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12. Juli 2026
Marianne Waldenfels
2023 wurde Taurin als möglicher Anti-Aging-Star gefeiert. Zwei Jahre später zeichnet eine neue Science-Studie ein deutlich differenzierteres Bild. Was aktuelle Studien über Herz, Gehirn, Muskeln und gesundes Altern tatsächlich zeigen
Kaum ein Nahrungsergänzungsmittel hat in den vergangenen Jahren für so viel Aufmerksamkeit gesorgt wie Taurin. Ausgelöst wurde der Hype durch eine 2023 in Science veröffentlichte Studie, die der Aminosulfonsäure eine mögliche Rolle für gesundes Altern zuschrieb. Seitdem wird Taurin in der Longevity-Szene gehypt und erlebt auch in sozialen Medien einen regelrechten Boom.
Zwei Jahre später zeichnet eine neue, ebenfalls in Science veröffentlichte Studie jedoch ein deutlich differenzierteres Bild. Sie zeigt: Taurin ist offenbar kein verlässlicher Biomarker des Alterns. Bedeutet das, dass der Longevity-Hype beendet ist? Nicht ganz. Denn unabhängig davon erfüllt Taurin wichtige Aufgaben im Körper und wird weiterhin intensiv erforscht.
Taurin ist eine natürliche Aminosulfonsäure, die im menschlichen Körper in vielen Organen und Geweben vorkommt. Anders als häufig angenommen stammt Taurin nicht ursprünglich aus Energy-Drinks. Unser Körper kann die Substanz selbst aus den Aminosäuren Methionin und Cystein bilden. Zusätzlich nehmen wir Taurin über die Ernährung auf, vor allem über , Fleisch, Meeresfrüchte und .

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Im Organismus erfüllt Taurin zahlreiche Aufgaben. Es unterstützt die Funktion von Herz und Muskeln, spielt eine wichtige Rolle im Gehirn und Nervensystem, hilft bei der Regulation des Wasser- und Elektrolythaushalts und ist an verschiedenen Stoffwechselprozessen beteiligt. Außerdem schützt Taurin Zellen vor oxidativem Stress und trägt zur normalen Funktion der Mitochondrien bei.
Gerade wegen dieser vielfältigen Funktionen wird Taurin seit Jahrzehnten wissenschaftlich untersucht.
Möglicherweise. Mehrere Humanstudien deuten darauf hin, dass Taurin die Gefäßfunktion unterstützen und sich günstig auf den Blutdruck auswirken könnte. Vor allem bei Menschen mit bestehenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen wurden positive Effekte beobachtet.
Für gesunde Menschen gibt es bislang jedoch keinen Beleg, dass Taurin Herzinfarkten oder anderen Herzkrankheiten vorbeugt.
Erste Studien liefern Hinweise darauf, dass Taurin die Insulinempfindlichkeit und den Zuckerstoffwechsel positiv beeinflussen könnte. Auch Entzündungsmarker und Blutfettwerte verbesserten sich in einigen Untersuchungen. Ob dadurch langfristig das Risiko für Typ-2-Diabetes sinkt, ist derzeit jedoch nicht bewiesen.
Im Sport wird Taurin bereits seit vielen Jahren untersucht. Die Hoffnung: Die Aminosulfonsäure könnte Muskelermüdung hinauszögern, die Regeneration unterstützen und die körperliche Leistungsfähigkeit verbessern.
Tatsächlich zeigen einige Studien leichte Vorteile, insbesondere bei Ausdauerbelastungen. Insgesamt scheinen die Effekte allerdings deutlich kleiner auszufallen, als häufig in sozialen Medien oder der Werbung suggeriert wird.
Interessanter ist möglicherweise ein anderer Aspekt: Taurin könnte dazu beitragen, Muskelzellen vor oxidativem Stress zu schützen. Ob sich daraus langfristig Vorteile für ältere Menschen oder beim altersbedingten Muskelabbau ergeben, wird derzeit intensiv erforscht.
Im Labor wirkt Taurin schützend auf Nervenzellen und beeinflusst verschiedene Botenstoffe im Gehirn. Ob Menschen dadurch geistig länger fit bleiben oder das Risiko für Demenz sinkt, ist bisher nicht belegt. Dafür fehlen noch hochwertige klinische Studien.
Genau diese Frage machte Taurin weltweit bekannt. Auslöser war die oben erwähnte, 2023 in Science veröffentlichte Studie, in der Forschende den Taurinspiegel verschiedener Tierarten und des Menschen untersuchten.
Sie beobachteten, dass der Taurinspiegel mit zunehmendem Alter abnahm und dass eine Supplementierung bei Mäusen und Würmern die Lebensspanne verlängerte. Auch bei Affen fanden sich Hinweise auf positive Effekte für Stoffwechsel, Knochen, Muskeln und das Immunsystem.
Die Ergebnisse sorgten weltweit für Schlagzeilen und machten Taurin praktisch über Nacht zu einem der meistdiskutierten Stoffe der Longevity-Forschung. Allerdings stammten die entscheidenden Erkenntnisse überwiegend aus Tierexperimenten. Die Autoren selbst betonten bereits damals, dass klinische Studien notwendig seien, bevor sich daraus Empfehlungen für Menschen ableiten lassen.
Zwei Jahre später folgte die wissenschaftliche Ernüchterung. Ein Forscherteam des US-amerikanischen National Institute on Aging analysierte mehrere große Bevölkerungsstudien und kam zu einem überraschenden Ergebnis: Der Taurinspiegel nahm beim Menschen mit zunehmendem Alter keineswegs regelmäßig ab. Je nach untersuchter Kohorte blieb er stabil oder stieg sogar an.
Die Forschenden schlussfolgerten deshalb, dass Taurin kein verlässlicher Biomarker des Alterns ist. Damit wurde eine zentrale Annahme der ursprünglichen Longevity-Hypothese infrage gestellt.
Das bedeutet jedoch nicht, dass Taurin wirkungslos ist. Die neue Studie zeigt vielmehr, dass der Zusammenhang zwischen Taurinspiegel und Alterungsprozessen deutlich komplexer ist als zunächst angenommen. Ob eine Supplementierung gesundheitliche Vorteile bringt, müssen nun hochwertige, langfristige Humanstudien klären
Eine allgemeine Empfehlung zur Einnahme von Taurin gibt es derzeit nicht. Gesunde Menschen nehmen die Aminosulfonsäure über Lebensmittel auf und können sie zudem selbst aus den Aminosäuren Methionin und Cystein bilden.
Interessant könnte Taurin künftig für bestimmte Personengruppen werden – etwa für ältere Menschen oder Menschen mit Herz-Kreislauf- beziehungsweise Stoffwechselerkrankungen. Ob eine Supplementierung hier tatsächlich langfristige gesundheitliche Vorteile bringt, müssen größere, hochwertige Humanstudien jedoch erst zeigen.
Taurin gilt nach dem heutigen Stand der Forschung insgesamt als gut verträglich. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) bewertet selbst höhere Aufnahmemengen als unproblematisch. In klinischen Studien wurden meist Dosierungen zwischen einem und drei Gramm täglich untersucht, teilweise auch deutlich höhere Mengen über begrenzte Zeiträume.
Schwere Nebenwirkungen wurden bislang kaum beschrieben. Vereinzelt berichten Studienteilnehmer über leichte Magen-Darm-Beschwerden wie Übelkeit oder Durchfall.
Unklar ist allerdings, welche Auswirkungen eine langfristige hochdosierte Einnahme über viele Jahre haben könnte. Hier fehlen bislang belastbare Daten. Menschen mit chronischen Erkrankungen oder einer regelmäßigen Medikamenteneinnahme sollten Nahrungsergänzungsmittel grundsätzlich mit ihrer Ärztin oder ihrem Arzt besprechen.
Viele Menschen verbinden Taurin vor allem mit Energy-Drinks. Tatsächlich kommt die Aminosulfonsäure ganz natürlich in zahlreichen tierischen Lebensmitteln vor.
Besonders gute Quellen sind:
Pflanzliche Lebensmittel enthalten dagegen kaum Taurin. Gesunde Menschen können die Substanz jedoch selbst bilden, sofern ausreichend Methionin und Cystein über die Ernährung aufgenommen werden.
Nicht ganz. Taurin ist eine sogenannte Aminosulfonsäure. Der Körper kann sie selbst herstellen und zusätzlich über die Nahrung aufnehmen.
Taurin unterstützt unter anderem Herz, Muskeln, Gehirn und Nervensystem sowie den Wasser- und Elektrolythaushalt. Außerdem schützt die Substanz Zellen vor oxidativem Stress. Ob eine zusätzliche Einnahme gesunden Menschen einen messbaren gesundheitlichen Vorteil bringt, ist bislang jedoch nicht eindeutig belegt.
Bislang gibt es dafür keinen Nachweis beim Menschen. Positive Ergebnisse stammen überwiegend aus Tierexperimenten. Humanstudien laufen derzeit.
Nach heutigem Wissensstand gilt Taurin selbst in den üblichen Mengen nicht als problematisch. Gesundheitsrisiken von Energy-Drinks hängen vor allem mit ihrem hohen Gehalt an Koffein und Zucker zusammen – insbesondere bei Jugendlichen oder in Kombination mit Alkohol.
Untersucht wird Taurin unter anderem bei älteren Menschen sowie bei Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen. Ob eine Supplementierung tatsächlich gesundheitliche Vorteile bringt, ist bislang nicht abschließend geklärt.
Ja. Gute Quellen sind Fisch, Fleisch, Meeresfrüchte und Milchprodukte. Gesunde Menschen können Taurin außerdem selbst bilden.
Taurin gehört zu den spannendsten Forschungsfeldern der Longevity-Medizin. Die Aminosulfonsäure erfüllt zahlreiche wichtige Funktionen im Körper und erste Studien liefern Hinweise auf mögliche positive Effekte für Herz, Stoffwechsel oder Muskulatur. Gleichzeitig ist die Evidenz beim Menschen noch nicht ausreichend, um Taurin als Anti-Aging-Supplement oder „Jungbrunnen“ zu empfehlen.
Wer gesund altern möchte, sollte deshalb weiterhin auf Maßnahmen setzen, deren Nutzen wissenschaftlich gut belegt ist: regelmäßige Bewegung, ausreichend Schlaf, eine ausgewogene Ernährung, der Verzicht auf Rauchen und die Behandlung bekannter Risikofaktoren. Ob Taurin diese Liste eines Tages ergänzen wird, müssen zukünftige hochwertige Humanstudien zeigen.