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26. Juli 2026
Christine Bürg & Marianne Waldenfels
Wird Künstliche Intelligenz den Arzt ersetzen? Digital-Health-Experte Prof. Dominik Pförringer erklärt, welche Aufgaben KI künftig übernehmen wird, wo ihre Grenzen liegen und warum das persönliche Arzt-Patienten-Gespräch unersetzlich bleibt

Ein Interview mit
Prof. Dr. med. Dominik Pförringer
Künstliche Intelligenz schreibt Arztbriefe, analysiert Röntgenbilder und unterstützt bereits heute medizinische Entscheidungen. Für manche ist das eine große Chance, für andere ein beunruhigendes Zukunftsszenario. Wo liegen die Grenzen der Digitalisierung? Welche Aufgaben sollte KI übernehmen – und warum bleibt der Mensch trotzdem unersetzlich?
Orthopäde, Unfallchirurg und Digital-Health-Experte Prof. Dominik Pförringer erklärt, wie sich die Medizin verändern wird und weshalb er trotz seiner Begeisterung für neue Technologien privat bewusst analog lebt.
Herr Professor Pförringer, Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit Digital Health. Welche Chancen eröffnet die Digitalisierung für Patienten?
Ich bin überzeugt, dass uns die Digitalisierung viele Aufgaben abnehmen wird, die wir uns im Gesundheitswesen über Jahre selbst geschaffen haben und die eigentlich von der Medizin ablenken. Es geht vor allem um die vielen Nebengeräusche des Alltags.
Redundante Tätigkeiten lassen sich an die Technik übertragen. Das gilt auch für die Analyse großer Datenmengen. Gleichzeitig kann die gesamte sogenannte Patient Journey, also der Weg eines Patienten durch das Gesundheitssystem, deutlich einfacher werden.
Das beginnt bereits bei der Terminvereinbarung. Patienten können sich digital anmelden, ihre Unterlagen sicher mit dem Arzt austauschen und diese Daten nicht nur vom Arzt, sondern auch durch intelligente Systeme auswerten lassen. Wer das möchte, kann anschließend auch digital weiter begleitet werden – bis zu dem Zeitpunkt, an dem persönliche Betreuung wieder im Vordergrund stehen soll.
Welche Innovationen entlasten Ärzte heute am stärksten?
Die erfolgreichsten Innovationen sind diejenigen, die sich an den Bedürfnissen von Ärzten und Patienten orientieren. Nur weil etwas technisch möglich ist, bedeutet das noch lange nicht, dass es auch sinnvoll ist.
Viele sprechen derzeit über ChatGPT und ähnliche Systeme. Für einfache Fragestellungen kann das bereits sehr hilfreich sein. Komplexe Differentialdiagnosen oder schwierige Therapieentscheidungen kann eine solche Technologie heute jedoch noch nicht übernehmen. Das wird sich weiterentwickeln, aber im Moment liegen ihre Stärken woanders.

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Prof. Dr. med. Dominik Pförringer
Das größte Potenzial sehe ich darin, Ärzten die lästigen Routineaufgaben abzunehmen. Dokumentation gehört dazu. Ein Arzt, der während des Gesprächs permanent tippen muss, verschwendet wertvolle Zeit. Gleiches gilt für das manuelle Nachschlagen von Informationen oder Nebenwirkungen.
Ein gutes Beispiel ist die Radiologie. Früher beurteilte ein Radiologe während einer Schicht etwa 200 Röntgenbilder. Heute können es Zehntausende Bilder sein. Das menschliche Gehirn kann diese Datenmenge kaum vollständig erfassen. Wenn eine KI bereits Auffälligkeiten markiert und den Arzt darauf aufmerksam macht, wo genauer hingeschaut werden sollte, profitieren letztlich alle Beteiligten.
Digitalisierung und Künstliche Intelligenz sorgen bei vielen Menschen auch für Unsicherheit. Wo sehen Sie die größten Risiken?
Natürlich bringt jede neue Technologie Herausforderungen mit sich. In Deutschland neigen wir allerdings oft dazu, zunächst die Risiken zu sehen. Schnell entsteht das Bild, dass bald Roboter selbstständig Operationen durchführen oder lebenswichtige Entscheidungen treffen.
Vor solchen Szenarien habe ich derzeit keine große Sorge. Die letzte Entscheidung liegt weiterhin beim Arzt. Ich sehe die Digitalisierung vielmehr als einen Copiloten. Sie macht Vorschläge – ähnlich wie ein Navigationssystem im Auto. Das Navi empfiehlt Ihnen, rechts abzubiegen. Wenn Sie aber sehen, dass dort ein Stau ist, fahren Sie trotzdem links. Sie schalten Ihr eigenes Denken schließlich nicht aus.
Kritisch wird es erst dann, wenn wir Entscheidungen vollständig an die Technologie abgeben – etwa bei der Dosierung oder Verabreichung von Medikamenten. Dafür brauchen wir Systeme, die absolut zuverlässig funktionieren. Bis dahin ist die größte Herausforderung aus meiner Sicht nicht die Technik selbst, sondern der Mensch und sein Umgang damit.
Deshalb müssen wir Ärzte, Pflegekräfte und Patienten gleichermaßen mitnehmen. Wir müssen erklären, was die Technologie kann, was sie nicht kann und wo ihre Grenzen liegen. Nur wenn Menschen verstehen, wie digitale Systeme funktionieren, werden sie diese auch akzeptieren.
Welche Entwicklungen halten Sie derzeit für die wichtigsten Trends im Bereich Digital Health?
Künstliche Intelligenz ist natürlich das große Thema. Allerdings hängt ihr Potenzial immer davon ab, welche Daten überhaupt zur Verfügung stehen. Radiologen, Pathologen oder Labormediziner arbeiten schon heute mit sehr großen Datensätzen. Andere Fachgebiete, etwa die Chirurgie oder die Orthopädie, verfügen über deutlich weniger strukturierte Daten.
Ein Bereich, den ich fast noch spannender finde, ist das sogenannte Natural Language Processing. Dabei geht es darum, dass Systeme Sprache verstehen, analysieren und intelligent verarbeiten können. Ich glaube, dass hierin ein enormer Zukunftsmarkt liegt.
Eng damit verbunden ist der Decision Support, also die digitale Unterstützung medizinischer Entscheidungen. Je größer die verfügbaren Datenmengen werden, desto schwieriger wird es für einzelne Ärzte, sämtliche Informationen allein zu überblicken.
Das bedeutet aber ausdrücklich nicht, dass Computer künftig Diagnosen oder Therapien eigenständig festlegen. Der Arzt bleibt verantwortlich. Er entscheidet am Ende, ob eine Empfehlung sinnvoll ist und ob sie zum jeweiligen Patienten passt.
Medizin besteht eben nicht nur aus Daten. Wir müssen auch beurteilen, ob ein Patient eine Behandlung überhaupt bewältigen kann, ob sie ihm wirklich nützt und welche individuellen Faktoren berücksichtigt werden müssen. Genau deshalb sehe ich die KI als Copiloten – nicht als Piloten.
Manche Patienten wünschen sich den persönlichen Kontakt, andere erledigen möglichst alles digital. Ist Digital Health auch eine Generationenfrage?
Der Patient steht immer im Mittelpunkt. Daran darf sich auch durch die Digitalisierung nichts ändern. Technologie darf Patienten niemals abhängen oder alleinlassen. Sie soll uns dabei helfen, besser für Menschen da zu sein – nicht unser Handeln bestimmen.
Gerade im Arzt-Patienten-Gespräch hat Technik deshalb aus meiner Sicht nur eine unterstützende Rolle. Die direkte Begegnung zwischen Arzt und Patient bleibt der wichtigste Bestandteil einer guten Medizin. Davon profitieren beide Seiten. Sie ist wichtig für das Vertrauen, für den Heilungsverlauf und für die gesamte Begleitung.
Natürlich wächst inzwischen eine Generation heran, die ganz selbstverständlich mit digitalen Technologien lebt und auch anders über Datenschutz oder digitale Angebote denkt als frühere Generationen. Diese Menschen werden digitale Gesundheitslösungen deutlich häufiger nutzen und sich vielleicht in manchen Situationen zunächst an eine App wenden.
Gleichzeitig wird es aber immer Menschen geben, die bewusst den persönlichen Kontakt suchen und ihrem langjährigen Hausarzt vertrauen. Deshalb bin ich überzeugt, dass es auch künftig unterschiedliche Wege geben wird. Es gibt unterschiedliche Patiententypen – genauso wie unterschiedliche Ärztetypen. Und beide werden auch in Zukunft zueinanderfinden.
Zuletzt haben Hunderte Experten, darunter Elon Musk und Yuval Noah Harari, eine Entwicklungspause für Künstliche Intelligenz gefordert. Können Sie diese Sorgen nachvollziehen?
Ich sehe diese Diskussion etwas weniger kritisch, begrüße sie aber ausdrücklich. Wir sollten neue Technologien nicht allein deshalb entwickeln, weil sie technisch möglich sind. Viel wichtiger ist die Frage, welche Konsequenzen daraus entstehen können.
Ich muss dabei oft an Goethes Zauberlehrling denken. Irgendwann setzt man etwas in Bewegung, das sich möglicherweise nicht mehr kontrollieren lässt. Genau deshalb halte ich es für richtig, dass wir jetzt intensiv über Chancen und Risiken diskutieren.
Ob ein weltweiter Entwicklungsstopp realistisch ist, bezweifle ich. Dahinter stehen enorme wirtschaftliche Interessen. Wenn ein Land oder ein Unternehmen aufhört zu forschen, wird ein anderes weitermachen. Das haben wir in vielen Bereichen der Technologieentwicklung bereits erlebt.
Viel entscheidender ist deshalb eine andere Frage: Wann wird Technologie nicht nur sinnvoll oder überflüssig, sondern möglicherweise schädlich? Genau darüber müssen wir sprechen.
Ich begrüße es sehr, dass sich derzeit so viele Experten mit den Risiken auseinandersetzen und über klare Rahmenbedingungen nachdenken. Wissenschaft bedeutet für mich immer, nicht nur die möglichen Vorteile zu betrachten, sondern auch potenzielle Nachteile frühzeitig zu diskutieren. Diese Debatte brauchen wir jetzt.
Wie stellen Sie sich die Medizin der Zukunft vor?
Ich bin grundsätzlich ein Optimist und sehe die Entwicklung der Medizin sehr positiv. Gleichzeitig befinden wir uns momentan in einer Übergangsphase, die besonders anspruchsvoll ist.
Digitalisierung ist kein Projekt mit einem klaren Anfang oder Ende. Datenverarbeitung gehört seit Langem zur Medizin, genauso wie robotergestützte Verfahren. Der Unterschied ist, dass diese Entwicklung jetzt deutlich an Geschwindigkeit gewinnt.
Ich bin überzeugt, dass uns Technik künftig viele stupide, redundante und repetitive Aufgaben abnehmen wird. Genau dadurch gewinnen wir wieder mehr Zeit für das, was Medizin eigentlich ausmacht: die Heilkunst.
Gleichzeitig wird der Informationsfluss immer dichter und Prozesse werden schneller. Umso wichtiger wird es sein, den Menschen dabei nicht aus den Augen zu verlieren. Die zusätzliche Zeit, die wir durch Technologie gewinnen, sollte den Patienten zugutekommen.
Ich glaube deshalb durchaus, dass Roboter künftig bestimmte Aufgaben übernehmen werden – allerdings nicht, um Menschen zu ersetzen, sondern damit Ärzte und Pflegekräfte wieder mehr Zeit für andere Menschen haben. Genau darin liegt für mich die große Chance der Digitalisierung.
Welche Rolle spielen Virtual Reality und andere moderne Technologien heute bereits in der Ausbildung angehender Ärzte?
Aus meiner Sicht spielen moderne Technologien im Medizinstudium noch eine eher untergeordnete Rolle. Hier wäre deutlich mehr möglich.
Das ist häufig auch eine Budgetfrage. Für Aus-, Fort- und Weiterbildung stehen oft nicht genügend finanzielle Mittel zur Verfügung.
Dabei sehen wir bereits heute, welches Potenzial Technologien wie Virtual Reality oder Augmented Reality besitzen. Ich bin überzeugt, dass wir lernen müssen, selbstverständlich mit ihnen umzugehen und sie deshalb auch viel stärker in die medizinische Ausbildung integrieren sollten.
Noch dominiert im Studium die klassische Wissensvermittlung mit viel Theorie. Gleichzeitig entstehen aber zunehmend sogenannte Skill Labs und Trainingszentren, in denen moderne Technologien eingesetzt werden. Das ist aus meiner Sicht der richtige Weg, weil Medizinstudierende dort schon früh den Umgang mit den Werkzeugen der Zukunft lernen können.
Zum Schluss eine persönliche Frage: Welche Gesundheits-Apps nutzen Sie selbst?
(Lacht.) Tatsächlich nutze ich vor allem eine App, die ich selbst mitentwickelt habe: DOCTOS – Doctors Optimized Service. Sie unterstützt Ärzte dabei, ihre Dokumentation sprachbasiert zu erledigen und spart dadurch viel Zeit.
Privat bin ich dagegen erstaunlich analog. Ich tracke mein Leben nicht, zähle keine Schritte und dokumentiere meinen Alltag nicht mit Gesundheits-Apps. Viele, die mich kennen, wissen außerdem, dass ich nicht einmal WhatsApp nutze und zu Hause bewusst kein WLAN habe.
Ich bin überzeugt, dass wir Digitalisierung dort einsetzen sollten, wo sie intelligent ist und Patienten wirklich hilft. Gleichzeitig braucht es aber auch bewusste digitale Pausen. Wir sollten das Smartphone regelmäßig weglegen, miteinander sprechen und uns Zeit zum Nachdenken nehmen.
Auch in meiner Praxis steht deshalb während des Arzt-Patienten-Gesprächs kein Computer zwischen mir und dem Patienten. Digitale Werkzeuge kommen nur dann zum Einsatz, wenn sie der Behandlung dienen, etwa um Befunde oder Bilder anschaulich zu erklären.
Technologie sollte unser Leben unterstützen, aber nicht bestimmen. Wir brauchen Freiräume für Kreativität, für Muße und für echte Begegnungen. Das ist mindestens genauso wichtig wie jede digitale Innovation