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6. September 2026
Marianne Waldenfels
Zucker gilt als Dickmacher und Gesundheitsrisiko. Krebsforscher Dr. Johannes Coy hält diese Sicht für zu pauschal: Im Interview erklärt er, warum unser Körper Zucker braucht, welche Zuckerarten problematisch sind – und welche sogar Vorteile haben könnten.
Kaum ein Lebensmittelbestandteil hat einen so schlechten Ruf wie Zucker. Er soll Übergewicht und Diabetes fördern, Entzündungen begünstigen und sogar Krebszellen ernähren. Doch Dr. Johannes Coy, Diplom-Biologe und Krebsforscher, plädiert in seinem Buch „Die Zuckerrevolution“ (GU) für einen differenzierteren Blick.
Coy entdeckte das Gen TKTL1 und einen damit verbundenen Stoffwechselweg, dessen Bedeutung für die Entwicklung des menschlichen Gehirns später auch von Forschungsteams der Max-Planck-Gesellschaft untersucht wurde. Im Interview erklärt er, warum Zucker für unsere Zellen weit mehr als nur Energie ist, weshalb Fruktose aus seiner Sicht besonders problematisch ist und was er unter „intelligenten Zuckern“ versteht.
Herr Dr. Croy, Sie schreiben, dass Zucker Treibstoff der Evolution und Schlüssel zur Zellgesundheit ist. Wann wurde Ihnen klar, dass wir Zucker völlig falsch betrachten?
Das war ein längerer Prozess, der stark mit meiner Arbeit in der Krebsforschung zusammenhängt. Uns wird ja ständig eingeredet, Zucker sei per se der Teufel und mache nur krank. Wenn man sich aber die Evolution anschaut, merkt man schnell: Ohne Zucker gäbe es uns in dieser Form überhaupt nicht. Der Schlüssel war für mich, zu erkennen, dass der Körper Zucker nicht nur als reinen Energielieferanten nutzt, sondern als fundamentalen Baustoff für die Bildung und Reparatur der DNA unserer Zellen – wir müssen daher die Sichtweise auf Zucker anpassen.
Was ist denn der Unterschied zwischen „gutem“ und „schlechtem“ Zucker?
Der klassische Industriezucker (Glucose & Fructose), den wir in vielen Lebensmitteln finden, treibt den Blutzuckerspiegel in die Höhe und fördert im Übermaß Krankheiten. Auf der anderen Seite gibt es aber sogenannte „intelligente Zucker“ wie die Tagatose. Das Tolle an diesen Zuckern ist, dass sie biologisch völlig anders wirken: Sie lösen eben keinen Blutzuckeranstieg aus, sind zahnfreundlich und können vom Körper sinnvoll genutzt werden, ohne Schaden anzurichten. Es geht also nicht um „Zucker ja oder nein“, sondern um die richtigen Zuckerarten.
Wäre eine komplett zuckerfreie Ernährung aus Ihrer Sicht sogar gesundheitsschädlich?
Es gibt ja Menschen, die keine Wahl haben und sich aufgrund klimatisch vorgegebener Lebensbedingungen zuckerfrei ernähren müssen. Hierzu gehören die Inuits, die in Grönland und Kanada leben. Durch die klimatischen Bedingungen können dort Pflanzen nicht wachsen und daher fehlt in der Nahrung auch der Zucker, den diese Pflanzen produzieren.
Ursprünglich lebende Inuits haben sich daher zwangsweise zuckerfrei ernährt und gleichzeitig durch den Konsum von Fisch und Säugetieren sehr viel Fett und Eiweiß verzehrt. Darüber hinaus wurden hierdurch auch viele Omega-3-Fettsäuren aufgenommen. Eigentlich sollte man denken, dass eine solche zuckerfreie Ernährung mit viel Omega-3-Fettsäuren sehr gesund ist und zu einem langen Leben führt. Das Gegenteil ist aber der Fall.
Inuits mit dieser Ernährungsweise haben eine sehr kurze Lebenszeit. Absolut zuckerfrei ist evolutionär gedacht eigentlich ein Widerspruch in sich, weil unsere Zellen, insbesondere das Gehirn, auf Glukose angewiesen sind. Wenn wir dem Körper jegliche Kohlenhydrate entziehen, zwingen wir ihn in dauerhafte Notprogramme. Das kann man mal therapeutisch machen, aber als langfristige Ernährungsform fehlen den Zellen am Ende Zucker als wichtige Bausteine für die Reparatur und Neubildung von Zellen.
Können Sie einem Laien erklären, warum ausgerechnet das Transketolase-Gen TKTL1 so bedeutend ist?
Stellen Sie sich TKTL1 wie eine molekulare Fabrik oder eine Schere im Körper vor. Dieses Enzym nimmt den Zucker und schneidet ihn genau in die Bausteine zurecht, die eine Zelle braucht, um sich zu teilen oder zu reparieren. Es ist quasi der Master-Schalter für das Zellwachstum. Das Geniale, aber gleichzeitig das Gefährliche ist, dass dieser Mechanismus sowohl bei gesunden Prozessen als auch bei Krankheiten eine zentrale Rolle spielt.
TKTL1 schafft die Bausteine für erwünschte Zellen, um jung zu bleiben, aber auch für unerwünschte Zellen wie Krebszellen, die uns umbringen können. Auch Viren nutzen die Aktivierung von TKTL1, um unsere Zellen dazu zu bringen, Viren zu bilden.
Was hat TKTL1 damit zu tun, dass sich das Gehirn des modernen Menschen so stark entwickeln konnte?
Es ist im Grunde der Motor unserer Intelligenz. Erst durch dieses Enzym wurde es in der Evolution möglich, aus Zucker in großen Mengen die Bausteine zu gewinnen, die für das Wachstum unseres hochentwickelten Gehirns nötig waren. Es hat dafür gesorgt, dass sich beim modernen Menschen wesentlich mehr Nervenzellen bilden konnten als beim Neandertaler. Ohne das TKTL1-Enzym und den damit verknüpften Zuckerstoffwechsel säßen wir heute nicht hier, um dieses Gespräch zu führen.
Welche Rolle spielt der Zuckerstoffwechsel für Konzentration, Lernen und Gedächtnis?
Wenn das Gehirn optimal mit den richtigen Zuckern versorgt wird, läuft die TKTL1-Fabrik wie geschmiert und liefert die Bausteine für neue Nervenzellen und deren Reparatur. Das bedeutet im Alltag schlichtweg: Das Gehirn funktioniert besser. Man kann schneller denken, sich länger konzentrieren und Gelerntes besser abspeichern. Es schützt das Gehirn quasi vor dem geistigen Abbau, weil die Funktion gewährleistet und die Reparatur ermöglicht wird.
Gibt es Zusammenhänge zwischen Zuckerstoffwechsel und neurodegenerativen Erkrankungen wie Demenz oder Parkinson?
Ja, da gibt es ganz enge Verknüpfungen. Wenn der Zuckerstoffwechsel in den Zellen nicht mehr ausreichend möglich ist, versagen die körpereigenen Schutz- und Reparaturmechanismen und dies führt langfristig zu chronischen Schäden in Nervenzellen. Genau hier setzt die Forschung an: Wenn wir verstehen, wie Zellen Zucker nutzen und sich reparieren, können wir auch ganz neue Wege finden, um dem Abbau von Nervenzellen bei Krankheiten wie Demenz rechtzeitig entgegenzuwirken.
Viele Menschen kennen den Satz: „Zucker ernährt Krebs.“ Was halten Sie von dieser Aussage?
Der Satz ist extrem verkürzt und führt oft zu falschen Schlüssen. Richtig ist: Aggressive Krebszellen haben einen enormen Hunger auf Zucker (Glucose), das stimmt. Aber sie nutzen ihn völlig anders als gesunde Zellen, nämlich um schnell viele Bausteine für neue Zellen zu bilden und sich gleichzeitig einen Schutzschild aus Milchsäure aufzubauen, damit sie sich vor dem Immunsystem tarnen können.
Fruchtzucker (Fructose) fördert das Wachstum von Krebszellen sogar noch stärker als Traubenzucker (Glucose). Durch die im Haushaltszucker enthaltene Fructose, aber auch Fructose, die direkt zum Beispiel in Form von Fructosesirup Lebensmitteln zugesetzt wird, ist der Konsum von Fructose in den letzten Jahrzehnten enorm angestiegen. Daher ist es besonders wichtig, den Konsum von Fructose niedrig zu halten.
Sie sprechen von Zuckerarten, die sogar gesundheitsfördernd sein können. Welche sind das – und warum?
Da ist allen voran die Tagatose zu nennen, ein natürlicher Zucker, der inzwischen für gesunde Schokoladen oder gesunde Getränke verwendet wird. Damit wird sogar eine Cola gesund. Tagatose schmeckt fast genau wie Haushaltszucker, hat aber wesentlich weniger Kalorien, lässt den Blutzuckerspiegel nicht ansteigen und schützt sogar die Zähne vor Karies.
Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit hat diese gesundheitsfördernden Eigenschaften offiziell bestätigt. Trehalose ist ein weiterer gesunder, natürlicher Zucker, der das Gehirn gleichmäßig mit Glukose versorgt und einem Abbau der Nervenzellen im Gehirn entgegenwirkt.
Außerdem fördert Trehalose die Elimination (Autophagie) von unerwünschten Zellen, die uns schnell altern lassen. Tagatose und Trehalose sind zwei Mitglieder der Familie der „intelligenten Zucker“ und weitere gesunde, natürliche Zucker wie Galactose, Mannose, Allulose, Ribose und Isomaltulose ergänzen diese Familie der intelligenten Zucker, die positive Eigenschaften im Körper entfalten und uns damit gesund erhalten.
Welchen Zucker würden Sie im Alltag möglichst vermeiden?
Ganz klar den klassischen Haushaltszucker (Glucose und Fructose), also Saccharose, als auch Fruktose, wie sie oft in billigen Fertigprodukten oder Softdrinks als Maissirup steckt. Zu viel Haushaltszucker und vor allem Fructose überlasten unseren Stoffwechsel, fördern Entzündungen und füttern genau die falschen Stoffwechselwege im Körper. Wenn man Haushaltszucker und Fruchtzucker deutlich reduziert, hat man schon die halbe Miete für die Gesundheit geschafft.
Fruchtzucker wird häufig missverstanden, weil die Leute denken: „Kommt aus der Frucht, ist also gesund.“ Wenn Sie ein ganzes Stück Obst essen, ist das wegen der Ballaststoffe auch völlig okay, da Ballaststoffe den Anstieg des Blutzuckerspiegels verlangsamen und schneller satt machen.
Gefährlich ist die isolierte, industrielle Fruktose in Säften oder Limonaden, die wandert nämlich ohne Umwege in die Leber, fördert damit eine Fettleber. Neuere Studien belegen auch, dass zu viel Fructose das Krebswachstum kausal fördert. Vor diesem übermäßigen Konsum von Fruktose kann ich nur warnen.
Welche Rolle spielen Bewegung, Muskelmasse und Schlaf beim gesunden Zuckerstoffwechsel?
Eine fundamentale! Die Muskeln sind unser größter Zucker-Staubsauger im Körper; je mehr Muskelmasse da ist und je mehr wir uns bewegen, desto schneller wird überschüssiger Zucker in die Muskeln transportiert, dort gespeichert und verbrannt. Der schnelle Transport von Zucker aus dem Blut in die Muskeln schützt uns vor hohen Blutzuckerspiegeln und den Schäden, die durch hohe Blutzuckerspiegel ausgelöst werden.
Auch Faktoren wie Schlafmangel sorgen biochemisch für puren Stress, da dies den Cortisolspiegel erhöht und die Insulinregulation komplett durcheinanderbringt. Deshalb ist das Zusammenspiel aus gesunder Ernährung und ausreichend Schlaf und Bewegung so wichtig für unsere Gesundheit.
Was bedeutet das konkret für unsere Ernährung?
Ich empfehle im Alltag vor allem, die Ernährung so anzupassen, dass die Mengen an Haushaltszucker und Fruchtzucker nicht zu hoch sind und die natürlichen Zuckeralternativen wie Tagatose, Trehalose, Galactose oder Allulose zu nutzen. Man darf ja auch nicht vergessen: Kohlenhydrate in Brot, Pasta, Kuchen oder Reis sind im Grunde zuckerreiche Lebensmittel, weshalb diese Lebensmittel auch hinsichtlich der Zuckermenge berücksichtigt werden sollten.
Isst man eine Pizza und trinkt dazu ein Getränk mit Tagatose und/oder Allulose, so steigt der Blutzuckeranstieg weniger stark an, weil Tagatose und Allulose die Aufnahme von Glukose aus dem Darm verlangsamen. Hierdurch wird der Blutzuckeranstieg reduziert, sodass weniger Schäden durch Blutzucker entstehen.
Des Weiteren führt die verzögerte Aufnahme von Zucker aus dem Darm zu einer gleichmäßigeren Versorgung des Körpers mit Zucker und einer längeren Sättigungsphase. Durch die Vermeidung von Blutzuckerspitzen wird weniger Insulin ausgeschüttet, sodass weniger Zucker in Fett umgewandelt wird. Zucker kann damit gleichmäßiger und effektiver vom Körper genutzt werden.
Was halten Sie von künstlichen Süßstoffen wie Aspartam und Sucralose?
Davon ist ehrlicherweise gar nichts zu halten. Diese künstlichen Süßstoffe gaukeln dem Gehirn eine Süße vor, die energetisch überhaupt nicht ankommt, aber eine Insulinausschüttung und damit verbunden Entzündungen fördert.
Darüber hinaus wird damit die Darmflora geschädigt und es gibt sogar Daten, die den Verdacht auslösen, dass diese krebserregend sind. Der richtige Ansatz sind stattdessen echte, funktionelle Zucker wie Tagatose. Diese wirken biologisch wie echter Zucker, bringen aber nicht die negativen Effekte der künstlichen Süßstoffe mit sich.
Hat sich Ihre eigene Ernährung durch Ihre Forschung grundlegend verändert?
Ja, die hat sich tatsächlich gewandelt. Ich bin alles andere als ein Asket, denn Genuss spielt in meinem Leben eine große Rolle. Ich verbringe am Wochenende zum Beispiel unheimlich gerne Zeit in der Küche und Essen bereitet mir Freude. Dabei habe ich aber die klassischen, ungesunden Rezepte zum Beispiel von Kuchen und Desserts so verändert, dass diese gesund sind.
Entscheidend hierbei sind die gesunden Zucker, aber auch ballaststoffreiche Mehlmischungen. Das mache ich vor allem deshalb, weil ich im Alltag ganz direkt spüre, wie gut diese Umstellung tut und wie viel ausgeglichener die eigene Energie dadurch ist.

© Dr. Johannes Coy
Dr. Johannes Coy ist Diplom-Biologe und Krebsforscher. Er entdeckte das Gen Transketolase-like 1 (TKTL1) sowie einen damit verbundenen Stoffwechselweg, der eine grundlegende Rolle in der Entwicklung des Menschen spiel

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