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28. Juni 2026
Christine Bürg & Marianne Waldenfels
Prävention soll Krankheiten nicht nur früh erkennen, sondern möglichst verhindern. Dr. Jan Hennigs erklärt, welche Untersuchungen heute wirklich sinnvoll sind, warum Herz-Kreislauf-Risiken häufig unterschätzt werden und wie Künstliche Intelligenz die Prävention verändern wird

Ein Interview mit
Dr. med. Jan K. Hennigs
Prävention bedeutet heute weit mehr als klassische Vorsorge. Dr. med. Jan K. Hennigs, Facharzt für Innere Medizin und Pneumologie sowie Gründungsdirektor Medizin & Wissenschaft bei YEARS und Ärztlicher Leiter der ersten YEARS Klinik, erklärt, welche Untersuchungen wirklich sinnvoll sind, warum Herz-Kreislauf-Risiken häufig unterschätzt werden und wie moderne Diagnostik dazu beitragen kann, Krankheiten früher zu erkennen.
Im Interview spricht der Präventionsmediziner außerdem über Longevity, personalisierte Medizin und die Rolle von Künstlicher Intelligenz in der Medizin von morgen.
Herr Dr. Hennigs, Sie sagen, die Medizin der Zukunft beginne vor der Krankheit. Was meinen Sie damit?
Wir behandeln viele Erkrankungen noch immer erst dann, wenn sie bereits entstanden sind. Dabei haben wir heute die Möglichkeit, zahlreiche Risiken deutlich früher zu erkennen und gezielt gegenzusteuern.
Genau das verstehen wir unter moderner Präventionsmedizin. Unser Ziel ist es, Menschen möglichst lange gesund zu halten und gleichzeitig besser zu verstehen, warum altersbedingte Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder Demenz überhaupt entstehen.
Deshalb verbinden wir evidenzbasierte Diagnostik mit wissenschaftlicher Forschung. Nur wenn wir die biologischen Prozesse des Alterns besser verstehen, können wir Krankheiten künftig noch gezielter verhindern.
Prävention wird oft mit Verzicht oder unangenehmen Arztbesuchen verbunden. Wie kann man diesen Blick verändern?
Prävention sollte sich nicht wie Reparaturmedizin anfühlen. Sie ist vielmehr ein Investment in die eigene Gesundheit.
Deshalb haben wir bewusst ein Umfeld geschaffen, das sich von einer klassischen Arztpraxis unterscheidet. Unsere Patientinnen und Patienten verbringen den Tag in einer eigenen Suite, viele Untersuchungen finden dort statt. Das schafft Ruhe und ermöglicht es, sich ganz auf die eigene Gesundheit zu konzentrieren.
Viel wichtiger ist aber die Botschaft dahinter: Prävention bedeutet nicht, auf etwas verzichten zu müssen. Sie gibt die Chance, Risiken frühzeitig zu erkennen und die eigene Gesundheit aktiv zu gestalten.

Prävention soll Krankheiten nicht nur früh erkennen, sondern möglichst verhindern. Dr. Jan Hennigs erklärt, welche Untersuchungen heute wirklich sinnvoll sind, warum Herz-Kreislauf-Risiken häufig unterschätzt werden und wie Künstliche Intelligenz die Prävention verändern wird
Christine Bürg & Marianne Waldenfels

Ein Interview mit
Dr. med. Jan K. Hennigs
Welche Untersuchungen bringen aus Ihrer Sicht heute den größten gesundheitlichen Nutzen?
Der wichtigste Bereich ist eindeutig die Herz-Kreislauf-Prävention. Hier können wir mit einer frühzeitigen Diagnostik besonders viel erreichen.
Ein Wert, der dabei häufig unterschätzt wird, ist Lipoprotein(a). Er wird überwiegend genetisch bestimmt und gehört zu den wichtigsten Risikofaktoren für Herzinfarkt und Schlaganfall. Männer sollten ihn mindestens einmal im Leben bestimmen lassen, Frauen idealerweise ebenfalls – je nach individueller Situation auch mehrfach.
Ein erhöhter Wert bedeutet nicht automatisch, dass jemand erkrankt. Er zeigt aber, dass andere Risikofaktoren wie Cholesterin oder Blutdruck besonders konsequent behandelt werden sollten.
Warum steht die Herzgesundheit in der Präventionsmedizin so im Mittelpunkt?
Weil wir hier besonders viel verhindern können. Aktuelle Studien zeigen, dass Menschen deutlich mehr gesunde Lebensjahre gewinnen, wenn sie fünf wesentliche Risikofaktoren vermeiden oder gut kontrollieren: Übergewicht, Rauchen, Diabetes, Bluthochdruck und erhöhte Cholesterinwerte.
Wer diese sogenannten „Big Five“ im Griff hat, kann im Durchschnitt mehr als zehn zusätzliche gesunde Lebensjahre gewinnen. Das zeigt, wie groß der Einfluss eines konsequenten Risikomanagements tatsächlich ist.
Ihr Gesundheitscheck umfasst deutlich mehr als die üblichen Vorsorgeuntersuchungen. Warum verfolgen Sie einen so umfassenden Ansatz?
Alterung betrifft nicht nur ein Organ, sondern den gesamten Körper. Deshalb betrachten wir verschiedene Organsysteme gleichzeitig – von der Herz-Kreislauf-Gesundheit über die Lungenfunktion bis hin zu Stoffwechsel, Knochengesundheit und geistiger Leistungsfähigkeit.
Uns geht es darum, ein möglichst vollständiges Bild des Gesundheitszustands zu erhalten. Oft ergeben sich gerade aus der Kombination verschiedener Untersuchungen Hinweise, die man mit einer einzelnen Untersuchung nicht erkennen würde.
Warum lohnt sich eine so ausführliche Diagnostik auch für Menschen, die sich vollkommen gesund fühlen?
Weil viele Erkrankungen über Jahre hinweg entstehen, ohne Beschwerden zu verursachen.
Genau in dieser Phase bietet Prävention den größten Nutzen. Wenn wir Veränderungen früh erkennen, können wir häufig eingreifen, bevor überhaupt Symptome auftreten.
Das ist letztlich der entscheidende Unterschied zwischen klassischer Medizin und Präventionsmedizin: Wir möchten Krankheiten möglichst gar nicht erst entstehen lassen – und nicht erst behandeln, wenn sie bereits Beschwerden verursachen.
Körperliche Fitness gilt heute als wichtiger Biomarker für gesundes Altern. Welche Erkenntnisse liefert die Leistungsdiagnostik?
Sie zeigt deutlich mehr als nur den Trainingszustand. Wir betrachten dabei das Herz-Kreislauf-System in Ruhe und unter Belastung und erhalten so ein sehr umfassendes Bild der körperlichen Leistungsfähigkeit.
Zum Gesundheitscheck gehören unter anderem ein Ruhe-EKG, die Herzratenvariabilität, ein Herzultraschall sowie eine Spiroergometrie. Viele kennen diese Untersuchung als VO₂max-Test. Tatsächlich liefert sie aber weit mehr Informationen als nur die maximale Sauerstoffaufnahme. Wir sehen, wie Herz, Lunge und Stoffwechsel unter Belastung zusammenarbeiten und wie gut sich der Körper an körperliche Anstrengung anpasst.
Zusätzlich bestimmen wir unter Belastung verschiedene Blutwerte, etwa Laktat oder Blutgase. So entsteht ein sehr genaues Bild der körperlichen Leistungsfähigkeit und möglicher Risikofaktoren.
Warum spielt Fitness für die langfristige Gesundheit eine so große Rolle?
Weil sie eng mit unserem biologischen Alter zusammenhängt. Ein niedriger Ruhepuls, eine gute Ausdauer oder eine hohe Belastbarkeit sind nicht nur Ausdruck eines guten Trainingszustands. Sie gehen auch mit einem geringeren Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und viele andere altersbedingte Krankheiten einher.
Deshalb geht es bei der Leistungsdiagnostik nicht darum, sportliche Höchstleistungen zu messen. Sie hilft vielmehr dabei, individuelle Schwächen zu erkennen und gezielt daran zu arbeiten.
Sie untersuchen außerdem Balance, Muskelkraft und Beweglichkeit. Warum sind gerade diese Werte so aussagekräftig?
Weil sie viel darüber verraten, wie gut der Körper insgesamt funktioniert.
Die Balance prüfen wir mit elektronischen Messsystemen, die selbst kleinste Gewichtsverlagerungen erfassen. Schon einfache Tests wie der Einbeinstand geben wertvolle Hinweise auf Koordination und Gleichgewicht.
Ein weiterer wichtiger Parameter ist die Handgriffkraft. Sie mag auf den ersten Blick unspektakulär wirken, zählt heute aber zu den am besten untersuchten Markern für körperliche Leistungsfähigkeit. Studien zeigen, dass sie eng mit der allgemeinen Muskelkraft, der Herz-Kreislauf-Gesundheit und auch mit dem Risiko für Gebrechlichkeit im Alter zusammenhängt.
Ergänzt wird die Untersuchung durch eine videogestützte Analyse der Beweglichkeit großer Gelenke. Zusammengenommen entsteht so ein umfassendes Bild der körperlichen Funktion – weit über klassische Fitnesswerte hinaus.
Können Ihre Untersuchungen auch Hinweise auf spätere Erkrankungen wie Alzheimer geben?
Eine sichere Vorhersage ist heute noch nicht möglich. Dafür reichen die verfügbaren Verfahren derzeit nicht aus.
Was wir jedoch untersuchen können, sind genetische Risikofaktoren. Bestimmte Genvarianten erhöhen die Wahrscheinlichkeit, im Laufe des Lebens an Alzheimer zu erkranken. Dieses Wissen ersetzt zwar keine Diagnose, kann aber helfen, individuelle Risiken besser einzuordnen.
Welchen Nutzen hat dieses Wissen, wenn es bislang keine ursächliche Therapie gibt?
Auch ohne Heilungsmöglichkeit kann diese Information sehr wertvoll sein. Wer ein erhöhtes genetisches Risiko kennt, kann bekannte Einflussfaktoren besonders konsequent optimieren – etwa Bewegung, Ernährung, Schlaf oder die Kontrolle von Blutdruck und Cholesterin.
Gerade in der Präventionsmedizin gilt: Je früher wir Risiken erkennen, desto größer ist die Chance, den Verlauf positiv zu beeinflussen.
Ein ungewöhnlicher Bestandteil Ihres Gesundheitschecks ist die psychische Gesundheit. Warum gehört sie für Sie selbstverständlich dazu?
Weil körperliche und mentale Gesundheit untrennbar miteinander verbunden sind.
Wir erfassen deshalb nicht nur klassische medizinische Parameter, sondern auch Stress, Schlafqualität und psychische Belastungen. Dafür nutzen wir wissenschaftlich validierte Fragebögen, die Hinweise auf Depressionen, Angststörungen oder chronischen Stress geben können. Ergänzend messen wir die Herzratenvariabilität, die ebenfalls Rückschlüsse auf die individuelle Stressbelastung zulässt.
Prävention bedeutet für uns, den Menschen als Ganzes zu betrachten – und dazu gehört die psychische Gesundheit selbstverständlich dazu.
Psychische Erkrankungen werden dennoch häufig tabuisiert. Erleben Sie das auch?
Ja, und das überrascht uns immer wieder. Auch Menschen, die beruflich sehr erfolgreich sind und nach außen gesund wirken, berichten nicht selten über psychische Belastungen. Trotzdem fällt es vielen schwer, offen darüber zu sprechen oder sich Unterstützung zu suchen.
Dabei sollte es genauso selbstverständlich sein, Hilfe bei Depressionen oder chronischem Stress in Anspruch zu nehmen wie bei Bluthochdruck oder Diabetes.
Was passiert, wenn bei einer Untersuchung ein erhöhtes Krebsrisiko oder ein auffälliger Befund festgestellt wird?
Das Wichtigste ist zunächst, den Menschen die Angst zu nehmen. Ein auffälliger Befund bedeutet nicht automatisch, dass jemand schwer erkrankt ist.
Gerade genetische Untersuchungen können zeigen, dass ein erhöhtes Risiko besteht. Dann geht es darum, die Vorsorge individuell anzupassen. Das kann bedeuten, Kontrollen häufiger durchzuführen oder zusätzliche Untersuchungen einzuplanen.
Zeigt sich ein konkreter Verdacht auf eine ernsthafte Erkrankung, arbeiten wir eng mit spezialisierten Zentren zusammen. Unsere Aufgabe ist es, Risiken frühzeitig zu erkennen und die Patientinnen und Patienten anschließend an die passenden Expertinnen und Experten weiterzuleiten.
Zum Glück bestätigt sich nur ein kleiner Teil der Verdachtsfälle. Wird eine Erkrankung jedoch früh entdeckt, verbessert das die Heilungschancen oft erheblich.
Der Gesundheitscheck endet also nicht mit der Diagnose?
Ganz im Gegenteil. Eigentlich beginnt die eigentliche Prävention erst danach.
Am Ende des Untersuchungstags besprechen wir zunächst alle Ergebnisse, die bereits vorliegen. Einige Befunde – etwa genetische Analysen oder spezielle Laboruntersuchungen – benötigen etwas mehr Zeit. Deshalb folgt nach einigen Wochen ein weiteres ausführliches Gespräch, in dem alle Ergebnisse zusammengeführt werden.
Mindestens genauso wichtig wie die Diagnostik ist für uns aber die Frage: Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für den Alltag?
Wie sieht dieser individuelle Präventionsplan aus?
Jeder Mensch bringt unterschiedliche Voraussetzungen und Risiken mit. Deshalb gibt es keinen Standardplan.
Gemeinsam entwickeln wir konkrete Ziele und Maßnahmen – immer auf Grundlage der Untersuchungsergebnisse und der aktuellen wissenschaftlichen Evidenz.
Im Mittelpunkt stehen zunächst die vier größten Stellschrauben für gesundes Altern: Bewegung, Ernährung, Schlaf und mentale Gesundheit.
Erst danach geht es um zusätzliche Maßnahmen. Nahrungsergänzungsmittel können sinnvoll sein, sie ersetzen diese Grundlagen aber nicht.
Werden behandlungsbedürftige Erkrankungen wie Bluthochdruck, Fettstoffwechsel- oder Zuckerstoffwechselstörungen festgestellt, behandeln wir diese selbstverständlich ebenfalls.
Sie sprechen häufig von personalisierten Frühwarnsystemen. Was verstehen Sie darunter?
Heute beurteilen wir Gesundheit häufig anhand einzelner Messwerte zu einem bestimmten Zeitpunkt.
Ich glaube, dass sich das verändern wird. Entscheidend wird künftig sein, wie sich Werte über Jahre entwickeln. Kleine Veränderungen können oft schon sehr früh darauf hinweisen, dass sich eine Erkrankung anbahnt – lange bevor klassische Grenzwerte überschritten werden. Genau diese Entwicklung möchten wir künftig besser verstehen.
Dafür sammeln Sie auch biologische Proben für die Forschung. Welche Idee steckt dahinter?
Unser Ziel ist es, Alterungsprozesse langfristig zu beobachten. Deshalb bitten wir unsere Patientinnen und Patienten, Blut-, Urin- oder Stuhlproben für die Forschung zur Verfügung zu stellen. Teilweise archivieren wir sogar lebende Immunzellen.
Der große Vorteil besteht darin, dass neue wissenschaftliche Erkenntnisse später auch auf bereits vorhandene Proben angewendet werden können. Wenn künftig neue Biomarker entwickelt werden, lassen sich Veränderungen über viele Jahre hinweg nachvollziehen.
Ich glaube, dass genau diese Langzeitbeobachtungen entscheidend sein werden, um Alterung künftig besser zu verstehen.
Künstliche Intelligenz verändert derzeit viele Bereiche der Medizin. Welche Rolle wird sie in der Prävention spielen?
Eine sehr große. In einigen Bereichen erleben wir diese Entwicklung bereits heute.
Vor allem in der Bildgebung unterstützt uns Künstliche Intelligenz schon sehr zuverlässig. Wir setzen sie beispielsweise bei der Hautkrebsfrüherkennung ein. Auffällige Hautveränderungen werden zunächst automatisiert erfasst und anschließend mithilfe einer KI bewertet. Ähnliche Systeme nutzen wir auch bei der Augenhintergrundfotografie, um frühe Hinweise auf altersbedingte Augenerkrankungen zu erkennen.
Ich bin überzeugt, dass KI künftig viele diagnostische Prozesse unterstützen und Ärztinnen und Ärzten helfen wird, Risiken noch früher zu erkennen.
Wo sehen Sie in den kommenden Jahren die größten Fortschritte?
Ich glaube, dass wir Krankheiten wesentlich präziser vorhersagen können als heute.
Mit jeder neuen Studie wächst unser Verständnis dafür, wie Alterungsprozesse entstehen und welche Faktoren tatsächlich das Krankheitsrisiko beeinflussen. Dadurch werden unsere Risikomodelle immer genauer.
Auch Verfahren wie die Liquid Biopsy werden sich weiterentwickeln. Langfristig könnten sie dazu beitragen, bestimmte Krebserkrankungen deutlich früher zu erkennen als heute. Gleichzeitig arbeiten viele Forschungsgruppen daran, zuverlässige Marker für das biologische Alter zu entwickeln. Die bisherigen Verfahren sind dafür noch nicht präzise genug, aber die Entwicklung schreitet sehr schnell voran.
Herr Dr. Hennigs, wenn Sie unseren Leserinnen und Lesern nur einen Rat für ein langes, gesundes Leben mitgeben dürften – welcher wäre das?
Lassen Sie sich nicht von immer neuen Gesundheitstrends verunsichern.
Die größten Hebel kennen wir längst: regelmäßige Bewegung, eine ausgewogene Ernährung, ausreichend Schlaf und eine gute mentale Gesundheit. Moderne Diagnostik, Genetik oder Künstliche Intelligenz können dabei helfen, Risiken früher zu erkennen und Prävention individueller zu gestalten. Sie ersetzen aber niemals die Grundlagen eines gesunden Lebensstils.