
© Vlada Karpovich
19. Juni 2026
Nils Behrens
Eine Harvard-Studie zeigt: Wer verschiedene Bewegungsformen kombiniert, senkt sein Sterberisiko. Health-Experte Nils Behrens erklärt, was das für Longevity bedeutet
Eine neue Harvard-Analyse über mehr als 30 Jahre zeigt einen klaren Zusammenhang: Wer regelmäßig unterschiedliche Bewegungsformen kombiniert, lebt im Schnitt länger, und zwar unabhängig vom reinen Trainingsumfang.
Wer in seiner Bewegungsroutine die größte Vielfalt zeigte, hatte ein um 19 Prozent niedrigeres Risiko, vorzeitig zu sterben. Dieser Effekt bleibt bestehen, auch wenn man die reine Trainingsmenge statistisch konstant hält. Veröffentlicht wurde die Analyse im Januar 2026 im Fachjournal BMJ Medicine, basierend auf Daten von rund 111.000 Erwachsenen aus zwei der weltweit am besten dokumentierten Längsschnittstudien.
Die Forschungsgruppe der Harvard T.H. Chan School of Public Health griff auf die Nurses' Health Study mit gut 70.000 Frauen und die Health Professionals Follow-Up Study mit rund 40.000 Männern zurück. Über drei Jahrzehnte hinweg wurden Bewegungsverhalten, Lebensstil und Gesundheitsdaten alle zwei Jahre erfasst. Während der Beobachtungszeit verstarben 38.847 Personen.

Nils Behrens ist der Host des Gesundheitspodcasts HEALTHWISE und Strategic Brand Partner von Sunday Natural. Zuvor war er über 12 Jahre als Chief Marketing Officer das Gesicht der Lanserhof Gruppe und Gastgeber des erfolgreichen Forever Young-Podcasts. In über 350 Experteninterviews erforschte er Wege zu einem längeren und fitteren Leben
Bis zu 13 unterschiedliche Aktivitäten flossen ein, darunter Gehen, Joggen, Laufen, Radfahren, Schwimmen, , Yoga, Tennis, Treppensteigen sowie Garten- und Hausarbeit. Aus diesen Angaben errechneten die Forschenden zwei Werte: das Gesamtvolumen der Aktivität und die Vielfalt, also die Anzahl unterschiedlicher Bewegungsformen pro Person.
Die Gruppe mit der breitesten Vielfalt wies gegenüber der schmalsten ein um 19 Prozent niedrigeres Gesamt-Sterberisiko auf. Bei Herz-Kreislauf-, Krebs-, Atemwegs- und sonstigen Todesursachen lag der Vorteil zwischen 13 und 41 Prozent. Auffällig dabei: Die Beziehung war nicht linear. Ab etwa 20 wöchentlichen MET-Stunden flachte der Zusatznutzen ab. Mehr Bewegung bringt also nicht zwangsläufig proportional mehr Lebensjahre.
Bei den Einzelaktivitäten zeigte Gehen mit 17 Prozent den stärksten Effekt, gefolgt von Tennis und Squash mit 15 Prozent, Rudern und Calisthenics mit 14 Prozent sowie Krafttraining und Laufen mit jeweils 13 Prozent. Schwimmen war in dieser Auswertung nicht mit einem niedrigeren Sterberisiko verbunden.
Wichtig für die wissenschaftliche Einordnung: Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie. Sie zeigt Zusammenhänge, keine Kausalität. Ich kann nicht bestätigen, dass Bewegungsvielfalt direkt das Leben verlängert.
Denkbar ist auch, dass Menschen mit breiterem Bewegungsspektrum ohnehin gesünder leben, sozial besser eingebunden sind oder seltener rauchen. Genau dafür haben die Autoren statistisch korrigiert. Ein Restrisiko der Verzerrung bleibt.
Verschiedene Bewegungsformen beanspruchen den Körper unterschiedlich. Ausdauer wirkt anders als Kraft, Koordination anders als Mobilität. Wer regelmäßig wechselt, trainiert ein breiteres Spektrum muskulärer, kardiovaskulärer und neuronaler Systeme.
Im HEALTHWISE-Podcast taucht dieser Punkt in Gesprächen mit Sportmedizinern und Longevity-Forschern immer wieder auf: Resilienz im Alter entsteht selten durch eine einzige optimierte Trainingsform. Sie wächst durch ein Repertoire.
Hinzu kommt ein praktischer Aspekt. Wer mehrere Aktivitäten beherrscht, kann bei Verletzungen, Wetter oder Lebensphasen flexibler ausweichen. Das senkt die Wahrscheinlichkeit, dass Bewegung im Alltag ganz wegfällt.
Die Daten lassen sich nüchtern in drei Leitlinien übersetzen.
1. Erweitern Sie Ihr Bewegungsportfolio. Wer ausschließlich läuft oder ausschließlich Krafttraining macht, lässt potenziellen Nutzen liegen. Schon zwei oder drei zusätzliche Aktivitätsformen pro Woche zeigen in den Daten einen messbaren Unterschied.
2. Nehmen Sie Alltagsbewegung ernst. Gehen führt in der Studie alle Einzelaktivitäten an, auch Treppensteigen und Gartenarbeit zählen. Vielfalt entsteht nicht zwangsläufig durch mehr Studio. Sie entsteht durch mehr Bewegungsanlässe im Alltag.
3. Übertreiben Sie es nicht. Der Plateau-Effekt ab etwa 20 MET-Stunden pro Woche spricht gegen das Prinzip „mehr ist immer besser". Konstanz und Abwechslung wiegen schwerer als reines Volumen.
Im HEALTHWISE-Kontext zeigt sich seit Jahren das gleiche Bild: Menschen, die lange gesund bleiben, folgen selten einem einzigen Programm. Sie kombinieren. Diese Studie liefert nun einen großen Datensatz, der diese Beobachtung quantifiziert. Bewegungsvielfalt ist kein Trainingstrend. Sie ist ein robustes Muster für ein längeres Leben.
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