
© © Vicky Turner
20. März 2024
Christine Bürg und Robert Emich
Künstlerin mit Heilkräften oder eher akademische Handwerker? Vier Ärztinnen und Ärzte aus dem PMC-Netzwerk im Expertengespräch über Medizin 2.0
Mit Experten aus unserem Netzwerk
Es ist mittlerweile wissenschaftlich unbestritten, dass Kunst heilen oder die Heilung unterstützen kann. Doch wie steht es um die Heilkunst selbst? Vier renommierte Mediziner aus verschiedenen Fachrichtungen diskutieren über den künstlerischen Aspekt ihrer Arbeit, die Grenzen zwischen Handwerk und Kunst und die steigenden Ansprüche ihrer Patienten.
Fachärztin für plastisch-ästhetische Chirurgie mit eigener Privatpraxis aus Bochum
von der Augenchirurgieklinik Breyer Kaymak Klare sowie vom Augenlaserzentrum Premiumeyes in Düsseldorf
Zahnarzt und Inhaber der Münchner Praxis MAX 36
Chefarzt Sektion Sportorthopädie am Klinikum rechts der Isar in München
Ist moderne Medizin noch Heilkunst oder reines Handwerk?
Dr. Mark T. Sebastian (Zahnarzt, München):
Die Zahnmedizin hat heute nichts mehr mit Kunst zu tun, sondern vielmehr mit Funktion. Sie gibt uns letztendlich alles vor. Wir haben festgelegte Zahnformen, festgelegte Kauflächen und unsere Wissenschaft, die auf Evidenz beruht. Ich fühle mich nicht als Künstler, sondern eher als Handwerker mit akademischem Hintergrund. Deswegen finde ich den Begriff Heilkunst in meiner Branche nicht angemessen.
Prof. Dr. Sebastian Siebenlist (Sportorthopädie, München):
Ich würde bei dem akademischen Handwerker einhaken. Ich glaube, hinter dem Begriff Heilkunst stand ursprünglich die eigentliche ärztliche Tätigkeit. Was bedeutet, dass man sich um jeden Patienten individuell kümmern und ihn in seiner Gesamtheit sehen muss, um sich in ihn hineinzufühlen und ihn individuell behandeln zu können.
Heutzutage, und da bin ich bei Herrn Sebastian, sind wir durch Normen, Regularien und Leitlinien so eingeschränkt, dass man sich auf das fokussiert, worauf man spezialisiert ist – eben sein Handwerk –, und den Patienten weniger als Gesamtpaket betrachtet. Diese Fokussierung wird durch die unterstützenden Apparate in der Diagnostik sehr stark technisiert, sodass die Kunst, sich selbst zu entwickeln, oder die Möglichkeit eines künstlerischen Verhaltens schwierig geworden ist.
Dr. Mark T. Sebastian:
Für mich ist die Heilkunst oder Heilkunde im Prinzip das, was wir als alternative Medizin bezeichnen würden. Klar müssen wir auf unsere Patienten eingehen. Aber wenn wir die früheren Jahrhunderte anschauen – da gab es keine Wissenschaft, sondern Trial and Error. Heute haben wir diese Freiheiten nicht mehr.
Dr. Michaela Montanari (Plastisch-ästhetische Chirurgie, Bochum):
Ich schließe mich den beiden Kollegen zwar an, aber: In der Allgemeinchirurgie, in der ich meinen ersten Facharzt gemacht habe, steht die Herstellung der Funktionalität im Vordergrund. In meinem zweiten Fachgebiet – der plastisch-ästhetischen Chirurgie – ist man schon mehr künstlerisch tätig.
Hier geht es um Rekonstruktion zum Beispiel nach Unfällen oder Tumorleiden und Ästhetik, und die Übergänge sind oft fließend. So steht bei Körperformung oder in der Brustchirurgie oft der künstlerische Aspekt im Vordergrund. Natürlich immer unter Berücksichtigung der Normen, die es hier auch gibt.
Insofern besteht ein deutlicher Unterschied zwischen diesen beiden Fächern. Selbst bei einer Faltenbehandlung habe ich mehr Variationen und arbeite eher künstlerisch und modellierend, als das beispielsweise bei dem Einbau einer Kniegelenkprothese der Fall ist, wo es um Maße und bestimmte Normen geht, um die Funktionalität zu erhalten. Der Patient möchte in erster Linie laufen können, ihm ist eigentlich egal, wie das Knie von innen aussieht oder welche Prothese man einbaut.
Dr. Detlev R.H. Breyer (Augenchirurgie, Düsseldorf):
Ich habe mich schlau gemacht, wie Heilkunst definiert wird: „Substantiv, feminin, ärztliche Kunst; die Medizin unter dem Gesichtspunkt der erfolgreichen Bekämpfung von Krankheiten." Also machen wir doch eine Heilkunst.
Vielleicht kann ich eine vermittelnde Position einnehmen. Die Spezialität unserer Klinik ist, dass wir seit vielen Jahren mit der Industrie Dinge entwickeln, die wir mit als Erste einsetzen. Das heißt, es gibt noch keine Wissenschaft dazu. Ich würde sagen, da ist der Grundsatz der Heilkunst schon noch gegeben.
Man muss nach vorne denken, eine OP durchführen, die noch kein anderer gemacht hat. Das wurde mir das erste Mal bewusst, als ein bekannter amerikanischer Augenarzt auf einem Kongress nach meinem Vortrag zu mir kam und sagte: „This is great because this is turning art into science."
Hinter mir sehen Sie ein Bild, das Thomas Ruff gemacht hat, während ich ihm die erste torische Linse eingesetzt habe, die eine Hornhautverkrümmung ausgleicht. Ich glaube, es gibt den künstlerischen Aspekt des ästhetischen Chirurgen.
Es gibt aber auch den künstlerischen Aspekt bei einem innovativen Chirurgen, der Pioniertätigkeit ausübt und auf nichts zurückgreifen kann. Das hat viel mit Instinkt zu tun und nicht nur mit Zahlen, Daten, Fakten.
Wenn man eine schwerwiegende Augenkrankheit heilen oder die Sehkraft so verbessern kann, dass man wieder lesen oder Kunst betrachten kann, sagt man dann nicht insgeheim zu sich selbst: Das war ein Meisterwerk, das ich da geschaffen habe?
Dr. Detlev R.H. Breyer:
Ich muss jetzt lachen, weil ich diesen Satz schon einmal gehört habe. Der Fotograf Dieter Blum kam zu mir und hatte nicht nur einen grauen Star, sondern auch ein Makulaloch, das ich zusammen in einem Eingriff operiert habe. Sein Sehvermögen ist von 40 auf 100 Prozent gestiegen, was dazu führte, dass er mir aus Dankbarkeit ein Bild geschenkt hat.
Das war ein wunderbares Geschenk von einem Künstler, dem man einen großen Gefallen getan hat und den man sehr schätzt. Sehen ist extrem wichtig und wenn man diese Fähigkeit verliert, hat man auch nicht mehr viel Spaß an der Kunst.
Prof. Dr. Sebastian Siebenlist:
Die Frage ist: Was sind Expertise oder technisch-chirurgische Fähigkeiten und was ist Kunst? Wenn ich einen schwierigen Fall habe und dem Patienten sage, dass wir versuchen können, das Problem minimal-invasiv zu lösen, und die OP gelingt dann tatsächlich ohne offenen Schnitt, bin ich schon ein wenig stolz und habe das Gefühl, etwas Ordentliches abgeliefert zu haben. Doch ob das Kunst ist oder der eigenen Ausbildung und der eigenen Expertise geschuldet ist, würde ich jetzt mal so dahingestellt lassen.
Dr. Mark T. Sebastian:
Patienten sagen oft zu mir, dass ich ein Künstler sei, wenn sie nach der Behandlung ein neues Lachen haben, sich besser fühlen und besser zubeißen können. Ich persönlich empfinde das gar nicht so, weil ich viel studiert habe, um das so hinzukriegen. Von daher müssen wir vielleicht den Blickwinkel wechseln. Uns zurücknehmen und unsere Patienten sehen – für manche mögen wir Künstler sein.
Im Zusammenhang mit der Heilkunst gibt es ja auch den Begriff Kunstfehler.
Dr. Detlev R.H. Breyer:
Ich denke, man muss den Begriff Kunstfehler von dem Begriff Komplikation unterscheiden. Kunstfehler heißt, wir handeln als Ärzte gegen ärztliche Empfehungen und evidenzbasierte Medizin und machen, was wir wollen.
Eine Komplikation ist etwas, was uns allen passieren kann – auch wenn wir uns noch so anstrengen. Schließlich geht es um Menschen. Und der Mensch ist kein Stück Metall mit definierter Dichte, in den ich ein Loch bohre mit einem definierten Bohrer.
Dr. Michaela Montanari:
Wir sprechen von Kunstfehler, wenn fachliche Standards, die für eine Behandlung erforderlich sind, nicht eingehalten werden. Das abzugrenzen, ist schwierig, gerade im ästhetischen Bereich, wenn jemand sagt: „Ich bin mit dem Ergebnis nicht so zufrieden, es ist nicht so, wie ich mir das vorgestellt habe. Das ist ein Kunstfehler."
Das ist die subjektive Betrachtung. Deshalb ist es ganz wichtig, im Vorhinein herauszufiltern, was die Erwartungshaltungen des Patienten sind und was man als Arzt mit dem, was einem vorliegt, machen kann.
Sind die Ansprüche in der Ästhetik gestiegen im Vergleich zu vor 15 oder 20 Jahren?
Dr. Michaela Montanari:
Ja, ich glaube schon. Gerade durch Social Media mit den ganzen Filtern, die es ermöglichen, sich in ein anderes Licht zu rücken, um so auszusehen, wie man aussehen möchte. Das erhöht die Ansprüche der Patienten, und man muss ihnen möglicherweise sagen, dass manches einfach nicht in der Form möglich ist.
Dr. Detlev R.H. Breyer:
Beim Augenlasern ist der Anspruch ein ähnlicher, der ist da unglaublich gestiegen. Heutzutage möchte keiner mehr eine Brille tragen. Aber ich wollte noch mal zum Künstlerbegriff zurückkommen. Ich denke, wir werden ab einem gewissen Niveau sehr wohl als Künstler gesehen. Das ist ein Pfund, das wir nicht weggeben sollten.
Dr. Mark T. Sebastian:
Bei uns hat viel mit Hollywood und Filmschauspielern zu tun. Patienten kommen mit übersteigerten Vorstellungen und wünschen sich ein Lachen à la Julia Roberts, was im Zweifelsfall gar nicht zum Gesicht passt. Oder sie wollen ein übersteigertes Weiß für ihre Zähne haben. Wir haben manchmal schon Schwierigkeiten, Patienten davon zu überzeugen, im Rahmen zu bleiben.
Dr. Detlev R.H. Breyer:
Das halte ich für extrem wichtig. Es gibt so einen Spruch, gerade beim Augenlasern, den man bei jedem Kongress mehrfach hört: „underpromise, overperform". Außerdem betone ich immer die negativen Seiten einer OP. Ist das Grenzen-Setzen? Weiß ich nicht, eher ein realistisches Aufklären. Wenn das Ergebnis dann super wird, freuen sich alle Seiten.
Dr. Mark T. Sebastian:
Ich hatte gerade heute eine junge Patientin, die mich aufgefordert hat, ihre Eckzähne zu kürzen. Ihr habe ich gesagt: Nein, das mache ich nicht, weil sie funktionell notwendig sind. Und dann ist die Diskussion für mich auch zu Ende. Es hört für mich auf, wenn es die Funktion vernichtet, und der Zahn mit seiner Ästhetik somit nicht mehr geschützt ist.
Dr. Michaela Montanari:
Ich habe auch Patientinnen, die von Lippen träumen, die proportionstechnisch nicht ins Gesicht passen würden, und da muss man auch den Mut haben, zu sagen, dass man nicht dahintersteht. Für mich ist Natürlichkeit ein wichtiger Aspekt, und so hat jeder sein Steckenpferd.
Hat die Kunst einen Einfluss auf Ihre Arbeit?
Prof. Dr. Sebastian Siebenlist:
Ich würde als Vorbilder vor allem Vorreiter meines Fachgebiets sehen. Obwohl wir sicher alle Spezialisten sind, gibt es immer wieder Ausnahmetalente, die sich mehr trauen als man selbst, und zu diesen Leuten blicke ich auf. Was sie tun, ist eine Kunst. Ähnlich wird es den Patienten mit uns gehen, weil Kunst immer auch etwas einhaltet, was ich selbst nicht richtig verstehe.
Dr. Mark T. Sebastian:
In der Zahnmedizin arbeiten wir viel mit Zahntechnikern zusammen, die beim Herstellen von Keramikzähnen die Natur perfekt kopieren, was Formen, was Schichtung, Transparenz, Farbe und Lichtwiedergabe angeht.
Die wirklich großen Zahntechniker bezeichnen wir als Künstler, weil ihre Arbeit immer auch an ein großes Gemälde erinnert. Privat ist Kunst für mich immer Entspannung. Ich gehe in die Natur oder ins Museum, wo ich mich ablenken, berauschen, inspirieren oder auch in Unverständnis hüllen lassen kann.
Dr. Detlev R.H. Breyer:
Wir haben in der Praxis auch Originalkunst hängen, weil mich Kunst einfach inspiriert. Außerdem glaube ich, dass sie die Patienten vom Klinikambiente ablenkt. Viele Leute sind dankbar dafür, dass da Kunst hängt, die sie ablenkt, und dass es bei uns aussieht wie in einem 5-Sterne-Hotel und nicht wie in einer Augenklinik.
Wenn Sie eine medizinische Leistung der Geschichte als Kunst etikettieren müssten, welche wäre das?
Dr. Detlev R.H. Breyer:
Ein Herz zu transplantieren – allerhöchster Respekt! Da fühlt man sich als Augenarzt schon ein bisschen klein, gebe ich ehrlich zu.
Dr. Michaela Montanari:
Mich hat die komplette Gesichtstransplantation eines Patienten sehr beeindruckt, weil nicht nur die ästhetische Komponente berücksichtigt werden muss, sondern auch die komplette Funktionalität, verbunden mit der Identität, die ein Gesicht ausmacht. Ich will die Herzchirurgie nicht schmälern, aber dass man so etwas überhaupt hinbekommen kann, finde ich schon ganz große Klasse.
Prof. Dr. Sebastian Siebenlist:
Ich spreche mal für mein Fachgebiet. Da fand ich in den letzten 20 Jahren die Entwicklung der inversen Prothese für die Schulter das Beeindruckendste. Wenn Patienten den Arm praktisch nicht mehr hochbekommen und vier Wochen später das Glas wieder schmerzfrei aus dem Regal nehmen können … Und das lediglich durch eine Veränderung der Hebelverhältnisse im Schultergelenk. Das ist für mich in der Orthopädie einer der größten Würfe der letzten Jahre.
Dr. Mark T. Sebastian:
Ich kann mich nur meiner Kollegin anschließen. Bei uns ist es auch die Mund-, Kiefer-, Gesichtschirurgie, gerade nach Unfällen oder genetischen Defekten, die wieder ein normales, soziales Leben ermöglicht. Das Lachen, Kauen, Atmen, Reden wiederherzustellen – das finde ich schon extrem beeindruckend.