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28. Mai 2026
Prof. Dominik Pförringer
Longevity, Biohacking und Selbstoptimierung boomen. Warum der Traum vom ewigen Leben zur gefährlichen Illusion wird, erklärt Prof. Dominik Pförringer

Von
Univ.-Prof. Dr. med. Dominik Pförringer
Werden Menschen unrealistische Ziele oder die Erfüllung weit entfernt liegender Wünsche in Aussicht gestellt, sind so manche bereit, auf diesem Wege das rationale Denken einzustellen und der Unvernunft das Feld zu überlassen. Klassisches Beispiel: Auf dem vermeintlichen Pfad zu großem Reichtum sind so manche gewillt, sich völlig von der Wahrscheinlichkeitsrechnung zu distanzieren und einen Lottoschein zu er-werben, dessen Chance auf einen relevanten Gewinn irrational niedrig ist.
Schon in der Vergangenheit wurde damit oft gutes Geld verdient, Menschen eine noch so abstruse Idee einfach nur gut genug zu präsentieren. Es wurden Ablassscheine verkauft, um sich von seinen weltlichen Sünden freizukaufen. Glücklicherweise wurde dieses Geschäftsfeld rapide durch einen klar denkenden Mann namens Martin Luther beendet.
Doch es finden sich bis in die Gegenwart immer wieder neue Äquivalente. Jüngeres Beispiel: CO₂-Zertifikate. Hier wird dem kapitalistisch denkenden Menschen suggeriert, er könne sich ein reines Gewissen kaufen, seine Flugreise weißwaschen, seinen klima-schädigenden Fußabdruck verkleinern …
Eine gewinnbringende Idee, die so manches Business gesunden lässt, nur unseren klimakranken Planeten mit Sicherheit nicht. Und nun haben sich schlaue Geschäftemacher einen neuen Hauptgewinn ausgedacht: Das ewige Leben.
Gesund steinalt zu werden, ist der vermeintlich letzte Schrei. Was im Brandner Kaspar noch spielerisch mit einem Kartentrick und einem Kirschgeist im Zwiegespräch mit dem Boandlkramer umsetzbar war, soll heutzutage nun technisch durch allerlei Pulver, Infusionen und kontinuierliche Vermessung in greifbare Nähe rücken. Auch hier – man ahnt es bereits – wird der Pfad der Vernunft rasch verlassen, und es tut sich eine Spielwiese für Scharlatanerie und lukrative Geschäfte auf.
Es werden – wenn überhaupt – fragwürdige Studien an Tieren durchgeführt, es wird dem Optimierwütigen in blumiger Sprache erläutert, was wann gesund ist und wie das Altern auf zellulärer Ebene ausgebremst werden kann, indem Zellen möglichst früh „reprogrammiert“ werden. Der zerebrale Verfall, das Aussetzen des Gehirns der Kosumenten, wird dabei willkommen geheißen, um gefährliches Halbwissen – basierend auf undurchsichtigen Quellen und unfundierter Wissenschaft – an den Mann und die Frau zu bringen.
In einer Welt, die nach permanenter Selbstoptimierung durch Selbstvermessung strebt, in der alles kalkuliert und visualisiert wird, fällt der Wunsch nach langem Leben auf einen sehr fruchtbaren Boden. Ich zitiere in diesem Kontext den Feuilletonisten der „Welt“, Matthias Heine: „…nach der bisher als angemessen erachteten Zeit bin ich alter Idiot gerne bereit, meinen Platz auf der Welt freizumachen für junge Idioten, die ihre eigenen Dummheiten machen.“

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Ich würde noch einen Schritt weitergehen: Schon ein weit überdurchschnittlich langes Leben wird irgendwann von der Lust zur Last. Unter dem Dachbegriff der Longevity wird gefährliches Halbwissen über Genetik und Epigenetik mit Fragmenten der Molekularbiologie vermischt und dieses Konvolut an Teilverständnis mittels blumiger Verbalakrobatik hinter einer Fassade unverständlicher Begriffe verschleiert.
Das alles führt unter anderem zum gefährlichen Vertrieb und der unkontrollierten Einnahme sogenannter Nahrungsergänzungsmittel. An und für sich eine schöne Idee, welche jedoch 98 Prozent der Menschheit glücklicherweise nicht braucht – bei halbwegs ausgewogener Ernährung. Für mich ist jede Form von semifundierter Sensorik, von Selbstvermessung, von repetitiver Analyse ohne medizinischen Bedarf der Anfang vom Ende.
Ein professioneller Sportler oder Kampfjetpilot mag das vor einem ganz anderen Hintergrund zu nutzen wissen. Für den Profisportler ist eine objektive, wissenschaftlich fundierte Vermessung und die daraus resultierende Bewertung zur Trainingsoptimierung relevant. Für den Hobbyathleten ist es mehr als ausreichend, auf das beste Diagnostikum zu achten: seine innere Stimme.
Blut zu untersuchen, ohne eine klare Pathologie damit zu kontrollieren, fällt für die Medizin unter die Kategorie „Wer viel misst, misst viel Mist“. Lassen wir die klinische Chemie denjenigen, die sie brauchen, lassen wir die Sensorik denen, die davon profitieren, wie beispielsweise den Diabetikern.
Sich gesund in ein Ganzkörper-MRT zu legen, hilft so manchem Radiologen, kann jedoch den Gesunden um seinen guten Schlaf bringen. Die sogenannten Ganzkörperscans bergen stets die Gefahr völlig irrelevanter Zufallsbefunde, die mehr Unruhe auslösen als Unheil einzudämmen.
Alle ohne chronischen Bedarf an medizinischer Diagnostik sollten sich glücklich schätzen, auf diesem Planeten zu Gast zu sein, dankbar dem Leben gegenüber auftreten und umgehend aufhören, aus Gier und Egoismus noch mehr davon bekommen zu wollen, es künstlich in die Länge zu ziehen. Es kommt schließlich nicht darauf an, wie viele Jahre im Leben, sondern wie viel Leben in den Jahren steckt.
Ich bin durchaus ein großer Befürworter von sinnvoller Analytik und dem Einsatz innovativer Technologien, jedoch stets in Maßen und im Rahmen gerechtfertigter Indikationen. Wozu der klar denkende, rationale Arzt – also ich – rät? Es ist ganz einfach und steht schon in der Unabhängigkeitserklärung der USA: „Pursuit of happiness“.
Ich fasse es noch ein Stück weiter: Tun Sie, was Sie glücklich macht. Wenn Sie gerne rauchen, dann lassen Sie sich von nichts und niemandem davon abbringen. Imre von der Heydt hat dies herrlich in ihrem Buch "Rauchen Sie? Verteidigung einer Leidenschaft" auf den Punkt gebracht.
Wenn Ihre Passion Bordeaux-Weine sind, trinken Sie diese in Gesellschaft guter Freunde und zu bestem Essen. In der zweiten Lebenshälfte landen viele im Burgund, anscheinend auch lebenswert und sozial meist verträglicher als noch eine Runde zu joggen.
Auf jeden Fall ist alles besser als sich dem Biohacking zu widmen – ein schöner Neologismus, der diverse Definitionen zugrunde legt und damit aus medizinischer Sicht mehr Fragwürdigkeit als Fundamente mit sich bringt. Doch halt, nicht alles auf einmal – freuen wir uns auf eine neue Runde der vermeintlichen Selbstoptimierung ...