
© Diana Proano
29. August 2026
Marianne Waldenfels
Xylit gilt als gesündere Alternative zu Zucker. Doch neue Daten werfen Fragen auf: Könnte Birkenzucker Herzinfarkt und Schlaganfall begünstigen? Was die Studie wirklich zeigt
Xylit gilt als gesündere Alternative zu Zucker. Doch neue Langzeitdaten von mehr als 17.000 Menschen sorgen für Zweifel: Hohe Xylit-Konzentrationen im Blut waren mit einem erhöhten Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall oder Tod verbunden. Die Ergebnisse wurden am 29. August auf dem ESC Congress 2026 in München vorgestellt. Doch sie bedeuten nicht automatisch, dass Birkenzucker das Herz gefährdet. Denn Xylit entsteht auch im Körper selbst – und genau das ist für die Einordnung entscheidend.
Xylit, auch als Birkenzucker bekannt, steckt unter anderem in zuckerfreien Kaugummis, Süßigkeiten und Zahnpflegeprodukten. Für die Untersuchung wertete das Forschungsteam Daten von insgesamt 17.710 Menschen aus zwei großen prospektiven Beobachtungsstudien aus: der Canadian Longitudinal Study on Aging (CLSA) und der britischen EPIC-Norfolk-Studie.
Das Ergebnis: In der kanadischen Kohorte hatten Menschen mit den höchsten Xylit-Werten im Blut im Vergleich zu jenen mit den niedrigsten Werten über sechs Jahre ein um 57 Prozent höheres Risiko für ein schweres kardiovaskuläres Ereignis – Herzinfarkt, Schlaganfall oder Tod. In der EPIC-Norfolk-Kohorte betrug der Unterschied über einen Beobachtungszeitraum von bis zu 30 Jahren 18 Prozent. Mit steigenden Xylit-Werten nahm auch das Risiko zu.
Der Zusammenhang blieb bestehen, nachdem die Forscher bekannte Risikofaktoren wie Alter, Geschlecht, Rauchen, Blutfette, Diabetes und Bluthochdruck statistisch berücksichtigt hatten.
Ganz neu ist das Warnsignal nicht. Bereits 2024 hatte ein internationales Forschungsteam um Marco Witkowski und Stanley Hazen im „European Heart Journal“ eine viel beachtete Untersuchung zu Xylit veröffentlicht. Auch dort waren höhere Xylit-Werte im Blut mit einem höheren Risiko für schwere kardiovaskuläre Ereignisse innerhalb der folgenden drei Jahre verbunden. Die Münchner Daten stammen von derselben Forschungsgruppe und sind deshalb weniger eine unabhängige Bestätigung als eine Fortsetzung dieser Forschungslinie mit deutlich größerer Datenbasis.
2024 gingen die Forscher zudem über die reine Beobachtung hinaus. In Labor- und Tierversuchen fanden sie Hinweise darauf, dass Xylit die Reaktionsbereitschaft der Blutplättchen steigern und damit die Bildung von Blutgerinnseln begünstigen könnte. In einem kleinen Versuch mit zehn gesunden Probanden stieg nach einem Getränk mit 30 Gramm Xylit nicht nur die Xylit-Konzentration im Blut deutlich an, sondern auch verschiedene Messwerte für die Aktivierbarkeit der Blutplättchen. Das könnte erklären, warum hohe Xylit-Konzentrationen mit Herz-Kreislauf-Ereignissen zusammenhängen.
Allerdings sagen die gemessenen Blutwerte nicht unbedingt etwas darüber aus, wie viel Xylit jemand zu sich genommen hat: Denn Xylit gelangt nicht ausschließlich über Lebensmittel in den Körper. Der Zuckeralkohol entsteht auch ganz natürlich im menschlichen Stoffwechsel. Ein hoher Xylit-Wert im Blut bedeutet deshalb nicht automatisch, dass jemand viel Birkenzucker gegessen hat.
Wie wichtig diese Unterscheidung ist, zeigt ausgerechnet der kleine Verzehrversuch aus der 2024 veröffentlichten Studie. Nach 30 Gramm Xylit in Wasser stieg die Blutkonzentration bei den zehn Probanden innerhalb von 30 Minuten im Median von 0,30 auf 312 Mikromol pro Liter – ungefähr um das Tausendfache.
Nach vier bis sechs Stunden war sie jedoch wieder auf ein niedriges Niveau gefallen. Die Forscher folgerten daraus, dass die nach mehr als zwölfstündigem Fasten gemessenen Xylit-Werte ihrer Beobachtungskohorten wahrscheinlich vor allem Unterschiede in der körpereigenen Xylit-Produktion widerspiegelten – und nicht den vorherigen Verzehr. Diese Einordnung findet sich bereits in der Originalstudie im „European Heart Journal“.
Genau dieser Punkt wird in der Fachwelt kontrovers diskutiert. Im „European Heart Journal“ sind mehrere Kommentare zur Studie erschienen, die unterschiedliche Kritikpunkte formulieren:
• Beatrice K. Wölnerhanssen und Kolleg:innen bemängeln methodische Schwächen des Verzehrversuchs – zehn Probanden, keine Placebo-Kontrolle, nur ein Messzeitpunkt nach 30 Minuten – und halten den Titel der Originalstudie für irreführend. Treffender wäre aus ihrer Sicht: „Die körpereigene Xylit-Produktion ist bei Menschen mit kardiovaskulärem Risiko erhöht.“
• Mario Bonomini und Kolleg:innen werfen die Frage auf, ob erhöhtes Xylit im Blut tatsächlich ursächlich wirkt oder eher ein Stoffwechselmarker ist, der zufällig mit einem ohnehin höheren Herz-Kreislauf-Risiko einhergeht.
• Gregory Valentine, Eva Söderling und Peter Milgrom verweisen auf jahrzehntelange, gut belegte Vorteile von Xylit für die Zahn- und Mundgesundheit und mahnen, diese bei der Risikoabwägung nicht außer Acht zu lassen.
Witkowski und Hazen haben in gleich zwei Repliken im „European Heart Journal“ geantwortet und halten an ihrer Einschätzung fest, dass der Titel ihrer Studie – „Xylitol is prothrombotic and associated with cardiovascular risk“ – zutreffend sei
Für einen generellen Verzicht auf Xylit liefern die neuen Daten derzeit keine ausreichende Grundlage. Die aktuelle Untersuchung ist eine Beobachtungsstudie: Sie kann Zusammenhänge zeigen, aber nicht beweisen, dass Xylit Herzinfarkte oder Schlaganfälle verursacht. Hinzu kommt, dass die neuen Ergebnisse auf dem ESC Congress 2026 vorgestellt wurden. Eine vollständige Publikation der Langzeitanalyse in einem begutachteten Fachjournal steht noch aus.
Auch die Art der Verwendung dürfte eine Rolle spielen. Ein mit Xylit gesüßtes Lebensmittel, von dem größere Mengen aufgenommen werden, ist nicht mit einer Zahnpasta oder Mundspülung gleichzusetzen, die normalerweise wieder ausgespuckt wird. Witkowski und Hazen haben in ihrer Antwort auf die wissenschaftliche Diskussion selbst darauf hingewiesen, dass sie bei solchen „swish and spit“-Produkten aufgrund der geringen aufgenommenen Menge kein vergleichbares kardiovaskuläres Risiko erwarten.
Eine wichtige Frage bleibt deshalb offen: Gibt es eine Menge Xylit, ab der das Herz-Kreislauf-Risiko tatsächlich steigt? Um das zu beantworten, braucht es große Langzeitstudien, die den regelmäßigen Xylit-Verzehr direkt erfassen und mit späteren Herzinfarkten und Schlaganfällen in Beziehung setzen.
Xylit ist damit nicht plötzlich als gefährlich entlarvt. Die neuen Daten stellen aber die Vorstellung infrage, ein Zuckerersatz sei automatisch die gesundheitlich bessere Wahl, nur weil er weniger Kalorien enthält oder den Blutzucker anders beeinflusst als Haushaltszucker.
Die Ergebnisse aus mehr als 17.000 Menschen verstärken ein bereits bestehendes Warnsignal: Hohe Xylit-Konzentrationen im Blut gehen offenbar mit einem höheren kardiovaskulären Risiko einher. Ob dafür tatsächlich der Verzehr von Birkenzucker verantwortlich ist und ab welchen Mengen es möglicherweise problematisch wird, bleibt bislang offen.

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