom. Wir wollten viele Eizellen gewinnen und hatten Angst, dass Frauen sehr stark überstimuliert werden. Dieses Problem können wir heute durch andere Behandlungsverfahren weitgehend vermeiden.
Was mittel- oder langfristige Risiken angeht, etwa Krebs, gibt es sehr gute Untersuchungen. Danach sehen wir keine erhöhte Krebsrate und keine erhöhte Krebsinzidenz durch die Behandlung.
Die Reproduktionsmedizin war lange gesellschaftlich stark umstritten. Hat sich das verändert?
Sehr. Gerade in den 1970er- und 1980er-Jahren wurden Reproduktionsmediziner teilweise fast wie „Frankensteins“ gesehen. Uns wurde vorgeworfen, Frauen zu Brutmaschinen zu machen oder dem lieben Gott ins Handwerk zu pfuschen.
Es gab sogar aktive Frauenrechtsgruppen, die bis in die 1990er-Jahre Anschläge auf Labore verübt haben. Deshalb arbeiteten viele reproduktionsmedizinische Einrichtungen damals sehr zurückgezogen. Es gab teilweise keine Schilder und keine Wegweiser, Patientinnen mussten abgeholt und in die Räume gebracht werden.
Auch deshalb haben wir uns schon früh sehr strenge Regeln und Kontrollen auferlegt. Frauen wurden über Jahrzehnte hinweg nachuntersucht, und zu unserer Beruhigung sehen wir keine mittel- oder langfristigen gesundheitlichen Folgen der Behandlung.
Gibt es Behandlungen, die in Deutschland nicht erlaubt sind?
Ja. Die Eizellspende ist in Deutschland verboten, die Samenspende dagegen erlaubt. Auch Leihmutterschaft ist nicht erlaubt. Außerdem dürfen Embryonen nur in sehr engen Ausnahmefällen vor dem Transfer genetisch untersucht werden.
Das bedaure ich sehr. Wir haben heute Möglichkeiten, Embryonen vor dem Transfer zu untersuchen. In Deutschland ist das jedoch nur in wenigen Ausnahmefällen zulässig, etwa wenn eine schwerwiegende genetische Erkrankung vorliegt.
Glauben Sie, dass sich diese Rechtslage ändern wird?
Ich hoffe sehr, dass sich das ändern wird. Mich stört, dass eine solche Untersuchung immer wieder als Selektion bezeichnet wird. Wir sehen sie als Prävention. Als Arzt möchte man Krankheit möglichst vermeiden und verhindern.
Was möchten Sie Paaren mitgeben, bei denen es schon länger nicht klappt?
Ich glaube, dass Kinderwunsch etwas ist, bei dem man seine Wünsche und seine Träume nicht aufgeben sollte. Es gibt immer irgendeine Lösung. Manchmal können wir die Lösung vielleicht nicht selbst bieten, aber wir wissen, wo es Lösungen gibt, und sind dabei auch immer behilflich.

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