
© Magnific
5. Juli 2026
Marianne Waldenfels
Elektrolyt-Drinks fluten TikTok und Supermarktregale, versprechen bessere Hydrierung und mehr Energie. Doch braucht der Körper bei Hitze wirklich Zusatzstoffe oder tut es auch ein Glas Wasser? Ein Faktencheck
Bei Hitze greifen immer mehr Menschen zu Elektrolytgetränken statt zu einem Glas Wasser. Auf TikTok gelten sie als Geheimwaffe gegen Müdigkeit, Kreislaufprobleme und Flüssigkeitsmangel. Doch was steckt hinter dem Trend? Studien zeigen: Für die meisten gesunden Menschen bringen Elektrolyte im Alltag kaum Vorteile. Es gibt jedoch Situationen, in denen sie tatsächlich sinnvoll sein können.
Elektrolyte sind Mineralstoffe, die im Körper elektrisch geladen vorliegen und dadurch zentrale Funktionen steuern: Natrium und Kalium sorgen für die Reizübertragung zwischen Nerven- und Muskelzellen. Calcium und Magnesium sind wichtig für Knochen, Zähne und die Muskelkontraktion, einschließlich des Herzmuskels.
Chlorid reguliert gemeinsam mit Natrium den Wasserhaushalt und tragen zur Blutdruckkontrolle bei. Der Körper kann die meisten dieser Stoffe nicht selbst herstellen. Sie müssen über die Nahrung aufgenommen werden. Genau hier setzt die zentrale Frage an: Reicht die normale Ernährung dafür aus, oder braucht es zusätzliche Produkte?

Karottensaft und Kokoswasser gelten auf TikTok als Geheimrezept für einen natürlichen Sommer-Glow. Tatsächlich kann Beta-Carotin den Hautton verändern – allerdings anders, als viele Social-Media-Videos versprechen. Ein Dermatologe erklärt, was wissenschaftlich belegt ist.
Christine Bürg & Marianne Waldenfels

Mit
Dr. med. Timm Golüke

Künstliche Intelligenz übernimmt Routineaufgaben und schafft Zeit für das Wesentliche: die Beziehung zwischen Arzt und Patient. Warum Empathie im Zeitalter der KI zum wichtigsten Erfolgsfaktor der Medizin wird, erklärt Prof. Dr. Dominik Pförringer
Prof. Dominik Pförringer

Von
Prof. Dr. med. Dominik Pförringer

Prävention soll Krankheiten nicht nur früh erkennen, sondern möglichst verhindern. Dr. Jan Hennigs erklärt, welche Untersuchungen heute wirklich sinnvoll sind, warum Herz-Kreislauf-Risiken häufig unterschätzt werden und wie Künstliche Intelligenz die Prävention verändern wird
Christine Bürg & Marianne Waldenfels

Ein Interview mit
Dr. med. Jan K. Hennigs
Für die überwiegende Mehrheit gesunder Menschen lautet die Antwort: ja. Beim Schwitzen verliert der Körper zwar auch Mineralstoffe, vor allem Natrium und Chlorid, doch diese Mengen lassen sich über eine ausgewogene Ernährung in der Regel problemlos wieder ausgleichen.
Besonders im Sommer eignen sich dafür wasserreiche und leichte Lebensmittel wie Gurken, Tomaten, Radieschen, Zucchini und Salate. Auch Wassermelonen, Pfirsiche, Beeren und Zitrusfrüchte sollten während der heißen Jahreszeit auf dem Speiseplan stehen. Außerdem sind Kartoffeln, Hülsenfrüchte und Milchprodukte als zusätzliche Mineralstoffquellen zu empfehlen.
Wer regelmäßig Wasser trinkt und sich ausgewogen ernährt, deckt seinen Elektrolytbedarf im Alltag also meist ganz ohne Zusatzprodukte.
Es gibt allerdings Situationen, in denen der Körper mehr Unterstützung braucht als Wasser allein leisten kann:
• Langes, intensives Training: Ausdauersport oder sehr intensive körperliche Belastung über mehr als eine Stunde
• Starker Flüssigkeitsverlust: etwa durch Erbrechen, Durchfall oder starkes Fieber
• Schwere körperliche Arbeit bei großer Hitze: beispielsweise auf dem Bau oder in der Landwirtschaft an heißen Tagen
• Bestimmte Risikogruppen: Kinder, ältere Menschen sowie Menschen mit Herz- oder Nierenerkrankungen verlieren Flüssigkeit und Mineralstoffe schneller und sollten Warnzeichen eines Mangels besonders ernst nehmen.
In diesen Fällen können gezielt eingesetzte Elektrolytgetränke helfen, Mineralstoffverluste rascher auszugleichen als über die Nahrung allein.
Ein zentrales Werbeversprechen vieler Anbieter betrifft die sportliche Leistungsfähigkeit. Die Studienlage dazu ist allerdings deutlich nüchterner, als es Social-Media-Inhalte vermuten lassen: Wer ausreichend trinkt und gut versorgt in eine Trainingseinheit startet, wird durch zusätzliche Elektrolyte in der Regel nicht leistungsfähiger.
Der entscheidende Faktor für Leistungsfähigkeit ist der grundsätzliche Hydrierungszustand vor der Belastung, nicht das zusätzliche Mineralstoffpräparat währenddessen.
Auch der Zusammenhang zwischen Elektrolytmangel und Heißhungergefühlen, wie er in einigen Trend-Videos behauptet wird, ist bislang wissenschaftlich nicht belegt.
Mehrere Studien und Positionspapiere stützen diese Einordnung. Die American College of Sports Medicine empfiehlt bei längerer körperlicher Belastung im Hitzestress eine individuelle Flüssigkeits- und Natriumstrategie, um übermäßigen Flüssigkeitsverlust zu vermeiden.
Eine Übersichtsarbeit kommt ebenfalls zu dem Schluss, dass Elektrolytsupplemente für Menschen mit normaler Ernährung im Alltag meist nicht nötig sind und vor allem bei Hitze- oder Ausdauerbelastung relevant werden.
In einer Studie zur Rehydrierung nach Sport in der Hitze schnitt ein natriumhaltiges Getränk beim Wiederauffüllen des Flüssigkeitshaushalts besser ab als mehrere andere Getränke. Das unterstreicht: Entscheidend ist vor allem die Belastungssituation – nicht der Trend um sich herum.
Bei stärkerem Flüssigkeitsverlust, etwa durch Magen-Darm-Infekte oder starkes Schwitzen, empfiehlt Weltgesundheitsorganisation WHO eine orale Rehydrierungslösung. Die offizielle Standardmischung basiert auf Wasser, Glukose, Natrium, Kalium und Citrat.
Für den Hausgebrauch wird oft eine vereinfachte Lösung genannt, die als pragmatische Übergangslösung dienen kann:
Diese einfache Mischung kann in akuten Situationen hilfreich sein, ersetzt aber keine medizinische Behandlung, wenn Beschwerden anhalten. Bei Schwindel, Muskelkrämpfen, anhaltendem Erbrechen, Durchfall oder Herzrhythmusstörungen sollte ärztlicher Rat eingeholt werden.
• Gesunde Erwachsene im Alltag: Wasser plus ausgewogene Ernährung reicht in der Regel völlig aus.
• Ausdauersportler bei langer, intensiver Belastung: gezielte Elektrolytzufuhr kann sinnvoll sein.
• Bei Erbrechen, Durchfall oder schwerer Hitzearbeit: Elektrolytlösungen unterstützen die schnelle Erholung.
• Risikogruppen wie Kinder, Ältere und chronisch Kranke: Warnzeichen ernst nehmen und im Zweifel ärztlich abklären lassen.
Der Hype um Elektrolytgetränke ist also nicht grundlos entstanden. Er trifft nur nicht auf jeden gleichermaßen zu. Für die meisten Menschen bleibt die einfachste Lösung an heißen Tagen weiterhin die beste: regelmäßig Wasser trinken und auf eine ausgewogene, wasserreiche Ernährung achten.